Wie ein pro-palästinensischer Reporter seine Ansichten über Israel und den Konflikt veränderte

von Hunter Stuart
15. Februar 2017

Originaltext: HOW A PRO-PALESTINIAN AMERICAN REPORTER CHANEGED HIS VIEWS ON ISRAEL AND THE CONFLICT

Ein Jahr Arbeit als Journalist in Israel und in den palästinensischen Gebieten brachte Hunter Stuart dazu, seine Position zu dem Konflikt zu überdenken.

Im Sommer des Jahres 2015, nur drei Tage nach meiner Übersiedlung nach Israel für eine eineinhalbjährige freiberufliche Berichterstattung aus der Region, schrieb ich meine Gefühle über den israelisch-palästinensischen Konflikt nieder. Einer meiner Freunde in New York hatte erwähnt, dass es interessant wäre zu sehen, ob sich die Art und Weise meiner Empfindungen ändern würde, wenn ich in Israel wohnte. Mein Freund vermutete wahrscheinlich, dass die Dinge anders aussähen – sozusagen aus dem Sitz in der vordersten Reihe.

Er hatte ja so recht!

Bevor ich nach Jerusalem zog, war ich sehr pro-palästinensisch eingestellt. Das war fast jeder, den ich kannte. Ich wuchs protestantisch auf in einer malerischen, politisch korrekten Stadt Neuenglands, fast jeder um mich herum war liberal. Und liberal-sein in Amerika geht einher mit einem Pantheon der Überzeugungen: Man unterstützt Pluralismus, Toleranz und Vielfalt. Man unterstützt Homosexuellen-Rechte, Zugang zu Abtreibungen und Waffenkontrolle.

Der Glaube, dass Israel die Palästinenser zu Unrecht schikaniert, ist ein untrennbarer Teil dieses Pantheon. Die meisten Progressiven in den USA sehen Israel als einen Aggressor, der die armen edlen Araber unterdrückt, denen so brutal ihre Freiheit verweigert wird.

„Ich glaube, dass Israel die Kontrolle über den gesamten Gaza-Streifen und den größten Teil des Westjordanlandes abgeben sollte“, schrieb ich am 11. Juli 2015 von einem Park in der Nähe meiner neuen Wohnung im Jerusalemer Stadtteil Baka. „Die Besatzung ist ein Akt des Kolonialismus, der für Millionen von Palästinensern nur Leid, Frustration und Verzweiflung schafft.“

Wie vielleicht vorherzusehen – diese Ansicht kam nicht gut an bei den Menschen, die ich während meiner ersten paar Wochen in Jerusalem traf,  einer auch nach israelischen Standards konservativen Stadt. Meine Frau und ich waren mehr oder weniger zufällig auf die jüdische Seite der Stadt gezogen – der erste Airbnb-Gastgeber, der unsere Anfrage, ein Zimmer zu mieten, akzeptierte, befand sich zufällig im Nachlaot-Viertel, wo selbst die Hipsters religiös sind. Folglich war fast jeder, mit dem wir zu tun hatten, jüdischer Israeli und sehr solidarisch mit Israel. Ich teilte ihnen nicht meine pro-palästinensischen Ansichten mit – ich scheute mich zu sehr. Aber sie müssen meine Antipathie wahrgenommen haben. (Später erfuhr ich, dass dies ein sechster Sinn ist, über den Israelis verfügen.)

Während meiner ersten Wochen in Jerusalem geriet ich ständig in Streit über den Konflikt mit meinen Mitbewohnern und im sozialen Umfeld. Anders als das kühl-korrrekte Neuengland gewährt Israel nicht das Privileg, unangenehme politische Gespräche zu vermeiden. Außerhalb der Tel Aviv-Blase ist der Konflikt allgegenwärtig; er betrifft fast jeden Aspekt des Lebens. Vermeiden ist einfach keine Option.

Während einer solchen Diskussion wollte einer meiner Mitbewohner – ein lockerer amerikanisch-jüdischer Typ etwa Mitte 30 – vermutlich zum Ausdruck bringen, dass alle Palästinenser Terroristen wären. Ich wurde ärgerlich und sagte ihm, dass es falsch wäre, alle Palästinenser Terroristen zu nennen, dass nur eine kleine Minderheit Terroranschläge unterstützte. Mein Mitbewohner holte prompt seinen Laptop heraus, rief eine Umfrage des Pew-Forschungszentrums aus dem Jahr 2013 auf und zeigte mir den Bildschirm. Ich sah, dass die Forscher von Pew eine Umfrage unter Tausenden von Menschen in der muslimischen Welt gemacht und sie gefragt hatten, ob sie Selbstmordattentate gegen die Zivilbevölkerung unterstützen würden, um „den Islam gegen seine Feinde zu verteidigen.“ Die Umfrage ergab, dass 62 Prozent der Palästinenser meinten, solche terroristischen Handlungen gegen die Zivilbevölkerung seien unter diesen Umständen gerechtfertigt. Und nicht nur das, die palästinensischen Gebiete waren die einzigen in der muslimischen Welt, wo eine Mehrheit der Bürger den Terrorismus unterstützte; überall sonst war es eine Minderheit – vom Libanon und Ägypten bis nach Pakistan und Malaysia.

Ich ließ meinen Mitbewohner in den frühen Morgenstunden nicht die Diskussion gewinnen. Aber die Statistik beeindruckte mich tief.

Nicht ganz einen Monat später, im Oktober 2015, begann eine Welle palästinensischer Terroranschläge gegen jüdische Israelis. Fast jeden Tag stach ein wütender, junger muslimischer Palästinenser [jemanden] nieder oder versuchte, jemanden mit seinem Auto zu überfahren. Viele der Gewaltakte passierten in Jerusalem, einige davon nur wenige Schritte von dem Ort entfernt, wo meine Frau und ich in eine eigene Wohnung gezogen waren und wo wir lebten und arbeiteten und einkaufen gingen.

Ich gebe zu, dass ich zuerst nicht viel Sympathie für Israelis empfunden habe. Eigentlich hatte ich ein Gefühl der Feindseligkeit. Ich hatte den Eindruck, dass sie [die Israelis] die Ursache für die Gewalt waren. Ich wollte sie schütteln und sagen: „Hört mit der Besatzung des Westjordanlandes auf, hört auf, Gaza zu blockieren, und die Palästinenser werden aufhören, euch zu töten!“ Es schien mir so offensichtlich. Wie konnten sie nicht erkennen, dass all diese Gewalt eine natürliche, wenn auch unangenehme Reaktion auf die Aktionen ihrer Regierung war?

Erst als die Gewalt persönlich wurde, begann ich, die israelische Seite mit größerer Klarheit zu sehen. Als die „Messer-Intifada“ (als die sie später bekannt wurde) voll in Gang war, reiste ich in das verarmte Ost-Jerusalem-Viertel von Silwan für eine Story, die ich schrieb.

Als ich ankam, zeigte ein etwa 13-jähriger palästinensischer Bursche auf mich und schrie „Yehud!“, was „Jude“ auf Arabisch bedeutet. Sofort rannte eine große Gruppe seiner Freunde, die in der Nähe herumhingen, mit einem furchterregenden Funkeln in ihren Augen auf mich zu. „Yehud! Yehud!“, schrien sie. Ich fühlte, wie mein Herz zu schlagen begann. Ich schrie sie auf Arabisch an: „Ana mish yehud! Ana mish yehud“! („Ich bin nicht jüdisch, ich bin nicht jüdisch!“) Immer und immer wieder. Ich sagte ihnen, auch auf Arabisch, dass ich ein amerikanischer Journalist wäre, der „Palästina liebte“. Danach beruhigten sie sich, aber der Blick in ihren Augen, als sie mich zuerst sahen, ist etwas, das ich nie vergessen werde. Später, bei einer Hausparty in Amman, traf ich einen Palästinenser, der in Silwan aufgewachsen war. „Wärst du Jude gewesen, hätten sie dich wahrscheinlich getötet“, sagte er.

