Was hätte ich getan?

Der israelische Finanzminister Yair Lapid befindet sich zurzeit in Deutschland. Gestern hat er in Berlin an der Gedenkstätte Gleis 17 eine denkenswerte Rede gehalten, eine Rede, die mitten ins Herz trifft. Auf sie aufmerksam geworden bin ich durch den Newsletter der Botschaft des Staates Israel.

Rede von Finanzminister Yair Lapid an der Gedenkstätte Gleis 17

„Die Shoah stellt uns alle vor dieselbe Frage: Was hätte ich getan?

Was hätte ich getan, wenn ich als Jüdin oder Jude 1933 in Berlin gelebt hätte, als Hitler an die Macht kam? Wäre ich geflohen? Hätte ich mein Haus oder mein Geschäft verkauft? Meine Kinder mitten im Schuljahr von der Schule genommen? Oder hätte ich mir gesagt: es wird vorbeigehen, das ist nur ein vorübergehender Wahn, Hitler sagt all diese Dinge nur, weil er Politiker ist und eine Wahl gewinnen will. Ja, er ist ein Antisemit, aber wer ist das nicht? Wir haben Schlimmeres durchlebt als das. Besser, wir warten ab und halten uns still. Es wird vorbeigehen.

Was hätte ich als Berliner oder Berlinerin am 18. Oktober 1941 getan, als der erste Zug von diesem Bahnsteig nach Osten abfuhr, darin 1013 Juden, Kinder, Alte und Junge, Frauen und Männer, die ihrem Tod entgegenfuhren?

Ich frage nicht, was ich als Nazi getan hätte, sondern wie ich mich als aufrechter deutscher Mann verhalten hätte, der hier am Bahnhof auf seinen Zug wartete. Ein Bürger Deutschlands im gleichen Alter wie ich jetzt, mit drei Kindern wie ich. Ein Mann, der seine Kinder im Geist der Werte menschlichen Anstands, Rechtes auf Leben und Respekt erzogen hat? Wäre ich stumm geblieben? Hätte ich protestiert? Wäre ich einer der wenigen Berliner gewesen, die sich dem Widerstand gegen die Nazis angeschlossen hätten? Oder wäre ich einer der vielen Berliner gewesen, die einfach weiterlebten und so taten, als ob nichts geschähe?

Und was, wenn ich einer der 1013 Juden in diesem Zug gewesen wäre? Hätte ich den Zug bestiegen? Hätte ich versucht, meine 18 Jahre alte Tochter in den Wäldern im Norden zu verstecken? Hätte ich meinen beiden Söhnen geraten, bis zum Ende zu kämpfen? Hätte ich meinen Koffer fallen gelassen und wäre weggerannt? Oder hätte ich die Wachmänner in den schwarzen Uniformen angegriffen, um einen ehrenvollen und schnellen Tod zu sterben, statt langsam an Hunger und Folter?

Ich denke, ich kenne die Antwort. Ich denke, Sie auch.

Keiner von den 1013, die in den Tod geschickt wurden, kämpfte mit den Wachleuten – weder sie, noch die Zehntausenden, die ihnen von hier folgten. Auch mein Großvater Bela Lampel kämpfte nicht, als ein Soldat ihn am 18. März 1944, mitten in der Nacht aus seinem Haus holte. „Bitte“, sagte seine Mutter, meine Ur-Großmutter Hermine, zu dem deutschen Soldaten. Sie ging vor ihm auf die Knie und umarmte seine Soldatenstiefel. „Bitte, vergessen Sie nicht, dass Sie auch eine Mutter haben.“ Der Soldat sagte kein Wort. Er wusste nicht, dass mein Vater ihn aus seinem Versteck im Bett unter der Decke verborgen beobachtete. Ein jüdischer Junge von 13 Jahren, der über Nacht zum Mann geworden war.

Warum haben sie nicht gekämpft? Diese Frage lässt mir keine Ruhe. Es ist die Frage, mit der das jüdische Volk ringt, seitdem der letzte Zug nach Auschwitz abfuhr. Und die Antwort, die einzige Antwort, ist, dass sie nicht an das totale Böse glauben konnten.

Natürlich wussten sie, dass es böse Menschen in der Welt gibt, aber sie konnten nicht an das totale Böse, das organisierte Böse, ohne Gnade und ohne Zögern, glauben, das kalte Böse blickte sie an und erkannt ihn ihnen nicht einen Moment lang Menschen.

In den Augen ihrer Mörder waren sie keine Menschen. Sie waren keine Mütter und Väter, sie waren nicht Jemandes Kinder. In den Augen ihrer Mörder feierten sie nie die Geburt eines Kindes, verliebten sich nicht und gingen nicht morgens um zwei Uhr mit ihrem Hund spazieren oder lachten über die neueste Komödie von Max Ehrlich, bis ihnen die Tränen in den Augen standen.

