Fünf wahre Yom-Kippur-Geschichten

von Yvette Alt Miller

Originalartikel: 5 True Stories for Yom Kippur, veröffentlicht am 27. September 2014 von Aish

Übersetzung: faehrtensuche

Hier sind fünf wahre Geschichten von Menschen, die sich trotz aller großen und kleinen Widrigkeiten bemühten, Yom Kippur zu beachten.

Steven Sotloff: Blick auf Jerusalem

Im vergangenen Monat, nachdem islamische Terroristen den amerikanisch-israelischen Journalisten Steven Sotloff brutal ermordet hatten, tauchte endlich seine Geschichte von enormen Mut und Glauben auf.

Steven, ein in Amerika geborener Jude, spielte in der Berichterstattung aus der muslimischen Welt seine Religion und die Tatsache, dass er israelischer Staatsbürger war, herunter. Als er 2013 von Terroristen in Syrien gefangengenommen wurde, tat er alles, um sein Judentum vor seinen Kidnappern zu verbergen. Stevens Familie, aus Furcht, dass seine Kidnapper – wenn sie wüssten, dass er jüdisch war – ihm mehr Leid zufügen würden, hielt sich dadurch bedeckt, dass sie alle ihre Verbindungen zu ihrem Sohn aus dem Internet löschten und auf öffentliche Appelle für seine Freilassung verzichteten.

Doch trotz der großen Gefahr, in der er sich befand, gelang es Steven Sotloff am vorigen Yom Kippur, seine Kidnapper auszutricksen, und fastete und betete an diesem heiligen Tag sogar in Richtung Jerusalem. Ein früherer Gefangener, der zusammen mit Sotloff festgehalten wurde, erinnert sich: „Er sagte ihnen, dass er krank wäre und nicht essen wollte, selbst als uns an diesem Tag Eier serviert wurden. Er pflegte heimlich zu beten in Richtung Jerusalems. Er würde sehen, in welche Richtung seine muslimischen Kidnapper beten würden und dann die Position ausrichten.“

Inmitten des von Terroristen kontrollierten Syrien, umgeben von mörderischen Verbrechern, die sich der Vernichtung der Juden und des jüdischen Staates verschrieben hatten, war ein jüdischer, israelischer Mann ungebeugt und beachtete Yom Kippur unter den Augen seiner Entführer.

Die Sowjetgarde

Seit Jahren trotzte Mendel Futerfas der Sowjetunion. Das Torah-Studium war von den sowjetischen Behörden streng verboten – sogar der Besitz jüdischer Bücher war Grund für eine Inhaftierung – aber Mendel riskierte tagein, tagaus sein Leben und bildete insgeheim seine jüdischen Sowjet-Glaubensbrüder aus. Schließlich wurde er eines Tages von den Behörden entdeckt und zur Zwangsarbeit in einem der gefürchteten UdSSR-Arbeitslager in Sibirien verurteilt.

Dort versuchte Mendel so viele Mitzvot zu halten wie möglich, aber es war nicht einfach. An einem Yom Kippur fühlte er sich besonders schwach. Ohne einen Machzor, dem Yom Kippur Gebetsbuch, war er nur in der Lage, ein paar Gebete aus dem Gedächtnis zu rezitieren. Eines war V’chol Ma’aminim – „Wir alle glauben“ – aber an diesem Yom Kippur tat Mendel sich schwer, diesen Worten zu glauben. War es wirklich möglich, fragte er sich, an solch einem dunklen Ort einen solchen Glauben zu haben?

