Israel Hayom: ‚Wir sind keine Araber. Wir sind Christen, die arabisch sprechen‘

Viele Christen* [s. Hinweis am Schluss] Israels spüren, dass ihre Geschichte, Kultur und Tradition von muslimischen Arabern in der Region geraubt worden sind, während sie eine viel stärkere Anbindung zu den Juden Israels empfinden • Der jüdische Staat ist der einzige Platz, wo wir beschützt sind, sagen sie.

von Dror Eydar, Israel Hayom, 04.10.2013

Das war nicht nur irgendeine Konferenz. Auch das Wort „historisch“ würde dieser Veranstaltung kaum gerecht werden. Das war nichts Geringeres als der Abschied von einer alten Weltanschauung.

Über lange Zeit hinweg haben wir uns daran gewöhnt, im Zusammenhang mit dem Nahen Osten an eine arabische Region zu denken. Aber diese Region, dessen übergroße Bevölkerungsmehrheit ursprünglich tatsächlich nicht arabisch war, wurde im siebenten Jahrhundert von Stämmen erobert, die von der arabischen Halbinsel einfielen. Sie haben den Einheimischen ihre Religion, ihre Kultur und ihre Sprache auferlegt, und um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, beanspruchten sie das Eigentumsrecht des Landes in dieser Region.

Wegen der sozialen und diplomatischen Feuerstürme, die derzeit in unseren Nachbarländern wüten, sind wir jedoch inzwischen an den Punkt gekommen, im Zusammenhang mit diesen verschiedenen ethnischen Gruppen von diesem monolithischen Gesichtspunkt und von dieser einseitigen Denkweise abzuweichen. Die wahre Identität dieser Volksgruppen unterscheidet sich nämlich grundlegend von der Identität, die wir ihnen leichtfertig zugesprochen haben, und ihre Stimmen sind nun auch immer lauter und klarer zu vernehmen: Wir sind keine Araber“, sagen sie. „Wir sind Christen, die arabisch sprechen“.

Auf einer Konferenz in Jerusalem unter dem Titel: „Israelische Christen: Aufbruch in die Freiheit? Das Entstehen einer unabhängigen christlichen Stimme in Israel“, kamen israelische christliche Vertreter nacheinander auf die Bühne und grüßten das Publikum mit „moadim l’simcha“ („eine glückliche Zeit“) – ein allgemein gebräuchlicher jüdischer Feiertagswunsch, mit dem man sich gegenseitig Freude und Glück zuspricht. Der erste Sprecher war Gabriel Naddaf, ein griechisch-orthodoxer Priester aus Nazareth und zugleich geistlicher Führer des Forums für Öffentlichkeitsarbeit der Israelischen Christen. Naddaf ist ein beeindruckender Mann, der in einem sehr zurückhaltenden Ton spricht, aber dennoch gut verständlich und entschlossen wirkt. „Ich soll hier die Augen des Publikums öffnen“, sagte er. „Wenn wir davon wegkommen wollen, unsere eigenen Seelen und die breite Öffentlichkeit zu belügen, dann müssen wir klar und standhaft sagen: Es ist genug!“

„Die christliche Bevölkerung will sich in die israelische Gesellschaft integrieren, entgegen dem Bestreben ihrer überalterten Führung. Es gibt diejenigen, die uns auch weiterhin an den Rand der Gesellschaft stoßen wollen, die uns als Opfer des Nationalismus sehen, was absolut nicht wahr ist, sowie als Opfer eines Konfliktes, der eigentlich gar nichts mit uns zu tun hat“, sagte er.

Naddaf sprach über die christlichen Wurzeln, die in diesem Land seit dem Entstehen des Christentums tief eingepflanzt sind. Dies ist der Ort, wo die Lehre von Jesus Christus zuerst verbreitet wurde. Der christliche Glaube, so seine Worte, kam aus dem jüdischen Glauben und seinen biblischen Wurzeln. Naddaf vertrat die Ansicht, dass das, was im siebenten Jahrhundert geschah, eine arabische Invasion war, unter der auch die Christen gelitten haben. Er fügte hinzu, dass er keineswegs stolz sei auf die christlichen Kreuzzüge und sich klar von ihnen distanziere.

