Das nächste Ziel für ISIS – Jordanien. Und dann?

Originalartikel: Dr. Mordechai Kedar, Next Goal for ISIS – Jordan. And Then?
26. Juni 2014

Übersetzung: faehrtensuche
Mit freundlicher Genehmigung des Autors

Israel steht vor einer schwierigen Entscheidung, wenn ISIS versucht, in Jordanien an die Macht zu kommen. Und der Countdown hat begonnen.

Ma’an ist ein Beduinendorf im südlichen Teil von Jordanien, der den Regierenden des Landes schon immer Kopfschmerzen bereitet hat. Die Bevölkerung ist streng fundamentalistisch und umfasst eine signifikante Zahl von Salafisten.

In der Vergangenheit fanden dort Straßendemonstrationen statt, die gewaltsam endeten, einmal verursacht durch die Lebensmittelpreise, einmal durch die Benzinpreise und einmal, weil die Monarchie die Dorfältesten nicht respektvoll genug behandelte. Mit der Zeit wurde Ma’an Jordaniens Barometer, ein Indikator für grundlegende Meinungsströmungen im Land.

Quelle: Wikipedia Link: Bitte auf die Abbildung klicken!

Quelle: Wikipedia
Link: Bitte auf die Abbildung klicken!

Am 2. Juni, in der Mitte eines Freitagnachmittags, war Ma’an der Schauplatz einer Pro-ISIL-Demonstration (“Der islamische Staat im Irak und der Levante”, bekannt als ISIS, aber genauer übersetzt als ISIL), auf der schwarze Flaggen geschwenkt wurden und die Zeichen hatten eine unmissverständliche Botschaft (meine Ergänzungen in Klammern, M. K.).

„Heute ist Unterstütze-einen-islamischen-Staat-im-Irak- und al-Sham-Tag”, “Ma’an ist Jordaniens Falludscha”, “Wir unterstützen einen islamischen Staat”, “Wir gratulieren dem islamischen Volk für die Eroberungen von Omar (Be Akhattab, 2. Kalif, Eroberer von al-Sham), den Allah auswählte, um einen islamischen Staat im Irak und al-Sham zu bilden“ waren einige der Botschaften.

Laute und hysterische Rufe wie “Allah akbar” [Allah ist der Größte], “Auf zum Dschihad”, „Es gibt keinen außer Allah und die Schiiten sind seine Feinde”, “Der, der für den Dschihad kämpft, ist von Allah geliebt”, “Die Sunniten sind die Geliebten Allahs”, “Allah ist unser Gott und nicht ihrer (der der Schiiten)”, “Der Gott der Schiiten ist Satan”, “Tod ist besser als Erniedrigung”, “Mit Blut und Geist werden wir dich retten, Islam”, “Dschihad ist unser Weg”, “Ein Dschihad-Staat für immer”, “Oh, schiitische Herrscher, wir sind im Anmarsch euretwegen“ wurden auf der Demonstration gehört und als Beweis ihrer ernsten Absichten dienten Schüsse, die in die Luft gefeuert wurden.

Der wichtigste Aspekt des Protests war, dass fast alle Anwesenden nicht ihre Gesichter verbargen, das bedeutet, dass sie keine Angst vor der jordanischen Regierung, ihrer Polizei oder ihrem Geheimdienst haben. Die Demonstranten waren sich wohl bewusst, dass sie von verschiedenen Menschen fotografiert wurden und dass die Fotos zu ihrer Identifizierung und Festnahme verwendet werden könnten, aber es kümmerte sie nicht. Und wenn es keine Angst vor dem Staat mehr gibt, kann alles Mögliche passieren.

ISIL hat nie seine Absichten, Jordanien betreffend, verborgen, das genau wie Irak und Syrien durch den europäischen Kolonialismus geschaffen wurde und es deshalb verdient, beseitigt zu werden. Der Name der Organisation drückt seine Ziele aus, denn „al-Sham“ ist die Levante, und das Gebiet umfasst Syrien, Libanon, Jordanien und Israel.

Um ihre Pläne für Jordanien offensichtlich zu machen, erweiterte die Organisation ihre Kontrolle im Irak nach Westen hin bis zur Grenze zwischen Irak und Jordanien und eroberte auch die Grenzstadt Turayvil. Ihre Erfolge im Irak und in Syrien weckten „das Adrenalin der Dschihadisten“ in den Randpopulationen Jordaniens, und die Demonstration in Ma’an drückt das aus, was wohlbekannt ist: der Erfolg von ISIS zieht die Massen an, vor allem diejenigen, die am Rande der Gesellschaft stehen, diejenigen, die endlich zu etwas Erfolgreichem gehören wollen. Und wenn diese erfolgreiche Sache dem Unterdrückerregime ein Ende bereitet, verdient es die Gruppe noch mehr, sich ihr anzuschließen.

