Seriennummer 2065

Eine „Nummer“ erfährt Wertschätzung, bekommt Namen, Gesicht und Stimme!

Die Reden und sonstigen Programme anlässlich des 70. Jahrestags der Befreiung von Ausschwitz gehören der Vergangenheit an, die Auseinandersetzung mit „Ausschwitz“ – und ich setze hier Ausschwitz als Synonym für den Holocaust ein – (hoffentlich) nicht!

Was mir in diesem Jahr auch bewusst(er) vor Augen stand bzw. steht, ist die Tatsache, dass das Zeitfenster kleiner wird, in dem wir noch die Stimmen der Überlebenden hören können. Zu bedenken ist, dass diese Zeitzeugen mit ihrer Stimme alle die vertreten, die nie die Gelegenheit zu reden hatten. … So äußerte sich auch eine Überlebende, die u.a. in Ausschwitz war und uns auf unserer Reise nach Ausschwitz begleitete. Welcher Mut und welche Kraft steckten in dieser Frau, auf diese Weise wieder mit den schrecklichsten Erlebnissen ihrer Vergangenheit konfrontiert zu sein! Dafür kann man nur Bewunderung, Anerkennung und ja, in gewisser Weise auch … Liebe, zollen!

Immer wieder hört und/oder liest man, dass viele Überlebende über Jahre/Jahrzehnte nicht in der Lage waren, über ihr Erleben in den Todeslagern zu berichten. Die Grauen war so abgrundtief grauenhaft, dass die meisten lange, lange keine Worte dafür fanden und schwiegen. Die israelische Autorin Savyon Liebrecht, Tochter von Holocaustüberlebenden, befasst sich intensiv mit dem Thema und schreibt:

„Das Interesse, das ich diesem besonderen Schweigen entgegenbringe, ist »wissenschaftlich« und persönlich begründet, da ich in einer Familie aufgewachsen bin, in der die Eltern niemals über den Krieg sprachen. Das Schweigen war so extrem, dass ich bis heute nicht genau weiß, wie viele Geschwister meine Eltern hatten. Ich kenne ihre Namen nicht, ich kenne die Namen der Konzentrationslager und der Orte nicht, wo meine Eltern während des Krieges waren.“ …

Umso wichtiger ist es jetzt, wo die Bereitschaft zu reden da ist, diesen Stimmen Raum zu geben und ihren Geschichten zuzuhören. (Besser gefällt mir in diesem Zusammenhang das Verb „horchen“, das der Duden als „etwas mit großer Aufmerksamkeit versuchen, […] zu hören“ definiert.

Hier also die Geschichte einer Überlebenden, die jetzt in Australien lebt.

Originalartikel: Stephanie Wood, Jewish survivor tells story for Auschwitz Liberation 70th anniversary commemoration, 22. Januar 2015

Übersetzung: faehrtensuche

Jüdische Überlebende erzählt ihre Geschichte aus Anlass des 70. Jahrestags der Befreiung von Ausschwitz

Als Lotte Weiss die brennenden Körper zu riechen begann, verlor sie ihren Glauben an G’tt. „Es war ein sehr eigenartiger, schrecklicher Geruch“, sagt Weiss. Es war ungefähr Ende Mai 1942. Weiss war 18 und zusammen mit ihren Schwestern Lilly (23) und Erika (21) eine Gefangene in Ausschwitz.

Am 20. Juni kamen ihre Eltern, Ignatz und Bertha, und drei jüngere Geschwister, Karl, Morris und Renee im Lager an. Es hat Monate gedauert, ehe Weiss entdeckte, dass ihre Mutter und die beiden jüngsten Kinder sofort in die Gaskammern geschickt worden waren. Ihr Vater und ihr 16 Jahre alter Bruder Karl wurden für die Arbeit ausgewählt, aber Ignatz wurde vier Tage später zu Tode geprügelt und Karl starb sechs Wochen später an Typhus. Im September starben auch Lilly und Erika an der Krankheit.

