Einmal gesegnet worden zu sein heißt

für immer gesegnet zu sein!

In der jüdischen Tradition spielt das „Segnen“ und „Gesegnet-werden“ eine große Rolle. Es durchzieht das ganze Leben und ist Ausdruck der wechselseitigen Beziehung G‘ttes zu den Menschen und des Menschen zu G‘tt. Nicht nur G’tt spricht den Menschen seinen Segen zu, auch der Mensch kann G’tt segnen (preisen). Die ganze Thora ist voll von Geschichten, in denen der Segen G‘ttes Grundlage und Voraussetzung für ein gelungenes Leben ist! Mit dem Segen heißt es ernst umgehen. Jemandem Segen zuzusprechen will wohlüberlegt sein, denn einmal ausgesprochener Segen kann nicht rückgängig gemacht werden und behält seine Gültigkeit – für immer.

Ein Beispiel zur Verdeutlichung: In Genesis, Kapitel 27 wird von den Zwillingen Esau und Jakob erzählt, Söhne von Isaak und Rebekka. Esau als dem Erstgeborenen steht der väterliche Segen zu. Jedoch kommt ihm sein Bruder Jakob zuvor (seine Mutter Rebekka ist ihm dabei behilflich, eigentlich geht das Ganze auf ihre Initiative zurück – nachzulesen ebenda) und erschleicht sich den Segen des Vaters. Unglücklich gelaufen, der Irrtum wird aufgeklärt und das Ganze kann nun wieder richtiggestellt werden? Nein! Wir erfahren, dass der einmal zugesprochene Segen nicht zurückgenommen werden kann und seine Gültigkeit behält! Isaak kann nur sein Bedauern bekunden, nicht aber den einmal zugesprochenen Segen zurückziehen, obwohl er einsehen muss, dass sein Segen auf einem Irrtum bzw. einer falschen Annahme beruht.

Die Geschichte „Der Segen meines Großvaters“, geschrieben von Rachel Naomi Remen, macht auf eine feine, einfühlsame Weise deutlich, wie die Erfahrung der Geborgenheit, vermittelt durch das Segnen des Großvaters, das ganze Leben durchzieht und eine gute Grundlage schafft zur Lebensbewältigung.

Viel Freude beim Lesen!

Rachel Naomi Remen, Der Segen meines Großvaters

Wenn ich an den Freitagnachmittagen nach der Schule zu meinem Großvater zu Besuch kam, dann war in der Küche seines Hauses bereits der Tisch zum Teetrinken gedeckt. Mein Großvater hatte seine eigene Art, Tee zu servieren. Es gab bei ihm keine Teetassen, Untertassen oder Schalen mit Zuckerstückchen oder Honig. Er füllte die Teegläser direkt aus einem silbernen Samowar. Man musste zuerst einen Teelöffel in das Glas stellen, denn sonst hätte das dünne Glas zerspringen können. Mein Großvater trank seinen Tee auch nicht so, wie es die Eltern meiner Freunde taten. Er nahm immer ein Stück Zucker zwischen die Zähne und trank dann den ungesüßten heißen Tee aus dem Glas. Und ich machte es wie er. Diese Art, Tee zu trinken, gefiel mir viel besser als die Art, auf die ich meinen Tee zu Hause trinken musste.

Wenn wir unseren Tee ausgetrunken hatten, stellte mein Großvater stets zwei Kerzen auf den Tisch und zündete sie an. Dann wechselte er auf Hebräisch einige Worte mit Gott. Manchmal sprach er diese Worte laut aus, aber meist schloss er einfach die Augen und schwieg. Dann wusste ich, dass er in seinem Herzen mit Gott sprach. Ich saß da und wartete geduldig, denn ich wusste, jetzt würde gleich der beste Teil der Woche kommen.

Wenn Großvater damit fertig war, mit Gott zu sprechen, dann wandte er sich mir zu und sagte: „Komm her, Neshumele.“ Ich baute mich dann vor ihm auf, und er legte mir sanft die Hände auf den Scheitel. Dann begann er stets, Gott dafür zu danken, dass es mich gab und dass ER ihn zum Großvater gemacht hatte. Er spach dann immer irgendwelche Dinge an, mit denen ich mich im Verlauf der Woche herumgeschlagen hatte, und erzählte Gott etwas Echtes über mich. Jede Woche wartete ich bereits darauf, zu erfahren, was es diesmal sein würde. Wenn ich während der Woche irgendetwas angestellt hatte, dann lobte er meine Ehrlichkeit, darüber die Wahrheit gesagt zu haben. Wenn mir etwas misslungen war, dann brachte er seine Anerkennung dafür zum Ausdruck, wie sehr ich mich bemüht hatte. Wenn ich auch nur kurze Zeit ohne das Licht meiner Nachttischlampe geschlafen hatte, dann pries er meine Tapferkeit, im Dunkeln zu schlafen. Und dann gab er mir seinen Segen und bat die Frauen aus ferner Vergangenheit, die ich aus seinen Geschichten kannte – Sara, Rahel, Rebekka und Lea – auf mich aufzupassen.

Diese kurzen Momente waren in meiner ganzen Woche die einzige Zeit, in der ich mich völlig sicher und in Frieden fühlte. In meiner Familie von Ärzten und Krankenschwestern rang man unablässig darum, noch mehr zu lernen und noch mehr zu sein. Da gab es offenbar immer noch etwas mehr, das man wissen musste. Es war nie genug. Wenn ich nach einer Klassenarbeit mit einem Ergebnis von 98 von 100 Punkten nach Hause kam, dann fragte mein Vater: „Und was ist mit den restlichen zwei Punkten?“ Während meiner gesamten Kindheit rannte ich unablässig diesen zwei Punkten hinterher. Aber mein Großvater scherte sich nicht um solche Dinge. Für ihn war mein Dasein allein schon genug. Und wenn ich bei ihm war, dann wusste ich irgendwie mit absoluter Sicherheit, dass er Recht hatte.

Mein Großvater starb, als ich sieben Jahre alt war. Ich hatte bis dahin nie in einer Welt gelebt, in der es ihn nicht gab, und es war schwer für mich, ohne ihn zu leben. Er hatte mich auf eine Weise angesehen, wie es sonst niemand tat, und er hatte mich bei einem ganz besonderen Namen genannt – „Neshumele“, was „geliebte kleine Seele“ bedeutet. Jetzt war niemand mehr da, der mich so nannte. Zuerst hatte ich Angst, dass ich, wenn er mich nicht mehr sehen und Gott erzählen würde, wer ich war, einfach verschwinden würde. Aber mit der Zeit begann ich zu begreifen, dass ich auf irgendeine geheimnisvolle Weise gelernt hatte, mich durch seine Augen zu sehen. Und dass einmal gesegnet worden zu sein heißt, für immer gesegnet zu sein.

Quelle: Rachel Naomi Remen, Der Segen meines Großvaters, gefunden in „Der Andere Advent“ 2012/13, Hamburg, Eintrag vom 11. Dezember 2012.

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2 Gedanken zu „Einmal gesegnet worden zu sein heißt

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