5783

Heute Abend (25.09.2022) beginnt das jüdische Neujahrsfest, Rosh HaShana, was wörtlich „Kopf des Jahres“ heißt.

5782 geht zu Ende, 5783 beginnt.

Grußworte von Ron Prosor, dem neuen Botschafter des Staates Israel in Deutschland zu Rosh HaShana 5783:

Palästinensertum – eine Ideologie und eine Identität

Originalartikel: Palestinianism: an Ideology and an Identity

von Victor Rosenthal, 14.09.2022

Das Palästinensertum ist mehr als eine Ansammlung politischer Überzeugungen. Es ist ein geschlossenes System von Gedankeneinheiten (Memes) und beinhaltet ein historisches Narrativ, ein Ziel, das die Gläubigen anstreben und eine spezifische [idiosynkratische] Sprache, in der bekannte Wörter spezielle Bedeutungen haben. In dieser Hinsicht ist es dem Marxismus ähnlich – was nicht verwunderlich ist, wenn man seinen Ursprung betrachtet. Das Palästinensertum ist auf der religiös-säkularen Achse neutral, obwohl es Elemente der islamischen Überzeugung angenommen hat, die sich als bewährte Hilfe erwiesen haben, um die palästinensische Sache voranzutreiben. Zu den Anhängern des Palästinensertums gehören jene, die sich selbst als Palästinenser definieren als auch viele der westlichen Linken (insbesondere in der akademischen Welt), die die Sache unterstützen.

Ursprung

Das Palästinensertum hat seinen Ursprung in den 1960-er Jahren, als es von den kognitiven Kämpfern des sowjetischen KGB’s geschaffen wurde. Die Sowjets hatten seit längerer Zeit daran Interesse, sich dem Einfluss der USA und der Briten entgegenzustellen, was sie durch die Unterstützung arabischer Nationalisten wie [z.B.] Gamal Abdel Nasser taten. Mit dem Niedergang des Pan-Arabismus bot das Palästinensertum einen Anlass, den die Sowjets nutzen konnten, um alle Araber des Nahen Ostens gegen den Westen zu vereinigen. Es lieferte auch einen Grund, Israel zu bekämpfen. Obwohl Stalin am Anfang gehofft hatte, Israel würde sich dem sozialistischen Lager anschließen, wurde es den Sowjets in der Mitte der 1950-er Jahre klar, dass sich Israel mehr und mehr in Richtung Westen bewegen würde.

Bis zu diesem Zeitpunkt hatten sich die meisten Araber in „Palästina“, dem Gebiet, das Teil des britischen Mandats war, sofern sie überhaupt nationale Gefühle hatten, generell als zu „Südsyrien“ gehörig betrachtet (obwohl es zu Beginn des 20. Jahrhunderts in geringem Umfang einen spezifisch palästinensischen Nationalismus gab, insbesondere unter den christlichen Arabern).

Das war eine Zeit der weltweiten Dekolonialisierung und der KGB verkörperte die Idee, dass es bei dem Konflikt zwischen den Juden und Arabern um die Souveränität in Palästina (oder – je nach Sichtweise – Eretz Yisrael) ginge, eigentlich ein nationaler Befreiungskampf eines indigenen palästinensischen Volkes gegen europäische Kolonialisten (die Juden!) wäre, trotz der Tatsache, dass etwa die Hälfte aller Israelis aus der nahöstlichen und afrikanischen Diaspora stammte.

Die Sowjets hatten in ihrer psychologischen Kriegsführung gegen die USA immer die Rasse als Druckmittel eingesetzt und sie sahen zu Recht die Verschärfung von auf Rasse basierenden Ressentiments als höchst effektiv an, um Spaltung und Zerrissenheit innerhalb der Bevölkerung zu erzeugen. Während der 1970-er Jahre führten sie das Element der Rasse in den arabisch-israelischen Konflikt ein, wie zum Beispiel durch die Verabschiedung der Resolution „Zionismus ist Rassismus“ der UN im Jahre 1979. Die Absurdität dieser Behauptung – sowohl jüdische Israelis als auch palästinensische Araber gibt es in allen (Haut-)Farben – unterband nicht die breite Akzeptanz der Idee, der politische und nationale Konflikt sei im Wesentlichen rassistisch begründet. In der Durban-Konferenz 2001 zum Thema Rassismus propagierten NGO’s – von den europäischen Regierungen und linksgerichteten Wohlfahrtsverbänden gegründet – die Idee, Israel sei verantwortlich für die Apartheid. Die Tatsache, dass es sich als notwendig herausstellte, eine neue Bedeutung des Wortes aus den Fingern zu saugen, bevor man überhaupt die Frage erörtern konnte, wurde offensichtlich als irrelevant angesehen.

