Das Schofar von Auschwitz

von Dr. Yvette Alt Miller, 24. September 2019, Aish

Rosh HaShana 1944: Eine Gruppe von zerlumpten jüdischen Gefangenen versammelte sich zu einem weiteren anstrengenden Arbeitseinsatz. Überall wurden Juden ausgehungert, gefoltert und ermordet. Die geringste Bekundung jüdischen Glaubens war strengstens verboten, war Grund für die Exekution durch Nazi-Wachen.

Doch an diesem Rosh HaShana gelang es einer Gruppe mutiger Juden, in einem Minjan zu beten. Wie durch ein Wunder gelang es ihnen sogar, ein Schofar zu blasen und der Entdeckung zu entgehen. Prof. Judy Tydor Schwartz, die Leiterin für Holocaustforschung an der Bar Ilan Universität in Israel, ist die Tochter des Mannes, der diese erstaunliche Leistung ermöglichte. In einem Exklusivinterview mit Aish.com beschrieb sie ihren bemerkenswerten Vater, Chaskel Tydor, und sein Schofar.

Als der Zweite Weltkrieg ausbrach, war Chaskel 36 Jahre alt und lebte mit seiner Frau Bertha und seinen kleinen Kindern in Frankfurt. Sie schafften es, einen Sohn und eine Tochter über den Kindertransport, einem Programm, das es 1939 jüdischen Kindern ermöglichte, dem Nazi-Deutschland zu entfliehen, in die relative Sicherheit innerhalb Belgiens zu schicken. Später in diesem Jahr wurde Chaskel verhaftet und in das Konzentrationslager Buchenwald gebracht. 1942 wurde er in ein Zwangsarbeitslager bei Auschwitz geschickt. Dort erfuhr er, dass Bertha und andere Verwandte in Auschwitz ermordet worden waren.

Obwohl er kurzzeitig der Verzweiflung erlag, fand Chaskel bald Sinn darin, anderen zu helfen. „Er hatte alles getan, was er konnte, um Leben zu retten und so vielen er helfen konnte, ihren Geist und ihre religiösen Überzeugungen zu bewahren“, sagte Prof. Tydor Schwartz. „Er schickte Freunden Mishloach Manot (Geschenke des Essens) an Purim, was bedeutete, dass er ohne Nahrung blieb, wenn er das tat. Er zündete heimlich Chanukka-Kerzen an. Er lehrte Pirkej Avot (Ethik der Väter) heimlich in Buchenwald und später in Auschwitz.

Chaskel wurde zum Blocksekretär ernannt und war zuständig für die Organisation von Arbeitseinsätzen seiner jüdischen Mitmenschen. Er nutzte diese Position, um anderen zu helfen und schickte Gruppen von Gefangenen an weit entfernte Orte, wo sie zusammen als Gruppe beten konnten. An Rosh HaShana 1944 setzte er eine Gruppe von über zehn jüdischen Gefangenen ein, um an einem abgelegenen Ort zu arbeiten. Es war selbstverständlich, dass sie zumindest einen Teil der Rosh HaShana-Gebete sprechen würden.

Als die Männer zurückkamen, erzählten sie Chaskel ein erstaunliches Geheimnis: Einer von ihnen hatte es geschafft, ein Schofar in ihren Arbeitseinsatz zu schmuggeln, und sie hatten seinen Tönen gelauscht. Der Gedanke, dass Juden es geschafft hatten, die Mitzwa des Blasens eines Schofars zu erfüllen, der uns mit seinem durchdringenden Klang aus dem spirituellen Schlaf wecken soll, schien fast die Vorstellungskraft zu übersteigen. Doch die Männer hatten es getan und hörten das Rosh HaShana-Schofar im Schatten der Auschwitz-Krematorien.

Prof. Tydor Schwartz vermutet, dass das Schofar ab Mitte 1944 in das Lager geschmuggelt worden sein könnte, als 440.000 ungarische Juden nach Auschwitz deportiert wurden. Ihre Habseligkeiten wurden in einem riesigen Gebiet gelagert, das unter dem Spitznamen „Canada“ bekannt ist, und einigen jüdischen Gefangenen gelang es, Gegenstände von dort nach Auschwitz zu schmuggeln.

