Ein „MUST SEE“! „München 1970: Als der Terror zu uns kam“

Dokumentarfilm von Georg M. Hafner

Das Massaker bei den Olympischen Spielen 1972 hat jeder vor Augen, aber wem ist schon bewusst, dass es bereits zweieinhalb Jahre zuvor – 1970 – erschreckende Anschläge auf Juden in Deutschland gab, so dass man hätte „gewappnet“ sein müssen? Wieso vertraute man anscheinend blind darauf, dass bei den Olympischen Spielen schon „alles gut gehen wird“?

Georg M. Hafner hat einen eindrucksvollen Dokumentarfilm erstellt. „München 1970 – Als der Terror zu uns kam„. „Aufhänger“ für Hafners Recherche ist der Tod seines Onkels, der bei einem palästinensischen Terroranschlag auf ein Flugzeug der Swissair im Februar 1970 ums Leben gekommen war. 40 Jahre nach dem Anschlag begibt sich Hafner auf Spurensuche. Er stellt sich der „schmerzvolle[n] Reise in das Jahr 1970 und in die eigene Vergangenheit„, so heißt es in der Dokumentation. 40 Jahre sind die Hintergründe dieser Tragödie im Dunkeln geblieben. Jetzt deckt Hafner die Ereignisse auf, stellt sich unangenehmen Wahrheiten; es erfolgt eine ehrliche und differenzierte Bestandsaufnahme. Am Ende entsteht eine beachtenswerte zeitgeschichtliche Dokumentation. Diese gibt einen tiefen Einblick in die verhängnisvolle Verstrickung von Teilen der deutschen Linken (Stichwort: 68-er Studentenbewegung) in Terroranschläge, verübt von palästinensischen Terroristen. Sie kämpfen für Palästina und gegen Israel. Schon damals knickt Deutschland vor dem Terror ein. Fazit am Schluss des Films: Der zwei Jahre später erfolgte Anschlag bei den Olympischen Spielen 1972 hätte verhindert werden können, ja, wenn man entschlossener gegen den Terrorismus vorgegangen wäre. Aber statt den Terror mit entsprechenden Maßnahmen zu bekämpfen, statt wenigstens zu versuchen, ihm entgegenzuwirken, gibt man ihm nach und meint, sich Sicherheit durch Geldzahlungen erkaufen zu können.

Am Anfang der Dokumentation steht der 21. Februar 1970: Ein palästinensischer Terroranschlag zerfetzt das Flugzeug, eine Swiss Air 330,  und tötet alle 47 Insassen. „Sie sterben, weil sie nach Israel reisen wollten„. Einer der Flugzeuginsassen ist Rudolf Crisolli, Journalist und Hafners Onkel. „Der Anschlag passiert genau 915 Tage vor den Olympischen Spielen und hätte eine Warnung sein müssen“, so der Kommentar. Weiter heißt es, dass die Anschläge 1970 und 1972 bei den Olympischen Spielen zusammenhingen. Aber das wird Hafner erst bei seiner Recherche klar.

Hafner gelingt es, die Stimmung in der (linken) Studentenschaft ebenso wie die eigene einzufangen und dem Zuschauer/Zuhörer zu vermitteln. Es herrscht eine sehr vereinfachte, schlichte Weltsicht vor: Die Einteilung der Welt in Gut und Böse ist schnell vollzogen, die Zuordnung, wer zu welcher Seite gehört, auch. Man ist gegen den Vietnamkrieg, also gegen Amerika, Israel kommt den Arabern 1967 im 6-Tage-Krieg zuvor, Springer jubelt „Blitzkrieg“, man ist gegen Springer, also ist man auch gegen Israel. „Die Opfer der Barbarei unserer Eltern sind für uns über Nacht zu Tätern geworden. Die Schlachten gegen den Schurkenstaat Israel werden in deutschen Hörsälen geschlagen„, so Hafner. Man stellt sich auf die Seite der Palästinenser und nimmt deren terroristische Aktionen nicht nur billigend in Kauf, sondern geht bei ihnen in die Schule, lernt von ihnen, Bomben zu bauen und unterstützt sie in ihren Terroraktionen. Motiv: „Befreiungskampf“ für Palästina.

