Die Erosion des Holocaust-Gedenkens

Nachdenkenswertes zum Holocaust-Gedenken von Isi Leibler.

Der Artikel „THE EROSION OF HOLOCAUST MEMORY“ wurde erstmals in der  Jerusalem Post veröffentlicht, am 4. Mai 2016. Trotz seines „Alters“ ist der Artikel alles andere als „alt“ – ganz im Gegenteil! …

Isi Leibler schreibt:

Meine Großeltern und viele meiner Familienmitglieder wurden von den Nazis ermordet. Ich wäre vermutlich auch umgekommen, wenn meine Eltern nicht die Weitsicht gehabt hätten, vor Ausbruch des Krieges Antwerpen auf dem vermutlich letzten Schiff nach Australien zu verlassen, als ich Kleinkind war.

Ähnlich wie die Überlebenden halten diejenigen von uns, deren Familien von den Nazis ermordet wurden, die Erinnerung an den Holocaust als Teil unserer DNA fest. In der Tat gilt das in den meisten Fällen auch für unsere Kinder, die die Sensibilität ihrer Eltern teilen.

Heute aber, 70 Jahre später, wird für unsere Enkelkinder – die meisten von ihnen hatten keine Gelegenheit zu erfahren, wie sich ihre Familien mit Erinnerungen herumquälten – die Bedeutung des Holocaust verblassen, es sei denn, es gibt einen bewussten Kraftaufwand, ihn im Rahmen ihrer (Vor-) Geschichte zu vermitteln.

In welchem Umfang die Erinnerung an den Holocaust durch künftige jüdische Generationen erhalten bleibt, wird weitgehend bestimmt werden durch den Bildungsansatz und das Curriculum des israelischen Schulsystems.

Wir sollten uns keine Illusionen machen. Das sogenannte Holocaust-Gedenken in Europa und anderen westlichen Ländern ist Augenwischerei. In den meisten Fällen trivialisiert es den Holocaust, indem es ihn mit anderen Massenmorden verknüpft. Tatsächlich ist das Gedenken so breit und universell geworden, dass die Worte „Jude“ und „Antisemitismus“ in den langwierigen Forderungen der Europäischen Union an ihre Konstituenten, am Holocaust-Gedenken teilzunehmen, nicht einmal erwähnt werden.

Wenn das Bewusstsein für den Holocaust wirklich existiert hätte, wäre es undenkbar gewesen, dass der gegenwärtige antisemitische Tsunami über den ganzen Kontinent Europa hinwegfegt, der durchtränkt ist mit dem Blut von 6 Millionen Juden, die von den Nazis und ihren Kollaborateuren ermordet wurden.

In der Tat zeigt eine Umfrage unter Erwachsenen in 101 Ländern, dass nur 54 Prozent jemals vom Holocaust gehört haben, und ein Großteil davon hielt ihn für einen Mythos.

Mit der aktuellen Zahl der Überlebenden, die drastisch abnimmt, haben sich Holocaust-leugner stark vermehrt. Tatsächlich gibt es heute eine wachsende Kampagne, angeführt von islamischen Antisemiten, um die Leugnung des Holocaust zu befördern.

Ich glaube, dass es für uns als Juden unsere Pflicht ist, dafür zu sorgen, dass dieses dunkle Kapitel unserer Geschichte von künftigen jüdischen Generationen bedacht und studiert wird. Das nicht nur deswegen, um unsere Märtyrer zu ehren, sondern auch um den Kontrast zwischen dem jüdischen Volk heute – das sich mit seiner nationalen Wiedergeburt selbst verteidigen kann – und der Ohnmacht jener dunklen Jahre, in denen die Welt zuschaute, wie wir ermordet wurden, zu honorieren. Wenn wir den Doppelstandards und den Vorurteilen folgen, die uns laufend und besonders durch die Vereinten Nationen entgegengebracht werden, oft mit der Unterstützung oder der Gleichgültigkeit der Europäer, müssen wir es zu schätzen wissen, wie glücklich wir heute sind, dass wir uns auf unsere eigenen Maßnahmen zur Verteidigung verlassen können.

Es gibt einige, darunter extrem linke Israelis, die versuchen, das Gedenken an den Holocaust in Israel zu reduzieren oder gar zu streichen – mit der fadenscheinigen Begründung, das er dazu benutzt würde, um ein Umfeld jüdischer Opfer zu schaffen und Geld und politische Gefälligkeiten aus europäischen Ländern zu erpressen.

Das wäre verheerend, denn es ist notwendig, dass künftige Generationen verstehen, was mit ihren europäischen Vorfahren passiert ist, und zu erkennen, dass der Staat, in dem sie leben, nicht als selbstverständlich angesehen werden kann.

Wie wir uns an unseren Exodus – weg von der ägyptischen Sklaverei, hin zur Freiheit – erinnern, so sind wir ebenso dazu verpflichtet, uns daran zu erinnern, wie wir nach 2000 Jahren Exil und unmittelbar nach dem barbarischsten Völkermord die jüdische Nationalität im Staat Israel wiederbelebt haben.