Bei ihren Forschungen ist Prof. Tydor Schwartz auf viele andere Geschichten von Juden gestoßen, die sich den Nazi-Wachen widersetzten und jüdische Mitzwot und Gebete während des Holocaust verrichteten. „Die Mutter einer meiner liebsten Freundinnen ist eine religiöse Auschwitz-Überlebende, Mitte 90. Sie und ihre Schwester arbeiteten in der Lagerbaracke ‚Canada‘ und versuchten, Dinge, einschließlich religiöser Artefakte, ins Lager zu schmuggeln. Mein Vater und seine Freunde erzählten mir von dem Schofar und einem Paar Tefillin in Auschwitz.“ Prof. Tydor Schwartz hat auch Berichte aus erster Hand über Juden gesammelt, die in Auschwitz heimlich eine provisorische Sukkah aus einem leeren Fass gebaut haben.

„Natürlich, wären sie erwischt worden, wären sie getötet worden“, sagte sie. „Selbst für einen Moment zu stehen und zu beten, war gefährlich.“

Anfang 1945, als die alliierten Truppen vorrückten, begannen die Nazis, das Todeslager Auschwitz und die Außenarbeitslager in die Luft zu jagen. Chaskel Tydor und etwa 60.000 andere jüdische Gefangene wurden auf einem Todesmarsch in ein anderes, dreißig Meilen entferntes Lager geschickt. In der Nacht vor ihrer Abreise kam ein Mithäftling zu ihm und reichte ihm ein in schmutzige Lumpen gewickeltes Bündel: das kostbare Schofar, das sie auf Rosch Haschana haben ertönen lassen.

Der Mann sagte Chaskel, er glaube nicht, den Marsch zu überleben, also wünschte er, dass Chaskel es übernähme. Wenn Chaskel überlebte, wies ihn der Mann an, sollte er der Welt mitteilen, dass Juden in Auschwitz das Schofar geblasen hätten.

Chaskel überlebte den Krieg und zog in das Land Israel, damals unter britischer Herrschaft. Als sein Schiff sich an Rosh HaShana 1945 der Küste von Haifa näherte, blies Chaskel von neuem das Auschwitz-Schofar und feierte das jüdische Neujahrsfest in Sichtweite der israelischen Stadt Haifa.

In späteren Jahren arbeitete Chaskel in Amerika, wo er seine Frau Shirley Kraus traf und wo seine Tochter Prof. Tydor Schwartz geboren wurde. Er arbeitete in New York, Montana und South Dakota und zog schließlich nach Israel zurück. Überall, wo er hinging, nahm er sein kostbares Schofar mit.

Mein Vater hat das Schofar zu Hause geblasen für diejenigen, die nicht zur Synagoge gehen konnten, um es zu hören – Frauen mit kleinen Kindern, Kranke, ältere Menschen. Er hat es für meine Großmutter geblasen, als sie nicht in der Lage war, zu Fuß zur Synagoge zu gehen, für mich, als ich ein Kind zur Welt brachte und für alle Frauen in unserem Haus mit kleinen Kindern, die nicht zur Synagoge gehen konnten“, erzählte Dr. Tydor Schwartz.

„Mein Vater war äußerst mutig und hatte einen starken Glauben an Gott. Er hat immer versucht, so vielen wie möglich zu helfen, auch bei hohen persönlichen Kosten. Er war ein großartiger Mensch und so viel mehr. Er war vielleicht eins achtzig, aber er war ein gigantischer Mann.“

Am 23. September 2019 kam das kostbare Auschwitz-Schofar ihres Vaters nach Amerika, wo es im Museum of Jewish Heritage in New York ausgestellt wird. Aber zuerst wird es in einigen New Yorker Synagogen an Rosh Hashanah geblasen, damit die Juden noch einmal die Geräusche hören können, die dazu verholfen haben, jüdischen Gefangenen in Auschwitz einer Generation zuvor Kraft zu geben.

Sie hofft, dass sein Vermächtnis und die Geschichte des Schofars den Menschen Hoffnung gibt und die Botschaft vermittelt, dass „wir alle vor unserer eigenen Tür kehren müssen, um die innere Kraft zu finden, Gutes in dieser Welt zu tun, unter allen Umständen und Bedingungen.“

Originalartikel: Dr. Yvette Alt Miller, The Shofar of Auschwitz, Aish

Übersetzung und Links: faehrtensuche

5 Gedanken zu „Das Schofar von Auschwitz

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