80 Jahre Pogromnacht

Deutschland. November 1938.

Die Nacht, in der jüdische Wohnhäuser, Geschäfte und Synagogen in Flammen aufgingen. Die Reichskristallnacht.

Die deutschen Behörden berichteten von 191 verbrannten Synagogen und von 96 Juden, die in jener Nacht ums Leben gekommen seien. Und wie sah die Wirklichkeit aus?

Die Untersuchungen des aus Deutschland gebürtigen Professors Meir Schwarz erbrachten ganz andere Ergebnisse. Nahezu 1550 Synagogen wurden demoliert oder niedergebrannt und an die 2500 Juden wurden ermordet oder nahmen sich aus Verzweiflung das Leben. Annähernd 30.000 Juden wurden in Konzentrationslager gesteckt und Zehntausende von jüdischen Wohnungen und Geschäften wurden geplündert. Die Reichskristallnacht. Die Pogromnacht.

Der 9. November des Jahres 1938 war das Fanal für die Juden in Deutschland, die Ankündigung des herannahenden Unheils der Vernichtung der europäischen Juden.

Die aschkenasische Judenheit hatte Blütezeiten gekannt. Über Jahrhunderte waren aus ihr rabbinische Gelehrte, Denker, Forscher und geistig Schaffende hervorgegangen. Als die Nationalsozialisten Ende Januar 1933 an die Macht kamen, wohnten in Deutschland über eine halbe Million* Juden [derzeitiger Stand (2017): 97.791], weniger als 1% der gesamten Bevölkerung, deren Einfluss im Handel, in Wirtschaft und Kultur unverhältnismäßig groß war. Zu jener Zeit gab es mehr als 2000 Synagogen in Deutschland und Österreich. Die Synagogen gehörten zu den schönsten Gebäuden am Ort. Zusammen mit der jüdischen Schule bildeten sie allenthalben das Zentrum der jüdischen Gemeinde.

In der Nacht des 9. November 1938, der sogenannten Reichskristallnacht, sahen die deutschen und österreichischen Nachbarn mit an, wie die Synagogen verbrannten, wie ganze Gemeinden vernichtet wurden und schwiegen dazu. Sie waren Zeugen, wie ihre jüdischen Nachbarn gedemütigt, verhaftet, misshandelt wurden und sahen weg. Mit schweigender Zustimmung der deutschen Bevölkerung und ohne spürbaren Widerstand der übrigen Staaten Europas nahm Deutschland Kurs auf den 2. Weltkrieg und auf die Vernichtung der Juden Europas.

(Text aus dem nachfolgenden Video)

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Deutschland. November 2018

So wichtig es ist, dass in vielen Städten der Novemberpogrome gedacht wird, es Veranstaltungen und Demonstrationen gibt, so wenig reicht es, nur der toten Juden zu gedenken. All das hat keinen Wert, wenn es keine Solidarität mit den lebenden Juden und Israel gibt.

Aus: Ruhrbarone, Stefan Laurin: Pogromnacht: Deutschland ehrt nur tote Juden

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Sahm: Undiplomatischer deutscher Diplomat in Ramallah — Fokus Jerusalem

Zitat

von Ulrich W. Sahm JERUSALEM / BERLIN / RAMALLAH, 06.11.2018 (FJ) – Diplomaten und ganz speziell deutsche Diplomaten sind bekannt dafür, in ihren Äußerungen pingelig auf jedes Detail zu achten. Die deutsche Geschichte wäre anders verlaufen, wenn ein Mitarbeiter des Auswärtigen Amtes in Bonn nicht versehentlich und auch noch schriftlich die „ständige Vertretung“ in Ost-Berlin als „Botschaft“ bezeichnet hätte. Denn Bonn hatte bekanntlich die DDR nie als Staat anerkannt. Nur so konnte 1990 die „Wiedervereinigung“ zustande kommen. Doch ausgerechnet im Nahen Osten, wo jede unvorsichtige Formulierung einen „Weltkrieg“ auslösen könnte, scheint es das Auswärtige Amt im Falle der Palästinenser mit der sonst üblichen Genauigkeit nicht so ernst zu nehmen.
Der Gesandte Christian Clages, Leiter der „ständigen Vertretung“ in Ramallah, erklärt auf der Webseite des Vertretungsbüros in Ramallah (https://ramallah.diplo.de): „Ich freue mich, die Bundesregierung in den kommenden Jahren in Palästina zu vertreten.“ Da es noch keinen Staat Palästina gibt und dieser von der Bundesrepublik Deutschland nicht anerkannt worden ist, stellt sich die Frage, was er mit „Palästina“ meint.