An diesem Tag habe ich es geschafft, unversehrt von Silwan zurückzukommen; andere hatten nicht so viel Glück. In Jerusalem und in ganz Israel gingen die Angriffe gegen jüdische Israelis weiter. Meine Einstellung begann sich zu verändern, wahrscheinlich, weil mich die Gewalt zum ersten Mal direkt beeinflusste.

Ich habe mir Sorgen gemacht, dass meine Frau womöglich niedergestochen werden könnte, während sie auf dem Heimweg von der Arbeit war. Jedes Mal, wenn mein Telefon aufleuchtete mit Nachrichten eines anderen Angriffs und ich nicht zusammen mit ihr in demselben Raum war, schickte ich ihr sofort eine Textnachricht, um zu sehen, ob sie okay war.

Dann erzählte uns ein Freund von mir – ein älterer jüdischer Israeli, der meine Frau und mich zum Abendessen in seiner Wohnung im Talpiot-Viertel der Hauptstadt zum Essen eingeladen hatte, dass sein Freund im Monat zuvor von zwei Palästinensern in einem Stadtbus, nicht weit von seiner Wohnung entfernt, ermordet worden war. Ich kannte die Geschichte gut, nicht nur aus den Nachrichten, sondern weil ich die Familie eines der beiden palästinensischen Jungs, die den Angriff durchgeführt hatten, interviewt hatte. Im Interview erzählte mir seine Familie, wodurch er ein viel versprechender junger Unternehmer war, der durch die täglichen Demütigungen, die die Besatzung mit sich brachte, durchgedreht wäre. Am Ende verfasste ich einen sehr sympathisierenden Bericht über den Mörder für eine jordanische Nachrichten-Webseite namens Al Bawaba News.

Ich schrieb über den Angriff mit dem distanzierten analytischen Blick eines Journalisten, ich war in der Lage (ich lernte schnell), die von den meisten Nachrichtenagenturen gewünschte Perspektive einzunehmen, [nämlich] dass sich Israel die palästinensische Gewalt selbst zuzuschreiben habe. Aber als ich erfuhr, dass der Freund meines Freundes eines der Opfer war, veränderte das meine Art zu denken. Ich fühlte mich schrecklich, weil ich einen der Mörder öffentlich verherrlicht hatte. Der Mann, der ermordet worden war, Richard Lakin, kam ursprünglich aus Neuengland, wie ich, und hatte an einer Schule in Jerusalem Englisch für israelische und palästinensische Kinder gelehrt. Er glaubte daran, Frieden mit den Palästinensern zu schließen und „verpasste nie eine Friedensdemonstration“, so sein Sohn.

Im Gegensatz dazu hatten seine Mörder, die aus einem bürgerlichen Viertel Ost- Jerusalems stammten und im Vergleich zu den meisten Palästinensern eigentlich ganz wohlhabend waren, 20.000 Shekel bezahlt, um den Bus an diesem Morgen mit ihren meuchlerischen Schusswaffen zu stürmen. Mehr als ein Jahr später kann man ihre Gesichter noch überall auf den sie als Märtyrer verherrlichenden Plakaten in Ostjerusalem sehen. (Einer der Angreifer, Baha Aliyan, 22 Jahre alt, wurde bei dem Vorfall getötet, der zweite, Bilal Ranem, 23, wurde lebend festgenommen.)

Meine persönliche Betroffenheit bei dem Konflikt hat mich dazu veranlasst, zu fragen, wie verzeihend ich vorher gegenüber palästinensischer Gewalt gewesen war. Liberale Menschenrechtsgruppen und die meisten Medien gaben jedoch weiterhin Israel die Schuld für die Angriffe. Ban Ki-moon zum Beispiel, der damals den Vereinten Nationen vorstand, sagte im Januar 2016 – als die Straßen meiner Nachbarschaft mit dem Blut unschuldiger israelischer Zivilisten befleckt waren -, dass es „menschliche Natur sei, auf die Besatzung zu reagieren“. In Wirklichkeit gibt es keine Rechtfertigung dafür, jemanden zu töten, ganz egal, was die politische Situation sein mag oder nicht sein mag, und die Aussage von Ban wurmte mich.

Gleichermaßen begann mich die Art und Weise, wie internationale NGOs, europäische Führer und andere während dieser Welle terroristischer Angriffe Israel für ihre „Shoot to Kill“-Politik kritisierten, immer mehr zu verärgern.

In fast jedem Land, wenn die Polizei mit einem Terroristen konfrontiert wird, der gerade Menschen tötet, erschießt sie ihn und Menschenrechtsgruppen sagen [dazu] keinen Mucks. Dies passiert in Ägypten, Saudi-Arabien und Bangladesch; es passiert in Deutschland und England und Frankreich und Spanien, und mit absoluter Sicherheit geschieht das in den USA (man erinnere sich an San Bernardino, das Nachtklubmassaker in Orlando, die Bombenanschläge beim Boston-Marathon usw.). Hat Amnesty International Barack Obama oder Abdel Fattah al-Sisi oder Angela Merkel oder François Hollande verurteilt, wenn ihre Polizeikräfte einen Terroristen töteten? Nö. Aber sie [die Organisation] legt Wert darauf, Israel zu verurteilen. 

Außerdem fing ich an festzustellen, dass die Medien besonders darauf fixiert waren, die moralischen Mängel Israels hervorzuheben, auch wenn andere Länder auf unendlich abscheulichere Weise agierten. Wenn Israel die räumliche Verlegung einer Ansammlung palästinensischer landwirtschaftlicher Zelte androht, so wie sie es z.B. im Sommer 2015 im Westjordanland mit dem Ort Sussiya getan hat, macht die Geschichte wochenlang internationale Schlagzeilen. Die liberale Empörung war endlos. Doch als Ägyptens Präsident Bulldozer und Dynamit benutzte, um eine ganze Nachbarschaft auf der Sinai-Halbinsel im Namen der nationalen Sicherheit zu zerstören, nahmen die Menschen das kaum zur Kenntnis.

Woher kommen diese doppelten Standards?

Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass es so ist, weil der israelisch-palästinensische Konflikt an das Bedürfnis progressiver Menschen in Europa, den USA und anderswo appelliert. Sie sehen Israel als weißes, Erste-Welt-Volk, das auf ein armes, Dritte-Welt [-Volk] einschlägt. Ihnen fällt die Empörung leichter, wenn sie beobachten, wie zwei radikal verschiedene Zivilisationen kollidieren als wenn sie beobachten, wie alawitische Moslems z.B. sunnitische Moslems in Syrien töten, weil der Unterschied zwischen Alawiten und Sunniten für einen westlichen Beobachter zu subtil ist, um in ein überzeugendes Narrativ zu passen, das einfach auf Facebook resümiert werden kann.

Bedauerlicherweise für Israel sind Videos in den Sozialen Netzwerken (die zeigen, dass US-finanzierte jüdische Soldaten bei der Bekämpfung von randalierenden arabischen Muslimen Tränengas einsetzen) eine Unterhaltung auf Hollywood-Niveau und passen perfekt zu dem liberalen Narrativ, dass Muslime unterdrückt werden und dass das jüdische Israel ein Tyrann ist.

Ich bewundere den liberalen Wunsch, den Underdog zu unterstützen. Sie[die Liberalen] wollen auf der richtigen Seite der Geschichte sein und haben die besten Intentionen. Das Problem ist, dass ihre Überzeugungen oft nicht mit der Realität übereinstimmen.

In Wirklichkeit sind die Dinge viel, viel komplexer als ein Fünf-Minuten-Spot in den Abendnachrichten oder ein zwei Abschnitte langer Facebook-Status jemals in der Lage sein wird zu porträtieren. Wie ein Freund mir kürzlich sagte: „Der Grund, warum der israelisch-palästinensische Konflikt unlösbar ist, liegt darin, dass beide Seiten wirklich ein gutes Argument haben.“

Leider sehen es nicht genug Leute so. Vor kurzem stieß ich mit einem alten Freund aus dem College zusammen, der mir sagte, dass ein Mann, den wir beide als Studienanfänger kennengelernt hatten, nach seinem Abschluss für einige Zeit in palästinensischen Protesten aktiv gewesen war. Die Tatsache, dass ein kluger, gut ausgebildeter Bursche aus Vermont, der eine der besten freien Schulen in den USA besucht hat, Tausende von Kilometern gereist ist, um Ziegelsteine auf israelische Soldaten zu werfen, ist sehr, sehr aufschlussreich.