Das braucht es, wenn man einen anderen Menschen töten muss: die Überzeugung, dass es ja gar kein Mensch ist. Als die Mörder die Menschen auf diesem Bahnsteig stehen sahen, bevor diese auf ihre letzte Reise gingen, sahen sie keine jüdischen Eltern, sondern nur Juden. Das waren keine jüdischen Dichter oder Musiker, sondern nur Juden. Nicht Herr Braun oder Frau Schwarz, sondern nur Juden.

Zerstörung beginnt mit der Zerstörung der Identität. Es überrascht nicht, dass sie den Ankommenden in Auschwitz als Erstes eine Nummer auf den Arm tätowierten. Es ist schwer, Rebekka Grunwald, eine blonde, verträumte 18 Jahre alte Schönheit zu töten, aber den Juden Nummer 7762A kann man leicht ermorden. Und doch bleibt es derselbe Mensch.

75 Jahre später – wissen wir mehr? Verstehen wir es besser?

Die Shoah stellt Israel vor eine doppelte Herausforderung:

Zum einen lehrte sie uns, dass wir um jeden Preis überleben müssen und in der Lage sein müssen, uns jederzeit zu verteidigen. Deportationszüge mit Juden werden nie wieder von irgendeinem Bahnsteig auf dieser Welt abfahren. Die Sicherheit des Staates Israel und seiner Bürger muss zuallererst in unseren Händen liegen. Wir haben Freunde, und ich stehe unter Freunden. Das neue Deutschland hat seine Freundschaft mit Israel immer wieder bewiesen, aber wir dürfen und können uns auf niemand anderen verlassen als uns selbst.

Zum anderen lehrte uns die Shoah, dass wir unter allen Umständen moralische Menschen bleiben müssen. Die menschliche Moral beweist sich nicht, wenn alles in Ordnung ist, sie beweist sich durch unsere Fähigkeit, das Leiden der Anderen zu sehen, auch wenn wir allen Grund haben, nur unser eigenes zu sehen.

Die Shoah kann und darf mit keinem anderen Ereignis der Geschichte verglichen werden. Sie war, in den Worten des Schriftstellers und Auschwitzüberlebenden K. Zetnik, „ein anderer Planet“. Wir dürfen nicht vergleichen, aber wir müssen uns immer an das erinnern, was wir gelernt haben.

Ein Krieg wie der, den wir zurzeit kämpfen, und der allem Anschein nach weitergehen wird und der die ganze zivilisierte Welt, ob sie will oder nicht, betrifft, stellt die beiden Lehren aus der Shoah in einen Gegensatz zu einander. Die Pflicht zu überleben verlangt von uns, hart zuzuschlagen, um uns zu verteidigen. Die Pflicht, moralische Menschen zu bleiben, auch unter unmoralischen Umständen, verlangt von uns, menschliches Leid so gering wie möglich zu halten.

Unsere moralische Prüfung findet nicht in einem sterilen Labor oder in einer philosophischen Abhandlung statt. In den letzten Wochen lag diese moralische Prüfung mitten in intensiven Kämpfen. Tausende Raketen wurden auf unsere Bürger geschossen und bewaffnete Terroristen gruben Tunnel in der Nähe von Kindergärten, mit dem Ziel, unsere Kinder zu entführen und zu töten. Jeder unserer Kritiker sollte sich diese Frage stellen: „Was würde ich tun, wenn jemand mit einer Waffe in der Hand in die Schule meines Kindes käme und um sich schösse?“

Die Hamas will Juden töten. Jung oder Alt, Frau oder Mann, Soldat oder Zivilist. Sie machen keinen Unterschied, weil sie in uns keine Menschen sehen. Wir sind Juden, und das ist ihnen Grund genug, uns zu töten.

Unsere moralische Prüfung besteht angesichts dieser Umstände darin, weiter zwischen den Feinden und den Unschuldigen zu unterscheiden. Jedes getötet Kind im Gazastreifen bricht mir das Herz. Die Kinder sind nicht die Hamas, sie sind nicht der Feind, sie sind einfach Kinder.

Darum ist Israel das erste Land in der Militärgeschichte, das seinen Feind vor einem Angriff warnt, um zivile Opfer zu verhindern. Israel ist das einzige Land, das seinem Feind Lebensmittel und Medikamente liefert, noch während die Kämpfe anhalten. Israel ist das einzige Land, wo Piloten einen Luftschlag abbrechen, weil sie vor Ort Zivilisten bemerken. Und trotz allem sterben Kinder und Kinder sollen nicht sterben.

Hier in Europa und anderswo in der Welt sitzen die Menschen in ihren Häusern und sehen die Abendnachrichten, um uns darüber zu belehren, dass wir die Prüfung nicht bestehen. Warum? Weil die Menschen im Gazastreifen leiden. Sie verstehen nicht – oder wollen nicht verstehen –, dass das Leiden im Gazastreifen das wichtigste Werkzeug des Bösen ist.