Der Anführer und die Kontroverse

Der Mann, der als Anführer der salafistischen Dschihad-Bewegung in Jordanien gesehen wird, ist Assem Barqawi, besser bekannt als Abu Mohammad al-Maqdesi (der Jerusalemer). Er wurde am 3. Juli 1959 in dem Dorf Burqa in der Nähe von Sichem geboren (nächste Woche ist sein Geburtstag! [mittlerweile war]) und studierte Islam in Mossul und Medina. Er veröffentlichte ein Buch, in dem er behauptete, das saudische Regime hätte keine Rechtsgrundlage. Er ist der spirituelle Mentor von Abu Mussab al-Sarkawi, der im Jahr 2004 „al-Qaida im Land der Flüsse“ gründete. Letztere ist die Organisation, die in ISIL überging („Der Islamische Staat im Irak und der Levante“). Barqawi verbrachte einige Zeit seines Lebens in Pakistan und Afghanistan, traf dort die Köpfe und Führer von al-Qaida. Die jordanische Regierung verurteilte ihn zu einer langen Gefängnisstrafe und seine Anhänger erhalten ihre Aufträge aus seiner Zelle.

Es gibt in der dschihadistischen Salafistenbewegung in Jordanien diejenigen, die behaupten, dass al-Maqdesi eine “islamische Staats”-Übernahme des Irak unterstützt, nicht aber Expansionsbemühungen der Organisation nach Jordanien. Ein anderer prominenter Aktivist, Mohammad Shalabi, auch bekannt als Abu Sayyaf („Besitzer der Schwerter“), kritisierte die Ma’an Proteste und behauptete, dass „sie verdächtig seien (d.h. [sie seien] eine Verschwörung der Regierung, um die dschihadistische Bewegung zu zerstören)“ und dass nur etwa zwanzig oder dreißig Leute, darunter fünf Jugendliche (deswegen nicht verantwortlich), deren „Köpfe von irgendjemanden verdreht wurden“ daran teilgenommen hätten – und dass sie „weder die Salafisten-Strömung repräsentieren noch ihren Zielen dienen.“

Abu Sayyaf versteckt jedoch nicht seine Unterstützung für ISIL und das Massaker an Schiiten, das die Organisation im Irak durchgeführt hat, vor allem an Soldaten der Regierung. In Bezug auf Jordanien ist die Situation anders, als – ihm zufolge – einige der salafistischen Dschihadisten in Jordanien ISIL unterstützen und einige „Jibhat Al-nasura“, und wie bekannt ist, bekämpfen die beiden Salafisten-Organisationen sowohl Assad in Syrien als auch einander.

Jedoch werden die Diskussionen in Jordanien aufhören, wenn ISIS ihren bewaffneten Kampf gegen dieses Land beginnt. Der wird dann beginnen, wenn die Gruppe von Kämpfern, deren Sprache der jordanische Wüstendialekt ist, vom Irak aus nach Jordanien eindringt, mit maskierten Gesichtern vor die Kameras tritt und die „Biya“ – den Treue-Eid – auf den Kopf [Chef] von ISIS, Abu Bakr al-Baghdadi, verkündet und dann anfängt, jordanische Armee-Patrouillen, militärische Straßensperren, kleine Außenposten der Armee und zivile Autos anzugreifen.

Handlungsmethoden

Die Methoden der Organisationen sind wohlbekannt: ihre Streitkräfte bekommen ihre Stärke aus ein paar Dutzend 4×4 sich schnell bewegenden Fahrzeugen, auf denen schwere Maschinengewehre montiert sind. Einige der Kämpfer haben RPG’s und einige leichte Waffen, für gewöhnlich Saar AK-47-Gewehre („Kalashnikows“). In letzter Zeit sind ihre Waffen mit einer signifikanten Menge an tödlichen und hochmodernen amerikanischen Waffen bereichert worden, direkt aus den Arsenalen der irakischen Armee und für den Kampf genommen. Diese große und destruktiv bewaffnete Streitmacht attackiert überraschend einen Außenposten, eine Straßensperre oder eine Patrouille und schafft eine Situation, in der sie aufgrund der Anzahl der Kämpfer, der Mobilität und des Überraschungsmoments den taktischen Vorteil hat.

Die Organisation macht sich die Mühe, ihre Kämpfe und ihre Erfolge zu filmen und zu fotografieren, vor allem die Massenmorde an Soldaten und Zivilisten, die sie gefangen hat, um Panik unter den Opponenten zu verbreiten. Die Gesichter des Militärs sind in der Regel mit Keffiyahs bedeckt, so dass niemand in der Lage sein wird, sie in der Zukunft zu identifizieren und dafür zu sorgen, dass sie für ihre Taten bezahlen. Die erschreckenden Fotos, die die Organisation verbreitet, sind ein Hauptgrund dafür, dass die bewaffneten Streitkräfte des Irak – in der Absicht, die Stadt zu verteidigen, aus Mossul flohen und die Stadt ISIL überließen.