Es gibt ein altes Sprichwort, das lautet: „Wenn du jemanden umstimmen willst, mache ihn zuerst zu deinem Freund.“ Die Freunde, die ich in Israel gefunden habe, haben meine Denkweise über das Land und über die jüdische Notwendigkeit einer Heimat für immer verändert. Aber ich habe auch viel Zeit mit Reisen in die palästinensischen Gebiete verbracht, um Palästinenser kennenzulernen. Ich habe fast sechs Wochen in Nablus und Ramallah, in Hebron und sogar im Gaza-Streifen verbracht. Ich habe einige wunderbare Leute an diesen Orten kennengelernt; ich habe eine Großzügigkeit und Gastfreundschaft erlebt wie nirgendwo sonst, wo ich hingefahren bin. Mit einigen von ihnen werde ich für den Rest meines Lebens befreundet sein. Doch fast ohne  jede Ausnahme waren ihre Ansichten über den Konflikt, über Israel und über das jüdische Volk im Allgemeinen äußerst enttäuschend.

Erstens lehnen selbst die freundlichsten und gebildetsten Palästinenser der „Upper-Class“ Israel zu 100 Prozent ab – nicht nur die Besetzung von Ost-Jerusalem und des Westjordanlands. Sie werden sich mit einer Zwei-Staaten-Lösung schlicht nicht zufrieden geben; ihr Bestreben ist eine Rückkehr zu ihren angestammten Häusern in Ramle, Jaffa, Haifa und anderswo, in das Israel von 1948, d.h. innerhalb der Grünen Linie. Und sie wollen, dass die Israelis, die jetzt dort leben, fortgehen. Sie sprechen fast nie von Koexistenz; sie sprechen von Vertreibung, von der Zurücknahme „ihres“ Landes.

Wie moralisch kompliziert die Gründung Israels auch immer gewesen sein mag, wie viele unschuldige Palästinenser auch immer getötet und aus ihren Häusern vertrieben worden sind, 1948 und wiederum 1967 – für mich ist Israel nun eine Tatsache, die von fast jeder Regierung der Welt (viele im Nahen Osten inbegriffen) akzeptiert wird. Doch das anhaltende Bestreben der Palästinenser nach der Auslöschung Israels von der Landkarte ist unproduktiv und rückständig und der Westen muss sehr vorsichtig sein, das nicht zu fördern.

Zum anderen glaubt ein großer Prozentsatz der Palästinenser, selbst in der gebildeten Oberschicht, dass der größte islamische Terrorismus in Wirklichkeit von westlichen Regierungen in die Wege geleitet wird, um Muslime schlecht zu machen. Ich weiß, das klingt absurd. Es ist eine Verschwörungstheorie, die komisch ist, bis du sie, wie ich, immer wieder auf’s Neue hörst. Ich kann kaum zählen, wie viele Palästinenser mir berichtet haben, dass die Messerangriffe in Israel in den Jahren 2015 und 2016 fingiert waren und dass die CIA ISIS geschaffen habe.

Nach den ISIS-Massenerschießungen in Paris im November 2015, bei dem 150 Menschen getötet wurden, bemerkte zum Beispiel eine Kollegin – eine ausgebildete 27-jährige libanesisch-palästinensische Journalistin – beiläufig, dass diese Massaker „wahrscheinlich“ vom Mossad begangen wurden. Obwohl sie wie ich Journalistin war und der Suche nach der Wahrheit, ganz gleich wie unangenehm, hätte verpflichtet sein müssen – diese Frau war nicht gewillt, zuzugeben, dass Muslime solch einen schrecklichen Anschlag verüben würden, jedoch allzu gewillt – im Widerspruch zu allen Fakten – die Schuld daran israelischen Spionen in die Schuhe zu schieben.

Wenn ich reise, versuche ich normalerweise, Menschen zuzuhören, ohne meine eigene Meinung aufzudrängen. Für mich ist es das, um was es beim Reisen geht – deinen Mund zu halten und andere Perspektiven kennenzulernen. Aber nach 3-4 Wochen des Reisens in Palästina wurde ich dieser Verschwörungstheorien müde.

„Araber müssen die Verantwortung für gewisse Dinge übernehmen“, schrie ich schließlich einen Freund an, mit dem ich in Nablus Freundschaft geschlossen hatte, als er das 3. oder 4. Mal die Schuld von Muslimen am islamischen Terrorismus abzuwälzen versuchte. „Nicht alles ist Amerikas Schuld.“ Mein Freund schien von meiner Heftigkeit überrascht zu sein und ließ das Thema fallen – offensichtlich hatte ich bei diesem Unsinn meinen Sättigungspunkt erreicht.

Ich kenne viele jüdische Israelis, die bereit sind, das Land mit muslimischen Palästinensern zu teilen, aber aus irgendeinem Grund war es nahezu unmöglich, einen Palästinenser zu finden, der auf die gleiche Weise empfindet. Unzählige Palästinenser sagten mir, sie hätten kein Problem mit Juden, nur mit Zionisten. Sie schienen zu vergessen, dass Juden seit Jahrtausenden in Israel leben, zusammen mit Muslimen, Christen, Drusen, Atheisten, Agnostikern und anderen, meistens in Harmonie. Stattdessen glaubt die überwiegende Mehrheit, dass Juden erst im 20. Jahrhundert in Israel ankamen und deswegen nicht hierher gehören.

Natürlich mache ich Palästinensern keine Vorwürfe, dass sie Autonomie wollen oder dass sie in ihre Heimat zurückkehren wollen. Es ist ein ganz natürlicher Wunsch; ich weiß, dass ich genauso empfinden würde, wenn etwas Ähnliches meiner eigenen Familie passiert wäre. Aber solange Westmächte und NGOs und progressive Menschen in den USA und Europa es versäumen, palästinensische Angriffe gegen Israel zu verurteilen, desto unergründlicher wird der Konflikt wachsen und desto mehr Blut wird auf beiden Seiten vergossen werden.

Ich bin jetzt zurück in den USA und lebe im Norden Chicagos in einer liberalen Enklave, wo die meisten Menschen – einschließlich der Juden – dazu neigen, das Bestreben der Palästinenser nach Staatlichkeit, das in internationalen Foren wie der UNO jedes Jahr an Stärke gewinnt, zu unterstützen.

Persönlich bin ich nicht mehr davon überzeugt, dass das eine so gute Idee ist. Wenn den Palästinensern im Westjordanland ein eigener Staat zugestanden wird, wer kann sagen, dass sie nicht die Hamas wählen würden, eine islamistische Gruppe, die sich der Zerstörung Israels verschrieben hat? Das ist genau das, was in Gaza bei den demokratischen Wahlen im Jahr 2006 passiert ist. Glücklicherweise ist Gaza einigermaßen isoliert, und seine geographische Isolation sowie die von Israel und Ägypten auferlegte Blockade begrenzen den Schaden, den die Gruppe anrichten kann. Aber dass sie die Kontrolle über das Westjordanland und die Hälfte von Jerusalem hat, kann Israel natürlich nicht wollen. Es wäre Selbstmord. Und von keinem Land kann erwartet werden, dass es seiner eigenen Zerstörung zustimmt.

So, jetzt weiß ich nicht, was ich denken soll. Ich bin quasi im Zentrum einer der strittigsten Themen der Welt. So sozial inakzeptabel es vermutlich auch war, ich kann zumindest sagen, dass ich bereit war, meine Meinung zu ändern.

Wenn nur mehr Menschen das Gleiche täten!

Übersetzung: faehrtensuche

Al-Husseini, Genoud, Waldheim und Arafat

Wie der Judenhass des islamischen Jihads mit dem Nationalsozialismus fusionierte, um ihn als „palästinensische Sache“ zu überleben.

