Purim Sameach!

Gestern Abend, am Abend des 9. März 2020, wurde in Israel der Beginn von Purim gefeiert. Zu den wichtigen Ereignissen dieses Festes gehört das Verlesen der Megillah [Buchrolle] Esther.

Ich überlasse an dieser Stelle das Wort an Rabbi Sacks. In seinem Artikel „The Therapeutic Joy of Purim“ (Die therapeutische Freude von Purim) führt er aus:

In Purim liegt etwas sehr Seltsames. Es ist vor allem ein Fest der Freude, „Yamei mishtei b’simcha“. Und nicht nur der Tag selbst ist ein freudiger, sondern einzigartig ist, dass wir diese Freude zwei Wochen vorher beginnen: „Misheh nichnas Adar marbim b’simcha“ bedeutet, dass wir von Anfang [des Monats] Adar [s. Wikipedia] an beginnen, unsere Freude zu vergrößern.

Und das ist nicht nur in den Wochen vor Purim so. Diese Freude ist das ganze Jahr über präsent. An jedem Ende eines Shabbats, während des Havdallah-Gottesdienstes [zur Bedeutung von „Havdallah“ s. Wikipedia], erinnern wir uns an diese Zeile aus der Megillah [Buchrolle] „Layehudim haitah orah v’simcha“, was bedeutet: „Für Juden gab es Licht und Freude“.

Doch was genau feiern wir an Purim? Die bloße Tatsache, dass wir überlebt haben? Dass Hamans Völkermorddekret nicht in Kraft getreten ist? Dass das teuflische Dekret „L’harog u’lehabed u’lehashmid“, [also] jeden einzelnen Juden, ob jung und alt, ob Mann oder Frau, an einem einzigen Tag zu töten, zu vernichten und auszurotten, abgewendet wurde? Das ist kein Grund zur Freude, das ist ein Grund zur Erleichterung. Das ist kein Grund zum Feiern, sondern in Wirklichkeit [Grund] für eine posttraumatische Belastungsstörung. Die Frage, die ich hier stelle, ist also, was ist diese einzigartige Freude von Purim?

Ich möchte die folgende Antwort vorschlagen. Es gibt zwei Arten von Freude. Es gibt die expressive Freude, die Freude, die man erlebt und kommuniziert, weil man sich so fühlt. Aber es gibt auch die therapeutische Freude, die Freude, die man selbst empfinden will, um sich vor negativen Emotionen zu schützen. Und wenn wir uns über Purim freuen, über dieses Fest, das genau genommen das Fest [der Sieg] über den Antisemitismus ist, sagen wir etwas sehr Wichtiges. „Wir lassen uns nicht einschüchtern. Wir werden nicht traumatisiert sein. Wir lassen uns nicht über unsere Feinde definieren. Wir werden mit den Bedrohungen leben und sogar darüber lachen, denn worüber wir lachen können, das kann uns nicht gefangen halten.“ Und das ist es, was die Freude an Purim wirklich ausmacht. Es geht darum zu überleben und darüber hinaus zu prosperieren, selbst wenn wir durch das Tal des Todesschattens gehen. Es ist eine Art zu sagen: „Ich werde essen und werde trinken und werde feiern und werde keine dunklen Wolken in meinen Geist oder mein Herz eindringen lassen.“

Daher enthält Purim eine echte Botschaft für unsere Zeit, in der wir die Rückkehr des Antisemitismus sehen. Wir dürfen uns niemals einschüchtern lassen. Und der jüdische Weg, dies zu vermeiden, besteht darin, marbim b’simcha zu sein, unsere Freude zu steigern. Denn das Volk, das die volle Dunkelheit der Geschichte kennt und sich dennoch freuen kann, ist ein Volk, dessen Seele keine Energie [Macht] auf Erden jemals brechen kann.

Lassen Sie mich Ihnen also Purim Sameach wünschen, ein Purim voller Freude.

Übersetzung: faehrtensuche

Valentinstag im Jahr 1349

Am Valentinstag 1349 wurden Tausende von Juden verbrannt, denen unterstellt wurde, Brunnen vergiftet zu haben.

von Dr. Yvette Alt Miller

Originalartikel: Horrific Valentine’s Day Massacre of Jews

Das entsetzliche Valentinstag-Massaker an Juden

Die meisten Menschen assoziieren den 14. Februar mit Liebe und Romantik. Doch vor Hunderten von Jahren kam es am Valentinstag zu einem entsetzlichen Massenmord, als 2.000 Juden in der französischen Stadt Straßburg lebendig verbrannt wurden.

