Ron Prosor: Freiheit unter Beschuss

Nach jüdischem Kalender beginnt heute Abend mit Sonnenuntergang in Israel der Holocaust-Gedenktag, der Yom HaShoa. Festgelegt wurde er 1951 von der Knesset unter dem damaligen Ministerpräsidenten David Ben-Gurion. Für diesen Gedenktag wurde zunächst der 14. Nissan vorgeschlagen, das Datum des Aufstandes des Warschauer Ghettos. Da dieser Termin aber mit Pessach kollidierte bzw. einen Tag vor Pessach lag, einigte man sich auf den 27. Nissan. Dieses Jahr fällt der Yom HaShoa auf den 16. April.

Ron Prosor, der Botschafter Israels bei den Vereinten Nationen, hat am 26. Januar 2015 aus Anlass des 70. Jahrestages des Endes des Zweiten Weltkrieges vor der Generalversammlung der UN eine Rede gehalten, in der er ermahnt, nicht die Augen zu verschließen vor den Gräueltaten um uns herum. Der heutige Yom HaShoa bietet eine gute Gelegenheit, sich an diese Rede zu erinnern und/oder auf sie zu verweisen. Deswegen:

Nachfolgend die Rede Ron Prosors. Übersetzung: faehrtensuche.

Originalartikel: Ron Prosor, Freedom Under Attack

Freiheit unter Beschuss

Herr Präsident,

Vor siebzig Jahren verstummte der Kanonendonner in ganz Europa und der Zweite Weltkrieg ging zu Ende. Heute, da wir die menschliche Tragödie dieses Krieges betrauern, müssen wir auch diejenigen anerkennen, die den Sieg möglich gemacht und dafür gesorgt haben, dass die Freiheit über die Tyrannei siegte. Wir verdanken unsere Freiheit dem Mut und den Opfern der Soldaten der alliierten Armeen.

Ich stehe vor Ihnen als ein Mann, der Krieg gesehen und erlebt hat – als Soldat, als Diplomat und als Vater von Kindern, die selbst in den Krieg geschickt worden sind. Ich spreche zu Ihnen auch als der Sohn eines Mannes, der aus Nazi-Deutschland floh, um der Vernichtung seines Volkes zu entgehen.

In seinem Roman, The Young Lions [Die jungen Löwen], beschreibt Irwin Shaw den unbegreiflichen Horror des Zweiten Weltkriegs:

„Dieses Mal ist es nicht ein einfacher, verständlicher Krieg … Dieses Mal ist es ein Angriff der Tierwelt auf das Geschlecht des Menschen … Ich weiß, was ich in Russland und Polen gesehen habe … einen Friedhof, tausend Meilen lang und tausend Meilen breit. Männer, Frauen, Kinder, Polen, Russen, Juden, es machte keinen Unterschied. Es kann mit keiner menschlichen Handlung verglichen werden.“

Dank seinem Mut und seiner Überzeugung war Russland in der Tat siegreich. Aber es gab ‘kein Land‘, das allein die monströse Nazi-Tötungsmaschinerie stoppen konnte.

Mehr als 60 Millionen Menschen – drei Prozent der Weltbevölkerung – wurden im Zweiten Weltkrieg getötet oder ermordet. Die Hälfte der Opfer waren Zivilisten. Männer wurden von ihren Höfen und Feldern getrieben und auf die Schlachtfelder geschickt. Frauen wurden von ihren Familien weggerissen und in harte Arbeitslager geschickt. Unzähligen jungen Mädchen und Jungen wurde das höchste Grundrecht verweigert – das Recht, aufzuwachsen und alt zu werden. Der Umfang der menschlichen Tragödie ist einfach unfassbar.

Herr Präsident, die Opfer waren immens – allein Russland hat über 25 Millionen Menschen verloren. Das russische Volk stand vor den rauen Kräften der Natur. Es sah dem brutalen Feind in die Augen. Es drängte nach vorn, um Berlin zu erobern und das Vorwärtskommen der Nazis zu stoppen. Es kämpfte, so dass Völker und Nationen in Freiheit leben konnten.

Als die Geschichte und die Umstände Tapferkeit verlangten, folgte es dem Ruf. Während des Krieges begann jede Nachrichtensendung in Russland mit folgendem Satz:

“VRAG NIE PRA-Y-DIOT, PA-BIEDA BOO-DIT ZA-NAMI”

Das bedeutet: Der Feind wird gestoppt und wir werden siegen.

Dank seines Mutes und seiner Überzeugung war Russland in der Tat siegreich.

