Unter die Lupe genommen: „Nie wieder!“

Wie ist das so mit Gedenkveranstaltungen, ob nun zum 70. Jahrestag oder sonst einem Jahrestag, wenn es um Juden geht? Sind die Gedenkveranstaltungen zur Farce verkommen oder steckt doch mehr dahinter? Es werden viele Worte gemacht, schön geredet (leider auch: schöngeredet), nur: wo bleiben die Taten, die das zuvor gesprochene Wort wahr werden lassen?

Was nützt ein Gedenken an die während des Holocaust ermordeten Juden, wenn die lebenden Juden aus dem Blick geraten oder geraten sind? Wie und was kann man aus der Geschichte lernen, wenn man sich nicht (mehr) intensiv mit ihr auseinanderzusetzen bereit ist? Wie anders sollte es möglich sein, sich der Vergangenheit zu stellen und Fehler in der Gegenwart und Zukunft zu vermeiden? Wie kann man Geschichte bewältigen, wenn man sie lieber beenden und endlich (!) einen Schlussstrich unter sie ziehen will? Einer Umfrage zufolge sind 55 Prozent der Deutschen dieser Auffassung! Bei den unter 40-jährigen liegt die Prozentzahl sogar bei 67! Wie ist es möglich, tote Juden zu würdigen, wenn man gleichzeitig die lebenden Juden missachtet, sie hasst, ausgrenzt oder – noch schlimmer – sie womöglich tätlich angreift? Das bei vielen Gedenkveranstaltungen jedes Jahr zu hörende „Nie wieder!“ wird dadurch hohl, unbrauchbar und unglaubwürdig.

Charles Krauthammer geht in seinem Artikel „Do We Really Mean ‘Never Again’?“ [„Meinen wir wirklich ‚Nie wieder‘?“] genau auf diese Aspekte ein. Der Artikel ist es wert, allen zugänglich gemacht zu werden. Deswegen habe ich ihn ins Deutsche übersetzt.

Originalartikel: Charles Krauthammer, Do We Really Mean ‚Never Again‘?

Übersetzung: faehrtensuche

Meinen wir wirklich ‚Nie wieder‘?

Inmitten der rituellen Bekundungen von Bedauern und den Zusagen von “Nie wieder” am 70. Jahrestag der Befreiung von Ausschwitz wurde eine bittere Ironie vermerkt: Der Antisemitismus ist nach Europa zurückgekehrt. Mit voller Wucht.

Er ist Routine geworden. Wenn das Massaker im koscheren Lebensmittelmarkt in Paris nicht in Verbindung mit Charlie Hebdo passiert wäre, wieviel Aufmerksamkeit weltweit hätten wir dann erzielt? So wenig wie die Ermordung eines Rabbis und dreier Kinder an der jüdischen Schule in Toulouse. So wenig wie der Terroranschlag, der vier Menschen im jüdischen Museum in Brüssel tötete.

Der Anstieg des europäischen Antisemitismus ist in Wirklichkeit nur eine Rückkehr zur Norm. Für ein Jahrtausend war virulenter Judenhass – Verfolgung, Vertreibungen, Massaker – die Norm in Europa, bis die Schande des Holocaust eine temporäre Anomalie schuf, bei der Antisemitismus sozial inakzeptabel wurde.

Die Pause ist vorbei. Der Judenhass ist zurück und rekapituliert die Vergangenheit mit eindrucksvollem Eifer. Italiener, die gegen Gaza protestierten, teilten Flyer aus, die zum Boykott jüdischer Kaufleute aufforderten. Wie in den 1930-er Jahren. Ein sehr populärer französischer Komiker hat eine Variante des Hitlergrußes eingeführt. In Berlin brachte Gaza einen Mob zum Vorschein, der „Jude, Jude, feiges Schwein, komm heraus und kämpf allein“ skandierte. Berlin, wohlgemerkt.

Europäischer Antisemitismus ist jedoch kein jüdisches Problem. Es ist ein europäisches Problem, ein Makel, eine Krankheit. Europa ist von Natur aus nicht in der Lage, sich daraus zu befreien.

Aus jüdischer Sicht ist der europäische Antisemitismus ein Nebenschauplatz. Die Geschichte des europäischen Judentums ist vorbei. Sie starb in Ausschwitz. Die Stellung Europas als Zentrum und Drehpunkt der jüdischen Welt wurde durch Israel übernommen. Es ist nicht nur die erste unabhängige jüdische Nation in 2000 Jahren. Es ist, auch zum ersten Mal in 2000 Jahren, die größte jüdische Gemeinschaft der Welt.

