Warum jeder Tag Yom HaShoah ist

Erfahrungsbericht von Michelle Halle

Für Kinder von Holocaust-Überlebenden ist jeder Tag ein Holocaust-Gedenktag.

Ich bin die Tochter eines Holocaust-Überlebenden. Dieses Jahr werde ich Yom HaShoah, den Holocaust-Gedenktag, nicht begehen. Ich habe ihn letztes Jahr oder das Jahr davor nicht begangen. Und zwar deswegen, weil für die Kinder von Holocaust-Überlebenden jeder Tag Yom HaShoah ist.

In einer Familie aufzuwachsen, in der ein oder beide Elternteile Überlebende sind, ist traumatisch. Unsere Häuser wurden von den Angehörigen unserer unmittelbaren Familien und von den Seelen der von den Nazis Ermordeten besetzt. Mein Leben musste einen ausreichenden Sinn zur Rechtfertigung meiner eigenen Existenz haben und das ungelebte Leben meiner gemarterten Verwandten zu kompensieren. Meine Last war immens, aber sie schien mir völlig angemessen. Die Schuldgefühle der Überlebenden wurde in großen Dosen verteilt und wir waren dafür sehr zugänglich. Ich hatte vielleicht keine Nummer auf meinem Unterarm tätowiert bekommen, aber es fühlte sich auf jeden Fall so an.

Einige Überlebende waren dazu in der Lage, über ihre Kriegserlebnisse zu berichten, andere dagegen nicht. Sogar diejenigen, die tagsüber schwiegen, konnten ihre Erinnerungen nachts nicht unterdrücken und schrien im Schlaf auf, erlebten ihren Schrecken erneut und schickten [ihn] so an alle im Haus. Mein Vater hat fast nie darüber gesprochen, was im Krieg mit ihm passiert ist. Er hat auch nachts nie geschrien, weil ihn seine Erinnerungen so plagten, dass er nicht lange genug schlafen konnte, um einen Albtraum zu haben. Jeden Morgen, wenn ich das Wohnzimmer betrat, sah ich die verräterischen Anzeichen, dass er den größten Teil der Nacht dort verbracht hatte. Die Seiten der jiddischen Tageszeitung The Forward lagen in einem unordentlichen Stapel auf dem Boden. Die drei Sofakissen, die meine Mutter akribisch auf das lange Sofa legte, waren entweder in der Kuschelecke gestapelt, auf die mein Vater seinen Kopf legte, während er sich zum Lesen zurücklehnte oder sie lagen durcheinander auf dem Teppich und waren heruntergefallen. Sein Transistorradio, sein anderer nächtlicher Begleiter, stand schweigend auf dem Beistelltisch. Es war Yom HaShoah.

Obwohl mein Vater ein Mann der wenigen Worte war, sprachen sein Charakter und sein Mut für ihn. In der Nacht, als die Nazis auf der Suche nach seinem älteren Bruder in sein Haus kamen, trat mein 15-jähriger Vater vor und sagte, er sei derjenige, nach dem sie gesucht hätten. Obwohl er zwei Jahre jünger war als sein Bruder, war mein Vater größer und konnte leicht für den ältesten Sohn durchgehen. In dieser Nacht nahmen die Nazis meinen Vater mit.

Wie alle Kinder von Holocaust-Überlebenden fühle ich mich wie eine Überlebende. Wir sind bekannt als Überlebende der zweiten Generation oder auch als 2Gs. Ich bin wie mein Vater einer der Menschen, die nicht gerne darüber reden, nachdenken oder lesen. Ich in einer Reisegruppe nach Osteuropa, um die Konzentrationslager zu besuchen? Mich dahin zu stellen, wo andere aus den Viehwaggons aussteigen mussten? Sich die Verwirrung und Hysterie vorzustellen, als die Mütter von ihren Kindern getrennt wurden? Physischen Kontakt mit der Asche-beladenen Erde aufnehmen und Momente in der Geschichte wieder erleben, die in meinem Gedächtnis eingebrannt sind, als hätte ich sie selbst durchlebt?