Er beleuchtete die derzeit schreckliche Situation von Christen in arabischen Staaten, und er stellte in diesem Zusammenhang fest, dass Israel das einzige Land in der Region ist, das seine christliche Minderheit schützt. Allein diese Tatsache müsste vielen arabisch- sprachigen  israelischen Christen schon Motivation genug sein, um das Verlangen zu entwickeln, dem Staat Israel zu dienen und sich in das Land zu integrieren. Genau das sei auch das Anliegen des Forums für Öffentlichkeitsarbeit der Israelischen Christen.

Naddaf zitierte den Gründer des Forums, Major Ihab Shlayan, mit den Worten: „Die Christen lassen sich nicht zu Geiseln machen. Sie werden es nicht zulassen, von denjenigen kontrolliert zu werden, die uns ihre Staatsbürgerschaft, Religion und Lebensweise auferlegen möchten. Wir werden nicht bereit sein, uns hinter den Gruppen zu verbergen, die die Straßen in der Region kontrollieren. Wir wollen in Israel leben – als Brüder sowohl im Kampf, als auch im Frieden. Wir wollen wachsam sein und in diesem Heiligen Land an der vordersten Frontlinie stehen, um dieses Land Israel zu verteidigen“.

„Wir haben die Barriere der Angst durchbrochen“, sagte Naddaf weiter. „Die Zeit ist gekommen, um unsere Loyalität unter Beweis zu stellen, unseren Beitrag zu leisten und unsere Rechte einzufordern“. Er sprach auch über die Todesdrohungen, mit denen er und seine Freunde konfrontiert werden, und er fügte hinzu, dass sie trotz der Nöte und Bedrängnisse weiter vorangehen, „weil der Staat Israel Teil unseres Herzens ist. Israel ist ein heiliger Staat, ein starker Staat, und sein Volk, Juden und Christen zugleich, sind unter einem Bund vereinigt.“

Naddaf wurde auf der Bühne von Leutnant (im Ruhestand) Shaadi Khalloul abgelöst, der Sprecher des Öffentlichkeitsforums der Israelischen Christen und zugleich Offizier in einer Fallschirmjägerbrigade der israelischen Streitkräfte. Khalloul, ein Gelehrter, der die Geschichte des christlichen Glaubens in der Region studiert hat, sprach darüber, dass den Christen die nahöstliche Identität geraubt wurde. Im Laufe der letzten drei Jahre hat er mit Israels Innenministerium über die Anerkennung seiner Gemeinschaft als aramäische Christen gekämpft.

Wir sind „B’nei Keyama“, was Allianz der Aramäer bedeutet, sagte er. Er hat nichts gegen die Araber, aber, so sagte er, es sei eben einfach nicht seine Identität. So sei es für ihn besonders problematisch, mit den Arabern gleichgestellt zu werden, wobei er damit gleichzeitig in einen Konflikt hineingezogen wird, der absolut gegen seinen Willen und seine Sichtweise steht.

Khalloul sagte, dass der Weg, sich in die israelische Gesellschaft zu integrieren, einerseits über die Wehrpflicht in den israelischen Streitkräften führte, die er als formendes Element bezeichnete, zusätzlich  aber auch über die Ausbildung. Es offenbart sich immer mehr, dass Israels christliche Bevölkerung allgemein nicht von ihrer eigenen Geschichte geprägt ist, sondern nur von den Bedingungen des Lebens unter den Arabern und ihrer Religion, dem Islam.

„Der typische christliche Student meint, dass er zu den arabischen Menschen und zur Islamischen Nation gehört, anstatt mit den Menschen zu sprechen, mit denen er tatsächlich seine Wurzeln teilt – mit den Juden, deren Ursprünge hier im Land Israel liegen“.

