Judenreines Europa

Jahrtausendelang war Europa das Zentrum des Lebens in der Diaspora, aber da die Juden weiter vom Kontinent fliehen, wird bis zum Ende dieses Jahrhunderts nur noch ein jüdischer Friedhof übrig bleiben.

von Joel Kotkin, 26. Juni 2019, Tablet

Manche Leute gehen durch das ganze Leben ohne ein Gespenst zu sehen; was mich betrifft: Ich sehe es die ganze Zeit.

– Detektiv Bernie Gunther in Phillip Kerr’s Greeks Bearing Gifts*

Im vergangenen Monat hat der deutsche Beauftragte für „Jüdisches Leben in Deutschland und den Kampf gegen den Antisemitismus“ sein eindrucksvoll betiteltes Amt genutzt, um deutschen Juden zu empfehlen, keine Kippahs in der Öffentlichkeit zu tragen. Die Reaktion des Beauftragten auf eine Welle antisemitischer Gewalt in seinem Land war eine verlegene Erkenntnis, dass Deutschland wieder einmal ein gefährliches Land für Juden ist. Und wie in Deutschland, sieht es auch in Europa aus. Jahrtausendelang, nach der Zerstörung des Zweiten Tempels und dem Beginn der Diaspora, war Europa die Heimat der Mehrheit der Juden der Welt. Dieses Kapitel der Geschichte ist vorbei. Der Kontinent entwickelt sich immer mehr zu einem Land jüdischer Geisterstädte und Friedhöfe, in dem die wenigen verbliebenen Juden entweder eine umkämpfte Existenz akzeptieren müssen oder sich darauf vorbereiten wegzugehen.

In seinen frühesten Reden machte Adolf Hitler deutlich, dass seine Hauptaufgabe darin bestünde, Deutschland und dann ganz Europa judenrein zu machen – frei von Juden. Er scheiterte nur am Sieg der Alliierten, aber heute erfüllt Europa langsam, unaufhaltsam und überwiegend legal und weitgehend unbewusst das Bestreben der Nazis. Nicht nur in Deutschland, sondern auch in England, Frankreich, Ungarn und anderswo auf dem ganzen Kontinent mehren sich nicht nur die vielen Formen des europäischen Antisemitismus – weit rechts, links, antiimperialistisch und islamistisch -, sondern rücken näher an die Kontrolle der offiziellen Machthebel.

Progressive und Medien ziehen es vor, den Antisemitismus in erster Linie den Missständen in Europa zuzuschreiben, aber die extreme Rechte ist nicht die einzige oder gar größte Bedrohung für die europäischen Juden. Eine detaillierte Umfrage der Universität Oslo ergab, dass in Skandinavien, Deutschland, Großbritannien und Frankreich die meisten antisemitischen Gewaltakte von Muslimen ausgehen, die jüngsten Einwanderer inbegriffen. Ebenso ergab eine Umfrage unter europäischen Juden, dass die Mehrzahl der Vorfälle von Antisemitismus entweder von Muslimen oder den Linken ausging. Knapp 13% führten sie auf Rechtsradikale zurück. Gewalt gegen Juden ist am schlimmsten an Orten wie den von Migranten dominierten Vororten von Paris oder Malmö in Schweden.

Auch ist die Aushöhlung der Juden in Europa nicht auf eine Region oder einen Landestyp beschränkt. Die Exodusrate ist in Russland anders als in Frankreich, und die Ursprünge der Unsicherheit in Belgien sind nicht identisch mit denen in England. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass das Phänomen der jüdischen Flucht Grenzen überschreitet und sowohl für Ost- und Mitteleuropa als auch für die Länder des Westens gilt.

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Geisterstädte

1920 war Europa Heimat von über der Hälfte des weltweiten Judentums und vielen seiner kreativsten und dynamischsten Gemeinschaften; heute umfasst es kaum 10% der Juden auf der Welt. Die Vernichtung durch den Holocaust allein reicht nicht aus, um diesen Verlust zu erklären. 1939 lebten in Europa 9,5 Millionen Juden; nach Kriegsende 1945 blieben nur noch 3,8 Millionen übrig. Heute, mehr als ein halbes Jahrhundert nach dem Holocaust, gibt es in Europa kaum noch 1,5 Millionen Juden.