Die palästinensischen Araber erlitten einen schweren Schlag gegen ihre Ehre, als sie im Jahr 1948 den militärischen Kampf um die Souveränität verloren. Die Tatsache, dass die meisten von ihnen flüchteten und nach dem Krieg nicht zurückkehren durften – ein nicht ungewöhnliches Resultat von Krieg – wurde als Tragödie von historischer Tragweite wahrgenommen und repräsentiert. Aber anders als andere Gruppen, die ähnliche Tragödien durchmachten, gelang es den palästinensischen Arabern mit Hilfe der Ostblockstaaten und der arabischen Nationen, ein UN-sanktioniertes, permanentes, ständig wachsendes Reservoir von staatenlosen „Flüchtlingen“ aufzubauen. In der UN wurden permanente Institutionen eingerichtet, um das Wachstum des „Flüchtlings“-Pools sicherzustellen, um ihre Ansiedlung zu verhindern und das palästinensische Narrativ zu verbreiten.

Das Narrativ

Das zentrale Ereignis des palästinensischen historischen Narrativs ist der Verlust des Landes, den sie 1948 erlitten haben, Nakba genannt. Es stimmt, dass einige Araber von der IDF aus ihren Häusern vertrieben wurden, aber die Mehrheit flüchtete – die drohende Gewalt fürchtend – aus eigenem Antrieb, ermutigt sowohl durch arabische als auch jüdische Propaganda und dem Beispiel von wohlhabenden Arabern folgend, die die Entscheidung trafen, die Zerstörung des neuen jüdischen Staates in ihren komfortablen Sommerhäusern auszusitzen. Es stimmt auch, dass die meisten derjenigen, die flüchteten, nicht zurückkehren oder ihr Eigentum einfordern durften. Aber was den Arabern in Palästina passierte, ist normal für die Verliererseite eines Krieges. Nach dem 2. Weltkrieg flohen mindestens 12 Millionen ethnische Deutsche oder wurden aus Zentral- und Osteuropa vertrieben. Jordanien hat nach 1948 Judäa, Samaria und Ostjerusalem vollständig ethnisch von Juden gesäubert. Etwa 800- bis 900-tausend Juden flohen oder wurden damals auch aus arabischen Ländern vertrieben. Hätten die Araber den Krieg gewonnen, hätten die Juden in Israel sicher ein ähnliches Schicksal erlitten.

Aber anders als die ethnischen Deutschen oder die Juden des Nahen Osten akzeptierten die palästinensischen Araber nicht – oder präziser – erlaubten ihre eigenen Anführer und die arabischen Nationen ihnen nicht, dass sie der Wiedereingliederung oder auch nur der geringsten Verbesserung ihrer Situation zustimmten. Und so wurde die Umkehrung der Nakba, die „Rückkehr in ihre Häuser“ der mehr als 5 Millionen Nachkommen der ursprünglich 600.000 Flüchtlinge ein fundamentaler Bestandteil der palästinensischen Sache.

Das palästinensische Narrativ reicht auch in die Vergangenheit. Es besteht darauf, dass ein palästinensisches Volk das Land seit Hunderten, möglicherweise sogar seit Tausenden von Jahren bewohnt hätte. Einige Palästinenser, wie der verstorbene Saeb Erekat, behaupten, dass sie seit der Zeit der Kaananiter oder Philister in dem Land lebten. Die Juden hingegen – heißt es – seien seit kurzem Einwanderer aus Europa, die sie mit List und mit Gewalt vertrieben hätten. Tatsächlich haben zwar einige arabische Familien eine mehr als hundertjährige Geschichte im Land, die meisten gehen jedoch nicht weiter zurück als bis etwa zum Jahr 1830, als Muhammed Ali im Interesse Ägyptens in die damals ottomanischen Provinzen einmarschierte. Und eine große Anzahl von ihnen wanderten erst aus den benachbarten Ländern ein, nachdem die zionistische und britische Erschließung des Landes Anfang des 20. Jahrhunderts es in wirtschaftlicher Hinsicht attraktiv gemacht hatte. Nach dem Krieg wurde der palästinensische Flüchtlingsstatus jedem garantiert, der nachweisen konnte, dass er nicht weniger als 2 Jahre vor 1948 in Palästina gelebt hatte.

Nebst der Anmaßung, den Arabern den Status des Ureinwohners zuzusprechen, verweigert das Narrativ ihn für die Juden. Es leugnet den historischen Ursprung der Juden im Land und behauptet zuweilen, dass es in Jerusalem nie einen jüdischen Tempel gegeben hätte oder dass die heutigen Juden Khazaren wären ohne jede Anbindung an den Nahen Osten (eine antisemitische Behauptung, die leicht durch genetische Evidenz widerlegt werden kann). Palästinensische Araber haben archäologische Beweise für die antike jüdische Präsenz im Land zerstört, sogar auf dem Tempelberg.

