Juden in Hitlers Stadion

von Rabbi Benjamin Blech

Originalartikel: Jews in Hitler’s Stadium
Übersetzung: faehrtensuche

Die Bedeutsamkeit der diesjährigen europäischen Maccabi-Spiele, die in Berlin stattfinden.

Die Symbolik ist augenfällig.

Vor achtzig Jahren war Berlin der Ort der Olympischen Spiele. Hitler war Gastgeber und die Spiele wurden Opfer des Nazi-Werbefeldzugs, um die Überlegenheit der arischen Rasse durch die systematische Entfernung der jüdischen Athleten aus deutschen Sporteinrichtungen und Verbänden zu fördern. Im letzten Moment wurden herausragende jüdische Sportler von den Olympischen Spielen 1936 ausgeschlossen aus Angst, dass ihre Siege die Nazi-Gastgeber bloßstellten und ihren Anspruch jüdischer rassischer Unterlegenheit.

Die 14. europäischen Maccabi-Spiele finden nun zum ersten Mal in Deutschland statt. Letzte Woche marschierten rund 2.000 Teilnehmer aus 20 Ländern, darunter Israel, in den Olympia-Park Berlin ein. Die Langemarckhalle – erbaut auf Ersuchen Adolf Hitlers persönlich, um das Regime zu verherrlichen, dem er schwor, es würde mindestens 1000 Jahre andauern und jede Spur jüdischen Lebens ausradieren – begrüßte mehr als 2500 jüdische Wettkämpfer, die an der 10-tägigen Veranstaltung teilnehmen.

Nazi-Deutschland gibt es nicht mehr. Die Juden haben überlebt. Aber das so tiefgreifend Ironische ist, wie ein bei den Olympischen Spielen 1936 initiiertes Ritual in einer g’ttlichen Botschaft biblischen Ursprungs seinen Nachhall findet – eine Botschaft, die für die deutsche Regierung damals so prophetisch war wie sie es für die heutige Welt bleibt.

Es war Hitler, der bei den Olympischen Spielen 1936 mit der Tradition des Fackellaufs begann, dem feierlichen Tragen der olympischen Fackel von Olympia, Griechenland, zu dem Ort der Spiele. Es ist eine Tradition, die bis heute andauert. Ihre Symbolik ist die Flamme, die fortwährend brennt, die Verbindung mit der Vergangenheit, das Feuer, das nicht gelöscht werden kann.

Und für die Juden ist es ein Symbol mit einer alten Geschichte.

Jeder von uns kennt die Geschichte. Mose hütete Schafe in der Wüste Sinai als er plötzlich einen Busch sah, der in Flammen stand. Doch seltsam genug, obwohl der Busch brannte, verbrannte er nicht. Das forderte die Naturgesetze heraus. In genau diesem Moment, als Mose durch das Wunder vor seinen Augen gebannt  dastand, offenbarte sich G‘tt und verkündete: „Ich bin der G’tt deiner Väter.“

Oberflächlich betrachtet, scheint die Geschichte uns einfach zu sagen, dass G‘tt dies wundersam ausgeführt hat, um Mose zu beeindrucken, bevor er ihn bittet, die Führungsrolle zu übernehmen. G’tt gibt dieses Zeichen, so dass Mose die Bedeutung der g’ttlichen Kraft erfassen konnte. Aber das wirft die Frage auf: Hätte G’tt nicht ein anderes, noch auffallenderes, noch überzeugenderes, noch aufschlussreicheres Wunder für seine Leitung über die ganze Welt durchführen können statt nur einen einzigen Busch in der Wüste zu entflammen, der nicht verbrannte?

Rabbinische Kommentatoren versorgen uns mit einer schönen Antwort. G‘tt führte nicht nur ein Wunder aus. Er sandte eine Botschaft. G‘tt wusste, was in Moses Augen ganz oben stand. Seit der Zeit, als Mose aus Ägypten floh und er seine Brüder unter der brutalen Unterdrückung des Pharaos leiden sah, machte Mose sich Sorgen und fragte sich: Lebt mein Volk noch? Und so war die erste Sache, die G’tt tat die, Mose zu beruhigen – nicht nur für die Gegenwart, sondern auch für alle Tage der Zukunft.