Will das Auswärtige Amt Israel abschaffen?

Auf Anfrage war aus dem Auswärtigen Amt zu hören: „Die allgemein gängige Bezeichnung „Palästina“ …

über Sahm: Undiplomatischer deutscher Diplomat in Ramallah — Fokus Jerusalem

Antisemitismus für Zivilisierte? — Ein Quantum Glück

Zitat

„Auschwitz werden uns die Deutschen niemals verzeihen!“ ist ein sehr hintergründiges Wortspiel des 1909 in Wien geborenen und 1981 in Rechovot/Israel gestorbenen österreichisch-israelischen Psychoanalytikers Zvi Rix. Gunnar Heinsohn schrieb dazu 2005 in seinem Buch „Söhne und Weltmacht“ ein Zitat aus dem Leviathan: „Einem Menschen mehr Schaden zugefügt zu haben, als man wiedergutmachen kann […], veranlaßt […]

über Antisemitismus für Zivilisierte? — Ein Quantum Glück

Er prägte das Land wie kein anderer – David Ben-Gurion

Heute vor 132 Jahren, am 16. Oktober 1886, wurde David Ben-Gurion geboren. Er proklamierte mit der Verlesung der Unabhängigkeitserklärung am 14. Mai 1948 den Staat Israel und wurde sein erster Premierminister.

Aus Anlass seines Geburtstages macht die Botschaft des Staates Israel in ihrem Newsletter vom 15.10.2018 auf ein von ihr bereits im Mai 2018 veröffentlichtes Video aufmerksam, dessen Text ich im Folgenden transkribiert habe. Auszüge aus der Unabhängigkeitserklärung (im Video von Ben-Gurion gesprochen und eingeblendet) sind kursiv gedruckt. Das Video folgt im Anschluss an den Text.

Zunächst also der Text:

„Hiermit erklären wir die Errichtung eines jüdischen Staates in Eretz Israel, des Staates Israel.“

Am Freitag, den 14. Mai 1948, stand Ben-Gurion in Tel Aviv hinter einem Mikrofon und erklärte feierlich die Errichtung eines Staates für das jüdische Volk in Eretz Israel, dem Land Israel.

David Ben-Gurion wurde am 16. Oktober 1886 als David Joseph Grün im polnischen Plońsk geboren. Bereits mit 14 Jahren gründete er in Warschau einen Verein, der das Studium des Hebräischen und die Auswanderung ins Land Israel fördern sollte.

1948 sprach er mit fester Stimme und erreichte die Herzen der Juden, die ihm zuhörten, während er die 2000 Jahre alte Hoffnung auf Unabhängigkeit in ihrer historischen Heimat wahr werden ließ.

„Im Land Israel entstand das jüdische Volk. Hier prägte sich sein geistiges, religiöses und politisches Wesen.“

Mit 20 wanderte er nach Eretz Israel aus und war als einfacher Landarbeiter tätig. Er verwendete zum ersten Mal den Namen Ben-Gurion, als er den ersten Artikel als Herausgeber der Zeitung der zionistischen Arbeiterpartei „Poalej Zion“ veröffentlichte. Der Name bezieht sich auf Joseph Ben-Gurion, einen der Anführer des großen Aufstandes gegen die Römer im 1. Jahrhundert.

1915, während des 1. Weltkrieges, wurde er von den Osmanen nach Ägypten deportiert. Von dort aus reiste er nach New York, wo er die Bewegung „He-Chalutz“ (Der Pionier) gründete. Ziel der Bewegung war es, junge jüdische Menschen zu finden, die bereit waren, nach Eretz Israel auszuwandern, um dort zu arbeiten und das Land aufzubauen.

Nach der Balfour-Erklärung und der Befreiung des Landes aus der osmanischen Herrschaft durch die Briten, wurde Ben-Gurion ein begeisterter Unterstützer des Freiwilligendienstes in der Jüdischen Legion der britischen Armee.

1918 meldete er sich für das 38. Bataillon der königlichen Füsiliere der britischen Armee. In diesem Bataillon kämpften jüdische freiwillige Soldaten aus den USA und Kanada. Das Bataillon wurde bei Halifax in Kanada ausgebildet. Von dort schrieb er seiner Frau Paula: „Ich habe Dich verlassen, mein Schatz, nicht, weil ich Dich nicht genug liebe. Ich habe getan, was ich, auch für Dich, tun muss. Und ich verspreche Dir, liebe Paula, dass die Zeit nicht fern ist, wo Du dies selbst empfinden und verstehen wirst.“

Das jüdische Bataillon operierte unter britischem Kommando und bestand aus 5000 Freiwilligen. 1918 wurde das Bataillon nach Eretz Israel geschickt. Etwa die Hälfte der Soldaten kämpfte in Schlachten im Jordantal und in Samaria.