Städte, die einst zu den Perlen jüdischen Lebens gehörten – Wien, Berlin, Warschau, Lublin, Riga, Kiew, Prag – hatten jüdische Bevölkerungsgruppen, die perfekt in einen texanischen Vorort passen würden. Selbst die letzten großen Bastionen jüdischen Lebens in Europa, Paris und London, sind sowohl durch rechten Antisemitismus, Assimilation als auch durch die verderbliche neue Kombination, die linken und islamistischen Hass verbindet, bedroht. Heute gibt es in Europa nur drei der zwanzig stärksten jüdischen Städte der Welt: Moskau, London und Paris. Die restlichen liegen alle in der Neuen Welt oder in Israel.

Frankreich mit der größten jüdischen Bevölkerung Europas wurde weitgehend durch die Massenmigration aus Nordafrika gestützt. Aber es gibt dort immer noch weniger Juden als 1939 und es scheint, dass die Zahl weiter schrumpfen wird. Osteuropa, das Zentrum der jüdischen Welt im Jahr 1939 mit seinen 8 Millionen Juden, hat heute weniger als 400.000. In Deutschland, 1939 Heimat von 500.000 Juden, gibt es heute nur noch ein Drittel davon. Die meisten sind Flüchtlinge aus Osteuropa. Weniger als 15.000 der heute in Deutschland lebenden Juden können ihre Wurzeln bis in die Zeit vor dem Nationalsozialismus zurückverfolgen.

In weiten Teilen Europas wird die Kultur des jüdischen Lebens auf historische Relikte reduziert. Die große Hauptstadt Wien, gewählte Heimat von Sigmund Freud, Gustav Mahler, Theodore Herzl und Billy Wilder und Geburtsort von Arnold Schönberg beherbergte 1923 über 200.000 Juden. Von den 1,7 Millionen Einwohnern Wiens gibt es heute knapp 10.000, darunter viele Flüchtlinge aus dem alten Sowjetblock.

Die frühen Habsburger, Herrscher des letzten großen Reiches Mitteleuropas, tolerierten ihre jüdischen Untertanen kaum und behandelten sie als „lebende Fossilien“, wobei sie sie manchmal vertrieben und ihnen zuweilen ein eingeschränktes Ghettoleben ermöglichten. Doch nach ihrer Emanzipation im Jahr 1867, so der renommierte Historiker Carl Schorske, spielten die Juden eine überdimensionierte Rolle im Reich. Die eleganten Ringstraßenwohnungen der Stadt wurden oft von der jüdischen Oberschicht entworfen und bewohnt. Einige davon sind heute Luxushotels, die auf den Wiener Tourismus zugeschnitten sind. Der ehemalige Beamte der Hebrew Immigrant Aid Society [des hebräischen Immigrantenhilfevereins] Walter Juraschek, ein 60-jähriges Kind osteuropäischer Flüchtlinge, schätzt, dass von der heutigen Bevölkerung der Wiener Juden nur 500 aus Österreich stammen. Die meisten anderen kommen aus dem Ausland: Orthodoxe und Unternehmer aus Israel, oder die Nachkommen von Flüchtlingen aus dem Osten.

Österreich hat sich nicht vollständig seiner NS-Vergangenheit gestellt. Das Land, so Juraschek, schwelgt immer noch in der phantasievollen Vorstellung, es sei „das erste Opfer“ des Nationalsozialismus, obwohl es den Anschluss 1938, die Vereinigung mit Hitlerdeutschland, weitgehend begrüßte. Wien brütete den Antisemitismus aus, der Hitler – selbst Österreicher und dort unter dem berühmnten antijüdischen Bürgermeister Karl Lueger wohnend – so beeinflusste. Adolf Eichmann, ebenfalls in Österreich geboren, führte den österreichischen Holocaust vom ehemaligen Rothschild-Palast in der eleganten Prinz-Eugen-Straße an.