Die Grundlagen des Palästinensertums

Für die Palästinenser ist die Nakba das wichtigste Ereignis in ihrer Geschichte, so wichtig wie der Auszug aus Ägypten für die Juden. Palästinenser (und Barack Obama) vergleichen sie manchmal mit dem Holocaust. Davon wird Vieles abgeleitet. Es ist ein Unrecht, das nicht anders als durch Zurückweisung in seine Schranken gewiesen werden kann, das betrifft die „Rückkehr“ der „Flüchtlinge“ und die Wiederinbesitznahme des Landes. Und weil das Narrativ besagt, die Flüchtlinge seien mit Gewalt vertrieben worden, wird Gewalt gerechtfertigt, um dies rückgängig zu machen. Palästinensische Ehre kann nicht durch Diplomatie oder Kompromisse wiedererlangt werden. Das Palästinensertum akzeptiert nur die Idee der Zweistaatenlösung als vorläufigen Ausweg bis zum ultimativen Ziel, die Nakba umzukehren. Und selbst dann weist es die Idee der „Zwei Staaten für zwei Völker“ zurück, darauf bestehend, dass die „Rückkehr“ der Nachkommen der 1948-er Flüchtlinge „in ihre Häuser“ mit der Wieder-Aufteilung des Landes einhergehen muss.

Die postkoloniale Ideologie hat auch ihren Weg in das Palästinensertum gefunden, insbesondere durch die Verbindung mit Gewalt. Die Doktrin, dass es für ein kolonisiertes Volk moralisch, ja – lobenswert ist, sich der Kolonisation mit allen notwendigen Mitteln entgegenzustellen, wird als Rechtfertigung für den Terrorismus gegen israelische Zivilisten gebraucht. Allerdings ist die Einbindung in Terrorismus und seine Unterstützung eine „sine qua non“, eine unerlässliche Voraussetzung für den Erfolg der palästinensischen Politik. Deswegen wird Mahmoud Abbas dafür gelobt, dass er gesagt hat, er würde nie aufhören, im Gefängnis einsitzende Terroristen und die Familien der „Märtyrer“ zu bezahlen, selbst wenn kein Geld für andere Sachen übrig bliebe.

Eine andere Konsequenz der Nakba ist, dass aufgrund ihrer endlosen Viktimisierung nichts Negatives über die palästinensische Kultur oder irgendetwas, das ihnen zustößt, als ihre Schuld ausgelegt werden kann. So wird die weit verbreitete Korruption in der palästinensischen Autonomiebehörde damit begründet, dass sie eine Folge von Israels Einfluss sei. Die Häufigkeit der häuslichen Übergriffe auf palästinensische Frauen habe etwas mit der Traumatisierung der Männer durch die „Besatzung“ zu tun. Der Einsturz eines Klärbeckens im Gazastreifen, der nahegelegene Gebiete mit menschlichen Exkrementen überschwemmte und mehrere Tote zur Folge hatte, wurde Israels „Blockade“ des Gazastreifens in die Schuhe geschoben (anstatt der Veruntreuung von internationalen Geldern für sanitäre Einrichtungen durch die Hamas), usw.

Wie die Marxisten glauben die Palästinenser, dass die Geschichte auf ihrer Seite ist. Sie weisen auf die verschiedenen Regimes hin, die das Land über Jahrhunderte hinweg kontrolliert haben, die Römer, Kreuzritter, Türken, Briten und sie sagen, es sei nur eine Frage der Zeit, bis auch Israel zusammenbricht.

Vor den 1960-er Jahren konnten die palästinensischen Araber als eine gemischte Bevölkerung von arabisch-sprechenden, überwiegend muslimischen und überwiegend nicht indigenen Menschen bezeichnet werden (obwohl – noch einmal – einige palästinensische arabische Familien auf eine lange Geschichte in dem Land zurückblicken). Aber auch wenn es mich bei meinen rechtsorientierten Freunden unbeliebt macht, würde ich sagen, dass sie die Erfahrung ihres Kampfes mit Israel und ihre Selbstdefinition als „Palästinenser“ seitdem zu einem Volk gemacht haben. Es ist äußerst wichtig, die fundamentale Rolle des Konflikts bei der Entwicklung einer spezifisch palästinensischen Identität zu verstehen. Palästinensisch zu sein bedeutet, Israel abzulehnen und – mit allen Mitteln – Widerstand gegen die Besetzung von „palästinensischen Land“ vom Fluss bis zum Meer zu leisten. Das hat wichtige Konsequenzen für die Zukunft des Konflikts.

