Stirbt das jüdische Leben in Europa ‚einen langsamen Tod‘?

Der nachfolgende Artikel erschien am 08.07.2013 in „The Times of Israel“. Orignialversion: „Jewish life in Europe ‚dying a slow death‘?“

[Übersetzung: R.L.]

Es ist Zeit, an die Öffentlichkeit zu gehen, mahnt Prof. Robert Wistrich, eine führende  Autorität auf dem Gebiet des Antisemitismus. Und er gehört zu jenen Gelehrten, die die Behauptung zurückweisen, dass angeblich 150 Millionen EU-Bürger Israel verteufeln.

von RAPHAEL AHREN, 8. Juli 2013

Als der Vizepremierminister der Türkei, Besir Atalay, in dieser Woche die „jüdische Diaspora“ beschuldigt hatte, die Proteste gegen die Regierung in seinem Land zu instrumentieren, war fast die komplette jüdische Diaspora in Aufruhr. Oskar Deutsch, der Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde in Wien, ist sogar so weit gegangen, zu fordern, man müsse die Europäische Union auffordern, die Beitrittsverhandlungen mit Ankara einzustellen.

Aber diesen tief sitzenden Antisemitismus konnte man in der vergangenen Woche auch im europäischen Kernland finden: Die Redakteure von Deutschlands „Süddeutscher Zeitung“ meinten, dass das Bild eines ausgehungerten Moloch der richtige Typus als Illustration für eine Geschichte über Israel sei. Kritiker wiesen darauf hin, dass dies wohl eine problematische Auswahl gewesen sein könnte, aber die Zeitung reagierte anfangs noch mit den Worten: „Ein hungriges Ungeheuer mit Hörnern hat nichts mit antisemitischen Klischees zu tun“, (erst später hat man sich dafür entschuldigt).

Klar ist, dass antisemitische Tendenzen in Europa präsent sind. Aber wie weit verbreitet ist der Antisemitismus wirklich, und wie ernst ist er zu nehmen?

Gemäß einem Jerusalemer Forscher ist die Situation erschreckend, und er behauptet, auch die entsprechenden Zahlen zu haben, um dies zu beweisen: Mehr als 150 Millionen europäische Erwachsene hätten demnach antisemitische Ansichten, so behauptet er, und sie sind der Meinung, dass Israel einen Krieg der Vernichtung gegen die Palästinenser führt. „Zahlenmaterial aus verschiedenen Studien soll den Beweis erbringen, dass angeblich mehr als 150 Millionen Bürger der Europäischen Union Israel verteufeln“, schreibt Manfred Gerstenfeld, ehemaliger Vorsitzender des Jerusalemer Zentrums für Öffentliche Angelegenheiten, in seinem jüngsten Buch mit dem Titel „Demonizing Israel and the Jews/ Die Dämonisierung Israels und der Juden“.

Es lässt schon aufhorchen, dass einige Experten davon ausgehen, dass die Zahl korrekt sein könnte. Andere wiederum behaupten zwar, dass die Beweisführung von Gerstenfeld wissenschaftlich nicht haltbar ist, aber auch jene behaupten, dass der Antisemitismus zu einer irreversiblen Tendenz geworden ist, die das Leben der restlichen Juden auf dem Kontinent schon bald unerträglich machen könnte. Europäische Offizielle halten sich bislang mit Kommentaren zurück, obgleich einige äußern, dass sie fassungslos sind, wenn sie von solchem statistischen Zahlenmaterial hören. Die EU erarbeitet derzeit ihre erste umfassende Studie über den Antisemitismus, wobei die bisherigen Erkenntnisse eine beunruhigende Zahl von Juden offenbaren, die darüber berichten, Opfer von Belästigungen geworden zu sein.

Gerstenfeld, der vor vielen Jahren aus den Niederlanden nach Israel immigrierte, stützt seine umstrittene Behauptung hauptsächlich auf eine Studie aus dem Jahre 2012, die von der Universität Bielefeld durchgeführt wurde, veröffentlicht seinerzeit durch die deutsche Friedrich-Ebert-Stiftung. Im Rahmen der Studie wurden 8.000 Menschen aus acht verschiedenen EU-Mitgliedstaaten befragt. Dabei fand man heraus, dass ungefähr 40 Prozent der Befragten in den meisten teilnehmenden Ländern die drastische Bewertung abgaben, dass der israelische Staat einen Krieg der Vernichtung gegenüber den Palästinensern führt.

In Polen stimmten 63% der Befragten mit dieser Behauptung überein. In Deutschland stand knapp die Hälfte der Befragten, nämlich 48%, hinter dieser Behauptung. In Portugal waren es 49%, 42% in Großbritannien, 41% in Ungarn, 39% in den Niederlanden und 38% in Italien.