Aber es gab „kein Land“, das allein die monströse Tötungsmaschinerie der Nazis stoppen konnte. Präsident Roosevelts Entscheidung, amerikanische Truppen zu schicken, um für Freiheit zu kämpfen, veränderte den Lauf der Geschichte. Seite an Seite mit Winston Churchills Großbritannien zu kämpfen, war eine couragierte Entscheidung.

Ohne das Bündnis zwischen den Vereinigten Staaten, Großbritannien, Russland, Frankreich und anderen Ländern und ohne die Tapferkeit der alliierten Soldaten wäre die Flugbahn der Zivilisation furchtbar anders gewesen.

Am 25. April 1945 trafen sich die Soldaten der sowjetischen 58. Gardeschützendivision und der amerikanischen 69. Infanterie an der Elbe. Dieses historische Treffen von Ost und West signalisierte das Ende von langen und blutigen Kampagnen durch die alliierten Mächte, um Nazi-Deutschlands beispiellose Aggression gegen Europa und die Menschheit zu zerschmettern. Zwei Wochen später war der Krieg in Europa zu Ende und sechs Jahre Tod und Zerstörung kamen endlich zu einem Ende.

Herr Präsident, vor siebzig Jahren, in Europas dunkelster Stunde, wurde ein Drittel der Juden der Welt im Nazi-Holocaust getötet. Wie Elie Wiesel einmal sagte und ich zitiere: „Nicht alle Opfer waren Juden, aber alle Juden waren Opfer.“

Das Ausmaß der Zerstörung ist einfach unvergleichlich. Wir können die Reichtümer des Geistes, die uns durch die Zerstörung von Einsteins Berlin oder Kafkas Prag verloren gegangen sind, nicht erfassen. Die Tragödie der Shoah – sie darf niemals in Vergessenheit geraten – ist ein Makel auf dem Gewissen der Menschheit, eine Verhöhnung des Konzepts der zivilisierten Welt. Die Ausschaltung der Juden aus dem Angesicht Europas war nicht ein Mittel, um ein Ziel voranzutreiben – es war das Ziel.

In dieser dunkelsten Stunde entzündeten die Alliierten das Licht der Freiheit. Amerikanische und britische Streitkräfte kämpften tapfer gegen die Deutschen an der Westfront und im Osten, die 322. Schützendivision der russischen Armee befreite das Vernichtungslager Auschwitz. Der Stahl des Mutes der Alliierten bewies, dass er stärker war als der Stahl der Panzer und Kanonen, dem sie ausgesetzt waren. Dank ihnen brennt die Flamme der Freiheit weiter hell.

Geben Sie sich keiner Täuschung hin, meine Damen und Herren – die Freiheit ist auf der ganzen Welt unter Beschuss.

Herr Präsident, heute sind wir hier, um zu bekräftigen, dass die Verantwortung, Gräueltaten zu verhindern, auf unseren Schultern ruht. Vor siebzig Jahren mit der noch schwelenden Asche des Zweiten Weltkriegs kamen die Sieger des Krieges zusammen, um die UN zu etablieren und sicherzustellen, dass „Nie wieder“ kein leeres Versprechen sein wird.

Heute sind die Werte im Herzen dieser Institution bedroht durch extremistische, auf unsere Lebensweise abzielende Ideologien. In dem Glauben, dass, wenn sie Einzelpersonen zum Schweigen bringen, sie die Zivilisation zum Schweigen bringen können, haben extremistische Gruppen von Westafrika bis zum Nahen Osten eine Plage der Verfolgung entfesselt.

Die Terroristen, die das Charlie-Hebdo-Büro in Paris erstürmt haben, griffen die Freiheit an – das Recht eines jeden Menschen, sich selbst auszudrücken. Der Terrorist, der es auf Juden in Paris und Kopenhagen abgesehen hatte, griff die Gleichheit an – die Idee, dass jeder Mensch, egal welchen Glaubens, gleich(wertig) ist. Mit dem Ziel, unschuldige Zivilisten anzugreifen, griffen die Terroristen auch die Brüderlichkeit an – die Bindungen unserer gemeinsamen Menschlichkeit.

Geben Sie sich keiner Täuschung hin, meine Damen und Herren – die Freiheit ist auf der ganzen Welt unter Beschuss. Ein Krieg wird geführt gegen die Menschenwürde und die Menschenrechte und wir müssen uns wehren. Wenn wir vereint stehen mit Mut und Überzeugung, können wir das Ruder des gewalttätigen Extremismus noch herumreißen und die Werte, die wir schätzen, schützen.