Die Bedrohung der jüdischen Zukunft liegt nicht in Europa, sondern im muslimischen Nahen Osten, heute das Herz des globalen Antisemitismus, eine wahre Fabrik von antijüdischer Literatur, antijüdischen Filmen, Ritualmord-Vorwürfen und Aufrufen zur Gewalt, ja, zu einem weiteren Genozid.

Die Gründungscharta der Hamas ruft nicht nur zur Auslöschung Israels auf, sondern auch zur Tötung von Juden überall, an allen Orten. Der Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah begrüßt die jüdische Einwanderung nach Israel, denn das mache das Töten leichter: „Wenn sich alle Juden in Israel versammeln, wird uns das die Mühe ersparen, sie weltweit zu verfolgen.“ Und natürlich erklärt der Iran offen die Vernichtung Israels als seine heilige Mission.

Für Amerika, Europa und dIe moderaten Araber gibt es gewichtige Gründe, die nichts mit Israel zu tun haben, zu versuchen, ein apokalyptisches, fanatisches anti-westliches klerikales Regime in Teheran daran zu hindern, die Bombe zu bekommen: Iranische Hegemonie, Weitergabe von Atomwaffen (auch an Terrorgruppen) und elementare nationale Sicherheit.

Für Israel ist jedoch die Bedrohung von einer anderen Ordnung. [Sie ist] direkt, unmittelbar und tödlich.

Die Intellektuellen sichern uns gemütlich zu, uns keine Sorgen zu machen. Die Abschreckung wird funktionieren. Funktionierte sie nicht gegen die Sowjets? Nun, nur 17 Jahre nach Beginn des Atomzeitalters kamen wir einem Versagen der Abschreckung und eines totalen Atomkrieges erschütternd nahe. Außerdem rechnen gottlose Kommunisten nicht mit einem Lohn im Himmel. Atheisten kalkulieren anders als Dschihadisten mit ihrem Todeskult. Nennen Sie mir einen sowjetischen Selbstmordattentäter!

Der frühere iranische Präsident Ali Akbar Hashemi Rafsanjani, als moderat bekannt, charakterisierte das kleine Israel als ein „Land für eine Bombe“. Er räumte die Abschreckungskapazität Israels ein, wies aber auf die Asymmetrie hin: „Die Verwendung einer Atombombe würde in Israel nichts übriglassen, aber sie würde bloß Schäden in der muslimischen Welt erzeugen.“ Ergebnis? Israel ist ausgerottet und der Islam zu seinem Recht gekommen. So viel zur Abschreckung.

Und selbst wenn Abschreckung mit Teheran funktioniert, ist das nicht der Punkt, wo die Geschichte aufhört. Irans bloßer Erwerb von Atomwaffen würde ein nukleares Wettrüsten mit einem halben Dutzend muslimischer Länder von der Türkei über Ägypten bis zu den Golfstaaten in Gang setzen – in dem instabilsten Teil der Welt als einem Ort, an dem du morgens aufwachst und eine pro-amerikanische jemenitische Regierung findest, die von Rebellen gestürzt wurde mit dem Slogan „Gott ist groß. Tod Amerika. Tod Israel. Verdammt die Juden. Macht dem Islam“.

Die Vorstellung ist einfach lächerlich, dass in diesem brodelnden Kessel von Instabilität irgendeine Art von sechsseitiger Abschreckung funktionieren würde wie sie funktioniert hat in der gefrorenen Bipolarität des kalten Krieges.

Die iranische Bombe ist eine Frage der nationalen Sicherheit, eine Frage der Allianz und eine regionale Frage des Nahen Ostens. Aber es ist auch eine einmalige jüdische Frage wegen der Situation Israels als dem einzigen Staat der Erde, der unverhohlen von Auslöschung bedroht ist, angesichts einer potentiellen Atommacht, die offen mit dieser Auslöschung droht.

Am 70. Jahrestag von Ausschwitz die toten Juden zu betrauern ist einfach. Und, verzeihen Sie mir, billig. Möchten Sie wirklich die Toten ehren? Zeigen Sie Solidarität mit den Lebenden – Israel und seinen 6 Millionen Juden. Machen Sie aus „Nie wieder“ mehr als eine leere Phrase. Es dauerte sieben Jahre, um 6 Millionen Juden zu töten. Einem nuklearen Iran würde das einen Tag kosten.

Hervorhebungen im Text: faehrtensuche

Auch erschienen bei Aish.

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