Der Busch war ein Symbol für das jüdische Volk. Der Busch brannte, aber entgegen aller Naturgesetze verbrannte er nicht. So wird auch das jüdische Volk, entgegen aller Gesetze der Geschichte, nie untergehen!

Als Arnold Toynbee seine klassische zehn Bände umfassende Analyse über den Aufstieg und Fall der menschlichen Zivilisationen fertigstellte, die Erforschung der Geschichte, erschrak er über eine scheinbare Widerlegung seiner universellen Regeln für den unaufhaltsamen Niedergang eines jeden Volkes der Erde. Nur die Juden überlebten, der sorgfältig begründeten Analyse Toynbees zum Trotz. So verkündete Toynbee den Juden nichts anderes als „ein rudimentärer Rest“ [zu sein], ein Volk, dazu bestimmt, in Kürze zu enden.

Aber irgendwie, trotz all der brutalen Versuche, die Kinder Israels zu vernichten, haben die Juden das fortlaufende Wunder des brennenden Busches demonstriert – und die Flamme, die nicht verlöscht wird.

Die Jüdische Geschichte setzt sich über Erklärungen hinweg. Das jüdische Überleben kommt einem Wunder gleich. Aber es ist ein Wunder, vor langer Zeit von G’tt vorausgesagt. Und es ist ein Wunder, das, G’tt versichert es Mose, nie aufhören wird, sich zu wiederholen bis ans Ende der Zeit.

Ein berühmter russischer Schriftsteller, obwohl nicht jüdisch, verstand diese Botschaft des brennenden Busches gut. Leo Tolstoi, ein orthodoxer Christ, gut bekannt als Verfasser von „Krieg und Frieden“ schrieb im Jahr 1908:

Ein Jude ist das Emblem der Ewigkeit. Er, den Tausende von Jahren weder Massaker noch Folter zerstören konnte; er, den weder Feuer noch Schwert noch Inquisition von dem Angesicht der Erde wischen konnte; er, der der erste ist, der die Orakelsprüche G’ttes produzierte; er, der so lange Zeit der Wächter der Prophetie war und sie dem Rest der Welt übermittelte – eine solche Nation kann nicht vernichtet werden. Der Jude ist so [ewig] andauernd wie die Ewigkeit selbst.

Nein, die ewige Fackel kommt nicht aus Griechenland. Seine Zivilisation ist längst vorbei; sein Imperium ist nicht mehr. Es ist das jüdische Volk, das damit fortfährt, die Lichtträger für die Welt zu sein, die Rolle erfüllend, die der Prophet Jesaja ihm zugesichert hat. Es ist die jüdische, nicht die olympische Fackel, die das Wunder des brennenden Busches nachbildet und entgegen aller Naturgesetze überlebt, trotz aller Bestrebungen seiner Feinde.

Und in der Tat ist es ein Maß großen Trostes, dass an demselben Ort, an dem Hitler unsere endgültige und totale Vernichtung beschwor, die jüdischen Kinder zu Tausenden zurückgekommen sind, um zu spielen und mit Freude unsere kontinuierliche Präsenz auf der Erde geltend zu machen.

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2 Gedanken zu „Juden in Hitlers Stadion

  1. Ja, ein Nazi-Regime gibt es in Europa nicht mehr. Aber der Antisemitismus floriert trotzdem. Wie vorher auch schon. Nur hat er jetzt einen anderen Namen: „Israelkritik“. Trotzdem ist das Spiel gerade an diesem Platz ein Zeichen von Sieg, Wir – Juden/ Israelis – verdienen das. Die Deutschen? Weit weniger. Für uns bin ich natürlich s e h r froh.
    lg
    caruso

    PS Tolstoj war ein gescheiter Mann. Nicht nur wegen den zitierten Sätze.
    PPS Ich merke nach nochmaligen Durchlesen, daß es mißverständlich ist, was ich schrieb. Doch bin ich zu müde (bin immerhin im 85sten) um etwas Neues schreiben zu können. Ich hoffe, Du lieber Blogger, wer immer Du auch bist, trotzdem verstehst, was ich meine.

    • Wir – Juden/ Israelis – verdienen das.
      Ja – ohne Wenn und Aber!!!

      Was war missverständlich an Deinem Kommentar? Ich habe nichts gefunden!

      Ich wünsche Dir einen schönen Tag! Marie

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