Gerade da bemerkte Mendel einen der Gefängniswärter – einen grob aussehenden Mann mit einer großen Narbe in seinem Gesicht – der ihn anstarrte. Erschrocken versuchte Mendel so auszusehen, als ob er nicht fastete und betete, aber der Wächter kam auf ihn zu. Leise sprechend sagte der Wächter: „Ich sehe, dass du heute betest. Ich weiß, dass du heute fastest. Ich möchte dich wissen lassen, dass auch ich faste. Ich weiß, dass heute Yom Kippur ist, doch weiß ich nichts über das Judentum außer einem Gebet, das mich meine Großmutter gelehrt hat, als ich ein Kind war, das ‚Modeh Ani‘ hieß. Ich habe dieses Gebet jeden Tag wiederholt, und ich möchte, dass du weißt, dass du nicht der einzige bist, der Yom Kippur feiert.“

Nach langen 14 Jahren war Mendel in der Lage aus seinem Gulag zu entfliehen und sich auf den Weg nach Israel zu machen, wo er sein Leben den Lehren der Torah widmete. Es ist nicht bekannt, was mit dem jüdischen Wächter geschah.

Dank an Rabbi Shlomo Zarchi für das Aufzeichnen dieser mündlich überlieferten Geschichte.

Verhaftet wegen des Blasens des Schofars

Unter türkischer und dann britischer Herrschaft war die jüdische Aktivität an der Westmauer – der letzte verbliebene Rest des alten jüdischen Tempels in Jerusalem und die heiligste Stätte des jüdischen Volkes – stark eingeschränkt. Britisches Gesetz schrieb die Beschränkungen für Juden, die an der Westmauer beten wollten, fest: Juden war es nicht erlaubt, Gebete laut zu rezitieren, sie konnten keine Torah zur Mauer mitbringen, und es war ihnen verboten, den Schofar ertönen zu lassen.

Am Yom Kippur 1930, am Ende des letzten Neila Gebetes, kurz vor Sonnenuntergang rezitiert, erklang ein Ton, der an der Westmauer seit Generationen nicht gehört worden war: das Erschallen eines Schofars. Ein junger Rabbi, Moshe Segal, hatte ein Schofar zur Westmauer geschmuggelt und es an seinem traditionellen Platz am Ende des Yom Kippur Gottesdienstes geblasen.

Rabbi Segal wurde bald verhaftet, aber in der Zwischenzeit nahmen andere jüdische Jungen – alle im Teenageralter – seinen Platz ein. Jedes Jahr von 1930 bis 1947, schmuggelten jüdische Teenager Schofars zu der Mauer, verbargen sie unter ihrer Kleidung und bliesen sie am Ende des Yom Kippur. Die Jungen arbeiteten in Teams zu dritt mit dem Ziel, den Schofar an jedem Ende der Mauer und in der Mitte zu blasen. Abraham Caspi, der 16 war, als er 1947 den Schofar an der Westmauer blies, erinnert sich, was ihm gesagt wurde: „Du wirst der Erste sein, und wenn du es nicht schaffst oder gefangengenommen wirst, wird es jemand anders tun.“

Britische Soldaten verhafteten die Jungen, die den Schofar geblasen hatten. Jeder wurde vor Gericht gestellt und zu Haftstrafen bis zu sechs Monaten verurteilt. Dennoch waren die Freiwilligen nicht zu beirren. „Wir schworen, unser Leben für die Wiederauferstehung des jüdischen Volkes zu geben“, erklärt Jacob Sika Aharoni, der den Schofar 1936 an der Mauer im Alter von 16 Jahren blies.

Als Jordanien die Altstadt von Jerusalem eroberte, verboten sie jedem Juden, einen Fuß in die Nähe der Westmauer zu setzen, 19 Jahre lang. 1967 befreite Israel die Mauer und erlaubte allen Menschen, Juden, Muslimen und anderen, den Zugang, und der Schofar erschallte wieder. Abraham Elkayam, der 13 war, als er 1947 den Schofar an der Westmauer blies, fand, in der Gegend kämpfend, schnell den Weg zur Mauer. Ein israelischer Soldat stand ein Schofar blasend an der Mauer und Abraham fragte ihn, ob er auch blasen dürfe. Abraham blies den Schofar und ein Soldat in der Nähe fragte ihn, warum es so wichtig für ihn sei, diesen Schofar ertönen zu lassen.

