Aus der Geschichte lernen? – 7 Lektionen aus dem Holocaust

Nein, heute ist nicht den 27. Januar! Nein, es steht nicht der Internationale Holocaust-Gedenktag ins Haus! Nein, ich habe mich nicht vertan! Aber warum ausgerechnet jetzt den Holocaust „ins Spiel bringen“? … Tja – wir gedenken im Laufe des Jahres an so viele Dinge (z.B. gedenkt der Blog „Hinter den Türen“ an den heutigen Sterbetag von Ester Golan), warum da nicht auch sich einfach mal zwischendurch mit der Frage beschäftigen, ob der Holocaust etwas ist, aus dem man Lehren ziehen sollte?

Lehren aus der Vergangenheit ziehen oder konkret: aus dem Holocaust? Immer wieder begegne ich Menschen, die meinen (und diese Meinung auch deutlich zum Ausdruck bringen), dass es doch endlich an der Zeit sei, die Vergangenheit auf sich beruhen zu lassen. Ist doch schon so lange her. Muss doch endlich mal Ruhe sein! Davon bin ich immer wieder verschreckt. Es fällt auf, dass solche Forderungen nach dem „Auf-sich-beruhen-lassen“ oft von solchen kommt, die nach dem 2. Weltkrieg geboren sind und „jahrgangsmäßig“ nichts mit „unserer Vergangenheit“ zu tun haben. Fühlen sie sich trotzdem schuldig und wenn ja, warum? …

Zurück zum Gedenken an den Holocaust und den daraus zu ziehenden Lehren. Anlässlich des 66. Jahrestags der Befreiung des „Planeten Ausschwitz“ hat Irvin Cotler einen zunächst in der Jerusalem Post erschienenen Artikel verfasst, der die Überschrift „7 Lessons from the Holocaust“ trug. Cotler sagt, dass er – immer, wenn er über den Holocaust schreibe – er das tue mit „einem gewissen Grad an Demut und nicht ohne ein tiefes Gefühl von Schmerz.“ Es gebe Dinge im Leben, die zu schrecklich seien, um sie zu erzählen, aber nicht zu schrecklich, um nicht passiert zu sein. Die schrecklichen Ereignisse überstiegen alle Worte, die man dafür haben könne.

Lehren aus dem Holocaust? Cotler betont in seinem Artikel den eindeutigen Tatbestand der Singularität des Holocaust, aber er zieht daraus allgemeine Lehren, die man auf sich wirken lassen sollte. Dass diese ihre Gültigkeit über den 66. Jahrestag hinaus behalten, muss wohl nicht extra betont werden!

Cotler führt in seinem Artikel sieben auf:

„Lektion 1: Die Wichtigkeit des Holocaust-Gedenktags – die Verantwortung der Erinnerung

Die erste Lektion ist die Bedeutung von Zachor, der Pflicht des Erinnerns selbst. Denn wie wir uns der sechs Millionen jüdischer Opfer der Shoah erinnern – diffamiert, dämonisiert und entmenschlicht, als Prolog oder Rechtfertigung für Völkermord – müssen wir verstehen, dass der Massenmord an sechs Millionen Juden und Millionen von Nicht-Juden nicht eine Frage der abstrakten Statistik ist.

Für jede Person gibt es einen Namen – für jede Person gibt es eine Identität. Jede Person ist ein Universum. Wie unsere Weisen es uns erzählen: Wer auch immer ein einziges Leben rettet – es ist so, als ob er oder sie die ganze Welt gerettet hätte. Ebenso ist jemand, der eine einzige Person getötet hat, wie einer, der die ganze Welt getötet hätte. Und so ist der kategorische Imperativ, dass wir jeweils, wo immer wir sind, die Garantien von jedermanns Schicksal sind.

Lektion 2: Die Gefahr von staatlich sanktionierter Aufstachelung zu Hass und Völkermord – Die Verantwortung [das] zu verhindern.

Die dauerhafte Lektion des Holocaust ist die, dass der Völkermord an den europäischen Juden nicht nur wegen der Industrie des Todes und der Technologie des Terrors Erfolg hatte, sondern wegen der staatlich sanktionierten Ideologie des Hasses. Diese Lehre der Verachtung, diese Dämonisierung des anderen, dort begann alles. Wie die kanadischen Gerichte die Verfassungsmäßigkeit von Anti-Hass-Gesetzgebungen bestätigten, der Holocaust begann nicht in den Gaskammern  – er begann mit den Worten. Das sind, wie die Gerichte es ausdrückten, die kühlen Fakten der Geschichte. Das sind die katastrophalen Auswirkungen des Rassismus.

Lektion 3: Die Gefahr des Schweigens, die Konsequenzen der Gleichgültigkeit – Die Verantwortung zu beschützen

Der Genozid an den europäischen Juden hatte nicht nur Erfolg wegen der staatlich sanktionierten Kultur des Hasses und der Industrie des Todes, sondern wegen der Verbrechen der Gleichgültigkeit, wegen der Verschwörungen des Schweigens.

Gleichgültigkeit und Untätigkeit bedeutet immer, sich auf die Seite der Täter zu stellen, nie auf die Seite der Opfer. Gleichgültigkeit angesichts des Bösen ist das Einverständnis mit dem Bösen selbst.

