Warum ich Deutschland verließ

von Julia Schmidt, 25. Februar 2017

Englischer Originalartikel: Why I Left Germany

Nachdem ich [erst einmal] meine Augen geöffnet hatte, waren die alarmierenden Zeichen des steigenden Antisemitismus überall [zu erkennen].

„Du weißt, es ist nicht immer weise, den Leuten zu erzählen, dass du jüdisch bist“, sagte mir der Lehrer meines Sohnes an der jüdischen Schule. Wir gehörten zu einer Synagoge in Bonn, Deutschland. „Manchmal kann es gefährlich sein und es ist besser, seinen Mund zu halten.“

Ich schreckte zurück, als ich ihn das sagen hörte, etwas, das er mehrere Male wiederholt hat, aber langsam nahm ich seinen Rat an. Es gab eine Inkongruenz, als Jude in Deutschland zu leben. Auf der einen Seite gab es eine Spur von Angst, aber im Großen und Ganzen lebten wir in einer Blase und verleugneten den lauernden Antisemitismus. Wir vermissten die offenkundigeren Zeichen von Schwierigkeiten.

Eine bewaffnete Polizei auf einer 24 Stunden-Basis außerhalb der kleinen und einzigen Synagoge in Bonn und eigentlich jeder anderen Synagoge in Deutschland zu haben, wurde als so normal angesehen, dass niemand es seltsam fand. So war es schon seit 1945. Die Deutschen, die ich kannte, meinten, dass es keinen Antisemitismus gäbe, nicht in Deutschland. Also habe ich nie aufgehört, mich zu fragen, warum Juden geschützt werden müssten.

Ich habe vielen Akademikern Englischunterricht für ihre Jobs an einer wissenschaftlichen Einrichtung, die auch Projekte in Israel finanzierte, erteilt. Hier wurde meine Sensibilität für den Antisemitismus geweckt. Mitunter ließ einer meiner Studenten einen Kommentar fallen, der mir ein scheußliches Gefühl gab. Oft ging es um die Habsucht der Juden nach Geld und ihre Forderungen nach mehr davon. Die Alarmglocken begannen in meinem Kopf loszugehen. Juden und Geld sind ein sehr altes Klischee und es wurde so gesagt, dass ich mich beschmutzt fühlte.

Dann kam der Sommer 2014 und der Gaza-Krieg. Ich wurde aus meiner Selbstgefälligkeit gerissen. Die wichtigsten deutschen Zeitungen begannen einen journalistischen Krieg gegen Israel. Jeden Tag las ich beklommen über all die scheußlichen Verbrechen, die Israelis begangen hätten, und die schreckliche Anzahl palästinensischer Todesopfer.

Ein paar Wochen nach Beginn des Krieges marschierten 2000 Araber und Türken zusammen mit einigen Anhängern des linken Flügels durch die Hauptstraße in Frankfurt und schrien „Hamas, Hamas, Juden ins Gas.“ In Deutschland ist das nicht nur erschreckend, es ist geradezu ernüchternd. Die Polizei gebot dem Marsch oder der Anstiftung zur Gewalt nicht Einhalt. Stattdessen gab es Berichte über die Polizei, die eine Wohnung stürmte, in der ein Sympathisant Israels die israelische Flagge als [Zeichen der] Unterstützung aufgehängt hatte. Die Polizei entfernte die Flagge und sagte, nicht weitere Gewalt fördern zu wollen.

Es war schrecklich verquer und das Tabu, antisemitische Dinge in Deutschland auszusprechen, war gebrochen.

Ich war in Aufruhr. Ich war als eine Jüdin aufgewachsen, die Israel als Heimat der Juden liebt und unterstützt. Durch meine Jahre der Untätigkeit und der Selbstgefälligkeit hatte ich den Dialog über Israel und den Nahen Osten nicht wirklich verfolgt; mir schien, als hätte ich die historischen Fakten von Israel und den Juden vergessen, und ich realisierte schockartig, dass ich keine Ahnung hatte, was die Wahrheit war. Ich hatte keine Ahnung, ob Israel diese abscheulichen Kriegsverbrechen wirklich begangen hatte und ich wusste nicht, wie ich ihr Existenzrecht verteidigen sollte.

Wie konnte ich Israel unterstützen, wenn sie wirklich diese schrecklichen Dinge taten? Und doch – wie könnte ich Israel nicht unterstützen? Was mich noch mehr ernüchterte, war die Reaktion meiner Studenten (die alle ihren Ph.D. hatten) auf den Krieg in Gaza. Viele Male gaben meine Studenten ihre unachtsamen Kommentare über Israels schreckliche Aggression ab.

Die Scham, die ich zu spüren begann, brachte mich dazu, zu recherchieren und jeden Tag zu lesen, um zu verstehen, was los war und warum Israel in den Medien in solch einer verzerrten und monsterhaften Weise präsentiert wurde.