Der kult-ähnliche Charakter des Palästinensertums

Das Palästinensertum als Ideologie ähnelt in gewisser Weise dem Marxismus oder Scientology. Wenn die Palästinenser mit klaren Fakten konfrontiert werden (wie die historischen und archäologischen Belege der Präsenz von Juden in dem Land seit Tausenden von Jahren), finden sie es dennoch noch möglich, sie zu leugnen oder zu ignorieren. Der palästinensische Filmregisseur Mohammed Bakri erstellte eine Dokumentation über das „Jenin-Massaker“ im Jahr 2002, die Israel beschuldigte, Gebäude zerstört zu haben, die gar nicht existierten, Hunderte palästinensische Zivilisten ermordet zu haben (in der Tat wurden etwa 50 Araber getötet, fast alle Terroristen), usw.. Bakri wurde von israelischen Reservisten verklagt, denen er Kriegsverbrechen angelastet hatte. Als er mit den Fakten konfrontiert wurde, behauptete er, ein Artist und kein Historiker zu sein, und sein Film stelle die tiefere Wahrheit über die Ereignisse dar. Das Narrativ übertrumpft immer die Fakten.

Wie der Marxismus hat das Palästinensertum eine spezielle Sprache. Zum Beispiel kann man im normalen Englisch ein Haus oder ein Land besetzen. Aber im Palästinensertum „besetzt“ Israel das „palästinensische Volk“. Das impliziert, dass Israel Gaza „besetzen“ kann ohne einen einzigen Soldaten oder Siedler dort zu haben. Es gibt das Wort „Widerstand“, das Assoziationen auslöst zu französischen Partisanen, die Munitionszüge der Nazis in die Luft sprengten, aber im Palisprech bedeutet es, ein Pizzarestaurant in Jerusalem oder eine Disco in Tel Aviv zu bombardieren. Ein anderes [Wort] ist „nicht gewalttätiger Volkswiderstand“, was bedeutet, willkürlich Juden mit Messern oder Autos zu ermorden und eben nicht mit Schusswaffen oder Bomben.

Die psychologische Funktion des Palästinensertums für die westliche Linke

Man kann mehr oder weniger verstehen, warum palästinensische Araber das Palästinensertum als nützlich ansehen für ihren Kampf gegen Israel. Aber was haben linksorientierte Studenten und Akademiker davon? Es gibt mehrere Dinge, die ich erkennen kann. Zum einen, besonders in Europa, ist es ein Ventil für antisemitische Impulse, die unterdrückt wurden, wenn sie sich gegen einzelne Juden richteten. Es ist schäbig, Juden zu hassen, aber Israel zu hassen, wird als tugendhaft angesehen. Ein weiterer Punkt ist, dass intersektionale Aneignung von „Palästina“ durch Linke eines der Beweggründe ist. Um von der Masse akzeptiert zu werden – und besonders in Universitäten neigt die Masse nach links – muss man für alle ihre Anliegen Partei ergreifen, das Palästinensertum eingeschlossen. Für einen amerikanischen Studenten ist es leicht, fernab vom Geschehen ein tugendhaftes Zeichen zu setzen, indem er oder sie sich der palästinensischen Sache wie eine eigene zu eigen macht.

Konklusion

Das Palästinensertum ist ein in sich stimmiges System, das sowohl von der historischen als auch der aktuellen Realität abgekoppelt ist. Ursprünglich vom sowjetischen KGB als eine Waffe der kognitiven Kriegsführung erschaffen, hat es sich mit der Zeit gewandelt, wie der Antisemitismus, mit dem es nah verwandt ist. Das Ziel des Palästinensertums, die palästinensische Sache, ist die Ablösung Israels durch einen arabischen Staat, die gewaltsame Vertreibung der Juden und ihr Austausch durch die Nachkommen der arabischen Flüchtlinge von 1948. Die Aneignung des Palästinensertums als essentieller Teil der Identität der Araber von Eretz Israel bedeutet, dass es keinen Kompromiss für die Lösung des Konflikts geben kann. Es impliziert, dass das palästinensische Volk der Feind des jüdischen Volkes im Land ist, was den Konflikt zu einem Nullsummenspiel macht. Letztlich bedeutet es, dass der Konflikt fortdauern wird, bis eines der zwei Völker im Land bleiben und das andere verschwindet wird.

Übersetzung: faehrtensuche

Prinzip Hoffnung

„In der Hoffnung überspringt die Seele die Wirklichkeit, wie sie in der Furcht sich vor ihr zurückzieht.“

Die jüdische Philosophin Hannah Arendt in ihrer Dankesrede anlässlich der Verleihung des Lessing-Preises der Stadt Hamburg im Jahr 1959 zum Thema „Von der Menschlichkeit in finsteren Zeiten.“

Olympische Spiele 1972 in München – Wir waren dabei

Originalartikel: We Were at the 1972 Munich Olympic Games

von Melinda Stein, 29. August 2022

Vor 50 Jahren wurden 11 israelische Athleten in Deutschland von palästinensischen Terroristen massakriert. Wir waren dort für unsere Flitterwochen.