Ergänzend zu diesem Punkt trat der vorherige Sprecher, Gabriel Naddaf herzu und sagte: Es ist einfach undenkbar, unsere Kinder nach der Überlieferung des Nakba und zum Hass gegenüber Juden zu erziehen, und sie nicht ihre eigene Geschichte zu lehren“.

Es war kein Zufall, dass Khalloul das aramäische Wort für Alliierte oder Verbündete wählte als Beschreibung für sein Volk. Gemäß seiner Sichtweise sind israelische Christen keine Söldner, auch wenn sie vielleicht mitunter so wahrgenommen werden, sondern sie sind tatsächlich Verbündete. „Wir wollen das Heilige Land an der Seite der Juden verteidigen“, bekräftigte er. Er erwähnte in diesem Zusammenhang die Unterstützung von Seiten der Christen im Jahre 1947 für die Errichtung einer nationalen Heimatstatt für die Juden im UNSCOP-Ausschuss*. [Anmerkung des Übersetzers: *Das UNSCOP (United Nations Special Committee on Palestine) war ein UN-Sonderausschuss, den eine außerordentliche Vollversammlung der Vereinten Nationen am 15. Mai 1947 einsetzte.]     In einem damaligen Brief dieses UN-Ausschusses wies die Mehrheit jeden Hinweis auf das Land Israel als arabisches Land zurück.

Khalloul sagte weiter, dass das weltweite Christentum hinter ihnen stehe, aber er nahm Abstand davon, diese Unterstützung öffentlich zu verkünden, weil die Gefahr besteht, dass Christen im Nahen Osten dadurch zu Geiseln in den Händen von Islamischen Kräften werden könnten.

Bemerkenswert bei der beginnenden Debatte waren Äußerungen, die sich mit dem Problem eines jüdisch-demokratischen Staates im Gegensatz zu einem so genannten „Staat für alle seine Bürger“ befassten. Khalloul sagte, dass er einen jüdischen Staat bevorzuge, der über alle seine Bürger wacht, mit einer Regierung, die auch jene Staatsbürger ohne eine jüdische Identität einbezieht.

„Vor mehreren Jahrzehnten waren 80 Prozent der libanesischen Bevölkerung Christen“, rief er den Zuhörern in Erinnerung, „aber die moslemische Minderheit von nur 20% zwang ihnen ihre arabische Identität auf, und viele von ihnen verließen das Land. Heute sind nur noch 35% der Bevölkerung Christen.“

Auch Syrien, so ergänzte er, bestehe aus Christen und Kurden, die nicht arabisch sind. „Wo bleibt die Rücksicht auf diese Gruppen? Wo bleibt der Respekt gegenüber ihrer Geschichte und ihrer Kultur?“ Nur in einem jüdischen Staat, so schlussfolgerte er, wird den verschiedenen Volksgruppen das Recht auf Existenz und Entfaltung gegeben.

Naddaf warf daraufhin ein und sagte: „Das ist nicht nur die Einzelmeinung von Khalloul. Das komplette Forum teilt diese Sichtweise.“

Der letzte Vertreter, der die Bühne betrat, war Hauptmann Bishara Shlayan, über dessen Initiative, die Partei der Christlichen Israelis zu gründen, erstmals im Juli dieses Jahres in “Israel Hayom“ berichtet wurde. Im Anschluss an diesen Bericht wurde Shlayan mit Reaktionen aus aller Welt geradezu bombardiert.