Niemals! Warum sollte ich mich mit Erinnerungen konfrontieren wollen, die meine Eltern über Jahre hinweg unterdrückt haben?

Als ich 18 war und mit einer Gruppe durch Israel reiste, besuchten wir Yad Vashem. Als ich die Ausstellungshalle betrat, fühlte ich mich von Gefühlen geflutet, denen ich nicht gewachsen war. Ich musste gehen. Ich machte mich auf den Weg nach draußen und setzte mich – an das Gebäude gelehnt – auf den Boden. Ein Soldat kam näher und fragte, ob es mir gut gehe. Meine Antwort war nichts weiter als ein stummer und trauriger Blick nach oben. Er setzte sich neben mich. Er hat nicht versucht, mich in einen Dialog zu bringen oder tröstende Worte auszusprechen. Ihm war klar, dass alles, was ich brauchte, war, traurig da zu sitzen und er – sowohl Fremder als auch Bruder – bot mir den einzig möglichen Trost – stille Gesellschaft. Gemeinsam gedachten wir Yom HaShoah.

Trotz des Schweigens meiner Eltern wegen des Krieges wusste ich, dass sie den Krieg überlebt hatten und ihre Familienangehörigen nicht. Alle Freunde meiner Eltern waren Überlebende. Sie verband eine gemeinsame Sprache, Jiddisch, und ihre Beziehung war eher eine Verwandtschaft als eine Freundschaft. Absolut alles, was wir Kinder erlebten, wurde durch das Prisma des Holocausts gesehen. Meine Eltern mögen dem Tod entkommen sein, aber das Leben wurde immer in seinem Schatten gelebt. Es ist allgemein bekannt, dass Überlebende es nicht ertragen können, Lebensmittel wegzuwerfen oder irgendetwas, selbst,was den geringsten Wert hat, zu verschwenden – diese Botschaften waren deutlich.

Andere Botschaften wurden implizit kommuniziert. Uns wurde die Gabe des Lebens gewährt, deswegen konnte jede Art von Unbehagen, die wir erfuhren, niemals beklagenswert sein. Wenn ich Bauchschmerzen hatte, waren es nie nur Bauchschmerzen. Es war Yom HaShoah. Ich würde automatisch darüber nachdenken, wie schmerzhaft es gewesen sein muss, zu verhungern. Wenn ich im Schnee von der Schule nach Hause ging, waren nie nur meine Fingerspitzen eiskalt. Es war Yom HaShoah. Ich beschwor das Bild von Tausenden von Männern und Frauen, die während eines Appells, der Verlesung der Namen, draußen in der bitteren Kälte standen. Wenn ich die Seiten einer Zeitung umblättere, ist das nie nur ein Zeitvertreib. Es ist Yom HaShoah. Meine Gedanken wandern und ich stelle mir vor, wie mein Vater eine Zeitung um seine Beine wickelt, um sich warm zu halten, während er irgendwo im von Nazis besetzten Europa mit dem Verlegen von Eisenbahnschienen beschäftigt ist. Wenn ich eine Lieferung von Amazon erhalte, geht es nie darum, den Karton zu öffnen, um den Inhalt zu erkunden. Es ist Yom HaShoah. Ich halte diesen leeren Karton in der Hand, drehe ihn um, untersuche ihn und überlege, ob er einem anderen Zweck dienen könnte – einen perfekt guten Karton wegzuwerfen, erscheint einfach so verschwenderisch.

Ich habe mich nie gefragt, warum ich diese Gefühle hatte. Sie alle schienen mir natürlich zu sein und erst vor einigen Jahren, als ich etwas über Epigenetik erfuhr, wusste ich, warum

Dr. Rachel Yehuda, die Tochter von Holocaust-Überlebenden, ist Expertin für Epigenetik. Sie ist Professorin für Psychiatrie und Neurowissenschaften und Direktorin der Traumatic Stress Studies an der Mount Sinai School of Medicine. In einem Interview im Jahr 2015 sagte sie: „Der Gedanke ist ein sehr simpler Gedanke, und man hört ihn immer wieder von Menschen. Sie sagen, wenn ihnen etwas Verheerendes passiert: ‚Ich bin nicht dieselbe Person. Ich habe mich verändert. Ich bin nicht dieselbe Person, die ich [einmal] war.‘ Und die Epigenetik gibt uns die Sprache und die Wissenschaft, um damit beginnen zu können, das zu dekomprimieren.“

