Verlangt die jüdische Moral, dass Israel das Westjordanland verlässt?

von Evelyn Gordon, 20. November 2019

Originalartikel: Does Jewish morality require Israel to leave the West Bank?

Der Zionismus scheint ein binärer Satz zu sein: Man ist entweder für oder gegen die Existenz eines jüdischen Staates. Aber eine dritte Option ist immer beliebter geworden, eine, die ich als konditionalen Zionismus bezeichnen würde. Demgemäß hat ein jüdischer Staat ein Existenzrecht, jedoch nur, wenn er bestimmte Bedingungen erfüllt.

Diese Position breitet sich unter liberalen amerikanischen Juden rasch aus. In einem Aufsatz in Haaretz vom August argumentierte Abe Silberstein zum Beispiel, dass Israel zur Schaffung eines palästinensischen Staates gezwungen werden müsse, weil sonst die einzigen Alternativen die Aufrechterhaltung des Status Quo oder eine Einstaatenlösung seien – und jeder moralische Jude müsste der Meinung sein, Letzteres sei „eindeutig vorzuziehen“, obwohl das wahrscheinlich die jüdische Staatlichkeit beenden würde. Mit anderen Worten, das Existenzrecht des jüdischen Staates hängt von der Erfüllung palästinensischer (und amerikanisch-jüdischer) Forderungen ab.

Diese Position ist auch unter Nichtjuden verbreitet. So kam beispielsweise Gavin D’Costa in einem für Mosaic verfassten Essay vom September zu der Frage, ob ein katholisches Äquivalent zum protestantischen Zionismus möglich sei, zu dem Schluss: „Wenn der israelisch-palästinensische Konflikt morgen mit voller Zustimmung beider Seiten und internationaler Unterstützung beigelegt werden sollte, glaube ich, dass der offizielle katholische Zionismus ziemlich schnell zum Vorschein käme.“ Mit anderen Worten, die Kirche könnte eines Tages einen jüdischen Staat akzeptieren, aber nur, wenn Israel die palästinensischen (und westlichen) Forderungen erfüllt.

Angeblich könnten solche Positionen als einfacher Antisemitismus abgetan werden, der auf Natan Sharanskys berühmtem 3D-Test (Dämonisierung, Delegitimierung und Doppelmoral) basiert. Das maßgebliche Kriterium ist hier die Doppelmoral, da die Existenz eines anderen Landes nicht von dessen Verhalten abhängig gemacht wird, selbst wenn dieses Verhalten weitaus schlimmer ist als das Israels. Zum Beispiel besetzt China Tibet seit fast 70 Jahren und hält derzeit eine Million Uiguren in Gefangenenlagern fest. Viele Menschen wollen, dass diese Politik gestoppt wird. Aber niemand sagt, dass ein chinesischer Staat ohne solche Veränderungen kein Existenzrecht hat.

Dennoch ist es ein offensichtliches Problem, den konditionalen Zionismus als antisemitisch abzutun: Jede Begründung für einen jüdischen Staat, ob religiös oder säkular, beruht auf dem Anspruch der Juden, ein eigenes Volk mit einer eigenen Religion, Sprache und Kultur zu sein. Und genau dieses Erbe betrachtet das Recht des jüdischen Volkes, in seinem Land zu bleiben, in Abhängigkeit von seinem moralischen Verhalten. Das ist kein kleines Detail, sondern ein Kernelement der jüdischen Theologie.

Das wird wiederholt in der Bibel erwähnt. Es ist im Shema-Gebet enthalten, der engsten Annäherung des Judentums an ein Credo, das observante Juden zweimal täglich rezitieren. Es ist der Grund, den die Rabbiner des Talmud sowohl für das erste als auch für das zweite Exil angeben (sie führten das erste auf Mord, Götzendienst und verbotene sexuelle Beziehungen zurück und das zweite auf grundlosen Hass). In der Tat, gerade weil dies so grundlegend ist, scheint es selbst für säkulare Juden, die fast jede sonstige Spur des Judentums aufgegeben haben, oder für eine katholische Kirche, die die hebräische Bibel zugunsten des Neuen Testaments herabgestuft hat, immer noch selbstverständlich zu sein. (Der Hauptgrund, warum der christliche Zionismus ein protestantisches Phänomen ist, liegt darin, dass die Protestanten der hebräischen Bibel mehr Gewicht beimessen als die Katholiken).

