Pragmatismus hinsichtlich des Tempelbergs

von Vic Rosenthal, 28. Juni 2017

Originalartikel: Pragmatism on the Temple Mount

Die Tempelberg-Krise ist ein perfektes Beispiel dafür, was „Israel Derangement Syndrom“ genannt worden ist:

Arabische muslimische Terroristen ermorden ein paar israelische Polizeibeamte mit Pistolen, die sie auf den Berg gebracht haben. Die Terroristen werden erschossen.

Israel ergreift die minimalsten Sicherheitsmaßnahmen und schließt den Platz für kurze Zeit während der Fahndung und installiert Metalldetektoren (wie die, durch die ich jeden Tag gehe, wenn ich meine Zeitung aus der Mall hole) und Sicherheitskameras.

Palästinensische Araber und so ziemlich die ganze muslimische Welt verlieren den Verstand, inszenieren heftige Unruhen, Versuche, mehr Polizisten zu ermorden (die mit dem Tod von drei Randalierern enden) eingeschlossen. Die Waqf, die den Tempelberg kontrolliert, befiehlt den Muslimen, sich zu weigern, durch die Detektoren zu gehen und außerhalb auf der Straße zu beten.

Ein 19-jähriger Terrorist hinterlässt einen Facebook-Post, in dem er erklärt, dass er aufgrund der Demütigung seines Volkes durch die Juden zu handeln gezwungen ist, schlachtet einen 70-jährigen Mann und seine beiden Kinder ab und verletzt seine Frau ernsthaft. Nur die sofortige Ankunft eines bewaffneten Soldaten außer Dienst hindert den Terroristen an dem Versuch, die Schwiegertochter des Mannes und fünf Enkelkinder zu ermorden. Der Terrorist ist leicht verwundet und wird grinsend von seinem Krankenhausbett (wo er von israelischen Ärzten behandelt wird) gezeigt.

Ein weiterer Terrorist sticht einen israelisch-arabischen Busfahrer in einem Shwarma-Restaurant in Petach Tikva nieder, weil er ihn für einen Juden hält. Nachdem er von mehreren Bürgern überwältigt wurde (einschließlich einem, der ihn mit einer hölzernen Pizzaplatte schlägt), erzählt der Terrorist der Polizei, „er hätte es für Al-Aqsa getan“.

Ein 17-jähriger Jordanier, der Möbel in der israelischen Botschaft umrückt, sticht einen Wachmann mit einem Schraubenzieher in den Magen. Der Wachmann schießt und tötet ihn in Notwehr (und tötet auch versehentlich eine andere Person in dem Raum). Anti-Israel-Agitation ist in Jordanien auf einem hohen Niveau, aufgrund einer großen Demonstration in Amman, die zwei Tage vor dem Zwischenfall stattfand. Die Jordanier weigern sich, den Wachmann freizulassen trotz seiner diplomatischen Immunität und er kommt erst nach einer Vereinbarung auf hoher Ebene frei, die offizielle amerikanische Stellen involviert und die Entfernung der Metalldetektoren und Kameras am Tempelberg vorsieht.

Israel entfernt die Metalldetektoren und Kameras, erhöht aber die Anwesenheit der Polizei. Die Unruhen gehen weiter und die Waqf hält ihren Boykott aufrecht mit der Begründung, dass alles genau in den Zustand zurückkehren muss wie er vor dem Mord an den Polizisten war, mit dem alles begann, sonst würde sie den „Status Quo“ als verletzt ansehen.

Bei all dem haben die internationalen Medien konsequent die Themen auf einer Bandbreite präsentiert von „es ist ein Zyklus von Gewalt“ bis zu „Israel hat Schuld am Terrorismus gegen die Palästinenser“. Schlagzeilen wie die des Guardian „Sechs Tote, als die israelisch-palästinensischen Spannungen überkochen“ suggerieren, dass Araber, die während des Werfens von Brandbomben auf die Polizei getötet wurden, gleichgesetzt werden mit Juden, die erstochen wurden während sie an einer Festtafel sitzen. NPR [Hörfunknetz in den USA] erklärt, dass der Aufruhr nach Entfernung der Detektoren und Kameras nicht aufgehört hätte, weil die „Pläne für ein neues Sicherheitssystem zu weiteren Protesten geführt hätten.“ Wie herausfordernd, dass wir Pläne machen, um uns selbst zu schützen!