1919 kehrte er nach Eretz Israel zurück und wurde zu einem der prominentesten Führer des Jischuw, der jüdischen Gemeinschaft in Eretz Israel. 15 Jahre lang war er Generalsekretär der Histadrut, der Gewerkschaft, die die Rechte der jüdischen Arbeiter in Eretz Israel schützte.

1930 wurde er zum Vorsitzenden der Arbeiterpartei Mapai gewählt, die zu jener Zeit innerhalb der zionistischen Bewegung die größte Fraktion stellte. Bei seinem Auftritt vor der Peel-Kommission 1936 erklärte er: „Unser historisches Recht besteht seit Anbeginn des jüdischen Volkes. Und die Balfour-Erklärung und das Mandat dienten dazu, dieses Recht anzuerkennen und zu bestätigen.“

1937 stimmte Ben-Gurion dem Vorschlag zu, Eretz Israel in einen jüdischen und einen arabischen Staat zu teilen. Doch die Araber nahmen den Teilungsplan nicht an. Als Antwort veröffentlichte die britische Regierung das sogenannte „Weißbuch“, das die jüdische Einwanderung nach Eretz Israel stark einschränkte. Gleiches galt für den Erwerb von Land durch Juden.

Ben-Gurion erklärte einen stillen Kampf gegen die Briten, unter anderem mittels illegaler Immigration und der Gründung jüdischer Siedlungen, wo immer sie möglich war, auch an verbotenen Orten. Trotz dieses Konflikts unterstützte Ben-Gurion weiter den Dienst von Juden in der britischen Armee, die im 2. Weltkrieg gegen die Nazis kämpften.

„Die Überlebenden des schrecklichen Nazigemetzels in Europa sowie Juden anderer Länder scheuten weder Mühsal noch Gefahren, um nach dem Land Israel aufzubrechen.“

1945, nach dem Ende des 2. Weltkrieges, sprach er vor Holocaust-Überlebenden in den Displaced-Persons-Camps in Deutschland. Dort versprach er, ihnen Visa zu verschaffen, mit denen sie nach Eretz Israel einwandern könnten. Gleichzeitig begannen Ben-Gurions unermüdlichen Versuche, Waffen zu kaufen, Gelder zu sammeln und logistische Vorbereitungen für den Aufbau einer Armee zu treffen, die sowohl Angriffen von Arabern vor Ort als auch der Armeen der arabischen Nachbarländer standhalten könnte. Ben-Gurion übernahm das Verteidigungsressort der Jewish Agency. In dieser Position begann er, eine Volksarmee aufzubauen, die nach der Staatsgründung zu den Israelischen Verteidigungsstreitkräften werden sollte.

„Am 29. November 1947 fasste die Vollversammlung der Vereinten Nationen einen Beschluss, der die Errichtung eines jüdischen Staates im Land Israel forderte.“

Am 14. Mai 1948 trug Ben-Gurion die Unabhängigkeitserklärung vor. Den letzten Schliff hatte er ihr erst während der Unabhängigkeitszeremonie verliehen. Wenige Stunden zuvor war Ben-Gurion noch interner Gegenwehr ausgesetzt gewesen. Ben-Gurion blieb gegenüber allen anders denkenden Stimmen standhaft und es gelang ihm, die notwendige Einigkeit zu erreichen. Er betonte, dass die historische Gelegenheit nicht verpasst werden sollte. Der jüdische Staat wurde im Land Israel errichtet. Und Ben-Gurion wurde zum Premierminister gewählt und zum Premierminister und Verteidigungsminister ernannt. Beide Ämter hatte er 13 Jahre inne. Insgesamt stand er 26 Jahre lang am Steuer des entstehenden Staates und später des jüdischen Staates.

