Europas judenfreie Zonen

Jüdisches Leben zieht sich angesichts des unerbittlich anti-israelischen und anti-jüdischen Hasses aus vielen Teilen des Kontinents zurück.

von Yvette Alt Miller

Originalartikel: Europe’s Jew-Free Zones

Übersetzung: faehrtensuche

„Ich wusste nicht, dass wir Juden waren.“ Ich werde nie den Tag vergessen, an dem die beste Freundin meiner Mutter – eine brillante Ärztin, in Frankreich und Israel erzogen und jetzt als Ärztin in Chicago praktizierend – mir von ihrer Kindheit erzählte. Sie war eine so selbstsichere, weltgewandte Frau, es schien unmöglich, dass sie überhaupt nicht über diese zentrale Tatsache ihrer Identität Bescheid wusste.

Ihre Familie lebte in Rumänien, erklärte sie, und selbst nachdem die Schrecken des Holocaust ans Licht gekommen waren, lebten die in Rumänien verbliebenden Juden in Angst. Zu ihrem Schutz hatten ihre Eltern nie ihre jüdische Herkunft erwähnt. Eines Tages in den 1950er Jahren vertrauten sie schließlich ihren Kindern an, dass sie jüdisch waren und – wie die überwiegende Mehrheit der rumänischen Juden, die den Holocaust überlebt hatten – im Begriff waren, nach Israel zu immigrieren.

Für die paar Tausend verbliebenen Juden, die weiterhin Rumänien ihre Heimat nennen, hat eine neue Umfrage schmerzlich in Erinnerung gebracht, dass für viele Rumänen Juden unwillkommen bleiben. Im August 2015 hat das Elie Wiesel National Institute for Holocaust Studies [Elie Wiesel Nationalinstitut für Holocauststudien] in Rumänien (wo Herr Wiesel aufwuchs) die Ergebnisse einer Umfrage veröffentlicht, die zeigte, dass fast ein Viertel der Rumänen heute es bevorzugen würde, wenn kein Jude ihr Land als Heimat bezeichnete.

Rund 11% der Rumänen charakterisieren Juden als „ein Problem“ für die Nation, und 22% würden die Juden lieber als Touristen sehen – nicht als Bürger.

Diese negative Meinungen decken sich mit Unwissenheit oder Gleichgültigkeit gegenüber dem Holocaust: Während fast drei Viertel der Rumänen von dem Holocaust gehört haben (ein 12%-er Anstieg seit der vorherigen Umfrage aus dem Jahr 2007), glaubten nur ungefähr ein Drittel, dass er in Rumänien passiert ist (trotz der Tatsache, dass die Hälfte der damaligen jüdischen Bevölkerung von 750.000 im Holocaust ermordet wurden). Eine Mehrheit der überlebenden Rumänen charakterisieren heute ihre Führer der Kriegszeit als „Patrioten“.

Das schockierende Ergebnis der Umfrage – und die Feindseligkeit gegenüber jüdischen Bürgern – machte auf der ganzen Welt Schlagzeilen, aber leider sind die Rumänen nicht die Einzigen, die judenfreie Länder oder Städte fordern.

Anti-jüdische Haltungen einiger Länder sind bekannt. Im Januar 2015 z.B. waren saudi-arabische Politiker eilig bemüht, Medienberichte zu dementieren, dass sie beginnen würden, Juden zu ermöglichen, als Gastarbeiter ins Land zu kommen. (Die angebliche Politik würde sich nur auf nicht-israelische Juden erstrecken, spekulierten erste Berichte; es war immer klar, dass es israelischen Juden niemals erlaubt sein würde, im Königreich zu arbeiten). Als die ‚Non-Story‘ platzte, erklärte Saudi-Arabien, das – mit Ausnahme von Moscheen – schon das Erbauen von Gotteshäusern auf seinem Boden verbietet: Die offizielle Politik bleibt. Kein Jude kann legal als Gastarbeiter einreisen, und Saudi-Arabien bleibt gewissermaßen eine judenfeie Zone.

Doch es scheint so zu sein, dass diese giftige Grundhaltung sich auch in einigen europäischen Haltungen einschleicht.

Eine wegweisende Umfrage aus dem Jahr 2011 in Irland ergab, dass 20% des irischen Volkes ein Verbot für Israelis favorisierte, irische Staatsbürger zu werden und 11 % wären dafür, alle Juden daran zu hindern, Bürger Irlands zu werden. (Auf die Frage nach ihren persönlichen Beziehungen, wurden die Verhaltensweisen sogar noch krasser: 46 % würden keinen Juden in ihrer Familie haben wollen und 52 % wären gegen einen Israeli in ihrer Familie eingestellt.) Besorgniserregend ist, dass die Umfrage auf ein Anwachsen solcher antisemitischen Empfindungen hindeutet. Anti-jüdische Einstellungen waren am höchsten in der jüngeren Generation, die 18-25-Jährigen besitzen die extremsten anti- semitischen Ansichten.

Pfarrer Michael Mac Greal, der Jesuitenpater und Soziologe, der die Umfrage erstellte, erklärt, dass die Feindschaft gegenüber Israel in der irischen Presse zu negativen Empfindungen gegen Juden allgemein beigetragen hätte. „Es gibt eine reale Gefahr, dass das öffentliche Image von ‚Israelis‘ zu einem Anstieg des Antisemitismus führen kann“, befand er.

In Großbritannien sind durch einige Maßnahmen antisemitische Einstellungen weniger; „nur“ 10 % der Briten wären laut einer Umfrage aus dem Jahr 2015 aus dem Gleichgewicht gebracht, wenn sie einen Juden in ihrer Familie hätten. Dennoch scheinen sich anti-israelische Empfindungen immer mehr extremen Grenzen des anti-jüdischen Diskurs‘ zu nähern.