Es war das Jahr 1349, als die (Beulen-)Pest, bekannt als der Schwarze Tod, über ganz Europa hinwegfegte und ganze Gemeinden auslöschte. Zwischen 1347 und 1352 tötete sie Millionen von Menschen. Der Historiker Ole J. Benedictow schätzt, dass 60% der Europäer an der Krankheit starben. Ein italienischer Schriftsteller hat dokumentiert, was die Pest der Stadt Florenz, in der er lebte, angetan hat: „Alle Bürger taten nur wenig anderes, als Leichen zu transportieren, die begraben werden mussten. … An jeder Kirche gruben sie tiefe Gruben bis zur Grundwasserschicht; und so wurden diejenigen, die arm waren und in der Nacht verstarben, schnell zusammengepackt und in die Grube geworfen.“

Die Beulenpest wird durch ein Bakterium namens Yersinia pestis verursacht und am häufigsten durch Flöhe verbreitet, die sich von Nagetieren wie Ratten und Mäuse ernähren. Die Krankheit existiert immer noch und jedes Jahr erkranken Tausende von Menschen, darunter eine Handvoll Menschen in den Vereinigten Staaten und anderen Industrieländern. Frühzeitig erkannt, ist die Beulenpest mit modernen Medikamenten behandelbar. Im Mittelalter gab es natürlich keine medizinische Behandlung, um die verheerenden Auswirkungen der Pest zu mildern. Schätzungsweise sind etwa 80% der Menschen, die sich im Mittelalter mit der Pest infiziert haben, gestorben.

Der erste große europäische Ausbruch der Pest ereignete sich 1347 in Messina, Italien, und von dort breitete sie sich rasch aus. Historiker schätzen, dass die größte Woge der Beulenpest – die Pandemie, die als Schwarzer Tod bezeichnet wurde – ihren Ursprung in Zentralasien hatte. Als sie durch die europäischen Gemeinden zu fegen begann, sahen sich verängstigte Menschen nach einem Schuldigen um. Juden waren eine natürliche Wahl. Als der Schwarze Tod vorrückte, wandten sich die Christen gegen die Juden in ihrer Mitte und beschuldigten diese, die Pest durch Vergiftung der Brunnen der Christen zu verbreiten.

Juden, die oft gezwungen wurden, in überfüllte und umzäunte jüdische Viertel zu leben, litten in einem vergleichbaren Ausmaß unter dem schwarzen Tod wie ihre christlichen Nachbarn. Doch obwohl es offensichtlich war, dass auch Juden krank wurden und starben, beschuldigten viele Christen die Juden, die Krankheit absichtlich zu verbreiten, um Christen zu schaden. Der Historiker Heinrich Graetz beschrieb die fieberhafte Atmosphäre des Hasses und der Anschuldigungen gegen die europäischen Juden wie folgt: „… Es entstand der Verdacht, dass die Juden die Bäche und Brunnen und sogar die Luft vergiftet hätten, um die Christen eines jeden Landes mit einem Schlag zu vernichten ”. (Ausführlich in Graetz‘ Geschichte der Juden, 1894)

Jüdische Gemeinden wurden angegriffen. Damals existierten etwa 363 jüdische Gemeinden in Europa. In der Hälfte von ihnen wurden Juden von Mobs angegriffen, die sie für die Verbreitung der Pest verantwortlich machten.

Diese Angriffe waren entsetzlich gewalttätig. In Köln wurden die Juden in eine Synagoge gesperrt, die dann in Brand gesteckt wurde. In Mainz wurde die gesamte große jüdische Gemeinde der Stadt an nur einem Tag ermordet. Juden wurden in ganz Europa, in Spanien, Italien, Frankreich, den Niederlanden und den germanischen Ländern massakriert und gefoltert. Kaiser Karl I., der Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, verfügte, dass der Besitz von Juden, die wegen angeblicher Ausbreitung der Pest ermordet wurden, ungestraft von ihren christlichen Nachbarn beschlagnahmt werden durfte. Mit diesem finanziellen Anreiz, Juden zu töten, wurden die Angriffe nur noch verstärkt.

