Begegnungen

mit dem Anderen

Bevor ich den Artikel über Ester Golan veröffentlichte, hatte ich ihn ihr zu lesen gegeben, um eine Reaktion darauf von ihr zu bekommen. Als Ergänzung zu meinem Artikel und als Antwort auf die Anmerkungen zum „Sollen“ statt zum „Müssen“ gab Ester mir bei einem zweiten Besuch das von ihr verfasste Gedicht „Begegnungen mit dem Anderen“ zu lesen. Hierin macht sie auf besondere Weise ihr Anliegen deutlich, in Erwartung an den anderen nicht von „müssen“ zu sprechen, sondern von „sollten“. Um Esters Anliegen hervorzuheben, möchte ich dieses Gedicht in meinen Blog aufnehmen. Mein besonderer Dank geht dabei an die Autorin, die mir ihr Gedicht „Begegnungen mit dem Anderen“ zur Verfügung gestellt hat! Es ist auch im Themenheft 2011 („Aufeinander hören – miteinander leben“) der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Deutscher Koordinerungsrat e.V. erschienen.

Übrigens: Bei meinem zweiten Besuch bei Ester kam die ganze „streitbare“ Ester zum Vorschein! Sie gibt nicht auf, am allerwenigsten sich selbst! Eine wahrhaft „starke Frau“!

Hier nun ihr Gedicht:

Begegnungen mit dem Anderen

Wem begegne ich, wenn nicht dem Anderen?
Der Andere ist anders als ich.
Er denkt anders.    Er spricht anders.
Er glaubt anders.    Er handelt anders.
Ich handle anders als er.    Ich spreche anders als er.
Ich meine es anders als er es vermeint zu verstehen.
Ich denke anders und kann mich
schwer in seine Denkart hinein denken.
Ich glaube.    Ich bin anders als er.    Ich bin ich.
Ich möchte als anders wahrgenommen werden.
Ich möchte nicht verglichen werden.
Ich versuche darzustellen wer ich bin.
Ich und er sind unterschiedlich.

Er und ich, ich und er,
wir können uns nicht miteinander vergleichen
Er muss seinen Weg gehen
so wie ich den meinen gehen muss.
Wir begegnen uns.
Aber wir begegnen uns in unserem Anderssein.
Er begegnet vielen,    ich begegne vielen.
Ich kann mich nicht vielen angleichen.
Auch er kann sich nicht vielen angleichen,
sonst bleibt er nicht er.
So wie ich doch ich bleiben möchte,
möchte er gerne er bleiben.
Ich kann nicht er werden
so wie er nicht ich werden kann.
Ich brauche ihn um mich zu sehen.
Wenn ich meine Hand vor meine Augen halte,
sehe ich meine Hand.
Aber ich sehe nicht mich.    Er sieht mich, der Andere.
Ich brauche den Anderen,
um gesehen zu werden, um mich zu sehen.
Ich hoffe der Andere braucht mich,
damit er gesehen wird und so sich sieht.
Wir brauchen einander,
um uns gegenseitig wahrzunehmen.
Ein jeder muss sein eigenes Selbst bewahren.
Wer bin ich wenn ich nicht ich bin.

Ester Golan

Advertisements

Ein Gedanke zu „Begegnungen

  1. Pingback: Die Briefe ihrer Mutter | Hinter den Türen der Stadt

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s