So lautet der Titel eines Essays, der Zusammenhänge darstellt, die in Anbetracht des wachsenden Einflusses des Islam höchst interessant und aufschlussreich sind. Wohl wissend um meine Interessenslage, wurde mir diese Recherche eigentlich „nur“ zur Kenntnisnahme zugeschickt. Sehr eingenommen von dem Inhalt, bat ich um die Möglichkeit, den Essay, im Original auf Englisch verfasst (FDG, How Islamic Jihad’s Jew-Hatred Merged with Nazism to Outlive it as  the „Palestinian Cause“, June 2016), übersetzen und veröffentlichen zu dürfen. Dieses wurde mir zugestanden! Darüber freue ich mich sehr und danke herzlich! 🙂

Eine Sache bleibt zu sagen: Der Essay unterliegt dem Copyright! Der Inhalt ist urheberrechtlich geschützt und darf nicht (auch nicht in Ausschnitten) kopiert oder verwendet werden! Sollte es diesbezügliche Anfragen geben, bitte an mich unter Impressum/Kontakt!

Hier nun also der Essay:

Al-Husseini, Genoud, Waldheim und Arafat:

Wie der Judenhass des islamischen  Jihads mit dem Nationalsozialismus fusionierte, um ihn als „palästinensische Sache“ zu überleben.

screenshot-85Der vordere Buchdeckel der 1995 erschienenen Ausgabe von Mein Kampf, von Bisan Publishers herausgegeben und in London verkauft. Diese Ausgabe war eine Neuveröffentlichung einer Übersetzung, die erstmals 1963 veröffentlicht wurde, ein Jahr vor der Verabschiedung der Palästinensischen Nationalcharta.

***

TEIL 1

Die gemeinsame Sache von Hitler und Al-Husseini: Judenhass

1916 kehrte Amin Al-Husseini (1897 – 1974), der Leutnant des Osmanischen Reiches war, auf Krankheitsurlaub wieder in seinen Geburtsort Jerusalem zurück und beschloss, die osmanische Armee zu verlassen und sich dem arabischen Aufstand in Großbritannien anzuschließen. Im Jahr 1917, während das Osmanische Reich in der Region besiegt wurde, wurde die Balfour Erklärung von den Briten herausgegeben, die das Recht des jüdischen Volkes, eine nationale Heimat in Palästina zu etablieren, offiziell anerkannte. Zu diesem Zeitpunkt organisierte Al-Husseini Aufstände gegen die Herrschaft des Britischen Mandats und Ausschreitungen gegen Juden, wurde verhaftet, verurteilt, aber dann – paradoxerweise – begnadigt und im Jahr 1921, obwohl er einen Volksentscheid verloren hatte, vom Generalgouverneur Palästinas, Sir Herbert Samuel, zum Großmufti von Jerusalem ernannt. Dieser Titel garantierte ihm religiöse und politische Autorität und die Briten hofften, dass er in dieser Position auf Gewalt verzichten würde. Doch Al-Husseini erkannte die Legitimität einer jüdischen Präsenz in der Region nicht an, obwohl diese lückenlos  im Land nachgewiesen werden konnte [noch] vor jeder arabischen/islamischen Präsenz (1) und stellte sich gegen die Araber, die bereit waren, mit den Juden zu kooperieren. Einige Araber verstanden die Ankunft von noch mehr Juden, europäischen im Besonderen, als eine Chance, von dem Wissen und dem technischen Fortschritt, die sie mit sich brachten, zu profitieren. In diesem Sinn hatte Emir Faisal bereits im Jahr 1919 mit Dr. Chaim Weizman, der im Auftrag einer Zionistischen Organisation tätig war,  ein Abkommen unterzeichet (2), das die Fortsetzung einer friedlichen Zusammenarbeit und Koexistenz von Juden und Arabern gewährleisten sollte. Al-Husseinis Traum eines panarabischen islamischen Reiches plante weder die Präsenz von Juden noch die Herrschaft einer nicht-islamischen Macht ein. Als er Mufti wurde, erließ Al-Husseini eine Fatwa des Jihads gegen die Zionisten und alle Muslime, die nicht mit ihm zusammenarbeiten würden. Er organisierte und lancierte die ersten modernen muslimischen Fedajin-Selbstmordkommandos, um seinen „heiligen Krieg“ zu führen, der ihn quasi zum Vater des modernen islamischen Jihad machte. Winston Churchill nannte ihn „eine auf zwei Beinen umhergehende Tonne Dynamit“ (3).

Im Jahr 1922 hatte Al-Husseini die Kuppel des Felsendoms vergolden lassen mit dem Ziel, die Bedeutung Jerusalems in der islamischen Welt zu verstärken, obwohl Jerusalem nicht im Koran erwähnt wird und bis dahin überhaupt keine Bedeutung für Muslime hatte. Al-Husseinis islamische Autorität nahm zu als er 1922 zum Obersten Befehlshaber des Obersten Muslimrates ernannt wurde und 1928 zu einem zentralen Mitglied und zur ideologischen Inspiration der Muslimbruderschaft wurde (4). Am 23. August 1929 verglich er in einer feurigen Rede in der Al-Aqsa-Moschee Palästina mit dem verlorenen Andalusien (Iberia) und erinnerte seine Zuhörerschaft daran, dass jedes Land, das jemals vom Islam erobert worden war, heilig und ewiger Besitz der „Ummah“, der islamischen Gemeinschaft, wäre. Im Anschluss an diese Rede riefen die Anhänger Al-Husseinis offen nicht nur zur Abschlachtung der Zionisten, sondern aller Juden auf während alle arabischen Führer, die seine Ansichten ablehnten, zum Schweigen gebracht werden sollten (5).

1933 war Al-Husseini der erste Führer, der Hitler ein Gratulationsschreiben zu seiner Wahl schickte. 1936 kontaktierte er Nazi-Emissär Adolf Eichmann bei seinem Besuch in Palästina und Ägypten. Bald darauf wurde Al-Husseini ein bezahlter Agent der Nazis und zettelte einen Aufstand gegen die Briten an. 1937 stellten die Briten einen Haftbefehl für ihn aus. Deswegen flüchtete er aus Palästina und suchte nacheinander Zuflucht im Französischen Mandatgebiet des Libanon, dann in Syrien, im Königreich Irak, in Italien und schließlich in Nazi-Deutschland.