„Der Staat Israel wird der jüdischen Einwanderung und der Sammlung der Juden im Exil offenstehen.“

Während der ersten Amtszeit von Ben-Gurion als Premierminister verdoppelte sich die jüdische Bevölkerung des Staates dank massiver Einwanderungswellen, darunter Juden aus Nachkriegsländern und solche, die aus arabischen Ländern vertrieben worden waren. Ben-Gurion beschrieb die Errichtung des Staates Israel als „beispielloses Wunder“. Er meinte damit nicht den Sieg über die angreifenden arabischen Armeen, sondern den endgültigen Sieg Dutzender Generationen von Juden, enteignete, entwurzelte, landlose Wanderer der Welt, denen in den Ländern ihres Exils alle Rechte verwehrt wurden.

„Er wird all seinen Bürgern ohne Unterschied von Religion, Rasse und Geschlecht, soziale und politische Gleichberechtigung verbürgen.“

Ben-Gurion vertrat die Ansicht, der jüdische Staat solle seinen nicht-jüdischen Bürgern volle und gleiche Rechte gewähren. Die heiligen Stätten aller Religionen sollten bewahrt werden, trotz des andauernden Kampfes der arabischen Welt gegen Israel.

„Wir wenden uns an die Vereinten Nationen mit der Bitte, dem jüdischen Volk beim Aufbau seines Staates Hilfe zu leisten.“

Um die internationale Positionierung Israels zu stützen, traf Ben-Gurion mit vielen internationalen Spitzenpolitikern zusammen und gewann ihre Unterstützung für den jungen Staat. Er arbeitete daran, die Beziehungen zu den westlichen Staaten, besonders den USA, England und Frankreich zu stärken. Er öffnete aber auch die Türen für eine Zusammenarbeit zwischen Israel und den Ländern Afrikas, Lateinamerikas und Asiens.

Ben-Gurion glaubte, dass die Zukunft Israels im Negev liege. Der Negev war für ihn die Wiege der hebräischen Nation. Er war der Meinung, der Großteil der wissenschaftlichen und akademischen Ressourcen sollten auf den Negev ausgerichtet sein. Er gab sich nicht damit zufrieden zu predigen, sondern bestand darauf, selbst ein Zeichen zu setzen. Voller Glauben an die Sache trat er Ende 1953 von seinem Amt als Premierminister zurück und beschloss im Alter von 67 Jahren in einer Hütte in einer kleinen, kurz zuvor gegründeten, kollektiv organisierten Gemeinschaft im Negev zu leben, im Kibbuz Sde Boker. Er beteiligte sich an der Arbeit und auf dem Feld. Paula und David Ben-Gurion waren die ältesten Mitglieder der jungen Gemeinschaft. Ben-Gurion erklärte, wie sehr er sich über die Möglichkeit freute, Felder zu pflügen, die noch nie zuvor von einem Menschen berührt worden waren.

Als es unabhängig wurde, hatte Israel eine Bevölkerung von 800.000 Menschen. Heute sind es 8,7 Millionen. Von einem Land, das am Anfang seiner Unabhängigkeit harte Sparmaßnahmen einführte, um die Integration von Millionen Einwanderern zu ermöglichen, ist Israel zu einer modernen, technologiebasierten Nation geworden. Das Land ist berühmt für seine innovativen, unternehmerischen und bahnbrechenden Fähigkeiten.

Am Tage seines Rückzugs aus der Regierung hielt Ben-Gurion im Radio eine berührende Abschiedsrede. Darin dankte er allen Menschen für ihr Vertrauen in ihn. Ohne zu behaupten, dass er frei von Fehlern sei, zitierte er aus einem der Psalmen, die seinem Namensvetter König David zugeschrieben werden:

„Ein Wallfahrtslied von David
HERR, mein Herz überhebt sich nicht,
nicht hochmütig blicken meine Augen,
ich gehe nicht um mit großen Dingen,
mit Dingen, die mir nicht begreiflich sind.“

Hier das zum Text gehörige Video:

Rabbi Sacks: Moralische Herausforderungen des 21. Jahrhunderts

An Rosh Hashanah [1], Yom Kippur [2] und den Tagen dazwischen stellen wir eine der kraftvollsten, doch unmodernsten Überzeugungen des Judentums dar: Unser Leben hat individuell und kollektiv eine moralische Dimension.

Wir können die meiste Zeit des Jahres so leben, als ob es auf Erfolg oder Ruhm, Macht oder Reichtum ankäme. Aber an diesen heiligen Tagen kommen wir in der Synagoge zusammen, um vor G’tt zu stehen und zwei ganz und gar unumstößliche Wahrheiten anzuerkennen: Wir sind das Gut, das wir in der Welt tun, und wir sind verantwortlich für das Böse, das wir getan haben, oder für das Gute, das wir zu tun versäumt haben.

