Der Ausschluss der Eurovison von Jerusalem ist ein Sieg für die BDS-Bewegung

Der 28,5 Millionen teure Eurovision Song Contest [ESC], der 200 Millionen Zuschauer aus 42 Ländern anzieht, mag nur als gewaltiges Pop-Spektakel erscheinen, aber er ist weitaus mehr. Er dient nicht nur als Unterhaltungsinstrument, sondern ist auch ein mächtiger Mechanismus der Soft Power [im Deutschen „Weiche Macht„] – ein Werkzeug, das für den modernen Staat Israel und insbesondere für die Stadt Jerusalem von entscheidender Bedeutung ist. Die Weigerung Europas, die Durchführung des Wettbewerbs in Jerusalem unter Verstoß gegen die eigenen Regeln der Eurovision zuzulassen, stellt einen Sieg für die BDS-Bewegung dar.

von Shay Attias

Die Weigerung der Europäischen Rundfunkunion (EBU), den Eurovision Song Contest 2019 in Jerusalem stattfinden zu lassen, machte die Kluft deutlich, die trotz ihrer natürlichen Affinität zwischen Israel und Europa besteht.

Nach der Anerkennung Jerusalems als Hauptstadt Israels durch Präsident Trump hat die EU den weltweiten Widerstand gegen Israels Souveränität angeführt. Israel ist ein assoziierter Staat der EU, doch – allein unter den Hauptstädten aller anderen Länder – wurde seine Hauptstadt von Europa und von den meisten Staaten der Welt nie anerkannt. Der Eurovision Song Contest 2019, der an diesem Wochenende in Israel stattfinden wird, wird so mit jahrelangen Spannungen und Misstrauen untermauert.

Trotz der Tatsache, dass Israel den Contest viermal gewonnen und den Wettbewerb zweimal in Jerusalem ausgerichtet hat (1979 und 1999), beschloss Europa, es in diesem Jahr nicht zu tolerieren, dass Jerusalem den Wettbewerb durchführt. Israel hat im vergangenen Jahr den Eurovision Contest gewonnen und nach dem Protokoll der Veranstaltung richtet die Hauptstadt des siegreichen Landes den Wettbewerb im folgenden Jahr aus. Unabhängig davon wurde Israels Anspruch, den Wettbewerb in Jerusalem auszurichten, was den eigenen Regeln des Wettbewerbs entsprochen hätte, abgelehnt.

Der Eurovision Song Contest 2019 hat für Israel einen Konflikt nicht nur mit der EU, sondern auch mit der BDS-Bewegung ausgelöst. Seit 2005 wird Israel systematisch von BDS, einer nichtstaatlichen Bewegung, die von Zivilisten mit dem ausdrücklichen Ziel des Kampfes gegen Israel gegründet wurde, dämonisiert, delegitimiert und boykottiert. Um diese Mission zu erfüllen, werden gewaltfreie Werkzeuge mit Soft Power (sanfter Macht) eingesetzt. Diese Werkzeuge sind jedoch in der Lage, Wellen der Gewalt zu erzeugen.

BDS ist eine gut organisierte globale Kampagne, die vor allem in der virtuellen Welt existiert. Sie verbreitet ihre Botschaft über zivile Peer-to-Peer-Social-Media-Netzwerke. Durch die Organisation und Unterstützung des groß angelegten Boykotts der israelischen Kultur zielt sie darauf ab, die Legitimität Israels als Staat zu reduzieren.

Diese Taktik ist keineswegs neu. Sie besteht immerhin seit 1945, als die Arabische Liga einen offiziellen Boykott verabschiedete, der alle Wirtschaftsbeziehungen zwischen arabischen Staaten und den Juden Palästinas, später Israels, ausschloss. Ein halbes Jahrhundert später, im Jahr 2001, wurde bei der ersten Konferenz in Durban eine gut organisierte Anti-Israel-Kampagne gestartet – eine Veranstaltung, deren Haltung ironischerweise darin bestand, „den Rassismus stark zu bekämpfen.“ In Durban wurde Israel in rabiater Weise scharf angegriffen und delegitimiert. Seitdem gab es eine große fortdauernde Kampagne, bedeutende Kulturprojekte in Israel oder verknüpft mit Israel, zu boykottieren, darunter Visiten berühmter Sänger in Israel, Kunstfestivals in Israel und so weiter. Israelische Kulturveranstaltungen außerhalb Israels sind auch Ziel von BDS-Aktivisten.