“Ich hatte absolut niemanden”, sagt Weiss von dem Tag, an dem sie befreit wurde, im Mai 1945. Aber sie hatte ihre Stimme, und für mehr als zwei Jahrzehnte suchte sie jeden Sonntag das Jüdische Museum in Darlinghurst [Stadtteil von Sydney, Australien] auf, um die Gelegenheit zu nutzen, ihre Geschichte des Holocaust zu teilen.

Weiss wird am Dienstag, den 27. Januar, wiederum im Museum sein, um des 70. Jahrestags der Befreiung von Ausschwitz sowie des Holocaust-Gedenktags der Vereinten Nationen zu gedenken.

“Wir sind äußerst glücklich, dass sie da sind, um ihre Geschichten im Museum zu erzählen”, sagt CEO Norman Seligmann von den 30 Ehrenamtlichen, die den Holocaust überlebt haben. „Das Wichtigste für uns ist, sicherzustellen, dass wir uns erinnern – dass wir am Leben erhalten, was passiert ist.“

Das Museum bereitet sich auf den Tag in der Zukunft vor, wenn die Technologie die Geschichten der Überlebenden wird erzählen müssen; Lotte Weiss, die in Montefiore, einer jüdischen Alterspflegeeinrichtung in Randwick, lebt, ist jetzt 91, und es gibt zwei 94-jährige Holocaust-Überlebende als Museumsführer.

Im Laufe der nächsten zwei Jahre werden die Holocaust-Abteilungen des Museums renoviert, damit sie interaktiver werden. „Die Stimmen der Überlebenden werden zu hören sein, wo auch immer Sie in das Museum gehen“, sagt Seligman über das neue App-basierte „Stimmen-Projekt“.

Auch in Zukunft, wenn Lotte Weiss nicht mehr vor dem düsteren Triptychon der von ihr in Ausschwitz aufgenommenen Fotos sitzt und ihren Ärmel hochzieht, um den Besuchern ihre tätowierte Seriennummer “2065” zu zeigen, werden die Menschen ihre Stimme hören.

Die Menschen werden sie sagen hören, dass ihnen, als sie und ihre Schwestern in Ausschwitz ankamen, befohlen wurde, sich komplett auszuziehen, bevor weibliche Gefangene ihnen alle Körperhaare abrasierten – vom Kopf bis zum Becken. „Ich war hysterisch; ich begann gleichzeitig zu lachen und zu weinen wegen der schönen blonden Haare meiner Schwestern“, sagt Weiss.

Die Menschen werden sie erzählen hören von den krabbelnden Läusen, dem Suppen-Blechnapf, den sie nachts – eingesperrt in den Baracken – als Toilette benutzte, den schmutzigen Pfützen, aus denen sie trank und diesem Geruch, dem Geruch der Gaskammern.

Die Menschen werden sie erklären hören, wie sie immer wieder durch außergewöhnliche glückliche Fügungen vom Tod errettet wurde, so wie an einem Tag, als ein „Kapo“, eine Vorarbeiterin, sie für eine Stelle als Buchhalterin vorschlug. Der Kapo erlaubte Weiss, sich eine Brille aus einem hochaufragenden Stapel an Brillen auszusuchen, die den Toten abgenommen worden waren. Ohne sie hätte sie die Arbeit nicht tun können.

“Das rettete mein Leben. Ich glaube an Wunder; nichts konnte dich in Ausschwitz retten.”

Manchmal träumt Weiss von ihrer Familie. „Wenn ich es tue, ist es ein wunderbares Gefühl. Ich danke G’tt, dass sie nicht mehr leiden müssen.“

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2 Gedanken zu „Seriennummer 2065

    • Danke für Deinen Kommentar. Die im Artikel von mir angesprochene Reise liegt etwa viereinhalb Jahre zurück. Es war eine Reise durch mehrere polnische Vernichtungslager. Ausgangspunkt war Ausschwitz. Die Überlebende war auch „nur“ in Ausschwitz und danach noch in Plaszow dabei und ist dann nach Israel zurückgeflogen. Sie wurde von ihrer Cousine begleitet, die auch Überlebende war.

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