Der erste israelische Botschafter in Deutschland, Asher Ben Nathan, will einen Vortrag in der Frankfurter Universität halten. Er, der mit 17 Jahren vor den Nazis floh, wird im Hörsaal 6 der Frankfurter Uni von den Studenten niedergebrüllt. „Im Land der Täter und Väter wird er daran gehindert zu reden. Nach persönlicher Geschichte fragt ihn niemand, unsere Eltern wollen sie nicht wissen, wir wollen sie nicht hören.“

Erschreckend die Reaktion des Auswärtigen Amtes: Dieses legt Nathan nahe, keine weiteren Vorträge zu halten. Hafner: „Es ist der 1. Kniefall vor dem Terror, dem andere folgen werden.“

Es folgt ein Besuch der deutschen Linken (sie werden namentlich benannt) bei palästinensischen Untergrundkämpfern, deren erklärtes Ziel es ist, Israel zu vernichten. Hafner stellt fest, dass heute versucht werde, den Besuch als Abenteuerurlaub abzutun, aber in Wirklichkeit ging es um „Handfestes“ wie z.B. Zeitbomben zu bauen. Dazu Yoram Schweitzer, Institute for National Security Studies/Israel:

„Die Palästinenser trainierten die Deutschen und halfen ihnen so, bessere Terroristen zu werden. Und als Gegenleistung haben die Deutschen für die Palästinenser das Terrain in Europa sondiert, Informationen angesammelt, wenn nötig, Waffen besorgt, Unterschlupf [gewährt]. Es war vor allem logistische Hilfe, aber auch operative, weil sie manche Operationen gemeinsam durchführten.“

Erste Aktion nach der Rückkehr: Bau einer Brandbombe für ein jüdisches Gemeindezentrum in Berlin, ausgerechnet für den 9. November [1969], dem Tag der Reichspogromnacht. Initiator: Dieter Kunzelmann. Hafner über Kunzelmann: „Kunzelmann ist jetzt der Strippenzieher für die Fatah in Deutschland. Sie übernimmt sogar gelegentlich seine Reisekosten.“ (Zusätzliche Info: Anschlag missglückte).

Am 10. Februar 1970 wird die El Al Ziel eines palästinensischen Anschlags auf dem Flughafen München-Riem. Ariel Katzenstein kommt bei diesem Anschlag ums Leben. Dadurch, dass er sich auf eine Handgranate wirft, rettet er seinem Vater und anderen Passagieren das Leben. Im September schiebt man die drei (geständigen!) Attentäter ab mit der Begründung, dass man zur Beruhigung der Situation im arabischen Raum beitragen wolle.(!) Ist das zu fassen?

Die Europäer waren halb taub, halb gleichgültig, sie haben den Forderungen der Terroristen sofort nachgegeben. Israel hat sicher versucht, sie von der Kapitulation abzuhalten, aber damals haben die europäischen Länder nicht kapiert, dass es sie einholen würde. Sie haben kapituliert, weil sie dachten, das würde ihr Problem lösen“,

so Yoram Schweitzer. Eine fatale Haltung, auf diese Weise mit den Terroristen zusammenzuarbeiten in der Hoffnung, dass diese sich bestechen lassen und so weitere Flugzeugentführungen und/oder Anschläge verhindert werden können.

Am 13. Februar 1970 – drei Tage nach dem Anschlag auf die El Al in München Riem – kommt es zu einem Brandanschlag auf das jüdische Gemeindehaus, bei dem 7 Holocaustüberlebende, die im dort angeschlossenen Altersheim leben, verbrennen oder ersticken. (!) Der damalige Bundesinnenminister Hans-Dietrich Genscher sagt in seiner Rede:

„Mit Ihnen, verehrte Angehörige, Mitglieder der israelitischen Gemeinde, trauert die Bundesregierung, trauert unser ganzes Volk. Das deutsche Volk wird niemals mehr zulassen, dass auf seinem Gebiet Gewalt und Terror regieren. Es wird niemals mehr zulassen, dass bestimmte Gruppen außerhalb der Gemeinschaft von Menschen gestellt werden. Sie alle, die Sie heute hier sind, sind Zeugen dieses Versprechens.“

Was ist aus diesem Versprechen geworden??? …

Hafner verweist auf viele Spuren, die in die „linke Szene“ führen. Vier Tage nach dem Brandanschlag wird wieder ein Trio des palästinensischen Terrorkommandos festgenommen, auch dieses kommt nach kurzer Zeit frei. Völlig unverständlich! Statt ernsthaft zu versuchen, dem Terrorismus Einhalt zu gebieten, leistet man noch Vorschub für weitere Terroranschläge.