1349 versuchte eine Gruppe von Feudalherren im französischen Elsass, die Angriffe auf Juden offiziell zu machen. Sie versammelten sich in der französischen Stadt Benfeld und gaben den Juden formell die Schuld am Schwarzen Tod. Sie verabschiedeten auch eine Reihe von Maßnahmen, um Juden ins Visier zu nehmen. Sie sonderten sie wegen Mordes aus und forderten ihre Vertreibung aus den Städten. Dieses „Benfeld-Dekret“ hatte eine sofortige Wirkung. In 30 Gemeinden im ganzen Elsass wurden Juden angegriffen. Nur die Stadt Straßburg, die eine große jüdische Gemeinde hatte, leistete Widerstand und schützte die Juden ihrer Stadt.

In Straßburg herrschte zu Beginn des Jahres 1349 eine angespannte Stimmung. Der Schwarze Tod hatte die Stadt noch nicht erreicht; allerdings warteten die Bürger ängstlich auf den ersten Fall von Opfern, die jeden Tag erkranken und sterben würden. Straßburgs Bischof Berthold III. wetterte gegen die Juden, aber die gewählten Vertreter der Stadt blieben standhaft. Bürgermeister Kunze aus Wintertur, Straßburgs Schultheiß Gosse Sturm und ein örtlicher Laienführer namens Peter Swaber verteidigten und schützten die Straßburger Juden lautstark.

Am 10. Februar 1349 hatten die unruhigen Bürger schließlich genug. Ein Mob erhob sich und stürzte die Straßburger Stadtregierung. Stattdessen setzte er eine instabile Regierung „des Volkes“ ein. Diese hasserfüllte Gruppe, die nun das Sagen hatte, war ein seltsames Amalgam: Angeführt von den örtlichen Metzger- und Schneidergilden, wurde sie von örtlichen Adligen, die die Juden hassten und hofften, deren Besitz zu beschlagnahmen, finanziell unterstützt. Eine der ersten Aktionen dieses neuen Mobs bestand darin, die Juden der Stadt unter dem Vorwurf zu verhaften, christliche Brunnen zu vergiften, um den Schwarzen Tod zu verbreiten.

Freitag, der 13. Februar 1349, war ein schwarzer Tag für die Straßburger Juden. Normalerweise hätten sie den Tag damit verbracht, sich auf den Shabbat vorzubereiten, Challah zu backen, ihre Häuser zu putzen und festliche Mahlzeiten zuzubereiten. Stattdessen wurden Frauen, Kinder und Männer unter schwerer bewaffneter Bewachung aus ihren Häusern geschleppt, inhaftiert und des Mordes angeklagt. Jeder Jude, der bereit sei, zum Christentum zu konvertieren, würde verschont bleiben, hieß es. Während die verängstigten Juden auf ihr Schicksal warteten, bauten die neuen Gouverneure der Stadt eine riesige Holzplattform, die Tausende von Menschen im Inneren des jüdischen Friedhofs halten konnte. Für die Juden war der nächste Tag der Shabbat. Für die christlichen Bürger von Straßburg war der nächste Tag der 14. Februar, der Valentinstag. Sie bestimmten diesen Tag des Heiligen [Valentin] als den Tag, an dem sie Straßburgs gesamte jüdische Bevölkerung exekutieren würden.

Am Morgen des Valentinstags versammelte sich eine große Menschenmenge, um zuzuschauen. Ein ortsansässiger Priester namens Jakob Twinger von Konigshofen hat das grausame Massaker festgehalten: „Sie verbrannten die Juden auf einer hölzernen Plattform auf ihrem Friedhof“, schrieb er. „Es waren etwa zweitausend.“ Einige kleine Kinder wurden den Armen ihrer Eltern entrissen und gerettet, damit sie getauft und als Christen erzogen werden konnten. Jedoch gab es für die meisten Juden keine solche Hilfe. Als die riesige Holzkonstruktion in Flammen aufging, wurden rund zweitausend Juden langsam bei lebendigem Leib verbrannt.

Ihre Ermordung dauerte Stunden. Danach durchkämmten eifrige Stadtbewohner die schwelende Asche, nicht [etwa], um Überlebende zu suchen, sondern um nach Wertsachen zu suchen. Von Konigshofen notierte das finanzielle Motiv für dieses enorme Massaker: „… alles (alle Schulden), was den Juden geschuldet wurde, wurde gestrichen … Der Rat … nahm das Geld, das die Juden besaßen, und teilte es anteilig unter die Arbeiter auf. Das Geld war in der Tat das, was die Juden tötete. Wenn sie arm gewesen wären und wenn die Feudalherren keine Schulden gehabt hätten, wären sie nicht verbrannt worden.“

Straßburgs Regierung des Mobs und seine Bürger wurden nicht kritisiert. Einige Monate später begnadigte Kaiser Karl IV. offiziell die Bürger von Straßburg dafür, dass sie die Juden ihrer Stadt ermordet und ihr Geld gestohlen hatten.