Mahmud Abbas von der Palästinensischen Autonomiebehörde, Mitglieder der islamischen Bewegung in Israel und einige israelisch-arabische Mitglieder der Knesset geben Israel die Schuld für die Gewalt, mit einigen Behauptungen der arabischen Knesset-Mitglieder, die sich bis auf die Ebene der Anstiftung zur Gewalt steigern.

Kundgebungen und Demonstrationen zugunsten der Araber finden überall auf der Welt statt, viele in muslimischen Ländern, aber auch in Südafrika, Großbritannien und den USA. Israel wird wiederum schuldig gemacht für „Provokationen“.

Niemand scheint zu merken oder sich darum zu scheren, dass die Gewalt durchweg von Arabern initiiert worden ist, gegen Israelis. Israelische Aktionen sind auf Selbstverteidigung und noch dazu auf sehr eingeschränkte Selbstverteidigung limitiert worden. Von Anfang an hat Israel Schwäche gezeigt. Anstatt zu versuchen, die israelische Kontrolle über den Ort zu sichern, haben Ministerpräsident Netanyahu und andere israelische Parlamentarier wieder und wieder gesagt, dass es keine Absicht gäbe, den „Status quo“ zu ändern, [also] die uns im Jahr 1967 selbst auferlegte demütigende ungeschriebene Vereinbarung, die „religiöse Kontrolle“ des Ortes an die Waqf zu übergeben und zu spezifizieren, dass, während Nicht-Muslimen der Besuch des Tempelbergs gestattet ist, nur Muslime dort beten dürfen.

Nachdem verschiedene Parlamentarier äußerten, die Metalldetektoren und Kameras blieben an Ort und Stelle, komme, was da wolle, wurden sie als Reaktion auf wohl eine Geiselnahme in Jordanien entfernt.

Die Entfernung der Metalldetektoren war ein schwerer Fehler. Obwohl weit entfernt von dem ersten Mal, als Israel angesichts der Bedrohungen der arabischen Gewalt oder des amerikanischen Drucks einknickte – oft, wie in diesem Fall wahrscheinlich geschehen, gleichzeitig angewandt – waren die durch dieses Ereignis gesendeten Botschaften alle die denkbar schlimmsten:

  • Israel wies darauf hin, dass es weder jetzt noch in der Zukunft versuchen würde, den unausgewogenen „Status Quo“ zu korrigieren, der sich über den akzeptierten Grundsatz hinwegsetzt, dass alle Religionen Zugang zu ihren heiligen Stätten haben sollten. Der den Nicht-Muslimen gewährte „Zugang“ ist in jeder Hinsicht dem der Muslime weit untergeordnet, und das stärkt den muslimischen Glauben, dass sie mehr Rechte verdienen als Nicht-Muslime.

  • Derjenige, der den Zugang zu einem Ort kontrolliert, ist der Besitzer eines Ortes. Der Fehlschlag des Versuchs durch Israel, den Zugang zu kontrollieren, bestätigten die Araber in ihrem Glauben, sie seien die Besitzer des Tempelbergs und ja, der ganzen Stadt und letztendlich des Landes.

  • Die Tatsache, dass Gewalt und Geiselnahme Israel dazu veranlasst haben, sofort einzulenken, trotz der wiederholten Beteuerungen israelischer Parlamentarier, das nicht zu tun, beweist, dass die Strategie gewalttätigen „Widerstandes gegen die Besatzung“ in Verbindung mit internationalem Druck und Ausnutzung jeder Gelegenheit (der Vorfall in Amman) funktioniert. Es beweist ihnen, dass – wenn sie nur beharrlich weitermachen – ihr Traum von der Vertreibung der Juden nicht unmöglich zu erreichen ist.

Ministerpräsident Netanyahu und der überwiegende Teil seines Kabinetts verstehen das. Sie verstehen auch die Fragen, die sich auf die religiösen und nationalen Aspekte des Konfliktes mit den palästinensischen Arabern beziehen. Sie verstehen, dass nichts im Nahen Osten wichtiger ist als die Symbolik und sie verstehen, dass die Kontrolle des Tempelbergs ein Einstehen für die Souveränität in Jerusalem ist. Also – wenn sie all das verstehen, warum knicken sie ein?