Am 28. November 1941 traf Hitler mit Al-Husseini in Berlin zusammen. Al-Husseinis Tagebuch zufolge diskutierten sie damals „die jüdische Frage“. Hitler versprach, dass – nachdem die „Endlösung“ der Juden Europas erreicht worden wäre – die Nazis ihn als muslimischen Führer des Nahen Ostens einsetzen würden und eine Zeit käme, in der die ganze arabische Welt „Judenfrei“ wäre (6). Gerade mal zwei Monate nach diesem Treffen, am 20. Januar 1942, fand die Wannsee-Konferenz statt, auf der der Genozid der Juden, die sogenannte „Endlösung“, als offizielle Politik des Dritten Reiches beschlossen wurde. In seinen Memoiren schrieb Al-Husseini: „Unsere fundamentale Bedingung, mit Deutschland zu kooperieren, war Handlungsfreiheit, auch den letzten Juden in Palästina und der arabischen Welt auszurotten. Ich bat Hitler um eine ausdrückliche Vereinbarung, um uns zu erlauben, das jüdische Problem in einer Weise zu lösen, die zu unseren nationalen und rassischen Bestrebungen passte und nach den wissenschaftlichen Methoden, die Deutschland im Umgang mit seinen Juden neu entwickelte. Die Antwort, die ich bekam, lautete: ‚Die Juden gehören dir‘.“ Die Nazis gaben Al-Husseini ein luxuriöses Haus, das von einem Juden konfisziert worden war und in dem es – bis 1939 – eine hebräische Schule gegeben hatte. Er verwies auf seine neue Residenz und seinen Hauptsitz als „das Forschungsinstitut für das jüdische Problem in der moslemischen Welt“. Neben seinem Gehalt von über zehntausend Dollar (eine exorbitante Summe für den Standard der Zeit), das direkt aus dem Außenministerium stammte, erhielt er einen stetigen Geldfluss aus dem Sonderfond, Geld, das von Juden auf ihrem Weg in die Konzentrationslager konfisziert worden war. Von Berlin aus begann er damit, eine Rundfunksendung für die muslimische Bevölkerung in alle von Nazis kontrollierten Territorien auszustrahlen, in der er das Emporkommen einer muslimischen Armee im Dienste der NS-Sache und letztlich die „Befreiung“ der arabischen Welt forderte. Die Resonanz war so groß, dass eine große Anzahl von Muslimen Nazi-Militäreinheiten beitrat und dass er tatsächlich in der Lage war, ganze muslimische Divisionen, genannt Handžar-Divisione, aufzubringen. Ein von Al-Husseini im Jahr 1937 geschriebenes Buch „Apell an alle Muslime der Welt“ wurde an diese Soldaten verteilt. Darin behauptete er, im heiligen Text des Koran wäre dargelegt, dass die Juden die größten Feinde des Islam wären und er forderte die Muslime auf, für ihre Religion zu kämpfen und nie damit aufzuhören, bis alle muslimischen Länder judenrein wären: „Palästina, ein arabisches Land, wird für immer arabisch bleiben“ (7). Nach dem Krieg floh Al-Husseini mit einem falschen Pass nach Kairo, Ägypten, wo er weiterhin anti-jüdische Propaganda produzierte und verbreitete und wo er Mentor des Sohnes seines Cousins wurde, Yasser Arafat. Er starb am 24. Juli 1974 in Beirut, Libanon. Sechs Monate später würde seine pan-arabische islamische Sache – unter dem Deckmantel des „palästinensischen Kampfes“ – Eingang in die Weltpolitik erhalten – durch das Willkommenheißen Arafats in der UN. In der Tat wird im der Palästinensischen Nationalcharta im Jahr 1964 (8) das Ziel der islamischen Vorherrschaft unter dem Namen der „arabischen Einheit“ verschleiert, während die „palästinensische“ Identität als Tarnung vorgeschlagen wird. So wird das durch den Leiter der As-Sa’iqa-Fraktion der PLO, Zuheir Mohsen, in einem Interview mit der niederländischen Zeitung Trouw erklärt: „Zwischen Jordaniern, Palästinensern, Syrern und Libanesen gibt es keine Unterschiede. Wir sind alle Teil eines Volkes, der arabischen Nation. … Wir sind ein Volk. Nur aus politischen Gründen unterstreichen wir sorgfältig unsere palästinensische Identität. … Ja, die Existenz einer separaten palästinensischen Identität besteht nur aus taktischen Gründen. Die Gründung eines palästinensischen Staates ist ein neues Mittel, um den Kampf gegen Israel und für die arabische Einheit (9) fortzusetzen.

TEIL 2

François Genoud (1915 – 1996): Der „Schweizer Bankier des Dritten Reiches“ … und der Großmufti Al-Husseini

François Genoud war ein Schweizer Bürger aus Lausanne, der als „der mysteriöseste Mann in Europa“, „der schwarze Bankier“, „der Schweizer Finanzier des Dritten Reiches“, „der Schattenmann“, „der Extremist“, „der Bankier des Schattens“ … bezeichnet wurde.

1932, im Alter von 17 Jahren, als er in Bonn studierte, traf er Adolf Hitler, der ihn mit folgenden Worten begrüßte: „Ihre Generation wird Europa bauen“(1). Diese Begegnung markiert den Beginn einer lebenslangen Hingabe an den Führer, wobei er später vertraulich mitteilte: „Die Wahrheit ist, ich liebte Hitler“ (2). Der junge Genoud las „Mein Kampf“ und schloss sich nach seiner Rückkehr der Pro-Nazi-Bewegung „Nationale Front“ an, die die „Protokolle der Weisen von Zion“ in der Schweiz einführte (3). 1936, im Alter von 21 Jahren, reiste er mit seinem Freund Jean Bauverd in den Nahen Osten. Sie trafen in Jerusalem den Großmufti Al-Husseini, der den jungen Abenteurern berichtete: „Ihr jungen Leute, die ihr Französisch sprecht und Freunde des arabischen Nationalismus und des Islam seid, ihr solltet an die Befreiung des französich und italienisch domininierten Maghreb denken. Dort kann eure Hilfe am effektivsten sein und dort ist sie am meisten vonnöten“ (4). Genoud erinnert sich später: „Diese wenigen Worte wurden in unsere Herzen gebrannt; sie hatten einen großen Einfluss auf unser Leben“ (5). Diese Begegnung war der Beginn einer Freundschaft, die bis zum Tode Al-Husseinis im Jahr 1974 andauerte. Später besuchte Genoud den Mufti in Berlin, der ihm die Verwaltung all seiner finanziellen Angelegenheiten anvertraute. Während er in Deutschland war, wurde Genoud – verpflichtet von dem SS-Mann Paul Dickopf –  Geheimagent für die Abwehr, dem Geheimdienst des Dritten Reiches. Er war gleichzeitig Geheimagent der schweizerischen Regierung und benutzte seine einzigartige Position, um den sicheren Transfer aller Währungen, Gold, Diamanten und anderer größtenteils von Juden gestohlener Wertsachen durch die Nazis zu Schweizer Bankkonten zu ermöglichen. Diese Zusammenarbeit verlieh ihm den Titel „des Schweizer Bankiers des Dritten Reiches“.

Nach dem Zweiten Weltkrieg behielt Genoud die exklusiven Urheberrechte der Schriften Hitlers, Goebbels und Bohrmanns und verdiente so ein Vermögen. Er wurde der finanzielle Wegbereiter des Netzwerks der Nachkriegsorganisation ODESSA (Organisation der ehemaligen SS-Angehörigen, d.h. Organisation der ehemaligen SS-Offiziere), des Vorläufers von „Die Spinne“ (the spider), des Geheimklubs von ehemaligen SS-Offizieren. Das komplexe Netzwerk der ODESSA umfasste antikommunistische Katholiken, das Internationale Rote Kreuz und sein islamisches Äquivalent, den Rote[n] Halbmond (6). Ironischerweise taucht nach dem Krieg Genould als Repräsentant des Schweizerischen Roten Kreuzes in Brüssel auf, während sein Freund Dickopf von 1968 bis 1972 der Präsident Interpols war. Das Odessa-Netzwerk funktionierte im Wesentlichen für den Transfer deutscher Gelder auf Schweizer Bankkonten und für die Evakuierung von Nazi-Führern durch Italien, Portugal und Spanien in den Nahen Osten, Nordafrika und Lateinamerika. 1958 gründete Genoud in Genf die Arabische Handelsbank, die zu einem Schwerpunkt für islamische Netzwerke in Europa wurde. Alle seine Aktivitäten zeigten die fortdauernde Allianz zwischen neo-nazistischen Kräften und radikalen arabischen Nationalisten und Islamisten. 1988 gründete er die Al-Taqwa-Bank in Lugano, die Al-Qaida und die Hamas finanziell unterstützte, jedoch nach den Anschlägen vom 11. September von den Schweizer Behörden geschlossen wurde. Genoulds Finanzierung war die finanzielle Quelle für die Verteidigung im Gerichtssaal der Nazi-Verbrecher Klaus Barbie und Adolf Eichmann, des Islam-Konvertiten und Holocaustleugners Roger Garaudy, des palästinensischen Terroristenführers George Habash und seines terroristischen Mitarbeiters Illich Ramirez Sanchez mit dem Spitznamen „Carlos, der Schakal“ (7). 1972 war Genould direkt an der Entführung eines Flugzeugs der Lufthansa nach Aden beteiligt, als er bei der Operation als Berater des palästinensischen Terroristen Waddi Addad fungierte und persönlich nach Köln fuhr, um den Brief mit der Lösegeldforderung über 5 Millionen Dollar zu überbringen (8).

Im Jahr 1996 kam ihm eine Untersuchung, die gebildet worden war, um geheime Bank- und Regierungsakten zu überprüfen und nach verlorengegangenen Geldmitteln von Holocaustopfern zu suchen, auf die Schliche. Am 30. Mai 1996 nahm François Genoud mit Hilfe der Suizid-Hilfe-Organisation Exit und damit den Fußstapfen seines lebenslangen Helden Adolf Hitler folgend einen tödlichen Trank in Gegenwart seiner Familie. Aus seinem französischen Gefängnis heraus erklärte „Carlos“, dass Genoud in einem „Akt der Selbstopferung“ gegen Israel gestorben wäre (9).