Der Anschlag auf die Swissair 330 am 21. Februar 1970 wurde schon genannt. Im Vorfeld war es zu einem Anschlag auf ein Flugzeug der Austrian Airlines am Frankfurter Flughafen gekommen, sozusagen der „Probelauf“ für den Anschlag auf die Swissair. Die Passagiere und die Besatzung der Austrian Airlines „kommen mit dem Schrecken davon„. Bei dem Anschlag auf die Swissair „gibt [es] keine Leichen, nur Reste. 47 Passagiere des Flugs SR 330 sind wie ausgelöscht“. Zwei an der Tat beteiligte Männer belasten einen Dritten schwer. Man kennt seinen Namen und weiß, dass er sich nach Jordanien abgesetzt hat. Trotzdem ignoriert sowohl Deutschland als auch die Schweiz das Angebot Israels, den Täter und die Hintermänner zu fassen und auszuliefern. Stattdessen gibt es wieder Hinweise auf Geldzahlungen, um vor Terroranschlägen geschützt zu sein.

Hafner spricht von einem „terroristischen Meisterstück“ als im September 1970 zeitgleich drei Flugzeuge nach Jordanien entführt werden, unter ihnen auch eine Swissair. Eine weitere geplante Entführung eines (vierten) Flugzeugs der El Al wird durch den Sturzflug des Piloten Uri Bar-Lev verhindert. Dieser sagt zu den Anschlägen:

„Sie glaubten, dass man sich mit Terroristen einigen kann, aber Terrorismus schließt jede Einigung aus. Terrorismus ist gegen jede Art von Gesetz und Verständigung. Im Gegenteil, es ist das Wesen des Terrorismus, das Gesetz zu brechen. Und ich denke, wenn Europa und die Welt in den 70-er Jahren den Terrorismus bekämpft hätten, wäre 9/11 nicht passiert. Jeder hat aber Angst gehabt, sich nur um seine eigenen Interessen gekümmert, lieber nichts tun, ich halte mich daraus, denn jedes Eingreifen ist immer mit Gefahr verbunden. Das war auch bei mir so. Ich habe mit dem Leben gespielt, Gott gespielt. Woher sollte ich wissen, dass es klappt? Aber man muss wenigstens versuchen, den Terrorismus zu bekämpfen, man muss etwas tun.“

Es gibt genügend Spuren, die beweisen, dass die Anschläge 1970 im Zusammenhang stehen zu dem Massaker, das an israelischen Athleten bei den Olympischen Spielen 1972 in München verübt worden ist. Wieso kommt es zu der Aussage des damaligen Oberbürgermeisters der Stadt München, Hans-Jochen Vogel, dass man nicht mit einem solchen Anschlag rechnete? Hat man die Ereignisse von 1970 bereits vergessen oder verdrängt? Hat man nicht gesehen, dass alle Anschläge gegen Juden gerichtet waren? Vogel sagt:

Mit einem solchen Anschlag ist nicht gerechnet worden. Dazu muss ich sagen, das Sicherheitskonzept, das für die Spiele erarbeitet worden ist, das ist allen teilnehmenden Nationen zur Kenntnis gebracht worden. Auch Israel hat dieses Konzept zur Kenntnis genommen und es ist von keiner Seite ein ernsthafter Einwand gegen das Konzept erhoben worden.“

Welche Schlussfolgerung soll man aus so einer Aussage ziehen? Dass nicht Deutschland allein zuständig gewesen sein will für die Sicherheit der Sportler? Die anderen Nationen und auch Israel hatten ja keine Einwände gegen das Sicherheitskonzept? Unglaublich! Ich habe mich mal „schlau gemacht“, welche Sicherheitsvorkehrungen getroffen worden sind.

Die Olympischen Spiele sollten vorrangig „Heitere Spiele“ werden! Der Polizeipräsident Manfred Schreiber meint doch allen Ernstes:

„Das Motto hieß: „Heitere Spiele“. Das bedingte auch, dass man verzichtet hat auf alle möglichen Reglementierungen die unter Sicherheitsgesichtspunkten üblich gewesen wären, dass man verzichtet hat vor allem auf Polizei im Olympischen Dorf und in den Olympischen Städten.“ (!)

Das ist ein bisschen viel Blauäugigkeit auf einmal! …

Zurück zum Film.

Ulrike Meinhofs Äußerung zu dem Massaker in München lässt tief blicken:

„Eine zutiefst proletarische Aktion, die in sich alle Momente des revolutionären Kampfes vereinigt hat wie es das in Deutschland noch nie gegeben hat.“

Für das Massaker verantwortlich war das Terrorkommando „Schwarzer September„. Drei Männer überlebten. Auch sie werden wenige Wochen später abgeschoben! …

Jeder mag sich seinen eigenen Überlegungen und Fragen stellen. Wie auch immer die aussehen mögen, der Stoff bietet genug Anregungen, sich weiter mit dem Thema zu beschäftigen und selbst „zu forschen“. Ein möglicher Anfang:

UPDATE (30.08.2012)
Gestern veröffentlichte Israel bisher geheim gehaltene Dokumente zu dem Olympia-Attentat 1972. Heute erschien auf „tw24“ ein wichtiger Beitrag dazu mit dem Titel „Wertarbeit“. Bitte lesen!