Es gibt ein Problem für die Führer demokratischer Länder, das einem ähnlichen Problem vergleichbar ist, dem Führungskräfte aus der Wirtschaft gegenüberstehen, die auf Aktionäre antworten müssen. Im Geschäft gibt es einen enormen Druck, dem Ziel des nächsten Quartals zu entsprechen, selbst wenn die Zukunft des Unternehmens leidet. In der Politik ist es immer die nächste Wahl, um sich darüber Gedanken zu machen, und es gibt Druck, um jetzt Frieden und Ruhe zu fördern. Im Fernsehen sieht man jeden Abend randalierende Araber und es gibt eine Geisel in Amman, er hat Familie, und das sind Probleme, die jetzt gelöst werden müssen. Möglicherweise werden die langfristigen Konsequenzen, sie auf die einfachste Weise zu lösen, nicht so gut sein, aber damit befasst man sich später. Das kann verschoben werden.

Die heutigen israelischen Führer sind, wie die meisten im Westen, Pragmatiker. Sie tun das, was funktioniert, und die Ideologie ist viel weniger wichtig als in der Vergangenheit. Bibis Pragmatismus wäre Begin oder Ben-Gurion fremd. Nicht, dass ihre Ideologien sie nicht einigermaßen in Verlegenheit bringen konnten, wenn sie keine Alternative hatten, sondern weil Ideologie ihre Aktionen immer zu langfristigen Zielen geführt hat. Sie hatten eine Ausrichtung und starke (wenn auch verschiedene) Visionen von dem, was der Staat Israel sein sollte. Heute sind die Dinge anders. Alle, der Ministerpräsident, der Verteidigungsminister, der Chef des Shin Bet, der IDF-Stabschef und der Polizeichef haben ihre Prioritäten. Im Rahmen dieser Prioritäten lösen sie Probleme. Vielleicht sind sie zu beschäftigt, um sich um Visionen Gedanken zu machen.

In diesem Fall hat sich die Regierung dafür entschieden, nachgiebig zu sein und die in ihrer Haltung inhärente Demütigung zu ignorieren, weil das der schnellste und der am wenigsten kostspielige Weg zu sein schien, die jetzigen Probleme zu lösen. Aber am besten ist eine kurzfristige Lösung und auch das ist nicht sicher, denn die Unruhen gehen trotz unserer Nachgiebigkeit weiter.

Die Araber haben eine Vision für die Zukunft, und obwohl ihnen bislang die Mittel zu ihrer Verwirklichung fehlten, haben sie den Willen, danach zu handeln. Wir haben heute mehr Macht als wir in den Tagen König Davids gehabt haben, aber unser nationaler Wille ist fragmentiert. Wir haben die Fähigkeit, die Zukunft zu schaffen, aber wir sind uns nicht einig, welche Zukunft wir schaffen wollen. So wählen wir pragmatische Politiker, die wissen, wie Probleme zu lösen sind.

Ist diese Krise nur eine weitere Beruhigungsmaßnahme oder ist sie ein Wendepunkt? Ich bin nicht sicher, aber ich bin sicher, dass uns mehr gedient wäre mit Führern, die nicht nur Probleme lösen können, sondern eine klare Vorstellung von unserer letztendlichen Bestimmung haben.

Übersetzung: faehrtensuche

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2 Gedanken zu „Pragmatismus hinsichtlich des Tempelbergs

  1. Sehr gut, ja, der Pioniergeist der „Alten“ ist dem politisch Möglichen mit dem Minimum an Blutvergießen gewichen. Würden die Araber das doch genauso sehen! Es ist ein mental unausgewogenes Kräfteverhältnis, in dem die Arber derzeit leider weit überlegen sind. Derjenige, der Visionen hat, kommt vorwärs, der Andere läss sich treiben von äußeren Umständen. Ich denke, es ist das Gift, das die ganze westliche Welt lähmt.
    Israel weiß aber auch – und darf und wird nie vergessen – dass sie mit dem Tempelberg die vermutlich größte Zeitbombe der Menschheitsgeschichte hütet. Sie hat an seinen Grundmauern Halt gemacht und begnügt sich mit einer Kellerwand, während ihr ihre Feinde auf dem Kopf herumtanzen. Die Bombe WIRD hochgehen, früher oder später, und ich hofffe und bete, dass der Westen im letzten Moment doch noch erkannt, dass er Israel stützen muss, sonst ist auch er verloren. Ob er das weiß?

  2. Die Aufregung der Metalldetektoren wegen ist sowieso ein Witz (wenn auch nicht zum Lachen); die gibt es nicht nur in Mekka sondern an diversen anderen Orten in arabischen Ländern.
    Guter Artikel.

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