TEIL 3

Kurt Waldheim (1918 – 2007): Ein Nazi, der nie vor Gericht gestellt wurde, wird Generalsekretär der Vereinten Nationen und bietet dem „palästinensischen Kampf“ eine weltpolitische Legitimität

Kurt Waldheim war ein österreichischer Diplomat und Politiker, der vierte Generalsekretär der Vereinten Nationen (von 1972 bis 1981) und der neunte Präsident Österreichs (von 1986 bis 1992). Während er 1985 für die Präsidentschaftswahlen in Österreich kandidierte, verursachte die Enthüllung seines Dienstes als Geheimdienst-offizier in der „Wehrmacht“ im Zweiten Weltkrieg internationale Kontroversen (1). In der Tat hatte Waldheim bis zu dem Zeitpunkt seine Nazi-Vergangenheit verborgen und seine 46-jährige Täuschung wurde später in der New York Daily News so beschrieben: „Der österreichische Präsident Kurt Waldheim verbrachte den Zweiten Weltkrieg inmitten von schrecklichen Verbrechen, über die er sich [so] geäußert hat:

1. Er war nicht in der deutschen Armee.

2. Wenn Sie beweisen können, dass er in der deutschen Armee war, war er nicht in der Nähe von Kriegsverbrechen.

3. Wenn Sie beweisen können, dass er in der Nähe von Kriegsverbrechen war, wusste er nichts von ihnen.

4. Wenn Sie beweisen können, dass er von ihnen wusste, war er nicht daran beteiligt. (2)

Waldheims Frau Elisabeth, „Sissy“, gab in einem Interview mit dem Beiruter Wochenmagazin Usbu’ al‘Arabi der problematischen Untersuchung die Schuld, die eingeleitet worden war, um die Vergangenheit ihres Mannes über den „Weltzionismus“ aufzudecken. Diese Untersuchung, über die Eli M. Rosenbaum in seinem Buch „Betrayal: The Untold Story of the Kurt Waldheim Investigation and Cover-Up“ [Betrug: Die unerzählte Geschichte und Verschleierung der Kurt Waldheim-Untersuchung] ausführlich berichtet hat, erwies sich als Beweis der Nazi-Verbrechen Waldheims und führte dazu, dass er von den USA zur „Persona non grata“ erklärt wurde. Bemerkenswerterweise starben der leitende Mitarbeiter des US-Staatsarchivs, John Mendelsohn, und der jugoslawisch geborene Rechtsanwalt und Rechtsexperte der Library of Congress [Kongress-Bibliothek] mit der Abteilung Europäisches Recht, Stephen Katich, zwei Schlüsselpersonen, die mit den Archivdokumenten zu Waldheims Nazi-Vergangenheit beschäftigt waren, in maßgeblichen Momenten der Untersuchung (4). Unter anderen Archivdokumenten wurden anti-semitische von Waldheim unterzeichnete Propagandablätter entdeckt, die eine ausdrückliche Anstiftung zum Massenmord waren: „Genug des Jüdischen Krieges. Kommt herüber. Tötet die Juden“ (5).

1974, während seiner Amtszeit als Generalsekretär der Vereinten Nationen, lud er Yasser Arafat ein, um den Völkern der Welt die „palästinensische Sache“ vorzustellen und dem renommierten Terroristen eine offizielle Anerkennung auf der größten politischen Weltbühne zu bieten.

Konklusion:

François Genoud und Kurt Waldheim verkörpern jeweils die physische und geistige Brücke, die der Nationalsozialismus für den Transfer des islamisch arabischen Traums von Amin al-Husseini und Yasser Arafat in die moderne Politik leistet.

Am 10. Mai 2016 erklärte der palästinensische Premierminister Rami Hamdallah in einer Rede auf der 7. Internationalen islamischen Bayt al-Maqdis-Konferenz in Ramallah: „Diese Konferenz ist eine Fortsetzung der ersten islamischen Bayt al-Maqdis-Konferenz, die von dem verstorbenen Mufti Haj Amin al-Husseini im Jahr 1931 auf palästinensischen Boden gehalten wurde und wir gehen hier heute auf seinem Weg, in Übereinstimmung mit den Weisungen des (PA) Präsidenten Mahmoud Abbas.“ Er fuhr fort, indem er internationalen Druck forderte, um einen unabhängigen palästinensischen Staat entlang der Waffenstillstandslinien von 1949 zu gründen, mit Jerusalem als seiner „ewigen Hauptstadt“ und Israel beschuldigte, die Geschichte neu zu schreiben. Dieser Anspruch ist eine ironische Verdrehung, wenn man weiß, dass Bayt al-Maqdis eigentlich die arabisierte Form des hebräischen „Beit Hamikdash“ ist, also die Bezeichnung für den Heiligen Tempel, der in Jerusalem seit der Zeit König Salomos stand. … (1)

Tatsächlich begann die Neuschreibung der Geschichte bereits 1964 mit Artikel 20 der „Palästinensischen Nationalcharta“, in dem es heißt: „Ansprüche der historischen und religiösen Verbindungen von Juden mit Palästina sind mit den Fakten nicht vereinbar.“ Im Jahr 2011 hat die UNESCO, als Sonderorganisation der UN, der Palästinensischen Autonomiebehörde einen Sitz unter dem Namen „Staat Palästina“ gegeben und im Oktober 2015 unternahm sie unter der Leitung von „Experten“ der Palästinensischen Autonomiebehörde einige „islamisch korrekte“ Maßnahmen, indem sie „Rachels Grab“ in der Nähe von Bethlehem in die „Bilal bin Rabah-Moschee“ und das Grab der Patriarchen in die „Ibrahimi-Moschee“ umbenannten. Am 12. April 2016 wurde eine neue Resolution mit dem Namen „Besetztes Palästina“ angenommen. Die Resolution ist völlig negativistisch: die „Westmauer“ wird in Anführungszeichen gesetzt, um anzuzeigen, dass es sich um einen ungültigen Namen handelt. Al Buraq-Mauer wird ohne Anführungszeichen verwendet. Die Gräber jüdischer Friedhöfe werden als „jüdisch gefälschte Gräber“ beschrieben. Die Resolution ist radikal antisemitisch: Sie verleugnet historische und archäologische Fakten, behauptet, dass das, was existiert, nicht existiert und stellt die Geschichte der Juden als eine Lüge dar. Unglaublich – die Resolution wurde verabschiedet mit nur sechs Ländern, die ihre Bedeutung und ihre Auswirkungen  richtig entschlüsselten und dagegen stimmten. (2)

Der Artikel 22 der Palästinensischen Nationalcharta lautet: „Israel ist das Instrument der Zionistischen Bewegung und geographische Basis für den Weltimperialismus, strategisch inmitten des arabischen Heimatlandes platziert, um die Hoffnungen der arabischen Nation auf Befreiung, Einheit und Fortschritt zu bekämpfen. Israel ist eine konstante Quelle der Bedrohung für den Frieden im Nahen Osten und der ganzen Welt.“ Seit der Rede Arafats bei den Vereinten Nationen hat die Weltpolitik diesen Vorwurf zunehmend in den Begriff „israelische Besatzung“ integriert. Die für die Schaffung des Staates Israel maßgebliche UN-Organisation ist zum Vehikel eines weltweiten Anstiegs von „islamisch korrektem“ Antisemitismus geworden durch die Annahme einer beispiellosen Zahl an Resolutionen, die den winzigen Staat verurteilen. „Wenn du eine Lüge groß genug erzählst und sie immer wiederholst, werden die Leute irgendwann dazu kommen, sie zu glauben…“ war ein großes Konzept der Propaganda des Dritten Reiches; diese funktionierte eine Zeitlang für Hitlers „Kampf“ und sie funktioniert noch immer für Mufti Al-Husseinis „Jihad“.