Im Laufe der Zeit schienen viele die Katastrophe der Gewalt zu vergessen, die zur Folter und Ermordung so vieler Juden zur Zeit des Schwarzen Todes führte. Jedoch sind wir es den Opfern schuldig, ihrer zu gedenken.

Übersetzung: faehrtensuche

A. Merkel – “ … nur noch von taktischen Erwägungen bestimmt …“ (Chaim Noll)

„Wenn das Handeln eines Politikers – in diesem Fall einer Politikerin – nur noch von taktischen Erwägungen bestimmt wird, kann man von Inhaltsleere sprechen, von konzeptioneller Armut, man kann es auch Täuschung, Falschheit oder Infamie nennen. Fast nichts, was diese Frau tut, ist ohne Kalkül, ohne Berechnung. So auch ihr Besuch in Auschwitz. Gerade jetzt, da die deutsche Regierung international ins Gerede gekommen ist für ihre anti-israelische, daher im Kern anti-jüdische Politik.

Israel ist einer der Eckpfeiler jüdischen Lebens in der Welt, und wer Israel schadet, der schadet den Juden. Auch wenn es Juden gibt, die betonen, man könne ein guter Jude sein, ohne für Israel einzustehen, man könne Jude sein und Antizionist – glaubt ihnen nicht, sie schwindeln, und sie wissen es auch. Denn käme es hart auf hart, müssten sie fliehen, von wo sie heute sind, wären sie die ersten, die hier Obdach suchten. Dazu ist dieser Staat gegründet worden, und dazu muss er stark sein. Wer ihn schädigt, sei es durch Unterstützung seiner übelsten Feinde, sei es durch Stigmatisierung in den Abstimmungen der Vereinten Nationen, der will den Juden nicht wohl, und wenn er hundert Klagelieder in Auschwitz anstimmt.“

Chaim Noll in: So billig kommt ihr nicht davon

Verlangt die jüdische Moral, dass Israel das Westjordanland verlässt?

von Evelyn Gordon, 20. November 2019

Originalartikel: Does Jewish morality require Israel to leave the West Bank?

Der Zionismus scheint ein binärer Satz zu sein: Man ist entweder für oder gegen die Existenz eines jüdischen Staates. Aber eine dritte Option ist immer beliebter geworden, eine, die ich als konditionalen Zionismus bezeichnen würde. Demgemäß hat ein jüdischer Staat ein Existenzrecht, jedoch nur, wenn er bestimmte Bedingungen erfüllt.

Diese Position breitet sich unter liberalen amerikanischen Juden rasch aus. In einem Aufsatz in Haaretz vom August argumentierte Abe Silberstein zum Beispiel, dass Israel zur Schaffung eines palästinensischen Staates gezwungen werden müsse, weil sonst die einzigen Alternativen die Aufrechterhaltung des Status Quo oder eine Einstaatenlösung seien – und jeder moralische Jude müsste der Meinung sein, Letzteres sei „eindeutig vorzuziehen“, obwohl das wahrscheinlich die jüdische Staatlichkeit beenden würde. Mit anderen Worten, das Existenzrecht des jüdischen Staates hängt von der Erfüllung palästinensischer (und amerikanisch-jüdischer) Forderungen ab.

Diese Position ist auch unter Nichtjuden verbreitet. So kam beispielsweise Gavin D’Costa in einem für Mosaic verfassten Essay vom September zu der Frage, ob ein katholisches Äquivalent zum protestantischen Zionismus möglich sei, zu dem Schluss: „Wenn der israelisch-palästinensische Konflikt morgen mit voller Zustimmung beider Seiten und internationaler Unterstützung beigelegt werden sollte, glaube ich, dass der offizielle katholische Zionismus ziemlich schnell zum Vorschein käme.“ Mit anderen Worten, die Kirche könnte eines Tages einen jüdischen Staat akzeptieren, aber nur, wenn Israel die palästinensischen (und westlichen) Forderungen erfüllt.

