Mein Großvater und die Kristallnacht

My Grandfather and Kristallnacht

von Gav Cohn

Mein Großvater wachte an jenem Morgen in Berlin auf und sah die Synagoge lichterloh brennen.

Die Kristallnacht markiert den Anfang vom Ende und führt zur Vernichtung der europäischen Juden. Es war ein bundesweiter Pogrom von Plünderungen und Prügel, in der Synagogen zerstört und Friedhöfe geschändet wurden. Es war ein Ereignis, das die Hoffnungen auf eine Zukunft für die Juden in Deutschland und Österreich zerstörte; diejenigen, die dazu in der Lage waren, flüchteten. Es wurde viel mehr in jener Nacht zerstört als Kristall.

Ich möchte die Geschichte meiner Familie mit Ihnen teilen.

Mein Großvater wurde 1925 in Berlin geboren und Norbert genannt oder Natan. Sein Vater war Textilkaufmann und seine Mutter Hausfrau. Sie lebten in einem Vorort von Berlin in einer [Etagen-]Wohnung, der Synagoge Grunewald gegenüber. Im September 1939 feierte er dort seine Bar Mitzvah. Der Aufseher der Synagoge, Isidore, dessen Tochter Norbert heiraten sollte, hatte die Torahrolle, aus der er las, gestiftet.

©Axel Mauruszat Quelle: Wikipedia

©Axel Mauruszat
Quelle: Wikipedia

An einem Donnerstagmorgen, dem 10. November, nicht ganz zwei Monate später, wachte mein Großvater um sieben Uhr auf. Er ging in das Wohnzimmer seiner Wohnung und sah die Synagoge lichterloh brennen. Er rannte zum Schlafzimmer seines Vaters und rief: „Die Synagoge brennt!“ Sein Vater rief sofort die Feuerwehr. Die Feuerwehr antwortete, sie sei bereits informiert, hätte aber von höherer Stelle den Auftrag, nicht einzuschreiten. Die Synagoge brannte bis auf die Grundmauern nieder. In den 1950-er Jahren wurden die Ruinen abgerissen und darauf ein Wohnhaus gebaut, das noch heute steht.

Aber nicht alles wurde von den Flammen zerstört. Als der Hauswart [caretaker] der Synagoge das Feuer bemerkte, gelang es ihm, die Torahrollen zu retten, wickelte sie in Decken und nahm sie mit in Isidores Haus. Ein paar Tage nach der Kristallnacht, auf die Gefahr hin, bestraft zu werden, gelang es meinem Großvater, auch einige Gebetsbücher aus den verkohlten Ruinen zu retten.

Der Vater meines Großvaters musste sich nach der Kristallnacht mehr als zwei Wochen im Haus ihres Dienstmädchens verstecken, um zu verhindern, in ein Konzentrationslager geschickt zu werden. Er erkannte, dass sie Deutschland verlassen mussten.

Obwohl sie es dann geschafft haben, nach Großbritannien zu flüchten, die Feuer der Kristallnacht breiteten sich aus und vernichteten Millionen Juden. Im Jahr 1943 schaffte es Isidore, der Gemeindevorsteher, in dessen Haus die Torahrollen versteckt wurden, seine Tochter auf den Kindertransport zu schicken, und 1963 heiratete sie dann Norbert. Doch noch im selben Jahr wurde Isidore nach Ausschwitz deportiert, wo er umkam, und das Schicksal der geretteten Torahrollen bleibt unbekannt.

Siebzig Jahre später gab Isidores Enkelsohn, mein Onkel, eine Torahrolle in Auftrag, die anlässlich der Bar Mitzvah seines Sohnes geschrieben werden sollte, um die verlorene zu ‚ersetzen‘. Sieben Jahre später nahm er die Rolle mit nach Berlin und Ausschwitz, bevor er sie zurück nach Jerusalem brachte.

Vor 76 Jahren plünderten die Deutschen unsere Synagogen und zündeten sie dann an, dass sie bis zum Boden niederbrannten. Aber das einzige Feuer, das weiter flackert, gehört uns. Die einzige Flamme, die in unseren Synagogen brennt, ist die ewige Flamme, die Ner Tamid und steht über der Heiligen Lade, ein Feuer, das „nie ausgelöscht werden wird“.

P.S.: Im vergangenen Jahr nahm mein Großvater Norbert an einer Zeremonie anlässlich des 75-sten Jahrestags der Kristallnacht teil. Es waren 24 deutsch-jüdische Flüchtlinge anwesend, die Augenzeugen der Kristallnacht waren. Dieses Jahr werden es nur 23 sein. Mein Großvater, der Zeuge der Nazi-Machtergreifung war, ist nicht mehr auf dieser Welt. Er hat die Bürde seiner Erinnerung an seine Vergangenheit getragen; nun haben wir die Verantwortung, diese an die zukünftigen Generationen weiterzugeben, um sicherzustellen, sie wird nie vergessen.

Veröffentlicht am 08. November 2014 von Aish

Übersetzung und Links: faehrtensuche

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