Siehe auch: Ulrich Sahm, Geheimdokumente zu München

UPDATE (02.12.2015)
Heute ein aufschlussreicher, aber auch erschreckender Bericht dazu in der Welt. MÜNCHEN 1972. Die Terroristen misshandelten die Israelis bestialisch.

Advertisements

6 Gedanken zu „Ein „MUST SEE“! „München 1970: Als der Terror zu uns kam“

  1. Pingback: Heute vor 40 Jahren | faehrtensuche

  2. Pingback: Rezension “München 1970″ | Geist & Zeitgeschichte

  3. Hat dies auf faehrtensuche rebloggt und kommentierte:

    Nachfolgenden Beitrag hatte ich im August 2012 veröffentlicht. Noch immer aktuell! Oder um es mit dem Kommentar eines Lesers zu sagen: „Leider ist das Thema aktueller als uns lieb sein kann und ein großartiges Beispiel dafür, wie man aus der Geschichte lernen könnte. Könnte…!“
    Dem ist nichts hinzuzufügen! …

  4. Ich habe heute Nacht den Film auf phoenix entdeckt und finde ihn sehr beeindruckend! ES handelt sich um eine messerscharfe Analyse der Verhältnisse in den späten Sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts und zeigt auf, wo die Ursachen des Internationalen Terrorismus liegen, an denen wir bis heute leiden. Leider hat der Film eine wesentliche Schwäche. Der Schluss, der aus den Ereignissen gezogen wird, nämlich dass man das ganze hätte verhindern können, wenn man dem Vorbild Israels gefolgt wäre, die Sicherheitsmaßnahmen erhöht hätte und die Täter konsequenter verfolgt wäre, ist meiner Meinung nach nicht zu Ende gedacht. Der Film zeigt deutlich, dass die Ursachen tiefer liegen. Zum einen reagiert die bundesdeutsche Gesellschaft nicht in einer angemessenen Weise auf die berechtigte Kritik der „Achtundsechziger“ auf die Verhältnisse mit ihren verkrusteten Strukturen. FJ Strauß glaubte zwar, dass er das „Problem mit den Gammlern“ mit überzogenen Strafen lösen kann. Das hat aber nur ein Eskalationsspirale in Gang gesetzt, die letztendlich im heißen Herbst 1977 endete. Das ist eine der Ursachen von dem, was sich in den Siebziger Jahren abgespielt hat.
    Bemerkenswerter ist aber ein andere Analyse des Films. Ergebnis des Sechstagekrieges auf Seiten der arabischen Staaten und der Palästinenser war, dass sie Israel militärisch unterlegen sind. Konsequenz ist, dass sie den Kampf so nich gewinnen können und ihre Taktik geändert haben und auf Terror gegen Unbeteiligte umgeschwenkt sind. Der Film suggeriert, dass die westliche Gesellschaft diesen Kampf mit polizeilichen , geheimdienstlichen und militärischen Mitteln gewinnen kann. Ein fataler Fehlschluss, weil sich die westliche Gesellschaft aufgibt, wenn sie diesen Weg geht. Eine freiheitliche Gesellschaft ist das genaue Gegenteil einer Gesellschaft, die durch solche Maßnahmen geprägt ist. Wie kann man dieses Dilemma auflösen? Ein Weg ist, die Ursachen zu beseitigen. Neben vielen historischen Ungerechtigkeiten, die sich im 20. Jahrhundert in der Region zwischen Mittelmeer und Persischem Golf abgespielt haben und die sich nicht mehr rückgängig machen lassen, ist es an der Zeit, den Israelisch-Palästinensischen Konflikt zu lösen. Das Ziel können nur zwei souveräne, unabhängige und demokratischen Staaten, die sich gegenseitig respektieren und als Vorbild für eine funktionierende Aussöhnung in der Region dienen. So wie in Europa der Prozess der Aussöhnung nach dem 2. Weltkrieg mit der Gründung der Europäischen Union für Frieden und Wohlstand gesorgt hat, so muss auch in dieser Region dieser Prozess begonnen werden. Es ist sicher ein sehr langer Weg, der über mehrere Generationen durchgehalten werden muss. Aber eine anderen Weg sehe ich nicht. Bis dahin werden wir immer wieder mit Opfern leben müssen, die das Pech hatten, zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort zu sein, so wie Rudolf Crisolli oder Hanna Maron.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.