Dieses Jahr hatte ich, mit freundlicher Genehmigung der BBC, eine einmalige Chance, diese Überzeugungen mit einigen der besten Köpfe der Welt zu diskutieren. Im Rahmen einer Reihe von Programmen zu moralischen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts traf ich führende Philosophen, Denker, Innovatoren und Philanthropen sowie Oberstufenschüler aus dem ganzen Land. Was sie zu sagen hatten, war kraftvoll, wichtig und notwendig.

Die These, die ich testen wollte, lautete: Seit 50 Jahren betreibt der Westen ein verhängnisvolles Experiment, dass wir ohne einen gemeinsamen Moralkodex auskommen können. Worte, die uns einst gelenkt haben – wie „richtig“, „falsch“, „müsste“, „sollte“, „Pflicht“, „Verantwortung“, „Loyalität“, „Tugend“, „Ehre“ – haben jetzt eine antiquierte Ausstrahlung, als ob sie aus einer längst vergangenen Zeit stammten.

Stattdessen haben wir die Moral auf den Markt und den Staat ausgelagert. Der Markt gibt uns die Wahlmöglichkeiten; der Staat befasst sich mit den Konsequenzen; aber keiner von beiden entscheidet darüber. Solange wir anderen nicht direkt schaden, können wir tun, was wir wollen.

Dies wurde damals als eine große Befreiung erlebt. Wir waren freier denn je, das zu sein, was immer wir sein wollten. Aber wir können jetzt die Kosten in zerrütteten Familien, den Verlust der Gemeinschaft, einen Anstieg der Depressionen, Selbstmorde und Einsamkeit von Jugendlichen, einen Verlust des Vertrauens in große Konzerne und Regierungen, den neuen Tribalismus der Identitätspolitik und die Bissigkeit, die für die Kommunikation im Internet gilt, zählen. Eine gemeinsame Moral verbindet uns. Wenn man sie von ihr löst, sind die Menschen verwundbar und allein.

Jeder, der mit der hebräischen Bibel vertraut ist, hätte dies vorhersagen können. Es ist die Geschichte, die von den Propheten immer wieder erzählt wird. Wir hören es in Elia, Elisa, Amos, Hosea, Jesaja und Jeremia. Ohne ein tief verinnerlichtes Gefühl der kollektiven Verantwortung für das Gemeinwohl beginnt die Gesellschaft zu zerbrechen und zu zersplittern. Wir bewegen uns von einer Welt des „Wir“ zu einer des „Ich“: das private Streben nach persönlichen Bedürfnissen.

Darauf zurückzuführen sind – zeitgemäß ausgedrückt – unverantwortliche Banken, gierige Konzerne, ausbeuterische Politik, sexuelle Belästigung und vernachlässigte Kinder. Es gibt nichts in unserer natürlichen Beschaffenheit, was dafür sorgt, dass die Reichen sich um die Armen kümmern oder die Mächtigen um die Machtlosen.

Deshalb brauchen wir Moral: uns gegenseitig dabei behilflich sein, gemeinsam für das Wohl aller zu sorgen, nicht nur für jeden von uns allein.

Die Propheten sagten, dass das Endergebnis einer solchen Gesellschaft Niederlage und Verzweiflung sein würde. Nun, wir haben keine Propheten mehr. Aber hören Sie sich diese Liste von Titeln der kürzlich erschienenen Bücher in Großbritannien und den Vereinigten Staaten an: „How Democracy Ends?“ [Wie Demokratie endet]; „The Death of Democracy“ [Der Tod der Demokratie]; „Can Democracy Survive Global Capitalism?“ [Kann die Demokratie den globalen Kapitalismus überleben?]; „Why Liberalism Failed“ [Warum der Liberalismus gescheitert ist]; „The Retreat of Western Liberalism“ [Der Rückzug des westlichen Liberalismus]; „The Strange Death of Europe“ [Der seltsame Tod Europas] und „The Suicide of the West“ [Der Selbstmord des Westens]. Dies sind endlose Variationen und säkulare Aktualisierungen der Warnungen der hebräischen Propheten.

Praktisch alle von mir interviewten Menschen hatten eine starke moralische Botschaft. Der kanadische Psychologe Jordan Peterson sprach über die Bedeutung, die persönliche Verantwortung zu akzeptieren und über die Gefahr, sich selbst als Opfer zu sehen. Jonathan Haidt, der amerikanische Sozialpsychologe, sprach darüber, wie die Politik der Opferrolle die Redefreiheit auf den Universitätsgeländen bedroht. Der Harvard-Soziologe Robert Putnam diskutierte darüber, wie der Zusammenbruch von Familien und Gemeinschaften mindestens den dritten Teil Amerikas der sozialen Mobilität beraubt.

