Appell zum 9. November …

… von Chaim Noll:

„Ich wende mich an die deutschen Juden, an ihre Freunde in Deutschland, an die Freunde Israels, vor allem an ihre offiziellen Vertreter, den Zentralrat der Juden in Deutschland, die Gemeinde-Funktionäre und Rabbiner, an die Deutsch-Israelischen Gesellschaften, an die wenigen pro-israelischen Politiker in diesem Land: Bleiben Sie diesen unwürdigen, zutiefst verlogenen Veranstaltungen fern. Zeigen Sie der Welt, dass es in Deutschland kritische Menschen gibt, darunter auch Juden mit Rückgrat, die der hinterhältigen Nahost-Politik, der verräterischen Doppelzüngigkeit der jetzigen Bundesregierung nicht zustimmen. Zeigen Sie, dass der Arafat-Verehrer Steinmeier, derzeit Bundespräsident, nicht für Sie sprach, wenn er dem mörderischen Regime im Iran „im Namen seiner Landsleute“ zum vierzigsten Jahrestag seiner blutigen Machtergreifung gratulierte. Machen Sie deutlich, dass Außenminister Maas, als er lächelnd und nett gekleidet in der UNO-Vollversammlung saß und dort an einem einzigen Tag 16 anti-israelischen Resolutionen zustimmte, nicht Ihre Interessen vertrat, sondern die einer kleinen, unbeliebten Politiker-Kaste.

Überlassen Sie diese Feiern den deutschen Politikern, die sich dort selbst beweihräuchern werden wie jedes Jahr: ihre Toleranz und Menschenliebe, ihre gönnerische Herablassung, Juden ein Lebensrecht und dem Staat Israel ein Existenzrecht zuzugestehen. Zum Glück sind wir nicht von der Gnade dieser Politiker abhängig – es wäre glatter Selbstmord. Es ist eine Schande, ein Schmerz, wie sie die Shoah missbrauchen, um von ihrer juden- und israelfeindlichen Politik abzulenken. „Nie wieder!“. Und dabei geschieht es täglich.“

Aus: Chaim Noll, Eine Schande, ein Schmerz

80 Jahre Pogromnacht

Deutschland. November 1938.

Die Nacht, in der jüdische Wohnhäuser, Geschäfte und Synagogen in Flammen aufgingen. Die Reichskristallnacht.

Die deutschen Behörden berichteten von 191 verbrannten Synagogen und von 96 Juden, die in jener Nacht ums Leben gekommen seien. Und wie sah die Wirklichkeit aus?

Die Untersuchungen des aus Deutschland gebürtigen Professors Meir Schwarz erbrachten ganz andere Ergebnisse. Nahezu 1550 Synagogen wurden demoliert oder niedergebrannt und an die 2500 Juden wurden ermordet oder nahmen sich aus Verzweiflung das Leben. Annähernd 30.000 Juden wurden in Konzentrationslager gesteckt und Zehntausende von jüdischen Wohnungen und Geschäften wurden geplündert. Die Reichskristallnacht. Die Pogromnacht.

Der 9. November des Jahres 1938 war das Fanal für die Juden in Deutschland, die Ankündigung des herannahenden Unheils der Vernichtung der europäischen Juden.

Die aschkenasische Judenheit hatte Blütezeiten gekannt. Über Jahrhunderte waren aus ihr rabbinische Gelehrte, Denker, Forscher und geistig Schaffende hervorgegangen. Als die Nationalsozialisten Ende Januar 1933 an die Macht kamen, wohnten in Deutschland über eine halbe Million* Juden [derzeitiger Stand (2017): 97.791], weniger als 1% der gesamten Bevölkerung, deren Einfluss im Handel, in Wirtschaft und Kultur unverhältnismäßig groß war. Zu jener Zeit gab es mehr als 2000 Synagogen in Deutschland und Österreich. Die Synagogen gehörten zu den schönsten Gebäuden am Ort. Zusammen mit der jüdischen Schule bildeten sie allenthalben das Zentrum der jüdischen Gemeinde.

In der Nacht des 9. November 1938, der sogenannten Reichskristallnacht, sahen die deutschen und österreichischen Nachbarn mit an, wie die Synagogen verbrannten, wie ganze Gemeinden vernichtet wurden und schwiegen dazu. Sie waren Zeugen, wie ihre jüdischen Nachbarn gedemütigt, verhaftet, misshandelt wurden und sahen weg. Mit schweigender Zustimmung der deutschen Bevölkerung und ohne spürbaren Widerstand der übrigen Staaten Europas nahm Deutschland Kurs auf den 2. Weltkrieg und auf die Vernichtung der Juden Europas.

(Text aus dem nachfolgenden Video)

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Deutschland. November 2018

So wichtig es ist, dass in vielen Städten der Novemberpogrome gedacht wird, es Veranstaltungen und Demonstrationen gibt, so wenig reicht es, nur der toten Juden zu gedenken. All das hat keinen Wert, wenn es keine Solidarität mit den lebenden Juden und Israel gibt.

Aus: Ruhrbarone, Stefan Laurin: Pogromnacht: Deutschland ehrt nur tote Juden