Anne Frank

Esther schreibt heute in ihrem „Tagebuch aus Zichron Yaakov“ aus Anlass des gestrigen Holocaustgedenktages:

Die Zahl der Überlebenden wird mit jedem Jahr kleiner, die Stimmen derjenigen, die uns sagen können, wir waren  dabei, verstummen mehr und mehr.

Umso wichtiger ist es, dass wir, die Nachkommen, die Freunde, unsere Stimmen laut erheben und unser Versprechen Jahr für Jahr erneuern: wir werden euch nicht vergessen, wir werden eure Namen und Geschichten weitergeben, von Generation zu Generation!“

Anne Frank gehört nicht zu den Überlebenden. Wie sehr hätte ich gewünscht, es wäre anders gewesen, als wir in der Schule ihr Tagebuch lasen und ich dachte, ein so beeindruckendes Mädchen mit so tiefen Gedanken bereits in jungen Jahren dürfte einfach nicht sterben.

Ich erinnere mich, dass irgendwann mal Diskussionen aufkamen, bei denen die Authentizität des Buches angezweifelt wurde, weil – so lautete ein Argument – ein junges Mädchen in diesem Alter, Anne war gerade einmal 13 Jahre alt, noch nicht so reife Gedanken haben könne. Wie infam das doch war! Ich fand das reichlich verrückt und verstand nicht, dass man bei so einer Argumentation anscheinend überhaupt nicht im Blick zu haben schien, dass Anne sich jeden Tag in größter Not und Todesangst befand, was ihr – mal mehr, mal weniger – bewusst gewesen sein mag. Das hat sicher dazu beigetragen, dass sich diese Tiefe an Gedanken in ihr entwickeln konnte. Man kann sehr früh reifen, unfreiwillig und ohne eigenes Zutun! … Ich erinnere mich, wie erleichtert ich war, als es diese Diskussionen nicht mehr gab, weil sich alle Argumente sozusagen in Luft auflösten.

Anne gehört nicht zu den Überlebenden. Und doch hat sie eine Stimme, eine Stimme, die nicht verloren gehen darf, wie auch viele andere Stimmen und die Stimmen der jetzt noch lebenden Überlebenden nicht verloren gehen dürfen!

Wie es in einem jungen Mädchen ausgesehen hat, das sich ab 1942 versteckt halten musste, um nicht den Nazis in die Hände zu fallen, das jeden Tag neu von Hoffnung erfüllt war und dessen Hoffnung dann doch zunichte gemacht wurde, als das Versteck verraten wurde, zeigt Annes Tagebuch auf beeindruckende Weise.

Mit Datum vom 24. Dezember 1943 schreibt Anne:

Beste Kitty!

Ich habe dir schon öfter geschrieben, dass wir hier alle so unter Stimmungen leiden, und ich glaube, dass das vor allem in der letzten Zeit bei mir stark zunimmt. […]

Wenn jemand gerade von draußen hereinkommt, mit dem Wind in den Kleidern und der Kälte im Gesicht, dann würde ich am liebsten meinen Kopf unter die Decke stecken, um nicht zu denken: „Wann ist es uns mal wieder vergönnt, Luft zu riechen?“ Und obwohl ich meinen Kopf nicht unter der Decke verstecken darf, mich im Gegenteil aufrecht und stark halten muss, kommen die Gedanken doch, nicht nur einmal, sondern viele Male, unzählige Male.

Glaub mir, wenn man eineinhalb Jahre eingeschlossen sitzt, kann es einem an manchen Tagen mal zu viel werden, ob es nun berechtigt oder undankbar ist. Gefühle lassen sich nicht auf zur Seite schieben. Radfahren, tanzen, pfeifen, die Welt sehen, mich jung fühlen, wissen, dass ich frei bin – danach sehne ich mich. Und doch darf ich es nicht zeigen. Denn stell dir vor, wenn wir alle acht anfingen, uns zu beklagen oder unzufriedene Gesichter zu machen, wohin sollte das führen?

Manchmal überlege ich mir: „Kann mich wohl irgendjemand verstehen, über die Undankbarkeit hinwegsehen, hinwegsehen über Jude oder nicht Jude, und nur den Backfisch in mir sehen, der so ein großes Bedürfnis nach ausgelassenen Vergnügen hat?“ Ich weiß es nicht, und ich könnte auch nie, mit niemandem, darüber sprechen, denn ich würde bestimmt sofort anfangen zu weinen. Weinen kann so eine Erleichterung bringen, wenn man nur einen Menschen hat, bei dem man weinen kann. […]

Nun ist es genug, mein „zu Tode betrübt“ ist beim Schreiben ein bisschen vorbeigegangen!

Deine Anne“

[Anne Frank, Tagebuch, Fischer Taschenbuch Verlag 1986, S. 153 – 155]

Anne Frank wurde am 4. August 1944 verhaftet und starb Anfang März 1945 im Vernichtungslager Bergen-Belsen.

Advertisements

Ein Gedanke zu „Anne Frank

  1. Dass wir so viel aus dem Leben von Anne Frank wissen, verdanken wir der Frau, die sie und andere Juden unter Inkaufnahme von grösster Gefahr für sich selbst im „Hinterhaus“ versteckt hat. Miep Gies. Sie nahm auch das Tagebuch an sich und gab es nach sem Krieg Annes Vater. Er hat als einziger aus der Familie überlebt.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s