Währenddessen schickte Kurt Waldheim mittels der „Voyager Golden Record 2“ eine Sprachnachricht des „Friedens“ ins Weltall. Eli Rosenbaum beschreibt die edle Mission mit poetischer Ironie: Auf der Scheibe, die jetzt geräuschlos durch den Weltraum schwebt, spricht Waldheims Stimme in stark akzentuiertem Englisch für uns alle und versichert unbekannten Intelligenzen, in Galaxien gleichermaßen unbekannt, dass die Völker auf Erden ’nur Frieden und Freundschaft‘ suchen. „Als Generalsekretär der Vereinten Nationen […] sende ich Grüße im Namen der Völker unseres Planeten. Wir treten aus unserem Sonnensystem heraus in das Universum auf der Suche nur nach Frieden und Freundschaft, um zu lehren, wenn wir darum gebeten werden, um zu lernen, wenn wir Glück haben“ (3).

***

Quellenangaben

TEIL 1:

Chuck Morse, The Nazi Connection to Islamic Terrorism: Adolf Hitler & Haj Amin Al-Husseini (Washington, D.C.: WND Books, 2010), xiv-5 / 71-75.

(1) “Continuous Jewish Presence in the Holy Land (with Maps)”, accessed May 25, 2016, http://www.eretzyisroel.org/~samuel/presence.html.

(2) Morse, Nazi Connection to Islamic Terrorism, Appendix C: The Weizmann-Faisal Agreement.

(3) “Eine Tonne Dynamit auf zwei Beinen”, Der Spiegel no. 41, 1948, 11.

(4) “Amin Al-Husseini”, accessed April 26, 2016,
http://www.tellthechildrenthetruth.com/amin_en.html.

(5) Morse, Nazi Connection to Islamic Terrorism, 42-43.

(6) Morse, Nazi Connection to Islamic Terrorism, Appendix E: Minutes of the meeting with Hitler and Amin Al-Husseini.

(7) Barry Rubin and Wolfgang G. Schwanitz, Nazis, Islamists, and the making of the modern Middle East (Yale University Press, 2014), 150.

(8) Morse, Nazi Connection, Appendix I: The Palestinian National Covenant.

(9) James Dorsey, “Wij zijn alleen Palestijn om politieke reden”, Trouw, 31 March 1977. [As quoted in Melanie Philips, The World Turned Upside Down: The Global Battle Over God, Truth, and Power (New York: Encounter Books, 2010), 60.]

TEIL 2:

(1) Karl Laske, Le Banquier Noir (Paris: Éditions Du Seuil, 1996), 15.

(2) Gitta Sereny, The German Trauma (Penguin Group, 2000), 230.

(3) Laske, Banquier Noir, 22.

(4) Pierre Péan, L’Extrémiste. François Genoud, de Hitler à Carlos (Paris : Fayard, 1996), 8.

(5) Péan, L’Extrémiste, 88.

(6) Rubin and Schwanitz, Nazis, Islamists, 212

(7) Morse, Nazi Connection to Islamic Terrorism, 229-230.

(8) David Lee Preston, “Hitler’s Swiss Connection”, Philadelphia Inquirer, Jan. 5, 1997.

(9) Willi Winkler, Der Schattenmann (Berlin: Rowohlt, 2011), 309.

TEIL 3

(1) “Kurt Waldheim“, accessed May 28, 2016,
https://en.wikipedia.org/wiki/Kurt_Waldheim.

(2) Lars-Erik Nelson, “Making Waldheim a Martyr”, The Daily News (New York), April 29, 1987, 33.

(3) Al-Usbu’ al-‘Arabi (“Arabweek”, Beirut), June 2, 1986.

(4) Eli M. Rosenbaum and William Hoffer, Betrayal: The Untold Story of the Kurt Waldheim Investigation and Cover-Up (New York: St. Martin’s Press, 1993), 121, 136, 242, 296-297 with footnote.

(5) Rosenbaum, Betrayal, 338.

KONKLUSION

(1) Dalit Halevi, “PA PM: We’re following the path of the Nazi Mufti”, Arutz Sheva, May 11, 2016, accessed May 28, 2016,
http://www.israelnationalnews.com/News/News.aspx/212102#.V0nDrpGLTIW

(2) Guy Millière, “Time to Leave UNESCO – Again”, Gatestone Institute, May 17, 2016, accessed May 28, 2016, http://www.gatestoneinstitute.org/8048/leaveunesco.

(3) Rosenbaum, Betrayal, 465.

Das Neujahrsfest der Bäume – Tu B’Shvat 5777

Tu B’Shvat – das Neujahrsfest der Bäume – wird immer am 15. Tag des hebräischen Monats Shvat gefeiert. In diesem Jahr fällt dieses Fest auf den 11. Februar, d.h. nach jüdischem Kalender ist sein Beginn heute Abend mit Sonnenuntergang. Damit fällt das Fest diesmal auf einen Shabbat.

Das Neujahrsfest der Bäume ist ein Symbol für das Mitarbeiten an der Realisierung einer Jahrtausende alten Hoffnung – und gleichzeitig des aktiven Beitrags zum Tikkun Olam, der Verbesserung der Welt.“
(Quelle)

Am 5. Februar reiste eine Delegation der deutsch-israelischen Parlamentariergruppe nach Israel. In Anbetracht der verheerenden Waldbrände 2016 war einer der vorgesehenen Programmpunkte, in Haifa an einer Veranstaltung zur Wiederaufforstung teilzunehmen und im Rahmen dieser Veranstaltung Bäume zu pflanzen. Dies geschah am 9. Februar 2017, gemeinsam mit dem israelischen Staatspräsidenten Reuven Rivlin. Mit dem Pflanzen der Bäume wolle die Delegation – so der Vorsitzende der Parlamentariergruppe Volker Beck in einer anschließenden Rede – die „tief empfundene Solidarität“, das „Engagement“ und die „Freundschaft mit dem israelischen Volk und dem Staat Israel“ bekunden. Weiter sagte er u.a.:

„Diese Bäume werden wachsen und als Symbol für Widerstandsfähigkeit und Hoffnung stehen, nachdem Natur, Häuser und Leben durch Großbrände zerstört wurden. Wir danken all denen, die ihr Leben riskiert haben, um Menschen in Not zu helfen.“

An dieser Stelle gehe ich nicht auf die gesamte Rede ein, wer daran interessiert ist, kann den gesamten Text bei Honestly Concerned nachlesen.

Hier noch das vom Jüdischen National Fund (JNF) zum diesjährigen Fest erstellte Video.

Allen, die Tu B’Shvat feiern, ein frohes Fest! Chag Sameach!
Und: Shabbat Shalom!

Die Erosion des Holocaust-Gedenkens

Nachdenkenswertes zum Holocaust-Gedenken von Isi Leibler.

Der Artikel „THE EROSION OF HOLOCAUST MEMORY“ wurde erstmals in der  Jerusalem Post veröffentlicht, am 4. Mai 2016. Trotz seines „Alters“ ist der Artikel alles andere als „alt“ – ganz im Gegenteil! …

Isi Leibler schreibt:

Meine Großeltern und viele meiner Familienmitglieder wurden von den Nazis ermordet. Ich wäre vermutlich auch umgekommen, wenn meine Eltern nicht die Weitsicht gehabt hätten, vor Ausbruch des Krieges Antwerpen auf dem vermutlich letzten Schiff nach Australien zu verlassen, als ich Kleinkind war.

Ähnlich wie die Überlebenden halten diejenigen von uns, deren Familien von den Nazis ermordet wurden, die Erinnerung an den Holocaust als Teil unserer DNA fest. In der Tat gilt das in den meisten Fällen auch für unsere Kinder, die die Sensibilität ihrer Eltern teilen.

Heute aber, 70 Jahre später, wird für unsere Enkelkinder – die meisten von ihnen hatten keine Gelegenheit zu erfahren, wie sich ihre Familien mit Erinnerungen herumquälten – die Bedeutung des Holocaust verblassen, es sei denn, es gibt einen bewussten Kraftaufwand, ihn im Rahmen ihrer (Vor-) Geschichte zu vermitteln.

In welchem Umfang die Erinnerung an den Holocaust durch künftige jüdische Generationen erhalten bleibt, wird weitgehend bestimmt werden durch den Bildungsansatz und das Curriculum des israelischen Schulsystems.