Der kulturelle Boykott ist auch nicht auf künstlerische Veranstaltungen beschränkt. Er umfasst ebenso akademische Kreise. Im April 2004 wurde von einer Gruppe palästinensischer Akademiker und Intellektueller in Ramallah – der Palästinensischen Kampagne für den akademischen und kulturellen Boykott Israels oder PACBI – ein akademischer Boykott Israels gestartet.

Jede „Mega“-Kulturveranstaltung, die für Israel von Nutzen sein könnte, wird von BDS-Aktivisten ins Visier genommen. Sie erklären ihr Denken folgendermaßen: Wenn internationale Künstler an israelischen Kulturstätten und Institutionen auftreten, tragen sie dazu bei, den falschen Eindruck zu erwecken, dass Israel ein normales Land wie jedes andere ist. Für BDS-Aktivisten ist Israel einzigartig unnormal.

Die Eurovision 2019 ist natürlich ein „Mega“-Event und bietet als solches eine einmalige Gelegenheit für BDS-Aktivisten. Der isländische Teilnehmer am Contest, zum Beispiel die Techno-Band Hatari, will angeblich seine Zeit auf der Bühne nutzen, um die israelische Siedlungspolitik zu kritisieren und die Unterstützung der Palästinenser zum Ausdruck zu bringen. Eine israelische Organisation hat die Regierung gebeten, die Gruppe aus dem Land zu verbannen.

Im Vorfeld der Veranstaltung griff die BDS-Bewegung die Eurovision 2019 auf diese Weise an:

  • Sie initiierte die Kampagne „Nein zum Eurovision Pinkwashing“, in der mehr als 60 LGNTQ-Gruppen aus der ganzen Welt den Boykott der Eurovision in Israel fordern.

  • Die PLO forderte die Organisatoren der Eurovision auf, den Wettbewerb nicht in die „illegalen Siedlungen“ Israels zu übertragen.

  • Netta Barzilai, die Gewinnerin des vergangenen Jahres, wurde als „Kulturbotschafterin für das Besatzungs- und Apartheidsregime Israels“ verspottet.

Der mit einem Budget von 28,5 Millionen Euro ausgestattete Eurovision Song Contest gehört zu den meistgesehenen TV-Events der Welt. Er hat das Potenzial, das globale und kulturelle Prestige des Gastlandes erheblich zu verbessern und bietet ein enormes Gewinnpotenzial durch den Tourismus. Es stärkt das nationale Image, das wirtschaftliche Zusammenarbeit und ausländische Investitionen anlocken kann.

Nach einem Jahrzehnt weltweiter Boykotte gegen Israel verbesserte der Sieg beim Eurovision Song Contest im vergangenen Jahr sein Ansehen als Soft Power und stärkte sowohl seine Kultur als auch seine diplomatische Manövrierfähigkeit in der ganzen Welt. Die kulturelle Komponente der Diplomatie ist entscheidend für den Einfluss auf das ausländische Publikum und kann einen großen Einfluss auf die PR haben.

Jerusalem – eine Stadt, die von Juden, Christen und Muslimen als heilig angesehen wird – kann als strittiger Ort für die Eurovision angesehen werden, da sich die Proben und der Wettbewerb selbst über mehrere Feiertage hinweg erstrecken werden. Darüber hinaus hat ihr umstrittener Status natürlich zu den Forderungen nach einem Boykott des Wettbewerbs geführt. Donald Trumps Entscheidungen, Jerusalem als Israels Hauptstadt anzuerkennen und die US-Botschaft dorthin zu verlegen, verstärkten diese Bemühungen ebenso wie die Unklarheit über seinen bevorstehenden „Deal of the Century“.