Abraham Elkayam erklärte, er sei einer der letzten Menschen gewesen, der 1947 den Schofar an der Westmauer hätte erschallen lassen. Der Soldat stellte sich dann selbst vor und berichtete ihm, dass er der Erste gewesen wäre, der den Schofar geblasen hätte. Es war Rabbi Segal, der die jährliche Tradition 1930 wieder gestartet hatte.

Das berühmteste Spiel von Sandy Koufax

Im Jahr 1965 war der Pitcher der Los Angeles Dodgers [Baseball-Team von Los Angeles], Sandy Koufax in Spieler-Höchstform. Unter dem Spitznamen „Der Mann mit dem goldenen Arm“ hatte sein Können dazu verholfen, die Dodgers bis zur Weltmeisterschaft zu bringen. Die Dodgers begegneten den Minnesota Twins [Baseball-Team von Minnesota]. Das Eröffnungsspiel im Metropolitan Stadium in den Twin Cities [Metropolregion Minneapolis-Saint Paul] wurde auf den 6. Oktober gelegt – ein Datum, das zufällig auf den Yom Kippur fiel.

Obwohl er sich nicht als besonders religiös betrachtete, musste Koufax nicht zweimal überlegen. „Es gab nie eine Entscheidung zu treffen“, erinnerte sich Koufax später, „weil das für mich nie in Frage gekommen wäre. Yom Kippur ist der heiligste Tag der jüdischen Religion. Der Verein weiß, dass ich an diesem Tag nicht arbeite.“ Koufax setzte das Spiel aus und wurde bestens bekannt, nicht für sein erstaunliches Können auf dem Platz, aber für seine prinzipielle Haltung.

Die Dodgers verloren das Spiel ohne Koufax, aber mit seiner Hilfe gewannen sie 1965 bei dem Rest der World Series [Profi-Meisterschaften im Baseball] den Pennant [ein Wimpel zur Ehrung nach einem Meisterschaftsgewinn]. Koufax wurde zum wertvollsten Spieler der Saison nominiert. Er wurde 1972 in die Baseball Hall of Fame [Ruhmeshalle der größten US-amerikanischen Baseball-Spieler] eingesetzt.

In den polnischen Schützengräben

Einer der ungewöhnlichsten Yom-Kippur-Gottesdienste fand nicht in einer Synagoge statt. Das war im Jahr 1939. Der 2. Weltkrieg war gerade erklärt worden und Hitlers Streitkräfte kämpften in Polen, um die Kontrolle über das Land zu gewinnen. Warschau, die polnische Hauptstadt, stand unter direktem Angriff.

Zur Verstärkung der Bemühungen der polnischen Armee, die Nazi-Invasoren abzuwehren, wurden die Juden von Warschau zusammengerufen, um Schützengräben um ihre Stadt zu graben. Yom Kippur 1939 brach an in einer Stadt im Belagerungszustand. Häuser und Synagogen waren durch deutsche Angriffe zerstört worden; Warschau, täglich von der Luftwaffe angegriffen, machte sich auf eine Bodenoffensive gefasst.

Polens Armee entband die jüdischen Bewohner Warschaus am Yom Kippur von ihrer Hilfe, Verteidigungsgräben vorzubereiten. Sie erkannte, dass es ein heiliger jüdischer Tag war. Doch damalige Zeitungen berichteten, dass viele der Warschauer Juden keinen Platz hatten, wo sie hätten hingehen können – ihre Häuser und Synagogen lagen in Schutt – und stattdessen versammelten sie sich an den Absperrungen der Stadt und halfen verzweifelt, Schützengräben auszuheben. Die wehrfähige Männer waren in der Armee; die Übriggebliebenen waren alte Männer und Kinder. Gemeinsam arbeiteten sie fieberhaft, die ganze Zeit die Yom-Kippur-Gebete rezitierend.

Die Juden – viele von ihnen ältere Rabbis – rezitierten Psalmen und Vidui, das Yom-Kippur-Beichtgebet, während sie die Verteidigungswälle aushoben. Unter dauerhaftem Luftangriff entgegneten die älteren Männer und Kinder jede explodierende Bombe mit einem lauten Ruf des „Shema Yisrael!“

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