Als ich aufwuchs, haben die Österreicher überhaupt nicht darüber gesprochen“, erinnert sich Juraschek in einem kleinen jüdischen Kaffeehaus unweit des Judenplatzes, dem historischen Zentrum der kleinen jüdischen Gemeinde der Stadt. „Es wurde erst Ende der 80er Jahre öffentlich, als Kurt Waldheim [ehemaliger Generalsekretär der Vereinten Nationen und kurz Österreichs Präsident] als ehemaliger Nazi entlarvt wurde.“ Auch die rechtsextremen Tendenzen in Österreich sind nicht verschwunden. Bis zum letzten Monat war die von ehemaligen SS-Offizieren gegründete Freiheitliche Partei Teil der konservativen Regierung des Landes.

Als meine Frau und ich vor kurzem in Wien waren, sahen wir große Gruppen jüdischer Touristen, die die restaurierte alte orthodoxe Synagoge der Stadt besuchten, die meisten von ihnen Besucher aus Nordamerika und Israel. Solche Touren durch die alten Zentren Ost- und Mitteleuropas, wo Besucher Gedenkstätten der ehemaligen wichtigen Zentren des jüdischen Gemeinschaftslebens bestaunen, sind heute üblich. Wie Wien sind auch viele einst große jüdische Städte mit Gemeinden von über 100.000 Mitgliedern – Städte wie Lodz, Kiew, Warschau – nur noch winzige Restbestände geblieben. Die Chancen, dass solch pulsierende jüdische Gemeinschaften in diesen Städten wieder zum Leben erwachen, sind heute ebenso groß wie die Chancen, dass die Blauen und Grauen tatsächlich auf die Schlachtfelder des amerikanischen Bürgerkriegs zurückkehren.

Wie Wien war Budapest einst ein dynamisches Zentrum des jüdischen Lebens im frühen 20. Jahrhundert. Eine Boomtown – die am schnellsten wachsende [Stadt] am Fin de Siècle [Ende des Jahrhunderts] Europas – zog Juden aus ganz Ost- und Mitteleuropa an und wurde zu einer der jüdischsten Städte außerhalb des Zarenreiches. 1913 überstieg die jüdische Gemeinde in Budapest 200.000 Menschen, was mehr als 20% der geschätzten 1 Million Einwohner der Stadt ausmachte. Die Stadt, die von Wiens Bürgermeister Lueger mit „Judapest“ bezeichnet wurde, wies einst über 47 Synagogen auf.

Die meisten Budapester Juden lebten in sehr dicht besiedelten Stadtvierteln, aber die Oberschicht lebte wie ihre Wiener Kollegen in großen Wohnungen an Straßen wie der Andrassy Avenue. Sie gediehen teilweise, so der Historiker John Lukacs, aufgrund der relativen Unaufmerksamkeit der herrschenden Magyaren-Aristokratie gegenüber der Geschäftswelt.

Die prächtige Synagoge in der Dohany-Straße, drittgrößte der Welt nach der Großen Betz-Synagoge in Jerusalem und der New Yorker Synagoge Emanuel, zeugt von der Vitalität und dem großen Reichtum der Budapester Juden. Die ständige Präsenz im historischen jüdischen Viertel der Stadt spiegelt die komplexe Geschichte der Gemeinde wider. Die Juden Ungarns überlebten bis 1944 weitgehend unbeschadet, da der faschistische Diktator des Landes und Hitler-Verbündete Admiral Miklos Horthy nicht bereit war, eine Bevölkerung zu vernichten, die zwar diskriminiert, aber dennoch einen erheblichen Beitrag zur produktiven Wirtschaft des Landes leistete. Erst im März 1944, als die Nazis in Ungarn wütendere antisemitische Elemente installierten – insbesondere das faschistische Pfeilkreuz -, begannen die Vernichtungen.

Schon damals konnte die Synagoge in der Dohany-Straße überleben, zum großen Teil deswegen, weil sie als Eichmanns Hauptquartier diente. Der nationalsozialistische Architekt der Massenschlachtungen wusste zynischerweise, dass die Alliierten nicht geneigt wären, ein Gebäude mitten im jüdischen Ghetto zu bombardieren. Das späte Datum der Vernichtungskampagne – und die Intervention von mutigen Nichtjuden wie dem schwedischen Grafen Raoul Wallenberg – ermöglichte es vielen ungarischen Juden, den Krieg zu überleben – etwa 100.000 allein in Budapest.