In Jordanien wird ISIL beobachtet und mehr als ein paar Leute warten ungeduldig auf die stark wehenden westlichen (irakischen) und nördlichen (syrischen) Winde des Dschihad, um die jordanische Wüste zu räumen, immer noch unter der Herrschaft der haschemitischen Familie, von den Briten, die das „transjordanische Emirat“ für sie schufen, vor 90 Jahren dorthin gebracht. Dieses befürwortet schließlich das Königreich Jordanien ungeachtet der Tatsache, dass „das Reich nur Allah gehört und er keinen Co-Herrscher hat (Koran, Kapitel 2, Vers 25)“

Auch wenn es heute eine Opposition gegen ISIL in Jordanien gibt, ist es wahrscheinlich, dass, wenn die Organisation beginnt, ihre Aktivitäten auf das Land hin zu verschieben, diese Opposition verschwinden wird – besonders, wenn der anti-jordanische Dschihad einige Erfolge hat. Diese Erfolge werden lokale Stämme und Einzelpersonen „überzeugen“, sich der Organisation anzuschließen, genauso wie es in Syrien und Irak passiert ist, einige aus Angst und einige aus dem Wunsch heraus, Teil des Sieges zu sein.

Es ist allen klar, dass Jordanien nicht das endgültige Ziel für ISIL sein wird, sondern dienen wird als Ausgangspunkt für die Fortsetzung des Dschihads gegen weitere illegitime Kreationen des westlichen Kolonialismus und des Sykes-Picot-Abkommens, nämlich Israel und Saudi-Arabien.

Die Option Israels

Israel und der Westen stehen dann vor einer klaren und gestochen scharfen Entscheidung, mit ihrer ganzen Schwere: Auf der einen Seite wird es jene geben, die sagen, dass die jordanischen Angelegenheiten nicht unsere seien und wenn es den Haschemiten bestimmt sei, gestürzt zu werden, wir keine Möglichkeit hätten, sie zu retten, schon gar nicht um den Preis von Blut der IDF-Soldaten – und so müssen wir warten, bis die Dschihadisten die Grenzen Israels erreichen und sie dort erledigen. Darüber hinaus können wir, wenn ein neues Land an die Stelle Jordaniens tritt, behaupten, dass es ein palästinensischer Staat ist und dass keine Notwendigkeit besteht für einen Weiteren in Judäa und Samaria, weil es bereits auch einen in Gaza gibt.

Auf der anderen Seite ist es durchaus möglich, dass die Welt – und die USA im Besonderen – dem haschemitischen Königreich zu Hilfe kommen wird, so dass es auch nicht in die Hände von Dschihadisten fällt. In diesem Fall wird der Mann im Weißen Haus erwarten, dass Israel an der Operation teilnimmt, denn schließlich dient das jordanische Regime für Israel als eine Art Schutzschild gegen die dschihadistischen Ostwinde, die im Irak aufkommen – und vielleicht im Iran zu einem späteren Zeitpunkt. Kann Israel mit verschränkten Armen verharren, wenn seine Freunde in den USA und möglicherweise in Europa dem haschemitischen Königreich zu Hilfe kommen?

Eine andere Sache ist (sonnen-)klar wie der Tag in diesen heißen Sommermonaten: Sowohl in Jordanien als auch auf unserer Seite des Flusses wird es ein Schlachtfeld zwischen der IDF und dem Dschihad, der aus dem Osten kommt, geben, es sei denn, es wird östlich des Jordantals gestoppt. Wenn irgendjemand meint, ein Palästinenserstaat in Judäa und Samaria würde Israel vor Angriffen schützen, liegt es an ihm das nachzuweisen, bevor er Israel befiehlt, das Jordantal zu verlassen. Werden die palästinensischen Streitkräfte, bewaffnet und ausgebildet durch die Amerikaner („Daytons Forces[Streitkräfte]“) stärker und motivierter sein als die irakische Armee, die auch von den USA bewaffnet und ausgebildet wurde?

Was heute in Syrien und im Irak passiert – und das kann überschwappen nach Jordanien – stellt für Israel wieder einmal die Wahrheit des arabischen Sprichworts unter Beweis: „Dein Hinterteil kann nur von deinem eigenen Fingernagel zerkratzt werden.“

Im Hebräischen findet sich dieser Gedanke in einem gut bekannten Sprichwort unserer talmudischen Weisen in den Sprüchen der Väter: „Wenn ich nicht für mich bin, wer ist dann für mich.“ Womit dann alles gesagt wäre.

Link von der Übersetzerin gesetzt.

Advertisements

5 Gedanken zu „Das nächste Ziel für ISIS – Jordanien. Und dann?

  1. ein toller Artikel, soviel Hintergrund und Nachdenken gibt es leider kaum mehr in den Medien. Fehl- und Nichtinformation ist die Folge, weil das nicht in die 30-Sekunden-News reingeht (oder warum auch immer).
    Dickes Dankeschön dafür!
    Liebe Grüsse
    Kai

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s