„Wir sind aus arabischen politischen Parteien heraus entstanden“, sagte er, „die Kommunisten, und dann die Nationaldemokraten. Rechtzeitig begriff ich jedoch, wo diese arabischen Parteien uns hinlenkten – nur einzig zu einer Haltung gegen Israel.“

Er sagte, dass der Islam den Christen in der Region aufgezwungen wurde. So entwickelte sich zum Beispiel das althergebrachte Fest „Miriams Spring“ zu „Nazareth Spring“. In seiner Jugend hatte er eine rote Fahne erhalten, berichtete er. Aber heute, so seufzte er, „werden unsere Kinder unter der grünen Fahne in einer antiisraelischen Kultur erzogen.“

„Wir müssen eine Kultur erschaffen, die dieser Entwicklung entgegensteht“, sagte er weiter. „Wir müssen israelische Fahnen an jedes Kind verteilen. Die Ausbildung und Erziehung beginnt hier. Wenn man in eine Schule in Nazareth geht, dann sieht man dort keine einzige israelische Flagge. Sie erkennen es einfach nicht an. Man kann dort wirklich nur palästinensische Fahnen sehen.“

Bishara Shlayan ist sich sehr wohl der Behauptungen im Zusammenhang mit der Tatsache bewusst, dass israelischen Christen nicht alle Rechte gewährt werden, auf die sie eigentlich einen Anspruch haben. „Das mag sein“, sagte er, aber „sie müssen damit beginnen, den ersten Schritt zu tun, indem sie gegenüber unserem Land ihre Loyalität beweisen und ihm dienen. Ich glaube daran“.

Das Obengenannte ist nur ein Teil dessen, was auf der jüngsten Konferenz des Verbindungsausschusses des „B’nai B’rith World Center“ in Jerusalem und der „Ökumenischen Theologischen Forschungsvereinigung in Israel“  (Ecumenical Theological Research Fraternity in Israel) gesagt wurde.

Die Gemeinschaft der Christen findet zunehmend Zugang in die Herzen und Meinungen der Israelis, und man kann durchaus von einer bilderstürmerischen Bedeutung sprechen. Es erinnert an die Zerstörung der Götzenbilder des Volkes durch Abraham. Heute werden jedoch keine Götzenbilder, sondern bestimmte Denkweisen und Meinungsbilder zerschlagen. Das ist sehr bedeutsam und wichtig, nicht nur auf der interreligiösen und theologischen Ebene, sondern natürlich auch für Israels Bemühungen, unsere Rechte gegenüber der Welt darzulegen. Einige Teile der christlichen Welt sehen uns als die Peiniger und Kreuziger der Palästinenser, auch wenn dies natürlich absolut nichts mit der Wahrheit zu tun hat. Von daher gilt: Wenn die israelischen Christen hinter dem Staat Israel stehen und erklären, dass dies das Land Israel und nicht Palästina ist, und dass die Juden dieses Land nicht geraubt haben, sondern vielmehr gemäß der biblischen Prophezeiung in ihre alte Heimstatt zurückkehrten, dann hat dies eine unermessliche Bedeutung und Tragweite.

Wir, als eine Gesellschaft und als ein Staat, müssen diese mutigen Menschen annehmen, die aus der tiefsten Überzeugung ihres Herzens heraus sprechen. Wir müssen ihnen helfen, für sie sorgen und sie in unsere Gesellschaft integrieren. Und, was nicht weniger wichtig ist, wir müssen ihre Leben schützen. Unser Leben und unsere Zukunft hängen davon ab.

*[Wikipedia: „Unter Christen im Heiligen Land versteht man in der Hauptsache einheimische Christen, die in Israel beziehungsweise den Palästinensischen Autonomiegebieten leben. Sie stellen eine Minderheit innerhalb der jüdisch und muslimisch dominierten Bevölkerung dieser Region dar und gehören der Sprache nach in der Regel zu den Arabern, auch wenn sie einen israelischen Pass besitzen.“]

Englischer Originalartikel: ‚We are not Arabs. We are Christians who speak Arabic‘

[Übersetzung: R.L. (Vielen Dank! :-)), Hervorhebungen im Text: faehrtensuche]

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2 Gedanken zu „Israel Hayom: ‚Wir sind keine Araber. Wir sind Christen, die arabisch sprechen‘

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