Wie westliche Ideologie den Jihad bestärkt

von Vic Rosenthal, 2. Mai 2016

Das US-Militär machte vor kurzem Schlagzeilen, als es in seinen Operationen gegen den Islamischen Staat die israelische Taktik des „Anklopfens auf dem Dach“ übernahm – eine kleine Explosion zu entzünden über einem Gebäude, das bombardiert werden soll, um möglichen anwesenden Zivilisten ein Warnsignal zur Evakuierung zu geben.

Israel machte von der Technik des „Anklopfens auf dem Dach“ Gebrauch, um die Anzahl ziviler Oper in mehreren Kriegen der jüngsten Vergangenheit zu minimieren, beginnend mit der Operation „Gegossenes Blei“ in Gaza in den Jahren 2008-2009.

Eine der Taktiken, die die radikalen islamistischen Feinde des Westens im Rahmen des Paradigmas asymmetrisch geführter Kriege angenommen haben, ist der Einsatz der eigenen Zivilbevölkerung als menschliche Schutzschilde. Hamas startet seine Raketen von den Schulhöfen und die Hisbollah hat eine enorme, feinverteilte Raketenabschussanlage konstruiert, eingebettet in die schiitischen Dörfer des Südlibanon. Wenn Israel diese neutralisieren muss, ist es wahrscheinlich, dass viele Libanesen getötet werden.

Die Taktik der menschlichen Schutzschilde ist effektiv, denn westliche militärische und politische Führer reagieren äußerst sensibel auf die Klage, Zivilisten im Krieg unnötig zu verletzen.

Dafür gibt es sowohl praktische als auch ideologische Gründe. Im Fall Israel gibt es etwaige wirtschaftliche und diplomatische Konsequenzen, wenn es einer unverhältnismäßigen Reaktion beschuldigt wird, einschließlich des Cut-offs von lebensnotwendigen Gütern in Kriegszeiten. Aber das trifft nicht auf die USA zu. Niemand wird die USA boykottieren oder zwingen, Texas an Mexiko zurückzugeben, und sie stellt ihre eigene Munition her.

Die westliche Bevölkerung fühlt stark mit „unschuldigen Opfern“ mit. Der Effekt ist noch stärker, wenn diejenigen, die mitfühlen, nicht selbst bedroht sind; so können Europäer (oder amerikanische Präsidenten), die nicht mit den Raketen der Hamas und der Hisbollah konfrontiert sind, höchst kritisch gegenüber Israels Versuchen sein, sich zu verteidigen.

Es gibt zwei wichtige Dinge zu beachten: 1. Dies ist eine relativ neue Entwicklung, historisch gesehen; und 2. dieser praktische / moralische / politische Druck des Westens, sich in einer bestimmten Weise zu verhalten, versetzt seine Feinde tatsächlich in die Lage, einen effektiv asymmetrischen Krieg gegen ihn zu führen.

Die Veränderung in der westlichen Sensibilität trat irgendwann nach dem Zweiten Weltkrieg ein. Nicht nur waren beide Seiten relativ unsensibel gegenüber Kollateralschäden, die Alliierten verfolgten auch eine Politik der strategischen Bombardierung nicht-militärischer Ziele sowohl um die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit der Feinde zu reduzieren als auch ihren „Widerstandswillen“ zu mindern. Dresden, Hamburg und andere deutsche Städte waren Ziele von Brandbomben, die Zehntausende töteten.

Aber ein Angriff auf Tokio ragt heraus, auch im Vergleich zu den Atombombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki. Am 9.-10. März 1945 wurden 1.665 Tonnen Napalm-Bomben auf die Stadt abgeworfen, eine massive Feuersbrunst erzeugend, die etwa 16 Quadratmeilen und 100.000 Menschen in Schutt und Asche legte.

Es ist schwer, sich eine westliche Nation in fast jedweder Situation vorzustellen, die heute überhaupt über eine solche Operation nachdenkt.

Was hat sich geändert?

Die Antwort lautet „eine Menge Dinge“, einige von ihnen offensichtlich und andere subtiler.

Der Nationalismus wurde für die Reihe von europäischen Kriegen, die im Zweiten Weltkrieg ihren Höhepunkt fanden, verantwortlich gemacht und wurde mit Nachdruck abgelehnt zugunsten einer universalistischen Ethik, in der alle Menschen als Teil einer menschlichen Rasse gesehen werden. Es wurde anerkannt, dass jede Person Menschenrechte hatte, die respektiert werden sollten, sogar in Kriegszeiten. Aber zur gleichen Zeit wurden die kollektiven Rechte von nationalen Gruppen heruntergespielt. Nationale Gefühle im Westen  wurden als gefährlich angesehen.

Zur gleichen Zeit begannen die großen Kolonialreiche zu zerfallen. Während der Kolonialzeit gab es eine Annahme kultureller Überlegenheit. Mit der Auflösung der Weltreiche verschwand auch das und wurde ersetzt durch kulturellen Relativismus und durch Schuldgefühle für die von den früheren kolonialen Untertanen erlittene schlechte Behandlung.