„Diese sieben Länder umfassen bereits mehr als die Hälfte der EU-Bevölkerung“, schreibt Gerstenfeld, der im Jahre 2012 den Preis für sein Lebenswerk im Kampf gegen den Antisemitismus erhalten hat. „Die EU umfasst mehr als 500 Millionen Einwohner. Darunter sind mehr als 80% oder 400 Millionen Menschen mindestens sechzehn Jahre oder älter. Man kann, im Hinblick auf die Studie der Universität Bielefeld, davon ausgehen, dass in der kompletten EU der durchschnittliche Prozentsatz derjenigen, die Israel dämonisieren bzw. verteufeln bei mindestens 40% liegt. Somit landet man bei einer Zahl von mehr als 150 Millionen EU-Bürgern, die Israel als eine Nation betrachtet, die Völkermord begeht.“

Es gibt andere Studien, die in den letzten Jahren in speziellen europäischen Ländern erstellt wurden mit ähnlichen Ergebnissen, schreibt Gerstenfeld. So führt er zum Beispiel eine Befragung aus den Jahren 2011-2012 an, bei der herausgefunden wurde, dass 38% der Norweger „mit der Behauptung im Einklang stehen, dass sich Israel gegenüber den Palästinensern ebenso verhält, wie sich die Nazis gegenüber den Juden verhalten haben.“

Die gängige Definition der EU für Antisemitismus schließt auch das „Heranziehen von Vergleichen der aktuellen israelischen Politik mit dem Handeln der Nazis“ ein, weswegen Gerstenfeld auch tatsächlich von 150 Millionen Antisemiten in der EU spricht.

„Ich kann mir gut vorstellen, dass es 150 Millionen Idioten in der Europäischen Union gibt. Aber ich gehe nicht unbedingt davon aus, dass sie alle Antisemiten sind“. Entsprechend dieser Äußerung von Professor Robert Wistrich von der Hebräischen Universität, zugleich einem der führenden Köpfe auf dem Gebiet des Antisemitismus, sind solche Schlussfolgerungen falsch und unzulässig. Die Tatsache, dass 40% von 8.000 Menschen geäußert haben, Israel wolle die Palästinenser vernichten, beweist nicht, dass 150 Millionen Menschen Antisemiten sind, argumentiert er.

„Ein Mensch, der sagt, dass Israel einen Krieg der Vernichtung gegen die Palästinenser führt, der

a) ist ein kompletter Idiot,

b) weiß nicht, wie ein Krieg der Vernichtung wirklich aussieht, und

c) hat überhaupt keine Ahnung vom Holocaust oder von den Hintergründen des israelisch-palästinensischen Konfliktes. 

Das zeigt mir noch nicht unbedingt, dass er wirklich ein Antisemit ist; es sagt mir zunächst nur, dass er ein großer Dummkopf und ein Unwissender ist“, sagte Wistrich, der dem Internationalen „Vidal Sassoon Zentrum“ für Antisemitismus-Studien vorsteht. „Ich kann mir gut vorstellen, dass es 150 Millionen Idioten in der Europäischen Union gibt. Aber ich gehe nicht unbedingt davon aus, dass sie alle Antisemiten sind“.

Andererseits ist Rabbi Abraham Cooper, der stellvertretende Dekan des Simon-Wiesenthal-Zentrums in Los Angeles, im Zusammenhang mit der Theorie von 150 Millionen europäischen Antisemiten weder überrascht noch schockiert.

„Ich denke, die Statistiken, die hier herangezogen wurden, sind durchaus alarmierend, aber sie geben keinen Anlass für Panik. Aber es ist sehr beunruhigend“, sagte er über die These von Gerstenfeld. „Wenn wir genau überlegen und ehrlich sind, dann müssen wir wohl feststellen, dass die hier herangezogenen Statistiken näher an der Wirklichkeit sind, als viele von uns wirklich eingestehen wollen.“

Die meisten Europäer denken im Alltag nicht ständig an Israel und die Juden, weil sie einfach andere Sorgen haben, sagte Cooper, der sich in einem Interview zu dem Buch von Gerstenfeld äußerte. Die einzigen Gelegenheiten, bei denen sie mit dem Thema konfrontiert werden, sind Pressemeldungen, die – häufig in unfairer Art und Weise – Israel wegen seiner Politik und seiner Handlungen gegenüber den Palästinensern in ein schlechtes Licht setzen, argumentierte er. „Die Infiltrierung in dieser Weise hat bereits viele Bereiche erfasst. Das bedeutet jedoch nicht, dass diese Entwicklung unumkehrbar oder dass dieser Zustand erdrückend ist. Aber wenn das Problem nicht beim Namen genannt wird, dann wird es nur immer schlimmer“, sagte Cooper.