Die britische Ökonomin Noreena Hertz plädierte für einen moralischeren Umgang mit dem Kapitalismus. Jean Twenge, die weltweit führende Expertin für die Auswirkungen der sozialen Medien, war erschreckend, als sie den Anstieg der Depression bei den Teenagern von heute aufzeigte. Der Kolumnist der New York Times, David Brooks, sprach eloquent darüber, wie wir uns zu sehr auf die „Resümee-Tugenden“ konzentriert haben, auf die Fähigkeiten, die wir für unseren beruflichen Erfolg benötigen, und zu wenig auf die „Laudatio-Tugenden“, die Gewohnheiten des Charakters, die Sinn und Anmut in unser Leben bringen.

Der Harvard-Philosoph Michael Sandel erinnerte uns daran, dass Politik eine unausweichliche moralische Dimension hat. Der Neurowissenschaftler Steven Pinker forderte uns auf, den Tatsachen und nicht den Gefühlen zu folgen. Mustafa Suleyman von DeepMind erklärte, wie wir Ethik in die Entwicklung der künstlichen Intelligenz einbauen müssen, und Nick Bostrom, der Mann, der die Welt vor den Gefahren der Superintelligenz aufmerksam machte, warnte davor, Technologien zu entwickeln, die wir nicht kontrollieren können.

Auf der anderen Seite waren Melinda Gates und Heather Templeton Dill, Leiter von zwei der weltweit führenden philanthropischen Stiftungen, inspirierend, indem sie von der Kraft sprachen, die wir alle haben, um das Leben anderer Menschen zum Positiven zu verändern. Nicht weniger eloquent sprachen die Jugendlichen über ihre moralischen Helden und Vorbilder, ihre Ängste und Hoffnungen für die Zukunft.

Das Fazit all dessen ist, dass die Gesellschaft mehr braucht als den freien Markt und den liberal demokratischen Staat. Wir müssen die moralische Verantwortung für unser eigenes Leben und für das Gemeinwohl übernehmen. Diese Wahrheit wird seit einem halben Jahrhundert in den Hintergrund gestellt, aber die Belastungen beginnen sich zu zeigen. Wir haben bereits die ersten Erschütterungen der Alternativen gesehen: Populismus, Identitätspolitik, die Kultur der Opferrolle und der Aufstieg der extremen Linken und der extremen Rechten – was ich die Politik des Zorns nenne.

Vor langer Zeit haben Juden Pionierarbeit für die Alternative geleistet: die Politik der Hoffnung. Hoffnung entsteht, wenn wir uns individuell und kollektiv der Gerechtigkeit, dem Mitgefühl, der Heiligkeit des Lebens und der Würde des Einzelnen widmen. Das ist es, wozu wir zu Rosh Hashanah und Jom Kippur aufgerufen sind. G’tt bittet uns nicht, perfekt zu sein. Er bittet uns, unser Bestes zu geben, um Ihn, unseren Nächsten und den Fremden zu lieben. Und wenn wir versagen, wie wir es alle auf die eine oder andere Weise tun, bittet Er uns, unser Versagen anzuerkennen und es erneut zu versuchen.

Seit Anbeginn unserer Geschichte wurde das Judentum von einer moralischen Leidenschaft gelenkt, Gottes Befehl an Abraham [entsprechend], „seine Kinder zu lehren, den Weg des Herrn zu bewahren, indem sie Recht und Gerechtigkeit tun.“ Diese Leidenschaft ist auf lange Sicht das einzige, was in der Lage ist, eine freie Gesellschaft zu erhalten. Ohne sie geht jede Supermacht in der Geschichte nach einer Zeit des Wohlstandes schließlich unter und fällt. Die jüdische Botschaft war selten relevanter als jetzt. Oder wie wir es an diesen heiligen Tagen sagen: Buße, Gebet und Nächstenliebe geben uns die Chance, neu anzufangen und das böse Dekret abzuwenden.

Originalartikel: Rabbi Lord Jonathan Sacks, Why the world needs Rosh Hashana, [Warum die Welt Rosh Hashana braucht], 7. September 2018

Übersetzung: faehrtensuche

[1] Rosh Hashana 5779 (9.09. – 11.09.2018)

[2] Yom Kippur 5779 (18./19.09.2018)