Rabbi Sacks: Sukkot für unsere Zeit

Im vergangenen Jahr hat Rabbi Sacks einen Shiur (man könnte auch sagen: ein Grundsatzreferat 😉 ) über das Buch Kohelet [Prediger] gehalten, um in das von ihm für Sukkot verfasste Gebetbuch The Koren Sacks Sukkot Mahzor einzuführen.

Mahzor ist ein besonderes Gebet-buch mit den Texten, die jeweils zu den verschie-denen jüdischen Hohen Feiertagen, wie z.B. Pessach, Yom Kippur oder in diesem Fall Sukkot gelesen/gebetet werden und Auslegungen dazu. Jeder Hohe Feiertag hat seinen eigenen Mahzor.

Der von Rabbi Sacks gehaltene Shiur trägt den Titel „Lessons from Kohelet“ [Lehren aus Kohelet]. Er geht auf die anhaltende Bedeutung und Aktualität des Buches Kohelet für uns heute ein, besonders in Hinblick auf die Art und Weise, wie wir im 21. Jahrhundert oft unser Leben gestalten.

Der folgende Text ist ein Ausschnitt aus dem gesamten Shiur und vermittelt einen Eindruck von genau diesem Wert des Festes.

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Rabbi Sacks, Sukkot For Our Time – Sukkot für unsere Zeit

Übersetzung: faehrtensuche

Von allen Festen ist Sukkot sicherlich dasjenige, das unsere Zeit am stärksten anspricht. Kohelet hätte es geradezu im 21. Jahrhundert schreiben können. Hier ist der ultimative Erfolg, der Mann, der all das hat – die Häuser, die Autos, die Kleidung, die [ihn] verehrenden Frauen, die Bewunderung aller Menschen – der alles verfolgt hat, was die Welt bieten kann, angefangen von Vergnügen über Besitz(tümer) über Macht bis hin zur Weisheit, und dennoch der, indem er die Gesamtheit seines Lebens genau betrachtet, eigentlich nur sagen kann: „Nichtig, nichtig, alles ist nichtig.“

Kohelets Misserfolg, Sinn zu finden, steht in direktem Zusammenhang mit seiner Obsession mit dem „Ich“ und dem „Mich“: „Ich habe für mich gebaut. Ich habe für mich gesammelt. Ich habe für mich erworben.“ Je mehr er seinen Wünschen nachjagt, desto leerer wird sein Leben. Es gibt keine größere Kritik an der Konsumgesellschaft, deren Idol das „Ich“ ist, deren Ikone das „Selfie“ ist und deren Moralkodex „Was auch immer dir dient“ ist. Das ist die Gesellschaft, die einen nie dagewesenen Wohlstand erreicht hat und den Menschen mehr Möglichkeiten gibt als jemals zuvor und doch zur gleichen Zeit einen unerwarteten Anstieg an Alkohol- und Drogenmissbrauch, Essstörungen, stressbedingten Symptomen, Depressionen, versuchten und tatsächlichen Selbstmorden miterlebt hat. Eine Gesellschaft von Touristen – nicht Pilgern – ist nicht eine, die den Sinn für ein lebenswertes Leben liefert. Von allen Dingen, die die Menschen zur Verehrung gewählt haben, ist das Selbst die geringste Erfüllung. Eine Kultur von Narzissmus ebnet schnell den Weg zur Einsamkeit und Verzweiflung.

Kohelet war natürlich auch ein Weltbürger: ein Mann, der überall und daher nirgendwo zu Hause war. Das ist der Mann, der siebenhundert Frauen und dreihundert Konkubinen hatte, aber am Ende nur sagen konnte: „Bitterer als der Tod ist die Frau“. Es sollte jedem, der das im Kontext von Salomos Leben liest, klar sein, dass Kohelet nicht wirklich von Frauen, sondern von sich selbst spricht.

Am Ende findet Kohelet Sinn in einfachen Dingen. Süß ist der Schlaf eines arbeitenden Mannes. Genieße das Leben mit der Frau, die du liebst. Esse, trinke und genieß die Sonne. Das ist letztlich der Sinn von Sukkot als Ganzes. Es ist das Fest der einfachen Dinge. Es ist, jüdisch gesehen, die Zeit, in der wir der Natur näher kommen als in irgendeiner anderen [Zeit]. Wir sitzen in einer Hütte nur mit Blättern als Dach und nehmen die unverarbeiteten Früchte und das Blattwerk der Palmwedel in unsere Hände, die Zitrone, Myrtenzweige und Blätter von Weiden. Es ist eine Zeit, in der wir uns kurz von den anspruchsvollen Freuden der Stadt und den fortgeschrittenen Errungenschaften eines technologischen Zeitalters befreien und einen Teil der Unbefangenheit unserer Kindheit zurückerobern, als die Welt noch die Strahlkraft des Staunens hatte.

