Das Glas – ist es halbvoll oder halbleer?

Eine beeindruckende Begegnung mit Ester Golan

Von Ester Golan gehört hatte ich das erste Mal durch einen Radio-Bericht, der die Kindertransporte zum Thema hatte. Ester war eines der Kinder, die mit einem Kindertransport nach England geschickt wurden und die auf diese Weise den Holocaust überlebten. Die Abschiedsworte ihrer Mutter „Auf Wiedersehen in unserem Land“ – auf Hebräisch „Lehitraot B’arzenu“ – begleiteten sie – ja – das ganze Leben über, gaben ihr Hoffnung nicht nur auf ein Wiedersehen, sondern auch auf ein Wiedersehen „in unserem Land“. Nicht nur diese Worte, auch die Briefe ihrer Mutter hütet sie wie einen Schatz. Diese hatte ihr noch bis 1942 geschrieben und sich bemüht, dadurch ihre Tochter zu begleiten und ihr das Gefühl des Zusammenhalts zu geben, das unabhängig von der räumlichen Entfernung stark vorhanden war. Nach 1942 verliert sich die Spur der Mutter in Ausschwitz.

Ihre Lebensgeschichte erzählt Ester in Einbindung der Briefe ihrer Mutter in dem Buch „Auf Wiedersehen in unserem Land.“ Wenn man so will, war das Lesen ihres Buches die zweite Begegnung mit ihr.

Die dritte Begegnung oder auch die erste Begegnung  „von Angesicht zu Angesicht“ :-), hatte ich bei meinem derzeitigen Aufenthalt in Jerusalem. Durch eine gute Freundin war es mir möglich, Ester Golan persönlich kennenzulernen – eine große Freude für mich! Es war der erste Besuch, den sie nach einem Krankenhausaufenthalt empfangen hat. Sie berichtete, dass sie im Moment darum kämpfe, trotz allem ihre Unabhängigkeit zu erhalten.

Was hat mich beeindruckt? Es waren viele kleine Dinge: die Art, wie sie mich begrüßte, mich aufforderte, ihr gegenüber Platz zu nehmen, damit sie mich gut verstehen konnte, ihre lebendige Stimme, wach und an allem interessiert. Aber das Wichtigste war wohl, dass sie mich immer wieder dazu brachte, mich mit der Art auseinanderzusetzen, wie sie ihr Leben gemeistert hat – trotz aller Widrigkeiten. Selbstmitleid – verboten, Dinge aktiv angehen, Probleme meistern – ja!!!

Alles, was Ester über sich erzählt, läuft im Grunde auf eine für sie entscheidende Frage hinaus. „Das Glas – ist es halbvoll oder halbleer?“ Für Ester ist die Sichtweise entscheidend: Entweder ist das Glas halbvoll oder halbleer. Aus dem halbleeren Teil könne man nicht trinken, meint sie, aber aus dem halbvollen sehr wohl! Man müsse sehen, was man aus dem, was ist, machen könne! Und das mit ganzem Herzen und mit vollem Einsatz.

Sie erzählt, was sie alles aus ihrem Leben machen wollte. Auf gar keinen Fall wollte sie als Ehefrau „graues Mäuschen“ sein und einfach das tun, was ihr Mann von ihr erwartete. Sie wollte zur Schule gehen, einen Beruf ergreifen, Geld verdienen, ihr Leben selbstbestimmt und ihren Begabungen entsprechend leben. Das ist nicht so einfach, vor allem nicht für Frauen ihrer Generation. 1923 sei sie geboren worden, sagte sie.

Im Alter von 15 Jahren wurde Ester von ihren Eltern mit einem Kindertransport nach England gebracht. Das Leben in England war hart, die Menschen behandelten sie alles andere als freundlich und zugewandt, sie kam aus Deutschland und die Deutschen waren Englands Feinde. Das, was die Zeit, in der sie getrennt von ihren Eltern war, gefühlsmäßig mit ihr gemacht hat, erkennt sie erst sehr viel später. Zunächst war da der Briefwechsel mit ihrer Mutter, die Bindung an sie war eng. Es gelingt ihr und ihrer Mutter, ein enges Zusammengehörigkeitsgefühl trotz der Entfernung aufrecht zu erhalten. Ester betont, dass dieses Gefühl gegenseitig vorhanden war und bedauert, dass ihre Briefe, die sie der Mutter zurückschrieb, nicht erhalten sind. Der Briefwechsel reißt 1942 ab, als ihre Mutter nach Ausschwitz deportiert und dort umgebracht wird. Ihren ersten Mann heiratet Ester, weil das für sie die einzige Möglichkeit ist, endlich nach Palästina, dem heutigen Israel, auszureisen. Wen wundert‘s, dass die Ehe scheitert?