Von den Juden, die nach dem Krieg in Budapest blieben, gingen viele nach dem gescheiterten Aufstand gegen die Sowjets im Jahr 1956 weg. Heute schätzen demografische Experten, dass in Ungarn rund 47.000 Juden übrig geblieben sind, obwohl die Zählungen variieren und einige die [Zahl von] 100.000 überschreiten. Sie ist weit entfernt von der Vergangenheit, aber mehr als eine Spur. Es gibt noch 17 Synagogen in der Stadt.

Diese relativ robuste jüdische Gemeinde befindet sich ironischerweise in einem Land, das von dem als faschistisch und antisemitisch kritisierten Autokraten Viktor Orban regiert wird. Orban hat schlecht verschleierte antisemitische Memes benutzt, um seinen Erzfeind George Soros anzugreifen. Aber auch einige Orban-Kritiker, wie der Blogger Ádám Szedlák, sehen seine Angriffe auf Soros – einen hingebungsvollen Atheisten, der Israel und auch dem jüdischen Gemeindeleben gegenüber oft kalt, wenn nicht feindselig eingestellt war – als Anwendungen nicht der antijüdischen oder proto-faschistischen Ideologie, sondern des „politischen Opportunismus“.

Ironischerweise ist Orban weitaus israelfreundlicher als die europäischen Staats- und Regierungschefs, die weithin als Standardträger der liberalen internationalen Ordnung gefeiert werden, wie der Franzose Emmanuel Macron oder die Deutsche Angela Merkel. Er steht Premierminister Netanjahu nahe und pflegt besonders enge Beziehungen zu den chassidischen Juden der florierenden Chabad-Gemeinde in Budapest. Orbans Regime hat auch die Leugnung des Holocausts illegal gemacht, einen offiziellen Holocaust-Gedenktag eingerichtet und sich geweigert, mit der antisemitischen, rechtsextremen Jobbik-Partei zusammenzuarbeiten.

Einige lokale Juden unterstützen Orban, weil sein starker nationalistischer Ansatz einen Bann von Migranten aus dem Nahen Osten nach Ungarn beinhaltete. Die langjährige jüdische Aktivistin Anni Fisher, Kind von Holocaust-Überlebenden, mag Orbans nativistische Rhetorik nicht, argumentiert jedoch, seine Einwanderungspolitik habe verhindert, dass der in anderen europäischen Hauptstädten allzu häufige virulente Islamismus in Budapest Fuß fasst. „Die Juden hier leben gut, nicht schlecht“, sagt sie. Aber selbst dann sieht Fisher keine große Zukunft für die [jüdische] Gemeinde. „Die jungen Leute bleiben nicht. Alles, was wir bekommen, sind Israelis und ältere Menschen, die hierher kommen, um sich zurückzuziehen.“

Doch im Gegensatz zu anderen europäischen Städten bleibt das jüdische Viertel von Budapest vorerst lebhaft. Traditionelles jüdisches Essen und Klezmermusik findet man in beliebten Treffpunkten wie dem Café Spinoza. Einige nominelle Christen wie Kristof Molnar, ein 32-jähriger Manager für Unternehmensentwicklung, entdecken das verborgene jüdische Erbe ihrer Großeltern wieder und haben an Reisen nach Israel teilgenommen.

Obwohl er kein religiöses Wiedererwachen am Horizont sieht, glaubt Molnar, dass es eine bescheidene Wiederherstellung der jüdischen Rolle im ungarischen Leben gibt. „Das ist ein Neuanfang“, sagt er. „Es ist nicht wie die alte Generation, die nur an den Holocaust und die Erinnerung denkt. Unter denen von uns in den 20er oder 30er Jahren besteht der Wunsch, sich wieder auf unsere eigene Vergangenheit und auf den Teil unseres ungarischen Erbes zu besinnen, der nach wie vor in der jüdischen Herkunft verwurzelt ist.“

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Die neue Bedrohung im Westen

In der Vergangenheit haben die Juden Ungarns und anderer osteuropäischen Länder möglicherweise nach Westen geschaut, um sich inspirieren zu lassen. Doch heute sind die jüdischen Bevölkerungsgruppen in Westeuropa selbst bedroht und ihre Population dürfte in den kommenden Jahrzehnten zurückgehen.

