Zwei überraschende Lektionen des Sechs-Tage-Krieges

von Jesse Ferries, 03.06.2017

Originalartikel: Two surprising lessons of the Six Day War

Grundsätzliche Dinge wie Brot und Speiseöl begannen aus den Regalen zu verschwinden. Die ägyptische Straße kochte vor Wut. Und die Fundamente des Regimes begannen ins Wanken zu geraten.

Ägypten war im Frühjahr 1967 in einer tiefen Krise. Ein ganzes Drittel seiner Armee war in einem langwierigen Krieg im fernen Yemen verstrickt. Anstatt sich auf den Krieg mit Israel vorzubereiten, verlor die Armee Tote und Verletzte durch die Jagd auf Terroristen rund um die abgelegenen Berge des südlichen Arabiens. Aus wachsender Frustration beschlossen die Ägypter, chemische Waffen gegen die aufsässigen Stämme des Nordens einzusetzen, sie drohten sogar mit Krieg gegen Saudi-Arabien, Schirmherr der Rebellen und der große Gegner Ägyptens im „Arabischen Kalten Krieg“ der 1960er Jahre.

Wachsende Spannungen mit dem Öl-Königreich führten eine Krise in den Beziehungen zwischen Kairo und Washington herbei.

Die daraus resultierende Aufhebung der US-Wirtschaftshilfe trieb den ägyptischen Präsidenten Gamal Abdel Nasser tiefer in die Arme der Sowjets und brachte die ägyptische Wirtschaft an den Rand des Zusammenbruchs. Als Reaktion darauf gab die Regierung unpopuläre Sparmaßnahmen bekannt.

Grundsätzliche Dinge wie Brot und Speiseöl begannen aus den Regalen zu verschwinden. Die ägyptische Straße kochte vor Wut.

Und die Fundamente des Regimes begannen ins Wanken zu geraten.

Man muss kein Stratege sein, um zu erkennen, dass Ägypten zu Beginn des Jahres 1967 nicht auf den Krieg mit Israel vorbereitet war. Und doch ließ Nasser seine Armee am 14. Mai in die Sinai-Wüste marschieren und löste eine Krise aus, die in Krieg endete. Warum? Die Ursachen für den Sechs-Tage-Krieg sind komplex. Aber sie reduzieren sich auf eine simple Wahrheit – und auf eine, die für viele der Gegenseiten des Konflikts unangenehm ist. Weder Israel noch Ägypten wollten Krieg. Der Krieg kam zustande, weil Israel in einen innerarabischen Kampf geriet, der nichts zu tun hatte mit Israel oder den Juden.

Nasser entzündete die Front mit Israel in einem Versuch, die Aufmerksamkeit von seinen ausländischen und innenpolitischen Versagen auf das eine Thema zu verschieben, dessen Legitimität in der arabischen Welt alle internen Streitigkeiten ersetzte: den gemeinsamen Kampf gegen den zionistischen Feind. Mit anderen Worten, der große arabisch-israelische Krieg war eigentlich ein Krieg unter den Arabern selbst.

In den vergangenen 50 Jahren hat sich viel verändert. Der Kalte Krieg ist beendet, Friedensverträge sind unterzeichnet worden, und die regionale Ordnung ist zusammengebrochen. Doch aus einer strukturellen Perspektive kann man mehr Kontinuität als Veränderung beobachten.

Die Region ist wieder einmal von einem großen Machtkampf geprägt, diesmal zwischen der schiitischen persischen Republik Iran und dem sunnitischen arabischen Königreich Saudi-Arabien. Der Iran hat Ägyptens ehemalige Rolle als Tyrann der Nachbarschaft angenommen. Vorhersehbar hat er den Anti-Zionismus als seine Waffe der Wahl im Wettkampf um die regionale Hegemonie gewählt.

So wie in den sechziger Jahren haben sich die Krieg führenden Staaten entschlossen, ihren Kampf durch indirekte Mittel und auf Kosten Dritter auszuführen – diesmal Jemeniten, Syrer und Iraker. Heute, wie damals, haben die Vereinigten Staaten und Russland vertraute Seiten eingenommen.

Welche Lehren bietet die Erfahrung von 1967 israelischen politischen Entscheidungsträgern in der Gegenwart an? Einerseits dienen die Ursprünge des ’67er-Krieges als eine klare Warnung: Kriege zwischen Israel und seinen Nachbarn können weniger aus einer echten Feindschaft zu Israel und mehr als ein Nebenprodukt des Dilemmas innerhalb der moslemischen Welt ausbrechen. Daher, weil rivalisierende Splittergruppen Syrien auseinandernehmen, müssen sich die Israelis an die Geschwindigkeit erinnern, mit der ein arabischer Konflikt in einen arabisch-israelischen Krieg übergehen kann, und sorgfältig auf Versuche achten, sie in Bürgerkriege anderer Völker zu verwickeln.

Zugleich zeigt die Geschichte von 1967 auch, wie leicht Israel in regionale Konflikte gezogen werden kann, trotz aller Anstrengungen, sich aus ihnen herauszuhalten. Dies deutet auf eine ganz andere Lektion hin: ob wir es mögen oder nicht, Israel ist ein Staat des Nahen Ostens. Trotz seiner einzigartigen Position in der Region – einer liberalen Demokratie, umgeben von moslemischen Anfeindungen, stark verbunden mit dem Westen – ist Israel ein Hauptakteur in einem Gebiet, das es anscheinend ablehnt. Die demografischen Gegebenheiten des heutigen Israel, die es mehr dem Osten als dem Westen zuordnen, verstärken diese grundlegende strategische Erkenntnis.

Der jüdische Staat ist ein integraler Bestandteil des Nahen Ostens, egal wie beharrlich die Israelis – und ihre Kritiker – behaupten, sie wohnten in einer (europäischen) Villa im (arabischen) Dschungel.

In diesem Sinne präsentiert der Sechs-Tage-Krieg eine beständige Herausforderung für israelische Vorstellungen von ihrer kollektiven Identität und ihrer Bedeutung für die nationale Sicherheitsstrategie. Zum 50. Jahrestag des Krieges, nur wenige Jahre vor dem 70. Jahrestag der Gründung des Staates, ist für Israelis die Zeit gekommen, ihre Rolle in der Nachbarschaft zu definieren, die auf Gedeih und Verderb auch weiterhin für die kommenden Jahrhunderte dort wohnen wird.

Der Autor ist Vizepräsident für Strategie am Israel Democracy Institute und Autor von Nasser’s Gamble: How Intervention in Yemen Caused the Six-Day War and the Decline of Egyptian Power, veröffentlicht 2013 von Princeton University Press.

Übersetzung: faehrtensuche

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s