Lektion 4: Die Bekämpfung der massenhaften Grausamkeit und die Kultur der Straffreiheit – Die Verantwortung, Kriegsverbrecher vor Gericht zu bringen

Wenn das 20. Jahrhundert – symbolisiert durch den Holocaust – die Ära der Grausamkeit war, war es ebenso die Ära der Straffreiheit. Nur wenige der Täter wurden vor Gericht gestellt; und so, wie es kein Schongebiet für Hass, kein Zufluchtsort für Fanatismus geben darf, so darf es kein Fundament oder Schongebiet für diese Feinde der Menschheit geben. Doch diejenigen, wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeklagt – wie Präsident Al-Bashir in Sudan – werden weiter in internationalen Gremien willkommen geheißen.

Lektion 5: Der Verrat der Intellektuellen – Die Verantwortung, den Mächtigen die Wahrheit zu sagen

Der Holocaust wurde möglich, nicht nur wegen der “Bürokratisierung des Genozids”, wie Robert Lifton es ausdrückte, sondern wegen des Verrats der Intellektuellen – die Komplizenschaft der Eliten – Physiker, Kirchenführer, Richter, Anwälte, Ingenieure, Architekten, Pädagogen und dergleichen. In der Tat, man muss nur Gerhard Mullers Buch über „Hitler’s Justice [Hitlers Gerechtigkeit]“ lesen, um sich der Komplizenschaft und Kriminalität von Richtern und Anwälten bewusst zu sein; oder das Buch von Robert-Jan van Pelt über die Architektur Ausschwitz‘ zu lesen, um entsetzt zu sein über die minutiöse Beteiligung von Ingenieuren und Architekten an der Gestaltung der Todeslager usw.. Holocaust-Verbrechen waren demnach auch die Verbrechen der Nürnberger Eliten. Wie Elie Wiesel es ausdrückte, „Kaltblütiger Mord und Kultur schlossen einander nicht aus. Wenn der Holocaust irgendetwas bewies, ist es dies: Eine Person kann sowohl Gedichte lieben als auch Kinder töten.“

Lektion 6: Das Gedenken an den Holocaust – Die Verantwortung zu erziehen

Indem sie dem Internationalen Holocaust-Gedenktag folgen, sollten die Staaten sich auf die Umsetzung der Erklärung des Stockholmer Internationalen Forums zu dem Holocaust verpflichten, [folgendes] eingeschlossen: „Wir teilen das Engagement, das Studium des Holocausts in all seinen Dimensionen zu fördern … ein Engagement, um der Opfer des Holocaust zu gedenken und jene, die gegen ihn standen, zu ehren … ein Engagement, das Licht auf die noch dunklen Schatten des Holocaust wirft … ein Engagement, das die Saat pflanzt für eine bessere Zukunft mitten unter dem Schmutz einer bitteren Vergangenheit … ein Engagement – um sich der Opfer, die umgekommen sind, zu erinnern, die Überlebenden, die noch bei uns sind, zu respektieren und das gemeinsame menschliche Streben nach gegenseitigem Verständnis und Gerechtigkeit zu bekräftigen.“

Lektion 7: Die Angreifbarkeit der Machtlosen – Der Schutz der Verwundbaren als ein Test für eine gerechte Gesellschaft

Der Genozid an den europäischen Juden fand nicht nur wegen der Angreifbarkeit (Verletzlichkeit) der Machtlosen statt, sondern auch wegen der Ohnmacht der Ungeschützten. Es überrascht nicht, dass die Triage der NS-Rassenhygiene – die Sterilisations-Gesetze, die Nürnberger Rassengesetze, das Euthanasie-Programm – auf jene zielten, „deren Leben nicht lebenswert war“; und es ist aufschlussreich, wie Professor Henry Friedlander in seiner Arbeit an „The Origins of Genocide“ aufzeigt, dass die erste Gruppe, auf die das Töten abzielte, jüdische Behinderte waren – das Ganze verankert in der Wissenschaft des Todes, der Medizinisierung der ethnischen Säuberung, der Desinfektion sogar im Vokabular der Zerstörung.

Und so ist es unsere Verantwortung als Weltbürger, den Stimmlosen eine Stimme zu geben, wenn wir versuchen, die Machtlosen zu stärken – mögen sie die Behinderten, die Armen, die Flüchtlinge, die Älteren, die Frauen als Opfer von Gewalt, das ungeschützte Kind sein – die Schwächsten der Schwachen.

Wir erinnern uns – und wir vertrauen darauf – dass es nie wieder Schweigen oder Gleichgültigkeit angesichts des Bösen gibt. […] „

Übersetzung aus dem Englischen: faehrtensuche

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2 Gedanken zu „Aus der Geschichte lernen? – 7 Lektionen aus dem Holocaust

    • Danke für den Kommentar! Mir fällt auf, dass bei den offiziellen Holocaust-Gedenktagen viele (hohle) Worte gebraucht werden, die man dann eben nicht in der Praxis Realität werden lässt!
      Ich denke gerne – wie Du es sagst – „einfach mal, so einfach zwischendurch„!

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