Der Niedergang des westeuropäischen Judentums wird durch ein Zusammentreffen verschiedener Faktoren verursacht. Die geringste tödliche Bedrohung liegt in der Assimilation, von der etwa die Hälfte aller europäischen und amerikanischen Juden betroffen ist. Die Assimilation hat sich auch besonders auf die russischen Juden ausgewirkt, die in jüngster Zeit nach Westeuropa ausgewandert sind, da bis zu 70% ihre Zugehörigkeit im Erwachsenenalter verlieren. Aber der zunehmende Antisemitismus ist weitaus beunruhigender. Jüngsten Umfragen zufolge haben rund 90% der europäischen Juden antisemitische Vorfälle erlebt. In Frankreich nahmen die antisemitischen Straftaten im Jahr 2018 gegenüber dem Vorjahr um 74% zu.

Der wiederauflebende Antisemitismus in Europa hat zwei Gesichter, ein vertrautes und das andere neueren Datums. Eine anhaltend schwache Wirtschaft und das Schrumpfen der Mittelschicht haben, wie im letzten Jahrhundert, zu einem explosionsartigen Anwachsen des Rechtspopulismus auf dem gesamten Kontinent geführt. In einigen Ländern, insbesondere in Russland, Polen, Belgien und in Teilen Deutschlands, wurde der Antisemitismus des traditionellen rechtsextremen Typus häufig von nationalistischen Parteien wie der AFD in Deutschland, der Freiheitspartei in Österreich und Jobbik in Ungarn verbreitet.

Zu diesen Kräften gehören einige, die den Holocaust minimieren. Alexander Gauland, einer der Führer der AFD Deutschlands, nannte den Nazi-Holocaust „Ein Stück Vogelschiss in 1000 Jahren ruhmreicher deutscher Geschichte.“ Auch wenn Gaulands Rhetorik – von einer in der Öffentlichkeit stehenden deutschen Persönlichkeit ausgesprochen – als schockierend erscheinen mag, stimmt sie doch mit einem bedeutenden Teil der deutschen Öffentlichkeit überein. Etwas mehr als die Hälfte der Deutschen glaubt heute, einer ADL-Umfrage von 2015 zufolge, dass Juden den Holocaust übertreiben, während ein Drittel den Juden selbst die Schuld am zunehmenden Antisemitismus geben.

Aber die extreme Rechte, wie die berühmten Nazijäger Serge und Beate Klarsfield meiner Frau Mandy und mir vor fast zwei Jahrzehnten erklärten, sind nicht annähernd eine so starke Bedrohung für die Juden wie das Bündnis von Islamisten und linken Aktivisten. Zunehmend spiegelt der Angriff auf Juden einen größeren Kulturkampf wider, der gegen die westliche Zivilisation geführt wird; wenn Hitler die Juden als gefährliche Außenseiter der europäischen Kultur sah, beschuldigt die Linke sie heute, zu stark mit den kontinentalen Werten verbunden zu sein.

Wie in den 1930er Jahren reicht der Antisemitismus über den [am] Rand [Stehenden] hinaus und bis in den gebildeten Mainstream. Einer Studie zufolge stammten 60 Prozent der deutschen antisemitischen Botschaften von gebildeten Menschen. Heute glaubt kaum die Hälfte der Europäer, dass Israel ein Existenzrecht hat. Die allgemein aus dem Mittelstand stammenden Grünen Parteien, die sich nach den letzten Europawahlen in Deutschland und auf dem gesamten Kontinent als große Gewinner erwiesen haben, neigen dazu, die BDS-Kampagne zu unterstützen, die darauf abzielen, den jüdischen Staat zu dämonisieren und zu eliminieren. Die deutschen Grünen bezeichnen Israel regelmäßig als „Apartheid“-Regime.

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Die posteuropäische Zukunft des Judentums

Europa wird in naher Zukunft nicht ganz judenrein werden. Aber die Zeichen des Niedergangs sind überall und der Endpunkt, zu dem sie führen, scheint unausweichlich. In Russland ist die einst riesige jüdische Bevölkerung von 1,4 Millionen im Jahr 1989 auf rund 400.000 zurückgegangen. Der israelische Demograf Sergio della Pergola, ein Experte für jüdische Bevölkerungsgruppen auf der ganzen Welt, wies kürzlich darauf hin, dass Russland im vergangenen Jahr 8.000 Todesfälle älterer Juden, aber nur 600 Geburten bei jüdischen Müttern aufweist.