Angeblich könnten solche Positionen als einfacher Antisemitismus abgetan werden, der auf Natan Sharanskys berühmtem 3D-Test (Dämonisierung, Delegitimierung und Doppelmoral) basiert. Das maßgebliche Kriterium ist hier die Doppelmoral, da die Existenz eines anderen Landes nicht von dessen Verhalten abhängig gemacht wird, selbst wenn dieses Verhalten weitaus schlimmer ist als das Israels. Zum Beispiel besetzt China Tibet seit fast 70 Jahren und hält derzeit eine Million Uiguren in Gefangenenlagern fest. Viele Menschen wollen, dass diese Politik gestoppt wird. Aber niemand sagt, dass ein chinesischer Staat ohne solche Veränderungen kein Existenzrecht hat.

Dennoch ist es ein offensichtliches Problem, den konditionalen Zionismus als antisemitisch abzutun: Jede Begründung für einen jüdischen Staat, ob religiös oder säkular, beruht auf dem Anspruch der Juden, ein eigenes Volk mit einer eigenen Religion, Sprache und Kultur zu sein. Und genau dieses Erbe betrachtet das Recht des jüdischen Volkes, in seinem Land zu bleiben, in Abhängigkeit von seinem moralischen Verhalten. Das ist kein kleines Detail, sondern ein Kernelement der jüdischen Theologie.

Das wird wiederholt in der Bibel erwähnt. Es ist im Shema-Gebet enthalten, der engsten Annäherung des Judentums an ein Credo, das observante Juden zweimal täglich rezitieren. Es ist der Grund, den die Rabbiner des Talmud sowohl für das erste als auch für das zweite Exil angeben (sie führten das erste auf Mord, Götzendienst und verbotene sexuelle Beziehungen zurück und das zweite auf grundlosen Hass). In der Tat, gerade weil dies so grundlegend ist, scheint es selbst für säkulare Juden, die fast jede sonstige Spur des Judentums aufgegeben haben, oder für eine katholische Kirche, die die hebräische Bibel zugunsten des Neuen Testaments herabgestuft hat, immer noch selbstverständlich zu sein. (Der Hauptgrund, warum der christliche Zionismus ein protestantisches Phänomen ist, liegt darin, dass die Protestanten der hebräischen Bibel mehr Gewicht beimessen als die Katholiken).

Bedeutet das, dass konditionale Zionisten Recht haben und dass Israels Existenzrecht von der Erfüllung palästinensischer Forderungen abhängt? Keineswegs, denn es gibt einen entscheidenden Unterschied zwischen dem modernen konditionalen Zionismus und der biblischen Version: Weder die Bibel noch das damit verbundene talmudische Judentum haben jemals darauf bestanden, dass die jüdische Moral vom jüdischen Staat verlangt, Selbstmord zu begehen.

Ein weiteres Grundprinzip des Judentums ist wohl, dass die Befolgung der Gesetze Gottes zum Leben führt und nicht zum Tod (siehe 5. Mose 30:19 oder 3. Mose 18: 5). Folglich erlaubt der Talmud, dass – um ein Leben zu retten – gegen fast jedes religiöse Gebot (außer Mord, Götzendienst und verbotene sexuelle Beziehungen) verstoßen werden kann. Er deklariert auch, dass, wenn jemand kommt, um dich zu töten, [gilt]: „Erhebe dich und töte ihn zuerst.“

Aus dem gleichen Grund wird die nationale Selbstverteidigung als eine der wichtigsten Aufgaben eines jüdischen Führers und möglicherweise sogar als religiöse Verpflichtung angesehen. Die Bibel selbst sagt lediglich, dass einige Kriege obligatorisch sind, ohne zu definieren, welche Kriege in diese Kategorie fallen. Aber eine Interpretation, die unter anderem vom großen mittelalterlichen jüdischen Gelehrten Maimonides angenommen wurde, besagt, dass sie Selbstverteidigungskriege einschließt.

Das heißt natürlich nicht, dass alles möglich ist. Selbst in Kriegszeiten setzt die Bibel dem Verhalten einer Armee Grenzen – durch das ursprüngliche Kriegsrecht. Aber die jüdische Tradition lehnt die Vorstellung, dass Moral nationalen Selbstmord verlangt, vollkommen ab. Im Gegenteil, sie betrachtet die Verteidigung des jüdischen Gemeinwesens als positives moralisches Gut.