Auch Herr Wistrich, der nicht so weit gehen wollte, die veranschlagte Zahl von 150 Millionen europäischen Antisemiten zu akzeptieren, malt dennoch ein eher düsteres Bild. Überall auf dem gesamten Kontinent ist das Klima der Meinung „sehr, sehr Israelfeindlich, und das kann natürlich nicht ohne Auswirkung auf die dort lebenden Juden bleiben“, sagte er. „Die einzigen Juden, die es nicht betrifft, sind natürlich diejenigen, die sehr lauthals und offen Israel verurteilen. Vorläufig ist das für sie O.K., aber das wird sich letztlich auch noch ändern … Die Tendenz, die sich hier darstellt, ist unumkehrbar.“

Andere Wissenschaftler warnen jedoch vor einer solch „pessimistischen“ Position. „Während es ein Trugschluss sein mag, zu glauben, dass die massive Verbreitung der auf Fakten und Beweisen basierenden Information über Israel wirklich eine nachhaltige Wirkung auf das Image Israels haben könnte, so sollten wir nicht notwendigerweise davon ausgehen, dass die Europäer wegen des vorherrschenden Antisemitismus unfähig seien, nachzudenken und ein Mitgefühl mit Israel zu entwickeln“,  schrieb Dov Maimon, ein hochrangiger Kopf am „Jewish People Policy Institute“ kürzlich in einem vertraulichen Papier an Israels Ministerium für strategische Angelegenheiten.

„Die Theorie, dass Europa verloren ist, demotiviert nur die Freunde Israels in Europa und darüber hinaus, aktiv zu werden, und das lässt gleichzeitig die internationalen Mittel zusammenschrumpfen, die zur Verfügung gestellt werden, um in Pro-Israel-Aktivitäten in Europa zu investieren.“

Winfried Kretschmann, der Ministerpräsident des deutschen Bundeslandes Baden-Württemberg und Präsident des Bundesrates, hat gesagt, dass ein signifikanter Antisemitismus noch überall in Europa festzustellen ist. „Das ist erschreckend, und wir müssen es wirklich sehr ernst nehmen“, äußerte er in der vergangenen Woche gegenüber „The Times of Israel“ in Jerusalem. Jedoch sollten solche Studien, wie jene von Herrn Gerstenfeld auch „nicht überschätzt werden“, warnte er.

„Wir können nicht immer gleich mit allerhöchster Panik auf solche Umfrageergebnisse reagieren. Das wird uns auch nicht weiterbringen. Eher müssen wir versuchen, die Menschen entsprechend zu prägen und ihnen die wirklichen Tatsachen zu liefern. Nur aufgebracht und entsetzt zu sein bringt uns nicht wirklich weiter; wir sollten vielmehr ergründen, wie solche Vorurteile entstehen“, sagte er. Während wir uns gegen den Antisemitismus und Rassismus stellen sollten, gibt es keinerlei Veranlassung, in Panik zu geraten, regte Kretschmann an. In Deutschland, so fügte er hinzu, „ist der Antisemitismus nicht im Herzen der Gesellschaft präsent“,  und es gibt keine großen politischen Parteien, die irgendwelche antijüdischen Positionen akzeptieren würden. Wann auch immer der Antisemitismus sein hässliches Gesicht zeigt, so wird „hart dagegen vorgegangen“, behauptete er.

Hat der Antisemitismus in den letzten 12 Monaten zugenommen oder abgenommen?  

Und dennoch, gemäß einer jährlichen Studie durch das „Center for the Study of Contemporary European Jewry“ und der Datenzusammenstellung von Moshe Kantor für die Studie des neuzeitlichen Antisemitismus und Rassismus an der Universität in Tel Aviv Universität aus dem Jahre 2012 gibt es „eine beträchtliche Zunahme“ von Gewaltakten gegen Juden in Europa.

Die Zahl von Gewaltakten und Vandalismus gegenüber jüdischen Personen, Einrichtungen und Privateigentum nahm um 30% zu. Sie hatte, gemäß der Studie, nach einem Höhepunkt im Jahre 2009, zwei Jahre hintereinander langsam abgenommen. Heutzutage ist die Situation in Ungarn, Griechenland, der Ukraine und Frankreich besonders besorgniserregend, beklagten die Forscher.