Mein Mann Steve und ich waren per Bahn von Athen aus durch das damalige Jugoslawien und durch Österreich gereist, als unser Zug in den Münchner Hauptbahnhof einfuhr. Es war ein imposantes Gebäude mit hohen Gewölben und vielen Bahnsteigen.

Um sieben Uhr morgens frühstückten die Einheimischen mit großen Bierkrügen. Es war der 2. September 1972 und Steve und ich hatten kürzlich in New York geheiratet. Wir hatten geplant, unsere Flitterwochen mit einer gemächlichen Bahnfahrt durch Europa und Skandinavien zu begehen und sie sollten mit einer Rückkehr nach Israel enden, wo wir einen Wohnsitz hatten.

Als wir über Landkarten Strategien entwarfen und die Routen und Aufenthalte für unsere Reise auswählten, merkte Steve plötzlich an: „Hey, auf dem Weg in den Norden werden wir München passieren und das fällt genau mit den Olympischen Spielen zusammen! Vielleicht können wir einige Zeit dort verbringen, das wäre ein tolles Erlebnis!“

„Aber Schatz, zu diesem späten Zeitpunkt ist es unmöglich, dort Unterkünfte zu bekommen. Vergiss es.“

Da Steve etwas von einem Sportjunkie hat, war er entschlossen, jeden Weg zu verfolgen, um das hinzubekommen. „Hat dein Vater nicht mal erwähnt, dass er Cousins in München hat?“

Ich hatte gemischte Gefühle bei dem Gedanken, in Deutschland einen Halt einzulegen. Meine Eltern waren polnische Überlebende des Holocaust und die meisten meiner Verwandten einschließlich aller vier Großeltern waren Opfer des Nazi-Angriffs. Als der Krieg zu Ende war, lebten meine Eltern bis 1949 in einem Lager für Vertriebene in der Nähe von München, als sie die Genehmigung erhielten, in die Vereinigten Staaten auszuwandern.

Für meine Flitterwochen hätte ich es vorgezogen, Deutschland aus der Wunschliste zu streichen. Aber ich gab schweren Herzens nach und meine Münchner Verwandten, ebenfalls Überlebende, boten uns an, während der Olympischen Spiele ihre Gäste zu sein.

Die Stadt selbst war wunderschön, die Atmosphäre festlich und vielsprachig. Athleten und Trainer von überall auf der Welt spazierten in ihren Jacken mit identifizierenden Länderabzeichen herum. Düfte von gerösteten, gezuckerten Nüssen von Straßenverkäufern wehten durch die Straßen. Viele Geschäfte stellten Fernseher in ihre Schaufenster, so dass die Menge den Wettkämpfen in Echtzeit zusehen konnte. Wir sahen Mark Spitz eine seiner sieben Goldmedaillen im Schwimmen gewinnen. Olga Korbuts erstaunlichen gymnastischen Darbietungen erzeugten mehrsprachigen Jubel. Später gingen wir im Englischen Garten spazieren, der Englische Garten, größer als der Central Park. Es war aufregend, den olympischen Bogenschießwettbewerben zuzusehen, die dort stattfanden und für alle frei zugänglich und kostenlos waren.

Die Planer der Spiele gaben dem Event einen Spitznamen: Die unbeschwerten Spiele. München war darauf erpicht, die Erinnerung an die Olympischen Spiele 1936 in Berlin zu verbannen. Die omnipräsenten Nazi-Embleme und Flaggen und der ungezügelte Rassismus und Antisemitismus jener Spiele würde vermutlich vergessen werden, da die aktuellen Olympischen Spiele reibungslos und freudig verlaufen würden.

Der 5. September war ein Tag, an dem keine Veranstaltungen vorgesehen waren. Wir beschlossen, einen Ausflug außerhalb von München zu einer Stadt namens Garmisch-Partenkirchen zu machen. Es ist eine alpine Skistadt und war Austragungsort der Olympischen Winterspiele 1936. Es ist auch der Standort mit dem höchsten Berg, der Zugspitze, und einer unglaublich schönen Aussicht.

Während wir auf die Seilbahn warteten, die uns zum Gipfel transportieren sollte, schnappten wir eigentümliches Gemunkel der anderen auf, die auf die Seilbahn warteten – irgendetwas über eine Art palästinensischen Terrorangriffs an diesem Morgen im Olympischen Dorf. Auf unserem Weg den Berg hoch wurden die Gerüchte von einem englischsprachigen Passagier bestätigt und dass der Anschlag gegen die Mitglieder der israelischen Olympia-Delegation ging. Wir waren geschockt und entsetzt und sobald wir den Gipfel des Berges erreichten, kehrten wir um und gingen wieder hinunter, um hastig nach München zurückzukehren.