Was hat das alles mit den Palästinensern zu tun? Ganz einfach: Selbst wenn man die (falsche) Prämisse akzeptiert, dass der Verzicht auf das Westjordanland tatsächlich den palästinensischen Ansprüchen genügen würde, bleibt die Tatsache bestehen, dass Israel nicht allein oder nicht einmal in erster Linie wegen der Siedler da ist, die sich wiederholt als unfähig erwiesen haben, territoriale Zugeständnisse zu verhindern (siehe die Osloer Abkommen, den Rückzug aus Gaza, die weitreichenden Angebote der Ministerpräsidenten Ehud Barak und Ehud Olmert). Es ist da, weil die meisten Israelis aufgrund bitterer Erfahrung keine Möglichkeit sehen wegzugehen, ohne nationalen Selbstmord zu begehen.

Der Rückzug aus Teilen des Westjordanlandes im Rahmen der Osloer Abkommen führte zu dem tödlichen Terror der Zweiten Intifada, der erst endete, als die israelische Armee die Kontrolle über diese Gebiete wieder übernahm. Der Rückzug aus dem Gazastreifen führte zu 14 Jahren (und mehr) fast ununterbrochenem Raketen- und Mörserfeuer auf Südisrael. Ein ähnliches Ergebnis wäre im Westjordanland weitaus tödlicher, das sich – anders als Gaza – in unmittelbarer Nähe zu Israels wichtigsten Bevölkerungszentren, Wirtschaftszentren und dem internationalem Flughafen befindet. Der Rückzug aus dem Südlibanon im Jahr 2000 befähigte die Hisbollah, einer Terrororganisation, ein direkt auf Israel gerichtetes Raketenarsenal zu erwerben, das größer ist als das vieler nationaler Armeen.

All das hat die meisten Israelis davon überzeugt, dass die Abtretung des Westjordanlandes militärisch selbstmörderisch ware, wenn es keine radikale und unvorhergesehende Änderung des palästinensischen Verhaltens gibt. Und da eine Einstaatenlösung sich immer noch demografisch selbstmörderisch ausnimmt, bleibt eine Version des Status Quo die am wenigsten schlechte Option – nicht nur für Israel, sondern auch für die Palästinenser, wie ich in einer nachfolgenden Kolumne erläutern werde.

Ist also der konditionale Zionismus antisemitisch? Das hängt von den Bedingungen ab. Aber heutzutage umfasst die zentrale Bedingung normalerweise selbstmörderische israelische Konzessionen an die Palästinenser. Daher verlangen die heutigen konditionalen Zionisten, dass sich eine Nation, von allen Nationen der Welt, um der anderen willen selbst zerstört. Und ja, das ist antisemitisch.

Übersetzung: faehrtensuche

#Halle

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„Verantwortlich für die Tat ist nur der Täter. Aber ermutigt wurde er von einer Gesellschaft, die das NIE WIEDER nicht entschlossen verteidigt. Vor unserer Geschichte ist das eine niederschmetternde Botschaft. Dieser Tag ist eine Schande für unser Land.“

Julian Reichelt, Kommentar zum Anschlag in Halle, Nie wieder!

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„Der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde Halle sagte in einem Interview mit einer israelischen Zeitung, aus Sicht der Opfer wäre es gleichgültig, ob der Attentäter ein Nazi, ein Linksradikaler oder ein Muslim sei, Bedeutung hätte nur, ob man endlich etwas gegen den Judenhass tut. Die regierenden deutschen Politiker trifft die volle Verantwortung für das, was derzeit geschieht: die allmähliche Verwandlung Deutschlands in ein für Juden unbewohnbares Land. Und wir teilen diese Verantwortung, wenn wir sie davon kommen lassen, mit billigen Betroffenheits-Bekundungen wie bisher jedes Mal.“

Chaim Noll, Pathologische Toleranz

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„Viel schlimmer als diesen ganzen alten Nazi-Zirkus finde ich, dass die Bundesrepublik sehr produktive und freundschaftliche Beziehungen zum Iran unterhält, der mit aller Klarheit verspricht, den Job der Nazis zu Ende zu bringen. Die Entgleisungen alter Nazis sind widerlich, aber sie sind heute auch unmaßgeblich. Die heutige Gesellschaft hat große Sympathien für tote Juden, tut sich aber schwer damit, sich für die lebenden Juden einzusetzen.

[…]

Doch das tiefe Bad in der Geschichte, das wir alle noch jeden Tag nehmen, reicht mir langsam. Ich mache mir Sorgen um den Fortbestand von Israel, und der Kampf gegen den Antisemitismus sollte mit der deutschen Iran-Politik anfangen.“

Henrik M. Broder im Interview mit Joerg Helge Wagner