Die EBU, die den Eurovision Song Contest organisiert, sagte, dass ihre Entscheidung, das Recht Jerusalems auf die Veranstaltssung außer Kraft zu setzen und statttdessen Tel Aviv, Israels kulturelle und kommerzielle Hauptstadt, als Gastgeberstadt zu wählen, sei einfach aufgrund ihres „kreativen und überzeugenden Angebots“ getroffen worden. „Alle Offerten waren vorbildlich, aber am Ende haben wir uns entschieden, dass Tel Aviv das beste Gesamtkonzept für das weltweit größte Live-Musik-Event bietet“, sagte EBU-Vorstandsmitglied Jon Ola. Das Ausweichmanöver der EBU zur Jerusalem-Frage hat die BDS-Bewegung nicht zufriedengestellt; sie forderte weiterhin den Boykott der Eurovision 2019 und übte starken Druck auf die Delegierten aus, nicht zu erscheinen.

Während Israels Fähigkeit, den Eurovision Song Contest zu gewinnen und anschließend auszurichten, darauf hindeutet, dass es über ein gewisses Maß an Soft Power verfügt, zeigt sein Scheitern in der Jerusalem-Debatte, dass diese Power immer noch einige ernsthafte Risse aufweist.

Viele Eurovision-Wettbewerbe fanden nicht in den offiziellen Hauptstädten der Gewinnerländer statt. Im Fall Israels jedoch ist der Veranstaltungsort Tel Aviv statt Jerusalem ein Verlust, denn er stellt einen Sieg für die BDS-Bewegung dar. Nachdem diese Beeinträchtigung in der wahrgenommenen internationalen Legitimität Israels nun behoben ist, könnte die BDS-Bewegung ermutigt werden, mehr Punkte zu sammeln. Israel wäre gut beraten, die Eurovision 2019 als ein gefährliches Ereignis zu betrachten, bei dem die Grundlagen für neue diplomatische Kämpfe gelegt werden könnten.

Da Israel kein Teil Europas ist, sollte es nicht an der Eurovision teilnehmen. Aber der Wunsch Israels, sich Europa anzunähern, gepaart mit dem regionalen Interesse Europas an Israel, machte es möglich. Israel, als die einzige echte Demokratie im Nahen Osten, ist ein wichtiger Markt für Europa und umgekehrt. Trotz seiner Lage ist Israel ein westliches Land mit westlichen Werten, was weitgehend die gegenseitige Anziehungskraft zwischen Israel und der EU erklärt.

Mit dem Gewinn der Eurovision hat Israel der strategischen Finanzbeziehung zwischen sich und Europa neuen Glanz verliehen. Ein starker positiver Trend bei den Exporten in die EU-Länder, der im vierten Quartal 2016 begann, setzte sich 2017 fort, wobei die Gesamtexporte in diesem Jahr gegenüber dem Vorjahr um 20 % anstiegen. In der ersten Jahreshälfte von 2018 beliefen sich die israelischen Exporte in die EU auf insgesamt 8,1 Milliarden Dollar. Das sind 33 % der gesamten Exporte. Damit ist Europa der größte Markt für die Übersee-Exporte Israels.

Israel beteiligt sich auch an Horizon 2020 (dem Europäischen Rahmenprogramm). Das ist das größte öffentlich finanzierte Programm der Welt, mit fast 80 Milliarden Euro an Mitteln für Forschung und Innovation über einen Zeitraum von sieben Jahren (2014 – 2020). Dies ist ein reines Soft-Power-Spiel für beide Seiten, hauptsächlich für Israel.

Im diplomatischen Kampf um die Geschichte Jerusalems hat die BDS-Bewegung einen Sieg errungen. Sie behauptet, dass „die israelischen Streitkräfte 1967 den östlichen Teil Jerusalems von jordanischen Truppen erobert haben“ und besteht daher darauf, dass der Status von Jerusalem strittig ist, eine Prämisse, die von den Organisatoren des Eurovision Song Contest akzeptiert wurde. Dieser BDS-Sieg verschafft den Palästinensern, die Ostjerusalem als ihre künftige Hauptstadt fordern, einen Gewinn. BDS hat in seinem diplomatischen Krieg gegen Israel eine gefährliche Dynamik erreicht.

Originalartikel: Shay Attias, The Barring of Eurovision from Jerusalem Is a Win for the BDS Movement, BESA Center Perspectives Paper No. 1,172, May 14, 2019

Shay Attias war Gründungsleiter (2009-13) der Abteilung für öffentliche Diplomatie im Büro des israelischen Premierministers und ist Doktorand für internationale Beziehungen an der Bar-Ilan-Universität.

Übersetzung: faehrtensuche

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