Die Epigenetik sagt uns, dass traumatische Ereignisse sich verhalten wie ein Filmregisseur, der das Drehbuch nach Belieben verändert. Wie Dr. Yehuda beschrieben hat, wurden bei Überlebenden von Traumata ihre Gene durch das Trauma verändert. Das Trauma hat sie auf genetischer Ebene verändert und sie sind nicht mehr dieselben Personen, die sie einmal waren. Kinder von Überlebenden erhalten diese veränderten Gene. Das Lernen über Epigenetik hat mir geholfen zu verstehen, dass das Trauma, das auf mich übertragen wurde, keine mysteriöse emotionale Reaktion auf die Geschichte meiner Eltern ist; es ist ein wissenschaftlich fundiertes genetisches Ergebnis des Traumas. Es hat mir geholfen zu verstehen, warum jeder Tag Yom HaShoah ist.

Unser Vermächtnis hat mehr zu bieten

Wir wundern uns über Überlebende. Wie sind sie nach dem Krieg damit zurechtgekommen? Woher haben sie den Mut und die Kraft genommen, sich ein neues Leben aufzubauen? Die Antwort ist, dass Qualitäten wie Rezilienz und Einfallsreichtum in den Genen unserer Eltern und auch in unseren verankert sind. Sie wurden von unseren Ahnen, die unzählige Katastrophen in der jüdischen Geschichte überlebt haben, an unsere Eltern und uns weitergegeben. Wir, die zweite Generation, haben mehr als nur ein Trauma geerbt. Unser Erbe umfasst auch die Attribute, die es unseren Eltern ermöglicht haben, nach dem Krieg erfolgreich zu sein und sie sind genauso Teil unseres Erbes wie das Trauma.

Und das Vermächtnis geht weiter. Wir wählen nicht die Eigenschaften aus, die wir an unsere Kinder weitergeben, und wie Augenfarbe, künstlerisches Talent oder Temperament wird das in unseren Genen kodierte Trauma an die dritte Generation, auch bekannt als 3Gs, weitergegeben. Überlebende der dritten Generation haben ihre eigene Konstellation von Symptomen und Reaktionen auf diese Symptome; einige ähnlich wie bei 2Gs, einige anders.

Dr. Irit Felsen, klinische Psychologin, Wissenschaftlerin und Überlebende der zweiten Generation, hat sich auf Traumata mit dem Schwerpunkt Holocaust-Überlebende und ihre Familien spezialisiert. Sie betont, dass es zwar für uns von entscheidender Bedeutung ist, Einblicke in die Art und Weise zu gewinnen, wie jeder von uns seine eigenen Gedanken, Gefühle und Verhaltensweisen in der Vergangenheit gehandhabt hat, es sei aber ebenso wichtig, das Verständnis, das wir aus dieser Erkenntnis gewonnen haben, sinnvoll einzusetzen.

Die Komplexität, ein Kind von Holocaust-Überlebenden zu sein, ist labyrinthartig, und ich wandere durch das Labyrinth und suche nach einem Ausweg. Das ist eine gute Sache. Ein Suchender zu sein, ist das Ergebnis eines Traumas, bekannt als Posttraumatisches Wachstum. Ich bin ständig auf der Suche nach Sinn in meinem eigenen Leben und im Leben anderer, die mich bitten, ihnen dabei zu helfen. Nach Viktor Frankl, einem bekannten Überlebenden, liegt der Sinn in dem, was uns motiviert, einen weiteren Tag zu leben.

Originalartikel: Michelle Halle, Why I Won’t be Observing Yom HaShoah this Year, 1. Mai 2019


Yom HaShoah 2019 in Israel: Beginn mit Sonnenuntergang am Mittwoch, 1. Mai / Donnerstag 2. Mai 2019

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