EU-Diplomaten, die auf diesen Artikel hin angesprochen wurden, weigerten sich, dazu eine Stellungnahme abzugeben. In privaten Gesprächen äußerten einige von ihnen jedoch, dass sie im Zusammenhang mit der Statistik „überrascht“ und „erschrocken“ seien, weil die Möglichkeit besteht, dass es 150 Millionen europäische Antisemiten geben könnte. „Es ist das erste Mal, dass eine Studie einen repräsentativen Überblick gibt und ihn in absoluten Zahlen umsetzt. Es ist eine ungewöhnliche Weise, dies so zu präsentieren“, sagte ein sichtlich bestürzter EU-Diplomat.

Die EU ist dabei, ihren allerersten Bericht über die Erfahrungen der Juden und deren Wahrnehmungen bezüglich des Antisemitismus, hasserfüllter Verbrechen und Diskriminierungen zu erstellen, wofür Juden in neun Mitgliedstaaten befragt wurden. Es ist geplant, den Bericht im Oktober zu veröffentlichen. Auf einer internationalen Konferenz über die Bekämpfung des Antisemitismus im vergangenen Monat in Jerusalem hat Sandra de Waele, die EU-Beraterin für den Bereich Politik und Presse in Israel, einige vorläufige Ergebnisse präsentiert.

Die Studie fand zum Beispiel heraus, dass mehr als jeder vierte Jude behauptet, „antisemitische Belästigungen mindestens einmal innerhalb von 12 Monaten vor der Umfrage erfahren zu haben“. Ungefähr ein Drittel der Befragten hat demnach „antisemitische Belästigungen“ im Laufe der letzten 5 Jahre erfahren, und 7% haben geäußert, dass sie „eine Form des physischen Angriffs oder der Bedrohungen“ innerhalb der letzten 5 Jahre erfahren haben. Zwischen 40 und 50% der Befragten in Belgien, Frankreich und Ungarn hatten demnach geäußert, dass sie in Betracht gezogen hätten, auszuwandern, weil sie sich nicht mehr sicher fühlen, fand die Studie heraus.

„Die Europäische Kommission wird gegenüber den zuständigen nationalen Behörden deutlich machen, dass jedes wie auch immer geartete fremdenfeindliche und rassistische Verhalten hart verurteilt wird, und dass man aktiv mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln dagegen ankämpfen muss“, sagte Frau de Waele. „Im Rahmen unserer Vollmachten und der EU-Verträge, sowie in Übereinstimmung mit der relevanten europäischen Gesetzgebung werden wir auch weiterhin den Antisemitismus bekämpfen, wenn er in den Medien und im öffentlichen Leben zu Tage tritt.“

Für viele Juden, die gegen den Antisemitismus ankämpfen, sind solche Behauptungen durchaus lobenswert, aber nicht ausreichend. Wistrich, der Wissenschaftler an der Hebräischen Universität, sagt zum Beispiel, dass die Atmosphäre in Europa so mit Hass belastet ist, dass Juden nicht im Stande sein werden, dort noch sehr viel länger zu bleiben.

„Jeder weitsichtige und vernünftige Jude, der ein Verständnis für die Geschichte hat, wird wohl zu der Erkenntnis gelangen, dass dies die rechte Zeit ist, um auszuwandern“, sagte er und fügte gleichzeitig hinzu, dass die Geschichte der Juden im Nachkriegseuropa vermutlich in 2 bis 3 Jahrzehnten abgelaufen sein wird. „Sie wird beendet sein“, sagte er. „Das Jüdische Leben in Europa stirbt einen langsamen Tod“.

Die vielen Bemühungen, dem Antisemitismus entgegenzutreten, sind wichtig, aber letztlich doch nur Sisyphusarbeit, denn es gibt letztlich keine Chance, jemals die stärker werdenden Kräfte des Hasses zu überwinden, betonte er.

„Diese Tendenzen sind viel stärker, als die Menschen auch nur beginnen zu verstehen“, sagte Wistrich. „In dieser Hinsicht bin ich ein Fatalist.“

Gleichzeitig betonte er jedoch, dass die Juden ganz sicher die aktuelle Welle des Juden-Hasses überleben werden. „Wir werden es überstehen. Der Antisemitismus wird schließlich eine Zeit lang abklingen, und dann wird er wieder ansteigen aus neuen Gründen und auf der Grundlage von neuen Umständen. Damit müssen wir uns wohl abfinden.“

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Ein Gedanke zu „Stirbt das jüdische Leben in Europa ‚einen langsamen Tod‘?

  1. “Das Jüdische Leben in Europa stirbt einen langsamen Tod“

    Deomgrafisch gesehen sterben auch die Deutschen aus. Somit steht es dann 1:1.

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