Bedeutet das, dass konditionale Zionisten Recht haben und dass Israels Existenzrecht von der Erfüllung palästinensischer Forderungen abhängt? Keineswegs, denn es gibt einen entscheidenden Unterschied zwischen dem modernen konditionalen Zionismus und der biblischen Version: Weder die Bibel noch das damit verbundene talmudische Judentum haben jemals darauf bestanden, dass die jüdische Moral vom jüdischen Staat verlangt, Selbstmord zu begehen.

Ein weiteres Grundprinzip des Judentums ist wohl, dass die Befolgung der Gesetze Gottes zum Leben führt und nicht zum Tod (siehe 5. Mose 30:19 oder 3. Mose 18: 5). Folglich erlaubt der Talmud, dass – um ein Leben zu retten – gegen fast jedes religiöse Gebot (außer Mord, Götzendienst und verbotene sexuelle Beziehungen) verstoßen werden kann. Er deklariert auch, dass, wenn jemand kommt, um dich zu töten, [gilt]: „Erhebe dich und töte ihn zuerst.“

Aus dem gleichen Grund wird die nationale Selbstverteidigung als eine der wichtigsten Aufgaben eines jüdischen Führers und möglicherweise sogar als religiöse Verpflichtung angesehen. Die Bibel selbst sagt lediglich, dass einige Kriege obligatorisch sind, ohne zu definieren, welche Kriege in diese Kategorie fallen. Aber eine Interpretation, die unter anderem vom großen mittelalterlichen jüdischen Gelehrten Maimonides angenommen wurde, besagt, dass sie Selbstverteidigungskriege einschließt.

Das heißt natürlich nicht, dass alles möglich ist. Selbst in Kriegszeiten setzt die Bibel dem Verhalten einer Armee Grenzen – durch das ursprüngliche Kriegsrecht. Aber die jüdische Tradition lehnt die Vorstellung, dass Moral nationalen Selbstmord verlangt, vollkommen ab. Im Gegenteil, sie betrachtet die Verteidigung des jüdischen Gemeinwesens als positives moralisches Gut.

Was hat das alles mit den Palästinensern zu tun? Ganz einfach: Selbst wenn man die (falsche) Prämisse akzeptiert, dass der Verzicht auf das Westjordanland tatsächlich den palästinensischen Ansprüchen genügen würde, bleibt die Tatsache bestehen, dass Israel nicht allein oder nicht einmal in erster Linie wegen der Siedler da ist, die sich wiederholt als unfähig erwiesen haben, territoriale Zugeständnisse zu verhindern (siehe die Osloer Abkommen, den Rückzug aus Gaza, die weitreichenden Angebote der Ministerpräsidenten Ehud Barak und Ehud Olmert). Es ist da, weil die meisten Israelis aufgrund bitterer Erfahrung keine Möglichkeit sehen wegzugehen, ohne nationalen Selbstmord zu begehen.

Der Rückzug aus Teilen des Westjordanlandes im Rahmen der Osloer Abkommen führte zu dem tödlichen Terror der Zweiten Intifada, der erst endete, als die israelische Armee die Kontrolle über diese Gebiete wieder übernahm. Der Rückzug aus dem Gazastreifen führte zu 14 Jahren (und mehr) fast ununterbrochenem Raketen- und Mörserfeuer auf Südisrael. Ein ähnliches Ergebnis wäre im Westjordanland weitaus tödlicher, das sich – anders als Gaza – in unmittelbarer Nähe zu Israels wichtigsten Bevölkerungszentren, Wirtschaftszentren und dem internationalem Flughafen befindet. Der Rückzug aus dem Südlibanon im Jahr 2000 befähigte die Hisbollah, einer Terrororganisation, ein direkt auf Israel gerichtetes Raketenarsenal zu erwerben, das größer ist als das vieler nationaler Armeen.

All das hat die meisten Israelis davon überzeugt, dass die Abtretung des Westjordanlandes militärisch selbstmörderisch ware, wenn es keine radikale und unvorhergesehende Änderung des palästinensischen Verhaltens gibt. Und da eine Einstaatenlösung sich immer noch demografisch selbstmörderisch ausnimmt, bleibt eine Version des Status Quo die am wenigsten schlechte Option – nicht nur für Israel, sondern auch für die Palästinenser, wie ich in einer nachfolgenden Kolumne erläutern werde.

Ist also der konditionale Zionismus antisemitisch? Das hängt von den Bedingungen ab. Aber heutzutage umfasst die zentrale Bedingung normalerweise selbstmörderische israelische Konzessionen an die Palästinenser. Daher verlangen die heutigen konditionalen Zionisten, dass sich eine Nation, von allen Nationen der Welt, um der anderen willen selbst zerstört. Und ja, das ist antisemitisch.

Übersetzung: faehrtensuche