Anti-israelische Emotionen schlagen sehr hoch in Großbritannien. Eine 2013 durchgeführte globale Umfrage ergab, dass Israel als die viertnegativste Nation angesehen wurde. (Nur Iran, Pakistan und Nordkorea waren schlechter). Briten stehen an der Spitze der negativen Einstellungen gegen den jüdischen Staat: volle 72% sagen, dass sie negative Gefühle über Israel hätten. Vor diesem Hintergrund der unerbittlichen Kritik wurde es für einen prominenten Politiker akzeptabel, für einen Teil von Großbritannien eine „israelisch-freie“ Zone zu fordern. George Galloway, Parlamentsmitglied für die Stadt Bradford, erklärte, dass Israelis in seinem Wahlbezirk nicht willkommen seien – und dann, als er wegen seiner unerhörten Aussage befragt wurde, verteidigte er sie offen und immer wieder. „Wir wollen keine israelischen Waren, wir wollen keine israelischen Dienstleistungen, wir wollen keine israelischen Akademiker an den Universitäten oder am College, wir wollen nicht einmal, dass irgendwelche israelischen Touristen nach Bradford kommen, auch wenn jemand von ihnen das zu tun gedachte,“ erklärte der Parlamentsabgeordnete.

In Belgien wurde im Jahr 2014 von der Polizei gegen einen Besitzer eines Lütticher Cafés ermittelt, der ein Schild postete, dass Hunde willkommen, aber Juden verbannt wären – allerdings werden anderswo im Land belgische Schulen zunehmend judenfreie Zonen. Als die letzte jüdische Studierende aus einer zentralen Brüsseler Hochschule ausschied – erhielt sie Hunderte von negativen Kommentaren und Drohungen, nachdem sie ein Foto von sich mit einer israelischen Flagge auf Facebook gepostet hatte – Joel Rubinfeld, Präsident der Belgischen League gegen Antisemitismus, warnte, dass die Schule – und andere mit ihr – „judenfrei geworden sind, es gibt dort keine Juden mehr“. Konfrontiert mit unerbittlichem, auf dem Tiefststand befindlichen Antisemitismus, verlassen belgische jüdische Familien das Land in immer größerer Zahl und gehen nach Israel oder, wenn sie bleiben, nehmen sie ihre Kinder aus öffentlichen Schulen, wo Feindschaft gegen Juden zunehmend die Norm ist.

Im Jahr 2014 sah der stellvertretende Sprecher des schwedischen Parlaments sich der Kritik ausgesetzt, als er Juden dazu riet, ihre jüdische Identität [hinter sich] zu „lassen“, wenn sie wünschten, gute Schweden zu werden, aber er war kaum allein. Malmö, Schwedens drittgrößte Stadt, hat eine Explosion von anti-jüdischer und anti-israelischer Aktivität erlebt. Die jährliche Israel-Apartheidswoche der Stadt ist in einem Gebäude untergebracht, das im Besitz der Stadt ist und von ihr verwaltet wird, ohne Kosten, und die Stadtverwaltung hat einer Gruppe, die schwedische Unternehmen überprüft und ihnen „hilft“, frei von Waren und Dienstleistungen aus Israel zu werden, offiziell Unterstützung zur Isolation Israels gegeben.

Vielleicht ist es nicht überraschend, dass jetzt jedes Jahr Dutzende von antisemitischen Angriffen in der Stadt gemeldet werden und die Gemeinschaft der bereits kleinen jüdischen Bevölkerung weiter schrumpft. Ein viel angesehenes Video aus dem Jahr 2013 von einem Reporter, der mit Kippa zu Fuß durch Malmos Straßen geht, zeigte ihn als Subjekt von verdächtigen Blicken und negativen Kommentaren. Eine Wiederholung desselben Experiments im Jahr 2015 – ausgestrahlt im schwedischen öffentlichen Fernsehen – zeigte aggressive Drohungen, Warnungen zu verschwinden (beides bedrohlich und von Umstehenden, die den Reporter Leid ersparen wollten) und – letztendlich – der Reporter flüchtet, und läuft um sein Leben.

Siebzig Jahre nach dem Holocaust scheint es unglaublich, dass Teile Europas wieder einmal judenfreie Zonen werden. Während das jüdische Leben in vielen Teilen Europas blüht, zieht es sich angesichts des unerbittlichen antiisraelischen und antijüdischen Hasses für den Großteil des Kontinents zurück.

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2 Gedanken zu „Europas judenfreie Zonen

  1. Wird Europa von neuem so tief sinken wie in der Nazi-Zeit? Ich weiß es nicht, aber es riecht danach. Anscheinend sind (die?) Menschen unfähig aus der Geschichte zu lernen, unfähig sich zu informieren, wo es sehr notwendig wäre. Wären sie zu letzterem fähig, könnten die Medien nicht so viele Lügen, so viel Falsches, Verdrehtes usw. verbreiten, damit diese unselige Tradition, diese Erbkrankheit der europäischen Kultur weiteren Genrationen vermitteln.
    Eine Schande, was in Europa geschieht. Und was macht die Politik? Hält Sonntagsreden, und holt eine Menge Flüchtlinge nach Europa, die keine Flüchtlinge sind, dafür gute Antisemiten. Die nächste. nicht nur jüdische Generationen werden sich schön bedanken für diese weitsichtige Politik:-(((
    lg
    caruso

  2. Pingback: Europas judenfreie Zonen | loantruong

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