Wenn wir den Menschen wieder und wieder erklären, dass die Hamas Kinder als menschliche Schutzschilde missbraucht, dass die Hamas sie bewusst in die Schusslinie stellt, um für ihren Tod zu sorgen, dass die Hamas das Leben junger Menschen opfert, um ihren Propaganda-Krieg zu gewinnen – dann weigern sich die Menschen, uns zu glauben. Warum? Weil sie sich nicht vorstellen können, dass Menschen wie sie selbst imstande sind, sich so zu verhalten. Weil brave Menschen sich immer weigern, das totale Böse zu sehen, bis es zu spät ist.

Immer wieder fragen wir uns, warum die Menschen in der Welt es vorziehen, uns zu beschuldigen, wo doch die Fakten klar eine andere Sprache sprechen. Weltweit verüben Muslime Massaker an anderen Muslimen. In Syrien, im Irak, in Libyen oder in Nigeria werden jede Woche mehr Kinder getötet als im Gazastreifen in einem ganzen Jahrzehnt. Jede Woche werden Frauen vergewaltigt, Homosexuelle erhängt und Christen geköpft. Die Welt schaut zu, verurteilt die Taten höflich, und wendet sich wieder Israel zu, um uns in obsessiver Weise dafür zu verurteilen, dass wir um unser Leben kämpfen.

Ein Teil der Kritik rührt von Antisemitismus, der wieder einmal sein hässliches Gesicht zeigt. Den Antisemiten sagen wir: wir werden euch überall bekämpfen. Die Tage, als Juden vor euch davonliefen, sind vorbei. Wir werden nicht still bleiben im Angesicht des Antisemitismus und wir erwarten von jeder Regierung in jedem Land, an unserer Seite zu stehen, und gemeinsam mit uns dieses Übel zu bekämpfen.

Andere Kritiker, nach eigener Ansicht vielleicht hellere, ziehen es vor, uns für die Ereignisse im Gazastreifen zu rügen, weil sie wissen, dass wir die einzigen sind, die ihnen zuhören. Lieber lenken sie ihre Wut auf uns, weil wir den gleichen menschlichen Werten verpflichtet sind, die die Hamas zurückweist – Mitleid mit den Schwachen, Vernunft, Schutz von Homosexuellen, Frauenrechte und Freiheit der Religion und der Rede.

Machen wir uns nichts vor. Das Böse ist hier. Es ist um uns. Es will uns treffen. Der fundamentalistische Islam verkörpert das ultimative Böse und wie das Böse in der Geschichte versteht er es, unsere Werkzeuge gegen uns zu richten: unsere Fernsehkameras, unsere internationalen Organisationen, unsere Untersuchungskommissionen und unser Rechtssystem. So wie der Terror Raketen und Selbstmordattentäter einsetzt, benutzt er auch unsere Unfähigkeit zu akzeptieren, dass irgendwer die Kinder seines eigenen Volkes opfern würde, um eine unterstützende Schlagzeile oder ein Fotomotiv zu bekommen, das die Aufmerksamkeit auf sich lenkt.

Hier an diesem Ort möchte ich in aller Deutlichkeit sagen, dass die Führer der Hamas, eine anti-westliche und antisemitische Terrororganisation sich nicht sicher fühlen können, solange sie weiter unschuldige Zivilisten angreifen. Wie es jede europäische Regierung täte und wie es die USA mit Osama Bin Laden getan haben, so werden auch wir jeden einzelnen Führer der Hamas verfolgen.

Das ist das Böse, mit dem wir alle konfrontiert sind, und Israel steht in vorderster Reihe. Europa sollte wissen, dass diese Leute zu euch kommen werden, wenn wir sie nicht aufhalten. Wir müssen alles tun, um Leid und den Tod Unschuldiger zu verhindern, aber wir stehen hier am richtigen Ort, um der ganzen Welt zuzurufen: wir werden nie wieder in die Züge steigen. Wir werden uns vor dem totalen Bösen schützen.

Danke.“

Quelle: Botschaft des Staates Israel, 21.08.2014

Zum Nachhören hier!

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12 Gedanken zu „Was hätte ich getan?

  1. Die Rede traf mich auch mitten ins Herz. Ich hätte auf dem Video gern die Zuhörer gesehen und ihre Reaktionen erlebt. Mir fällt die Redewendung ein: Eine Wahrheit ist stärker als tausend Lügen (die ich in Medien und anderswo tagtäglich finde). Ich kann mir vorstellen, dass die Wahrheit, die Mr. Lapid aussprach, auch Hass hervorrufen kann bei denen, die täglich die Beugung der Wahrheit praktizieren. (Gerade las ich von einem Bischof geschrieben: „Auf 3 getötete zivile Israeli antwortete Israel mit der Tötung von 1900 Palästinensern“)

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