Die Kraft von Sukkot liegt darin, dass es uns zurückversetzt zu den elementarsten Wurzeln unseres Seins. Du musst nicht in einem Palast leben, um von Wolken der Herrlichkeit umgeben zu sein. Du musst nicht reich sein, um dir die gleichen Blätter und Früchte zu kaufen, die ein Milliardär benutzt, um G’tt zu loben. Indem du in der Sukkah [Laubhütte] lebst und Gäste zu deinem Essen einlädst, entdeckst du – das ist die Prämisse von Ushpizin, den mystischen Gästen – dass die Menschen, die gekommen sind, um dich zu besuchen, keine anderen sind als Abraham, Isaak und Jakob und ihre Frauen. Was eine Hütte schöner als ein Haus macht ist, dass es – was Sukkot betrifft – keinen Unterschied gibt zwischen dem Reichsten der Reichen und dem Ärmsten der Armen. Wir sind alle Fremdlinge auf Erden, vorübergehende Bewohner in G’ttes nahezu ewigem Universum. Und ob wir zu Vergnügungen fähig sind oder nicht, ob wir Glück gefunden haben oder nicht – können wir alle dennoch Freude spüren.

Sukkot ist die Zeit, in der wir die profundeste Frage stellen, was ein Leben lebenswert macht. Nachdem wir an Rosh Hashanah und Yom Kippur gebetet haben, in das Buch des Lebens eingeschrieben zu werden, zwingt uns Kohelet, uns daran zu erinnern, wie kurz das Leben tatsächlich ist und wie verwundbar. „Lehre uns, unsere Tage zu zählen, damit wir ein Herz von Weisheit bekommen können.“ Was zählt, ist nicht, wie lange wir leben, sondern wie intensiv wir empfinden, dass das Leben ein Geschenk ist, das wir vergelten, indem wir anderen schenken. Freude, das überwältigende Thema dieses Festes, ist das, was wir spüren, wenn wir um das Privileg wissen, einfach zu leben und die mitreißende Schönheit dieses Augenblicks einzuatmen – inmitten der Fülle der Natur, der wimmelnden Vielfalt des Lebens und des Gefühls der Verbundenheit mit so vielen anderen, mit denen wir eine Geschichte und eine Hoffnung teilen.

Am majestätischsten von allem – Sukkot ist das Fest der Unsicherheit. Es ist die freimütige Anerkennung, dass es kein Leben ohne Risiko gibt, doch können wir uns der Zukunft ohne Angst stellen, wenn wir wissen, dass wir nicht allein sind. G’tt ist bei uns, im Regen, der Segen auf die Erde bringt, in der Liebe, die das Universum und uns zum Dasein verholfen hat und in der Widerstandsfähigkeit des Geistes, der es einem kleinen und gefährdeten Volk ermöglicht hat, die größten Reiche, die die Welt je gekannt hat, zu überleben. Sukkot erinnert uns daran, dass G’ttes Herrlichkeit in der kleinen, tragbaren Stiftshütte, die Mose und die Israeliten in der Wüste gebaut haben, präsent war, sogar nachdrücklicher als in Salomos Tempel mit all seiner Pracht. Ein Tempel kann zerstört werden. Aber eine zerbrochene Sukkah kann morgen wieder neu gebaut werden. Sicherheit ist nicht etwas, was wir körperlich erreichen können, sondern etwas, das wir mental, psychisch, spirituell erwerben können. Alles, was es dazu braucht, ist der Mut und der Wille, unter dem Schatten von G’ttes beschützenden Flügeln zu sitzen.

Wer mag, kann sich den Shiur als Video anhören/anschauen! Viel Freude!

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4 Gedanken zu „Rabbi Sacks: Sukkot für unsere Zeit

  1. Wunderbar!!! sage ich, eine alte gottlose Jidene. Diese Bejahung des Lebens… kein Wunder, daß wir noch immer da sind, trotz allem. Wunderbar!!! sage ich noch einmal, und einen großen Dank für dir Übersetzung!!
    lg
    caruso

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