Mein Enkel kam vor ein paar Wochen von der Fahrt seiner Schule zu den deutschen NS-Todeslagern zurück. Obwohl seine Familie bereits sensibel gegenüber dem Holocaust war, hatte die Reise einen tiefen Einfluss auf ihn.

Deshalb war ich zutiefst bedrückt zu lesen, dass der Rektor des prestigeträchtigen elitären säkularen Hebräischen Herzliya-Gymnasiums in Tel Aviv, Dr. Zeev Dagani, die Annullierung der jährlichen Reisen in die NS-Todeslager vorschlug. Er behauptet: „Es gibt viele Jugendliche, die emotional nicht in der Lage sind, die Realität des Schreckens zu erfassen. Es ist zu viel für sie und ich glaube, es ist zu früh, 16- bis 17-Jährige auf Reisen nach Polen zu schicken. Es ist eine Reise, die emotionale und intellektuelle Reife erfordert.“

Die Realität ist dergestalt, dass – wenn ein angemessener Unterricht geleistet wird und die Führungen von gut informierten Reiseleitern geführt werden – die Resultate sich als außergewöhnlich erwiesen haben und eine größere positive Auswirkung auf die Teilnehmer hatten, nicht nur hinsichtlich des Erfassens des Holocaust, sondern ebenso in Bezug auf das Verstehen und die Wertschätzung für den jüdischen Staat.

Es gibt eine berechtigte Beschwerde, dass die eskalierenden Kosten einige Schüler von der Teilnahme abhielten. Das ist etwas, was die Regierung mit dem Ziel überprüfen sollte, Subventionen bereitzustellen, damit allen Schüler, die teilnehmen möchten, dies[e Teilnahme] ermöglicht wird. Das würde sich als lohnende langfristige Bildungsinvestition erweisen.

Natürlich ist es abscheulich, von vereinzelten Gruppen zu hören, die ein Todeslager besuchen und abends an einem Trinkgelage teilnehmen oder in ihren Aufenthalt einen Einkaufstag in Warschau einstreuen. Unter solchen Umständen wäre es zweifellso vorzuziehen, solche Reisen zu stornieren.

Aber die meisten Reisen sind gut geplant und haben immense pädagogische Wirkungen, indem sie die Entstehung eines jüdischen Staates – wie ein Phönix aus der Asche des Holocaust – hervorheben, etwas, das kein Studiengang eines Klassenzimmers  nachbilden kann.

Ich hörte bewundernd zu, als mein Enkel schilderte, wie seine Gruppe vor dem Flug Rachels Grab besichtigte und sich nach ihrer Rückkehr zu einer bewegenden Zeremonie an der Westmauer zusammenfand. Er schilderte, dass einer der bewegendsten Momente für ihn nicht nur die Lager, die Museen oder etwa die Krematorien und Gaskammern war. Was ihn am tiefsten berührte, war das Stehen auf dem Boden, wo Tausende von Juden brutal ermordet und ihre Leichen in Massengräbern begraben worden waren.

Die Unermesslichkeit dessen, was während dieser schrecklichen Periode geschah, wurde weiterhin realisiert, als er und seine Begleiter sich auf Zahlen in ihren eigenen Heimatgemeinden bezogen und ihnen bewusst wurde, dass an einem einzigen Tag mehr als das Äquivalent einer ganzen Gemeinde ermordet wurde.

Die Reise verdeutlichte auch das außergewöhnlich florierende religiöse, kulturelle und gesellschaftliche Leben der großen jüdischen Gemeinden in Polen – von den Nazis über Nacht ausgelöscht.

Wenn wir nicht weiterhin die jüngeren Generationen dazu erziehen, dass sie die Lektionen des Holocaust und seine Verbindung zu unserem heutigen Status als unabhängigen jüdischen Staat (der in der Lage ist, sich sowohl selbst zu verteidigen als auch einen sicheren Hafen für jeden Juden in Bedrängnis zu bieten), werden wir unsere feierliche Verpflichtung verraten haben, uns zu erinnern. Und diese schreckliche Episode wird einfach eine Fußnote der Geschichte sein.

Übersetzung: faehrtensuche

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Ein Gedanke zu „Die Erosion des Holocaust-Gedenkens

  1. Wer die Erinnerung nicht ermöglichen will, der ist in meinen Augen kein Jude. Und „unsere Kinder“
    (in „“, weil ich ja nicht in Israel lebe und leider auch keine Kinder habe) sind glücklicherweise nicht so „empfindlich“ wie viele US-amerikanische, die an den Unis Schonräume brauchen und aufmerksam gemacht werden müssen, wenn in einem Buch was vorkommt, was ihre ah so zarte Seele belasten könnte. Das Leben, überhaupt zu leben, ist wunderbar, ist aber auch oft schwer bis grausam.
    Man muß lernen damit zurecht zu kommen, denn ein anderes Leben in einer anderen Welt bekommen wir nicht. Man soll nur aufpassen, mit der Belastung nicht zu früh zu beginnen. Die Zeit, wann man damit beginnen kann ist bei jedem Kind eine andere. Darauf soll man unbedingt achten. Dann gelingt es. —
    Ein sehr guter Text, finde ich. Danke, daß Du es eingestellt hast.
    lg
    caruso

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