Ich war in einer Klasse mit meinen Kursteilnehmern und die Nachrichten in Israel waren an diesem Tag besonders schlimm gewesen. In der Verzweiflung sah ich sie an und sagte: „Glaubt ihr, dass Israel ein Recht hat zu existieren?“ Sie sahen mich an und wussten immer noch nicht, dass ich jüdisch war und seufzten einmütig. Sie starrten mich nur an und sagten kein Wort. Aber ihr donnerndes Schweigen sprach Bände. Ein Student brach schließlich das Schweigen und sagte, dass das, was die Juden den Arabern in Israel angetan hätten, das[selbe] sei, was die Amerikaner den Ureinwohnern Amerikas angetan hätten. Innerlich schnappte ich nach Luft, als mir klar wurde, dass wir ein neues Maß an Hass erreicht hatten. Es war, als wäre ein Schleier gefallen, und ich begann zu erkennen, was wirklich passierte.

Anzeichen von Antisemitismus, die ich bisher nicht hatte genau bestimmen können, tauchten überall auf. Eine mir bekannte Israelin, die für den Jüdischen Nationalfonds arbeitete, musste ihren Nachnamen auf dem Briefkasten in einen deutschen Namen umändern, da sie wegen ihrer Arbeit in Gefahr war. Ich entdeckte, dass es in Köln, einer riesigen Stadt in der Nähe von Bonn mit einer größeren jüdischen Gemeinde, einen Stand von 30-Fuß-Länge gab, genannt „Die Klagemauer“, die aus Plakaten und Fotos von verstümmelten und sterbenden palästinensischen Kindern gebildet war, Opfer israelischer Aggression – zusammen mit Karikaturen von Juden, die arabisches Blut trinken und einen Palästinenser zum Abendessen zerschneiden. Ich konnte nicht glauben, dass dies in Deutschland erlaubt war.

Später habe ich herausgefunden, dass zwei Jahre zuvor ein Rabbiner in Berlin, der mit seiner sechsjährigen Tochter spazierenging, von einer Gruppe arabischer Jugendlicher angegriffen worden war, weil er jüdisch war. Er wurde brutal geschlagen, nur weil er jüdisch war. Ich hatte keine Ahnung, dass das passiert war; es machte keine Schlagzeilen in den Nachrichten.

Aber Israel stand immer in den Schlagzeilen, und sie waren schlecht. Je mehr ich recherchierte, desto mehr entdeckte ich, wie schwierig das alltägliche Leben für Juden in verschiedenen Gebieten Deutschlands geworden war. Das Tragen einer Kippa in der Öffentlichkeit war etwas, das vermieden werden musste, da es zu Gewalt führte. Ich ging zu einem kleinen Theater in Bonn, um Arthur Millers Scherben zu sehen, ein Stück über die Reaktion der amerikanischen Juden auf das Schicksal der Juden in Deutschland im Jahr 1938. Sehr wenige Deutsche kamen, aber einige von der jüdischen Gemeinde kamen, einschließlich der Rabbiner, der mit einer Golfkappe hereinkam, um seine Kippa zu verbergen. Er sagte mir, es wäre zu gefährlich, ohne die Kappe durch die Straßen zu gehen. Ich fühlte mich, als ob ich im Koma gelegen hätte und in einer anderen Welt aufgewacht wäre. Wie kam es, dass ich all das nicht wahrgenommen hatte?

Ich las über Juden in Frankreich und Belgien, die ihre Kinder aus öffentlichen Schulen herausnahmen und sie in jüdische Schulen schickten wegen der Schikanen, denen sie ausgesetzt waren, weil sie jüdisch waren. Es gab ähnliche Berichte darüber mit Juden in Deutschland. Ich begann, jüdischen Journalisten, die in Deutschland leben, zuzuhören, wie Benjamin Weinthal, europäischer Korrespondent der Jerusalem Post, der einen Vortrag am Institute for Studies of Global Antisemitism Policy hielt und darüber diskutierte, ob Europa für Juden sicher sei.

Für mich lag es eindeutig auf der Hand: Der Hass gegen Israel nahm exponentiell und nicht im Verhältnis zu anderen Ereignissen in der Welt zu. Jetzt, wo ich hinsah, fing ich an, Berichte über Gruppen von Arabern zu lesen, die sich versammelten und „Tod den Juden“ und „Heil Hitler“ brüllten, Echos eines Deutschlands, das vor nicht allzu langer Zeit solche Ausrufe herausposaunt hat. Was ein Deutscher nicht laut zu sagen wagte, wurde nun von Gruppen von Muslimen gesagt, wo dieses Tabu nicht existierte.

Die Frage nagte an mir: Warum sind in den frühen 30er Jahren nicht mehr Juden weggegangen? Warum haben sie so lange gewartet? Deutete ich jetzt die Anzeichen falsch? War ich zu überempfindlich?

Einige Juden haben damals die Zeichen erkannt und es irgendwie geschafft wegzugehen. Und ich war überzeugt, dass ich jetzt die Zeichen erkannte. Weggehen bedeutete, alles aufzugeben, was wir besaßen und unsere zwei Kinder zu nehmen und zu immigrieren. Das Risiko war hoch, aber das Risiko zu bleiben schien noch höher [zu sein].

Wir sind im Juli 2016 in die Vereinigten Staaten eingewandert, besorgt, dass die nachfolgenden Ereignisse in Deutschland und Europa in die Richtung einer Katastrophe wiesen. Während wir unser neues Leben aufbauen, zum ersten Mal nach einer langen Zeit öffentlich als Juden, hoffe ich, dass ich Unrecht habe.

Übersetzung: faehrtensuche

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