Gedanken zum Yom haShoa von Rabbi Sacks

In Israel beginnt heute mit Sonnenuntergang der Yom haShoa, der Holocaustgedenktag. Näheres zum Ablauf dieses Tages kann hier nachgelesen werden.

Rabbi Sacks hat anlässlich des diesjährigen Holocaustgedenktages nachfolgendes Video erstellt, in dem er der Frage nachgeht, wie sich der Antisemitismus im Laufe der Zeit verändert hat und warum sein Wiederaufkommen heute nicht nur eine Gefahr für die Juden, sondern für alle ist, die sich um unsere Mitmenschlichkeit sorgen.

***

Während wir uns an den Holocaust erinnern, von dem die Welt sagt, dass er nie wieder passieren würde, ist der Antisemitismus zurückgekehrt.

Aber was ist Antisemitismus und warum sollte seine Rückkehr Grund zu ernster Besorgnis sein, nicht nur für Juden, sondern für uns alle?

Historisch gesehen ist der Antisemitismus schwer zu definieren, weil er so widersprüchlich zum Ausdruck kommt. Vor dem Holocaust wurden Juden gehasst, weil sie arm waren und weil sie reich waren, weil sie Kommunisten waren und weil sie Kapitalisten waren, weil sie unter sich blieben und weil sie überall infiltrierten, weil sie an alte religiöse Glaubensüberzeugungen festhielten und weil sie wurzellose Kosmopoliten waren, die an nichts glaubten.

Was also ist Antisemitismus? Lasst uns klar sein – Leute nicht zu mögen, weil sie anders sind, ist kein Antisemitismus. Es ist Fremdenfeindlichkeit. Israel zu kritisieren ist kein Antisemitismus: Es ist Teil des demokratischen Prozesses, und Israel ist eine Demokratie.

Der Antisemitismus ist etwas sehr viel Gefährlicheres – er beabsichtigt, Juden zu verfolgen und ihnen das Recht absstreitig zu machen, zusammen als Juden wie alle anderen mit denselben Rechten zu existieren.

Er ist ein Vorurteil, das wie ein Virus im Laufe der Zeit durch Mutation überlebt hat.

So wurden im Mittelalter Juden wegen ihrer Religion verfolgt.

Im 19. und 20. Jahrhundert wurden sie wegen ihrer Rasse verunglimpft.

Heute werden Juden wegen der Existenz ihres Nationalstaates, Israel, angegriffen. Israels Existenzrecht zu verweigern, ist der neue Antisemitismus.

Und ebenso wie der Antisemitismus mutiert ist, verhält es sich mit seiner Legitimierung. Jedes Mal, wenn die Verfolgung in Barbarei überging, griffen die Verfolger zur höchsten Form der verfügbaren Rechtfertigung.

Im Mittelalter war es die Religion.

Im Weltverständnis Europas nach der Aufklärung war es die Wissenschaft: das sogenannte wissenschaftliche Studium der Rasse.

Heute sind es die Menschenrechte.

Wann immer Sie hören, dass man sich auf Menschenrechte beruft, um das Existenzrecht  Israels zu verweigern, hören Sie den neuen Antisemitismus.

Also, warum ist er zurückgekehrt? Es gibt viele Gründe, aber eine tiefere Ursache ist das kognitive Scheitern, Sündenbock genannt.

Wenn einer Gruppe schlimme Dinge zustoßen, können ihre Mitglieder eine von zwei Fragen stellen: „Was haben wir falsch gemacht?“ oder „Wer hat uns das angetan?“ Das ganze Schicksal der Gruppe wird davon abhängen, wofür sie sich entscheidet.

Wenn sie fragt: „Was haben wir falsch gemacht?“ hat der Heilungsprozess des Leids begonnen. Wenn sie stattdessen fragt: „Wer hat uns das angetan?“ hat sie sich als Opfer definiert. Sie wird dann einen Sündenbock suchen, der für all ihre Probleme verantwortlich ist.

Klassischerweise waren das die Juden, weil sie seit Tausenden von Jahren die auffälligste nicht-christliche Minderheit in Europa waren, und heute, weil Israel das auffälligste nichtmuslimische Land im Nahen Osten ist.

Das Argument ist immer das gleiche. Wir sind unschuldig; deshalb sind sie schuldig. Wenn wir also frei sein wollen, müssen sie – die Juden oder der Staat Israel – zerstört werden. So beginnt das große Übel.

Warum sollen wir uns dann alle darum kümmern? Wenn wir nicht jüdisch sind, was hat er schließlich mit uns zu tun?

Die Antwort ist, dass es sich beim Antisemitismus um die Unfähigkeit einer Gruppe handelt, Raum für Unterschiede zu schaffen.

Und weil wir alle verschieden sind, endet der Hass, der mit Juden beginnt, nie mit Juden.

Es waren nicht die Juden allein, die unter Hitler litten. Es waren nicht die Juden allein, die unter Stalin litten. Es sind nicht die Juden allein, die unter den radikalen Islamisten und anderen, die das Existenzrecht Israels verweigern, leiden.

Der Antisemitismus ist das weltweit zuverlässigste Frühwarnzeichen für eine erhebliche Bedrohung der Freiheit, der Menschlichkeit und der Würde des Unterschiedes.

Es betrifft uns alle.

Darum müssen wir ihn gemeinsam bekämpfen.

Übersetzung des Transkripts (hier in Englisch): faehrtensuche

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3 Gedanken zu „Gedanken zum Yom haShoa von Rabbi Sacks

  1. „… da gelesen, wo die „Missverständnisse“ entstehen !“ – Da habe ich nicht viel Hoffnung. —
    Übrigens hat I.B.Singer (der Literatur-Nobelpreisträger) erkannt, warum der Antisemitismus. Er sagte: „Die Juden sind ein Volk das nie schläft und andere auch nicht schlafen läßt.“ Lange Zeit lachte ich nur darüber, es ist ja lustig. Im Lauf der letzen 2 Jahren ca begann ich zu spüren, zu verstehen, wie tief
    diese Erkenntnis ist. Tiefer als tief.
    lg
    caruso

  2. In meinem (christlichen) Elternhaus hörte ich in den 60-ger Jahren, wie mein Vater zu meiner Mutter im Nachdenken über den Holocaust sagte: „Eins ist sicher: bei den Juden hätten sie nicht aufgehört. Dann hätten sie mit anderen weiter gemacht!“

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