Wir fanden heraus, dass zwei Mitglieder des israelischen Teams kaltblütig ermordet worden waren, einer der Leichen verstümmelt und vom Balkon geworfen wurde und dass die neun anderen Athleten von den Terroristen als Geiseln festgehalten wurden. Die Fernsehberichterstattung war an diesem Nachmittag fast gänzlich in Deutsch und ließ uns frustriert in unserem Wunsch zurück, die aktuellsten Nachrichten herauszufinden. Der Auftritt des vermummten Terroristen auf dem Balkon des israelischen Athletengebäudes (und nun berühmtes Video) ließ einen das Blut in den Adern gefrieren.

Der Korrespondent der News, Jim KcKay, erschien plötzlich und übertrug die Situation in Englisch. Wir erfuhren, dass die Bande von Terroristen mit Leichtigkeit über den Zaun des Olympischen Dorfes gestiegen war, mit Reisetaschen voller Munition und Maschinengewehren und schnurstracks zu den Athleten aus Israel eilte. Wir saßen vor dem Fernseher und unsere Emotionen liefen Amok vor Angst und Wut. Es schien unmöglich, dass es dort außer dem dürftigen Zaun keine weiteren Sicherheitsvorkehrungen gegeben hatte, um die internationalen Wettkampfteilnehmer zu schützen.

Gerade bevor wir uns bettfertig gemacht hatten, gab es Gerüchte, dass eine Einigung erzielt worden wäre und die Geiseln freigelassen würden. Der Plan schien zu sein, dass die Geiselnehmer die neun Athleten zum Münchner Flughafen von Fürstenfeldbruck bringen würden. Dort wären vier oder mehr deutsche Scharfschützen für den Fall, dass die bewaffneten Terroristen versuchen würden, das Feuer auf ihre Gefangenen zu eröffnen. Ein Flugzeug würde auf der Rollbahn stehen, um die Palästinenser und Geiseln in einen Ort des Nahen Ostens zu fliegen. Wir gingen ins Bett mit optimistischen Gefühlen, dass die Geiseln befreit würden.

Wir wachten mit den äußerst erschütternden Nachrichten auf, dass alle neun Geiseln niedergemetzelt worden waren, doch drei der Terroristen überlebt hatten. Letztere wurden später von den deutschen Behörden freigelassen. Meine Cousins waren sprachlos und geschockt. Ich fragte mich ungläubig „Wie um alles in der Welt kann das sein? Wir haben 1972 und nicht 1942. Jüdische Leichen und Blut beflecken wieder deutschen Boden?“

Es wurde eine Durchsage bezüglich einer schnell arrangierten Zeremonie übertragen, um der ermordeten Athleten zu gedenken. Niemand von uns hatte das Bedürfnis, ihr beizuwohnen. Die Zeremonie beinhaltete nicht die traditionelle Schweigeminute für die Toten. Avery Brundage, der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees lehnte es ab, die Spiele aus Respekt vor den Trauernden zu verschieben und bestand gebieterisch darauf „Die Spiele werden weitergehen!“ Steve fragte sich, ob das auch die Reaktion gewesen wäre, wenn das Massaker 11 amerikanischen Athleten das Leben gekostet hätte.

Steve und ich gingen nach draußen, nachdem wir genug hatten von der Berichterstattung. Die Straßen, die vor ein paar Tagen freundlich und einladend schienen, fühlten sich nun gefühllos und hartherzig an. Wir schauten uns an – angewidert und sagten uns „Wir müssen raus von hier.“ Wir stornierten den Rest unserer Hochzeitsreise, nahmen einen Zug in die Schweiz und von dort einen Flieger nach Israel.

Experten haben zahlreiche Fehler in der Handhabung der Sicherheitsmaßnahmen für alle Athleten gefunden. Angefangen bei dem Mangel an adäquaten Schutzmaßnahmen des Dorfes bis hin zum misslungenen Versuch der Polizei, die Geiseln zu retten, wurden Fehler über Fehler gemacht. Ein Experte für Veranstaltungssicherheit hatte vorgeschlagen, Wochen vor den Spielen, dass die Athleten nach Sportarten untergebracht werden sollten und nicht nach Ländern – Schwimmer in einem Bereich, Leichtathletik in einem anderen, usw. Das hätte jede Art von Zwischenfällen gegen eine bestimmte Nationalität verhindert. Die Idee wurde über den Haufen geworfen.