„Gehe nie davon aus, dass dich jemand versteht“, meint sie. Man müsse seinen Weg finden ohne die Erwartung, dass jemand einem Verständnis entgegenbringe. Sie jedenfalls meint, dass sie dieses von anderen nicht bekommen habe, auch ihr zweiter Mann ist hilflos und versteckt die Briefe ihrer Mutter, weil er sieht, dass sie weint. Und weinen soll sie nicht.

Ester erzählt, dass ihre Heilung begonnen habe, als sie mit ihrem Sohn eine Reise nach Ausschwitz gemacht und im Anschluss daran ihren Geburtsort Glogau (Schlesien) besucht habe. Dort habe sie ihrem Sohn die Orte ihrer Kindheit zeigen können und die Rasenfläche, wo vormals das Haus ihrer Eltern gestanden hatte. Ester wurde bewusst, dass ihr Reden und das Einbeziehen ihres Sohnes in ihre (Lebens-)Geschichte eine wichtige Voraussetzung für den Heilungsprozess war.

Ester will Dinge konkret machen. So ist ihre Frage an mich auch die, was in meinem Wohnort konkret mit der Geschichte [gemeint ist die Shoa] gemacht wird. Als ich ihr erzähle, dass jedes Jahr auf der Gedenkveranstaltung zur Reichspogromnacht eine Gymnasialklasse über das Schicksal einer jüdischen Person/Familie referiert, „beißt“ sie sofort „an“ und betont die Wichtigkeit, bei den „jungen Leuten“ anzusetzen. Sie ist der Auffassung, dass die Shoa bereits in der Grundschule zum Thema gemacht werden sollte, es käme immer darauf an, wie man das Thema den Kindern nahebrächte. Kleinen könnte man z.B. erzählen von der Einsamkeit der jüdischen Kinder, mit denen plötzlich niemand mehr spielen wollte, eben, weil sie Juden waren. Sie zeigt mir auch gleich ein Buch, das in Zusammenarbeit mit einer Grundschullehrerin aus Linz (Österreich) entstanden ist und eine Möglichkeit der Aufarbeitung der Geschichte für Grundschüler biete. Sie hat auf ihren Reisen in Deutschland häufig über ihre Erlebnisse während des Holocausts berichtet, auch in Grundschulen.

An einem Punkt reagiert Ester sehr energisch. Egal, in welche Lebensumstände man auch geriete, man dürfe sich auf gar keinen Fall zum Opfer machen lassen. Probleme sollte man so angehen, dass man – bildlich gesprochen – auf das „halbvolle Glas“ schaue und herausfinde, was man aus dem, was da ist, machen könne. Anders ausgedrückt: Es läuft alles darauf hinaus, dass man sein Leben aktiv angehe und sich nicht in eine passive Position begebe oder darin verharre. Ihr eigenes Leben zeigt, dass sie immer darauf bedacht war und ist, das Beste aus der jeweiligen Lebenssituation zu machen.

Ester führt den Gesprächspartner auf ungewöhnliche Gedankengänge, sicher kann man nur bei einem sein: Wenn man in seinen Äußerungen das Wort „muss“ gebraucht, wird dieses von ihr stets durch „soll“ bzw. „sollte“ ersetzt. Es wird einem im Verlauf des Gesprächs bewusst, dass so ein kleines Wort bereits eine Verschiebung des Sinns hin zum Positiven bewirken kann.

Am Ende der Begegnung bleibt für mich die Feststellung, wie „erfrischend“ es ist, Dinge positiv anzugehen! Wie war noch mal Esters Frage: Das Glas – ist es halbvoll oder halbleer? –   Trinken kann man nur aus dem gefüllten Teil!

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2 Gedanken zu „Das Glas – ist es halbvoll oder halbleer?

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