Wir sollten uns keine Illusionen machen. Das sogenannte Holocaust-Gedenken in Europa und anderen westlichen Ländern ist Augenwischerei. In den meisten Fällen trivialisiert es den Holocaust, indem es ihn mit anderen Massenmorden verknüpft. Tatsächlich ist das Gedenken so breit und universell geworden, dass die Worte „Jude“ und „Antisemitismus“ in den langwierigen Forderungen der Europäischen Union an ihre Konstituenten, am Holocaust-Gedenken teilzunehmen, nicht einmal erwähnt werden.

Wenn das Bewusstsein für den Holocaust wirklich existiert hätte, wäre es undenkbar gewesen, dass der gegenwärtige antisemitische Tsunami über den ganzen Kontinent Europa hinwegfegt, der durchtränkt ist mit dem Blut von 6 Millionen Juden, die von den Nazis und ihren Kollaborateuren ermordet wurden.

In der Tat zeigt eine Umfrage unter Erwachsenen in 101 Ländern, dass nur 54 Prozent jemals vom Holocaust gehört haben, und ein Großteil davon hielt ihn für einen Mythos.

Mit der aktuellen Zahl der Überlebenden, die drastisch abnimmt, haben sich Holocaust-leugner stark vermehrt. Tatsächlich gibt es heute eine wachsende Kampagne, angeführt von islamischen Antisemiten, um die Leugnung des Holocaust zu befördern.

Ich glaube, dass es für uns als Juden unsere Pflicht ist, dafür zu sorgen, dass dieses dunkle Kapitel unserer Geschichte von künftigen jüdischen Generationen bedacht und studiert wird. Das nicht nur deswegen, um unsere Märtyrer zu ehren, sondern auch um den Kontrast zwischen dem jüdischen Volk heute – das sich mit seiner nationalen Wiedergeburt selbst verteidigen kann – und der Ohnmacht jener dunklen Jahre, in denen die Welt zuschaute, wie wir ermordet wurden, zu honorieren. Wenn wir den Doppelstandards und den Vorurteilen folgen, die uns laufend und besonders durch die Vereinten Nationen entgegengebracht werden, oft mit der Unterstützung oder der Gleichgültigkeit der Europäer, müssen wir es zu schätzen wissen, wie glücklich wir heute sind, dass wir uns auf unsere eigenen Maßnahmen zur Verteidigung verlassen können.

Es gibt einige, darunter extrem linke Israelis, die versuchen, das Gedenken an den Holocaust in Israel zu reduzieren oder gar zu streichen – mit der fadenscheinigen Begründung, das er dazu benutzt würde, um ein Umfeld jüdischer Opfer zu schaffen und Geld und politische Gefälligkeiten aus europäischen Ländern zu erpressen.

Das wäre verheerend, denn es ist notwendig, dass künftige Generationen verstehen, was mit ihren europäischen Vorfahren passiert ist, und zu erkennen, dass der Staat, in dem sie leben, nicht als selbstverständlich angesehen werden kann.

Wie wir uns an unseren Exodus – weg von der ägyptischen Sklaverei, hin zur Freiheit – erinnern, so sind wir ebenso dazu verpflichtet, uns daran zu erinnern, wie wir nach 2000 Jahren Exil und unmittelbar nach dem barbarischsten Völkermord die jüdische Nationalität im Staat Israel wiederbelebt haben.

Mein Enkel kam vor ein paar Wochen von der Fahrt seiner Schule zu den deutschen NS-Todeslagern zurück. Obwohl seine Familie bereits sensibel gegenüber dem Holocaust war, hatte die Reise einen tiefen Einfluss auf ihn.

Deshalb war ich zutiefst bedrückt zu lesen, dass der Rektor des prestigeträchtigen elitären säkularen Hebräischen Herzliya-Gymnasiums in Tel Aviv, Dr. Zeev Dagani, die Annullierung der jährlichen Reisen in die NS-Todeslager vorschlug. Er behauptet: „Es gibt viele Jugendliche, die emotional nicht in der Lage sind, die Realität des Schreckens zu erfassen. Es ist zu viel für sie und ich glaube, es ist zu früh, 16- bis 17-Jährige auf Reisen nach Polen zu schicken. Es ist eine Reise, die emotionale und intellektuelle Reife erfordert.“

Die Realität ist dergestalt, dass – wenn ein angemessener Unterricht geleistet wird und die Führungen von gut informierten Reiseleitern geführt werden – die Resultate sich als außergewöhnlich erwiesen haben und eine größere positive Auswirkung auf die Teilnehmer hatten, nicht nur hinsichtlich des Erfassens des Holocaust, sondern ebenso in Bezug auf das Verstehen und die Wertschätzung für den jüdischen Staat.

Es gibt eine berechtigte Beschwerde, dass die eskalierenden Kosten einige Schüler von der Teilnahme abhielten. Das ist etwas, was die Regierung mit dem Ziel überprüfen sollte, Subventionen bereitzustellen, damit allen Schüler, die teilnehmen möchten, dies[e Teilnahme] ermöglicht wird. Das würde sich als lohnende langfristige Bildungsinvestition erweisen.

Natürlich ist es abscheulich, von vereinzelten Gruppen zu hören, die ein Todeslager besuchen und abends an einem Trinkgelage teilnehmen oder in ihren Aufenthalt einen Einkaufstag in Warschau einstreuen. Unter solchen Umständen wäre es zweifellso vorzuziehen, solche Reisen zu stornieren.

Aber die meisten Reisen sind gut geplant und haben immense pädagogische Wirkungen, indem sie die Entstehung eines jüdischen Staates – wie ein Phönix aus der Asche des Holocaust – hervorheben, etwas, das kein Studiengang eines Klassenzimmers  nachbilden kann.

Ich hörte bewundernd zu, als mein Enkel schilderte, wie seine Gruppe vor dem Flug Rachels Grab besichtigte und sich nach ihrer Rückkehr zu einer bewegenden Zeremonie an der Westmauer zusammenfand. Er schilderte, dass einer der bewegendsten Momente für ihn nicht nur die Lager, die Museen oder etwa die Krematorien und Gaskammern war. Was ihn am tiefsten berührte, war das Stehen auf dem Boden, wo Tausende von Juden brutal ermordet und ihre Leichen in Massengräbern begraben worden waren.

Die Unermesslichkeit dessen, was während dieser schrecklichen Periode geschah, wurde weiterhin realisiert, als er und seine Begleiter sich auf Zahlen in ihren eigenen Heimatgemeinden bezogen und ihnen bewusst wurde, dass an einem einzigen Tag mehr als das Äquivalent einer ganzen Gemeinde ermordet wurde.

Die Reise verdeutlichte auch das außergewöhnlich florierende religiöse, kulturelle und gesellschaftliche Leben der großen jüdischen Gemeinden in Polen – von den Nazis über Nacht ausgelöscht.

Wenn wir nicht weiterhin die jüngeren Generationen dazu erziehen, dass sie die Lektionen des Holocaust und seine Verbindung zu unserem heutigen Status als unabhängigen jüdischen Staat (der in der Lage ist, sich sowohl selbst zu verteidigen als auch einen sicheren Hafen für jeden Juden in Bedrängnis zu bieten), werden wir unsere feierliche Verpflichtung verraten haben, uns zu erinnern. Und diese schreckliche Episode wird einfach eine Fußnote der Geschichte sein.

Übersetzung: faehrtensuche

27. Januar …

… Internationaler Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust. „Wir müssen uns erinnern!“

„Der Antisemitismus ist älter als Adolf Hitler und er lebt auch nach Adolf Hitler. Der Antisemitismus braucht keine Gründe und keine Argumente. Die verlogene Pose der Toleranz gegenüber Antisemiten ist überall auf der Welt zu finden. «Man muss für alles Verständnis haben», sagen die Leute, die gar nichts verstehen. Es gibt Dinge, die man verstehen kann, aber für die man kein Verständnis haben darf.“

Aus: “Jeder Massenmörder ist menschlich”, WOLF BIERMANN IM GESPRÄCH DANIEL W. SZPILMAN