Manche glauben, dass die zuständige Polizei es abgelehnt hat, den Sicherheitsbeamten zu erlauben, sich zu bewaffnen oder am Ankunftsterminal oder irgendwo sonst auf dem Olympiagelände auf Waffen hin zu kontrollieren. Es wurde anscheinend eine Rechtfertigung gebraucht, um dem Image der „unbeschwerten Spiele“ Vorschub zu leisten.

Bücher sind geschrieben worden über die Tragödie von 1972, ebenso viele Filme zu dem Thema. Das Münchner Massaker zerstörte den Glauben, die Olympischen Spiele seien harmlose Wettkämpfe zwischen den Athleten der Welt. Für immer wird es danach Sicherheitsbedenken und Angst vor politischen Störungen geben.

Es hat 49 Jahre gedauert, bis das Internationale Olympische Komitee endlich der 11 Ermordeten mit einer Schweigeminute bei den Olympischen Spielen in Tokio gedachte.

Heute, ein halbes Jahrhundert später, sind wir gefordert, darüber nachzudenken, was alles schief gelaufen ist und warum. Im Gedenken an die unschuldigen Menschen, die auf tragische Weise ums Leben gekommen sind, haben wir die Pflicht, aus der Vergangenheit zu lernen, um sicherzugehen, dass solche Tragödien sich nicht wiederholen können.

Übersetzung: faehrtensuche

Rabbi Sacks‘ 7 Prinzipien für den Erhalt des jüdischen Volkes

Original (Video) : Rabbi Sacks, Seven Principles for Maintaining Jewish Peoplehood

Juden sind ein argumentierfreudiges Volk. Wir sagen „Der Herr ist mein Hirte“, aber kein Jude war jemals ein Schaf. Ich erinnere mich an einen Dialog mit dem verstorbenen großartigen israelischen Schriftsteller Amos Oz, der mit den Worten begann: „Ich bin mir nicht sicher, ob ich Rabbi Sacks in allem zustimmen werde, aber in den meisten Dingen stimme ich mir selbst nicht zu.“

Unsere Zivilisation ist die einzige, die ich kenne, deren kanonische Texte Anthologien von Argumenten sind. Die Propheten diskutierten mit Gott; die Rabbis diskutierten untereinander. Wir sind ein Volk mit starken Ansichten – es ist ein Teil dessen, was uns ausmacht. Unsere Fähigkeit zu argumentieren, unsere völlige Diversität – kulturell, religiös und in jeder anderen Hinsicht – ist keine Schwäche, sondern eine Stärke. Wenn sie jedoch der Grund dafür ist, dass wir uns entzweien, wird sie schrecklich gefährlich, denn während kein Reich der Welt jemals in der Lage war, uns zu vernichten, haben wir es gelegentlich geschafft, uns selbst eine Schlappe beizubringen.

Das passierte dreimal. Das erste Mal geschah es in den Tagen von Joseph und seinen Brüdern, wenn die Tora sagt: „Sie konnten nicht mehr friedlich miteinander reden.“ Die Brüder verkauften Joseph als Sklaven und doch landeten sie schließlich alle, auch ihre Enkel, in der Sklaverei. Das zweite Mal folgt auf die Fertigstellung des ersten Tempels. Salomo stirbt, sein Sohn übernimmt die Herrschaft, das Königreich teilt sich in zwei Teile. Das war der Anfang vom Ende von beiden – dem nördlichen und dem südlichen Königreich. Das dritte Mal geschah als die Römer Jerusalem belagerten und die jüdischen Männer und Frauen, die im Inneren belagert wurden, mehr darauf konzentriert waren, sich gegenseitig zu bekämpfen als den Feind draußen. Diese drei Spaltungen innerhalb des jüdischen Volkes führten zu den drei großen Exilzeiten des jüdischen Volkes.

Wie denn dann können wir mit dieser Diversität innerhalb eines einzigen Volkes, das durch Schicksal und Bestimmung miteinander verbunden ist, zurechtkommen?

Ich denke, es gibt sieben Prinzipien, die dabei helfen.

PRINZIP 1: Hören Sie nicht auf, miteinander zu reden.

Denken Sie daran, was die Tora über Josef und seine Brüder sagt: „Lo yachlu dabro leshalom“. „Sie konnten nicht in Ruhe mit ihm reden.“ Mit anderen Worten, Reb Yonason Eybeschutz sagt, wenn sie weiter miteinander geredet hätten, hätten sie schließlich Frieden geschlossen. Also, reden Sie weiter miteinander.

PRINZIP 2: Hören Sie einander zu.

Es gibt eine gute und eine schlechte Nachricht über das jüdische Volk. Die gute Nachricht ist die, dass wir zu den besten Rednern der Welt gehören. Die schlechte Nachricht ist, dass wir zu den schlechtesten Zuhörern der Welt gehören. Das „Shema Yisrael“ fordert uns auf, einander auf eine Weise zuzuhören, dass wir wirklich hören, was unser Gegenüber sagt. Wenn wir das tun, entdecken wir, dass es nicht nur ein wirksamer Weg ist, Konflikte zu vermeiden, sondern auch ein zutiefst therapeutischer.