Frieden und Sicherheit werden auch durch den Iran bedroht, dem weltweit führenden Sponsor von Terrorismus. Die radikale Theokratie arbeitet unermüdlich daran, ihre nuklearen Fähigkeiten voranzubringen, während sie explizit droht, „Israel vom Angesicht der Erde auszurotten.“

Aber, lassen Sie mich vollkommen klar sein -, was auf dem Spiel steht, ist nicht nur die Sicherheit Israels; es ist die Sicherheit und Stabilität der ganzen Welt.

Bedenken Sie, wie die Welt aussehen würde, wenn es dem Iran erlaubt wäre fortzufahren. Eine Atommacht Iran wird ein Wettrüsten im Nahen Osten in Gang setzen. Es wird einen nuklearen Schirm bereitstellen, der Terrorgruppen schützt und es ihnen ermöglicht, zunehmend ungestraft zu agieren.

Dies ist nicht die Welt, die sich Männer und Frauen, die vor 70 Jahren siegreich gekämpft haben, erhofften.

Herr Präsident, der Zweite Weltkrieg hat uns gelehrt, dass die Kosten der Untätigkeit einfach zu hoch sind, um sie zu ertragen. Das ist der Grund, warum diese Institution existiert und es ist die Verpflichtung, dass wir ihr gerecht werden.

Jeder von uns hat im Kampf um die Menschenrechte und die Würde des Menschen eine Rolle zu spielen. Wir müssen Gleichgültigkeit überwinden. Wir müssen wissen, für was wir einstehen und dann für etwas aufstehen, an das wir glauben – nie dem Rassismus frönen; nie Aufhetzung ignorieren; nie schweigen, wenn wir konfrontiert sind mit den warnenden Anzeichen von Krieg.

Von dieser Versammlung gebe ich eine Warnung an die Welt aus – verschließen Sie nicht Ihre Augen vor den Gräueltaten um Sie herum; wenden Sie sich nicht ab von der Feindseligkeit, die folgt. Es ist Ihre Verantwortung, sich klar und unmissverständlich gegen Hass auszusprechen.

Rüsten Sie die nächste Generation aus mit Worten und nicht mit Waffen. Rüsten Sie sie aus mit Ideen und nicht mit radikalen Ideologien. Lehren Sie sie Toleranz und nicht Terrorismus. Krieg ist nicht unvermeidlich. Er ist keine Naturgewalt noch ist er Teil der menschlichen Natur. Er kann verhindert werden. Aber nur, wenn wir zusammenstehen, um Gleichgültigkeit anzuprangern und den Frieden zu verteidigen.

Ich möchte schließen mit einem Zitat von General Douglas MacArthur, dem Oberbefehlshaber des Süd-West-Pazifik-[Kriegsschauplatzes], der sagte – und ich zitiere:

“Es ist meine aufrichtige Hoffnung – in der Tat die Hoffnung der ganzen Menschheit – dass aus diesem feierlichen Anlass eine bessere Welt aus dem Blut und Massaker der Vergangenheit hervorgehen wird, eine Welt, die auf Glauben und Verstehen gegründet ist, eine Welt, die der Würde des Menschen und der Erfüllung seines am meisten gehegten Wunsches nach Freiheit, Toleranz und Gerechtigkeit gewidmet ist.“

Herr Präsident, die Pflicht ruht auf uns. Wenn wir wollen, dass unsere Kinder in einer Welt leben, die auf Freiheit, Toleranz und Gerechtigkeit aufgebaut ist – dann müssen wir zusammenstehen, um diese Werte zu verteidigen.

Vielen Dank, Herr Präsident.

Veröffentlicht am: 28. Februar 2015 von Aish

Hervorhebung im Text: faehrtensuche

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Ein Gedanke zu „Ron Prosor: Freiheit unter Beschuss

  1. Ron Prosor hat mit jedem Wort recht. Bewirken werden seine Worte trotzdem nichts. Warum? Weil der Westen zu schwach ist, ist auch unwillig seine Werte zu verteidigen. Die Politiker sprechen zwar über diese, doch habe ich immer öfters den Eindruck, daß sie langsam vergessen, was diese sind. Und wie unentbehrlich diese Werte für uns – aber auch für die anderen – sind.
    Der Westen schwach, unwillig, die Feinde hingegen haben eine Ideologie die furchtbar ist, dafür gerade auch für Jugendliche sehr anziehend. Und die Vertreter dieser Ideologie sind entschlossen und unerbittlich.
    Was kann, was könnte der Westen dem entgegensetzen und wie? Auf welche Weise? Ich kann diese Fragen leider nicht beantworten. Das sollen jene tun, die jünger und klüger sind als ich es bin.
    lg
    caruso

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