In Großbritannien ist die jüdische Bevölkerung in den letzten fünfzig Jahren zurückgegangen. Die Perspektive, dass der Vorsitzende der Labour Party, Jeremy Corbyn, dessen lange Geschichte in gegen Israel agierenden und judenfeindlichen Vereinigungen bekannt ist, der nächste Premierminister wird, stellt das dar, was der ehemalige britische Oberrabbiner Jonathan Sacks als „eine existenzielle Krise“ bezeichnete. Wenn der Corbynismus seinen Einfluss auf die britische Politik beibehält, könnte dies einen Massenexodus britischer Juden auslösen. Eine Studie prognostiziert, dass bis zum Ende des Jahrhunderts in England eine weitgehend orthodoxe Gemeinschaft übrig bleiben wird, die die Mehrheit der Juden des Landes bildet.

Frankreich, heute Heimat der drittgrößten jüdischen Gemeinde der Welt, scheint dem gleichen Muster des demografischen Rückgangs zu folgen. Obwohl die französische jüdische Gemeinde durch Massenmigration aus ihren ehemaligen nordafrikanischen Kolonien vorübergehend wiederbelebt wurde, wurde sie seitdem von einer zunehmenden islamistischen Bedrohung und einer stetigen Zunahme antisemitischer Angriffe getroffen. Seit dem Jahr 2000 haben fast 50.000 Juden Frankreich verlassen, vor allem nach Israel, den Vereinigten Staaten und Kanada. Angesichts der Tatsache, dass der Nahe Osten und Nordafrika kaum neue Einwanderungsquellen haben werden, ist es schwer vorstellbar, wie die jüdische Bevölkerung Frankreichs in Zukunft wachsen wird. Eine Ausnahme bilden die Orthodoxen, die mit überdurchschnittlichen Geburtenraten wachsen können.

Zusammengenommen bedeuten die Kräfte der Geschichte, der Politik, des Antisemitismus und der Migrationsmuster den wahrscheinlichen Untergang des Judentums in Europa, insbesondere seiner eher säkularen Elemente. Die einst weit verbreitete Volksgruppe konzentriert sich schnell auf Nordamerika und Israel, wo ungefähr 90% aller Juden leben. Doch selbst in Amerika und Kanada können sowohl die Assimilation als auch der wieder auflebende Antisemitismus, nicht nur bei den extremen Rechten, sondern auch bei den Universitäten und fortschrittlichen politischen Bewegungen, einschließlich der demokratischen Kongressmitglieder, dazu führen, dass immer mehr Menschen das Gefühl haben, sich zwischen ihren jüdischen Wurzeln und ihren politischen Verpflichtungen entscheiden zu müssen.

Auf lange Sicht könnte – wenn die aktuellen Trends anhalten – die jüdische Zukunft überwiegend israelisch werden, wie es der französische Soziologe George Friedman vor einem halben Jahrhundert vorausgesagt hat. Beginnend mit der Wende zum 20. Jahrhundert und bis in die letzten Jahrzehnte hinein wuchs die jüdische Bevölkerung in Nordamerika, indem sie Einwanderer aus Mittel- und Osteuropa und später aus Ländern wie der ehemaligen Sowjetunion, dem Iran und Nordafrika aufnahm. Heute leben über 70% der Diaspora-Juden in den USA und Kanada, aber die Gesamtzahl kann sinken, weil diese jüdischen Gemeinden nicht mehr auf die Infusion von „neuem Blut“ rechnen können, um sie vital zu erhalten.

Da bereits fast eine Mehrheit aller jüdischen Kinder dort lebt, wird Israel in naher Zukunft zum ersten Mal seit der frühen Antike die Heimat einer Mehrheit aller Juden werden. Es markiert das Ende einer Epoche des jüdischen Lebens und den Beginn, wie sehr auch immer, einer neuen.

Originalartikel: Joel Kotkin, Judenrein Europe, Tablet Magazine

Übersetzung: faehrtensuche


* Hinweis auf einen Artikel in der FAZ vom 28.06.2018: Bücher von Philipp Kerr, Bernie Gunther lebt bald nicht mehr

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