PRINZIP 3: Bemühen Sie sich, diejenigen zu verstehen, mit denen Sie nicht übereinstimmen

Erinnern Sie sich daran, warum das Gesetz Hillel folgt und nicht Shammai. Gemäß dem Talmud war Hillel demütig und bescheiden; er lehrte die Ansichten seiner Gegner noch vor seinen eigenen. Er bemühte sich, den Standpunkt, mit dem er nicht übereinstimmte, zu verstehen.

PRINZIP 4: Trachten Sie nie danach, den Sieg zu erringen

Versuchen Sie niemals, Ihren Opponenten eine Niederlage zuzufügen. Wenn Sie versuchen, Ihrem Gegenüber eine Niederlage zu bereiten, wird Ihr Gegenüber – das ist menschliche Psychologie – versuchen, sich zu revanchieren, indem er Ihnen eine Niederlage zufügt. Das Endergebnis wird sein, dass – selbst wenn Sie heute gewinnen – Sie morgen verlieren werden, und am Ende wird jeder verlieren. Denken Sie nicht in Kategorien wie Sieg oder Niederlage. Denken Sie daran, was das Beste für das jüdische Volk ist.

PRINZIP 5: Wenn Sie Respekt erlangen wollen, erweisen Sie Respekt

Denken Sie an das Prinzip in den Sprüchen: „Wie sich das Angesicht im Wasser spiegelt, so spiegelt sich das Herz des Menschen im Menschen.“ Wie Sie sich anderen gegenüber verhalten, so werden sich die anderen Ihnen gegenüber verhalten. Wenn Sie anderen Juden gegenüber Geringschätzung zeigen, werden sie Ihnen gegenüber auch geringschätzig sein. Wenn Sie anderen Juden Respekt entgegenbringen, werden sie Sie respektieren.

PRINZIP 6: Sie können anderer Meinung sein und sich trotzdem kümmern

Juden werden nie mit allem übereinstimmen, aber wir bleiben eine große Familie. Wenn Sie mit einem Freund nicht einer Meinung sind, kann es sein, dass er morgen nicht mehr Ihr Freund ist. Aber wenn Sie nicht mit Ihrer Familie übereinstimmen, wird sie morgen noch Ihre Familie sein. Letztendlich ist es die Familie, die uns zusammenhält, und das kommt am besten in dem Grundsatz „Kol Yisrael arevim zeh bazeh“ zum Ausdruck – „Alle Juden sind füreinander verantwortlich.“

Denken sie daran, dass das die ultimative Basis des jüdischen Volkes ist. Wie es Shimon bar Yochai ausdrückte: „Wenn ein Jude verletzt ist, fühlen alle Juden den Schmerz.“ Deswegen müssen wir uns anstrengen, uns an die sechste Regel zu erinnern. Letztendlich brauche ich Sie nicht, um mit mir einer Meinung zu sein, ich möchte nur, dass Sie sich um mich kümmern.

PRINZIP 7: Denken Sie daran, dass Gott uns als Volk erwählt hat

Denken Sie daran, dass Gott uns als Volk erwählt hat. Er hat nicht nur die Gerechten zu Seinem Volk erwählt oder nur die Heiligen oder nur die sehr sakralen Menschen, er hat uns alle erschaffen. Das bedeutet also, dass wir als ein Volk vor Gott stehen und als sein Volk stehen wir vor der Welt. Die Welt differenziert nicht, Antisemiten differenzieren nicht. Wir sind vereint durch ein Bündnis der gemeinsamen Erinnerung, der gemeinsamen Identität, des gemeinsamen Schicksals, auch wenn wir unterschiedliche Sichtweisen auf unseren Glauben haben.

Die Weisen haben etwas sehr Beeindruckendes gesagt. Sie sagten: „Der Friede ist wichtig, denn selbst wenn Israel Götzen anbetet und Frieden unter ihnen ist, wird Gott es nie zulassen, dass ihnen Schaden zugefügt wird.“ Das ist eine starke Vorstellung, über die man nachdenken sollte. Also beim nächsten Mal, wenn Sie versucht sind, sich von einer Gruppe von Juden, von der Sie meinen, sie hätte Sie beleidigt, zu entfernen, unternehmen Sie diesen besonderen Kraftaufwand, diese Geste des Zusammenbleibens, des Vergebens, des Zuhörens und der Einigkeit, denn wenn Gott jeden von uns liebt, können wir es dann rechtfertigen, darin zu versagen, auch genau das zu tun.

Übersetzung des Transkripts: faehrtensuche