Die amerikanische Bürgerrechtsbewegung rückte Rassismus als Grundübel in den Blick. Aber die Menschen begannen, jede Form von Volkszugehörigkeit mit Rassismus zu vermengen.

An diesem Punkt nahm der ideologische Prozess eine eher gefährliche und zerstörerische Wende an, durch Postkolonialismus. Der Reiz der universalistischen Ideale und der Menschenrechte und die Ablehnung von Rassismus war zunächst auf Nationen der Ersten Welt beschränkt. Etwas später drangen sie in die weniger entwickelte Welt ein, aber auf dem Weg unterzogen sie sich einer Transformation, in der die Sprache, gewohnt, wichtige Ideen zum Ausdruck zu bringen, radikal neu definiert wurde. In der Welt des Postkolonialismus haben nur unterdrückte Menschen Rechte und nur Unterdrücker sind in der Lage, Rassisten zu sein.

„Rassismus“ bedeutet jetzt die Unterdrückung von „People Of Colour“ [„POC“ Farbigen] durch „Weiße“ (die tatsächliche Hautfarbe der beteiligten Personen ist irrelevant und die Platzierung in diesen Gruppen ist rein ideologisch).

Gewalt durch Weiße gegen POC wird (selbst im Fall von Israel, Selbstverteidigung) als „Terrorismus“ bezeichnet.

Gewalt durch Farbige gegen Weiße wird „Widerstand“ genannt und durch Fehlinterpretation der UN-Charta wird gesagt, es sei ein Menschenrecht.

Auch wenn Nationalismus und Tribalismus unter den Bewohnern des Westens als Hauptursache des Krieges verurteilt worden sind, Postkolonialismus gibt POC das Recht auf Selbstbestimmung als Völker.

Diese revolutionäre Logik wird an westlichen Universitäten gelehrt. Was passiert ist, war eine Art ideologischer Abrüstung durch westliche nationale Gruppen. Faktisch hat es auch eine militärische Abrüstung gegeben, denn die Anwendung von Gewalt durch den Westen gegen POC wird als eine Verletzung ihrer Menschenrechte betrachtet und wird nicht durch ein kollektives Recht, das wir besitzen, ausgeglichen.

Der israelisch-arabische Konflikt ist das Paradebeispiel dafür. Die palästinensischen Araber erkennen die Juden nicht als Volk an, aber bestehen darauf, dass es ein „palästinensisches Volk“ gibt. Sie nennen es „gewaltloser Widerstand“, wenn Araber Juden mit Messern, Steinen oder Brandbomben töten, und sagen, dass selbst bewaffnete Angriffe gerechtfertigter Widerstand seien. Sie beschreiben jede Aktion Israels, sich selbst zu schützen – Grenzkontrollen, die Sicherheitsbarriere – als eine Verletzung ihrer Menschenrechte während der Staat Israel kein kollektives Recht hat zu existieren.

In den letzten Jahren, obwohl der große Machtkampf zwischen Russland und dem Westen in abgeschwächter Form bleibt, ist eine neue Quelle des Konflikts aufgetaucht: der dezentrale Islamische Jihad mit dem Ziel, den Dar al Islam [das Haus des Islam] auf Kosten der übrigen Welt auszudehnen.

Viel ist geschrieben worden über die möglichen Gründe für die neu gewonnene Aggressivität von Muslimen gegenüber dem Westen. Aber die Erklärung ist nicht in irgendwelchen neuen islamischen Lehren zu finden.

Der Islam war immer expansiv und konfrontativ. Was sich geändert hat, sind wir. In der Vergangenheit zögerte der Westen nicht, seine große militärische Überlegenheit einzusetzen, wenn er es mit einem weniger fähigen Gegner zu tun hatte. Das wurde von jedem verstanden. Die Truppen des Jihad wurden abgeschreckt, uns anzugreifen.

Aber jetzt, wie [im Fall] Israel[s], befindet sich der Westen in Sorge darüber, dass – setzten wir unsere Macht ein – die essentiellen Menschenrechte der Gegner (definiert als „People of Colour“) außer Kraft gesetzt würden, wobei ‚weiße‘ Nationen keine Rechte haben. Wir dürfen unsere Personen, jedoch keine Nationen oder Kulturen schützen. Definiert als ‚rassistische Unterdrücker‘ haben wir kein Recht, ihrem Rassismus zu widersprechen, während es ihnen erlaubt ist, der ‚Unterdrückung‘ durch Gewalt ‚zu widerstehen‘.

Infolgedessen schreitet der Jihad an mehreren Fronten voran und der Westen gibt nach, gelähmt durch seine Ideologie und unfähig, seine Macht zu nutzen.

Originalartikel: How Western ideology empowers the jihad
Übersetzung: faehrtensuche. Mit freundlicher Genehmigung.

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