Abschied von Ester Golan

Ester Golan

Gestern Morgen erreichte mich die Nachricht vom Tod Ester Golans. Dort heißt es unter anderem:

„Ester ist am 7.4.2013 friedlich in ihrem Haus gestorben.
Sie möchte, dass wir sie fröhlich, aktiv und kreativ in Erinnerung behalten.

Aus ihrer Sicht war der „Pessach-Seder“ ihre Abschiedsfeier, den sie im Kreis von 35 Menschen, ihrer Familie und engsten Freunden verbringen konnte.

Sie war überglücklich von ihren Enkelkindern die Pessach-Geschichte zu hören. Die Begeisterung war groß, diese in Aktion zu sehen.

Ester hielt die „Haggada“, die sie von ihren Eltern bekommen hatte, in ihren Händen. Diese wurde von Generation zu Generation weitergereicht und sie wird auch noch an die zukünftigen Generationen weitergegeben werden.“

Möge der EWIGE die Angehörigen trösten und sie segnen.

Ester hat einen bleibenden Eindruck auf mich hinterlassen. Sie war eine starke und streitbare Kämpferin, die nicht müde wurde, sich als Zeitzeugin und Versöhnerin einzusetzen. Ich bin unendlich dankbar, sie kennengelernt zu haben. Leider war es mir nicht mehr vergönnt, sie in diesem Frühjahr nochmal wiederzusehen.

[Foto der Anzeige entnommen]

Über die Notwendigkeit, sich zu begegnen

GASTBEITRAG von ESTER GOLAN, Israel

Das war mir schon damals unheimlich. Ich suchte Zusammenarbeit [Ester bezieht sich hier auf die Zusammenarbeit mit der Gesellsaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit (faehrtensuche)], um uns gegenseitig kennenzulernen, aber keine Ökumene. Ich war schon immer stolz auf mein Judesein, so wie es mir meine Mutter beibrachte, und wollte es auch bleiben.

Jeder weiß, dass 6.000.000 Juden in der Shoa umgekommen sind, nur weil sie Juden waren. Aber wer sind die Juden? Wie leben sie? Zu wem beten sie? Worin liegt der Unterschied zwischen Juden und Nicht-Juden? Es gibt so viele Fragen.

Wenn ich an meine Kindheit in den 20-er Jahren zurückdenke, lange bevor Hitler zur Macht kam, konnte man niemandem ansehen, welcher Religion er angehörte. Friedrich der Große hatte gesagt: „Jeder soll nach seiner Facon selig werden“.

In Schlesien, wo ich aufgewachsen bin, war man katholisch oder evangelisch, Jude oder Christ, gleich angezogen, jeder verdiente sein Geld auf ähnliche Art und Weise. Aber gesellschaftlich blieb man getrennt. Katholische Familien besuchten katholische Familien, evangelische besuchten evangelische und Juden besuchten Juden. Jeder feierte seine Feste und betete wie es in seiner Religion üblich war, ob im Familienkreis, Kirche oder Synagoge. Ich ging in eine katholische Schule, da es keine jüdische Schule in der Stadt gab. Fräulein Filke, meine Lehrerin, hatte bereits vor vielen Jahren meine Mutter in derselben Schule unterrichtet. Und auf einmal, von einem Tag zum anderen, 1933 änderte sich das. Plötzlich gehörten wir nicht mehr dazu. Als Juden wurden wir ausgeschlossen, entrechtet, vertrieben oder ermordet, so auch meine Eltern.. Warum? Weil wir anders beteten? Weil wir anders glaubten? Nur weil wir Juden waren?

Heute, im 21. Jahrhundert, ist es höchste Zeit, dass jede Religion bereit sein sollte, anderen Religionen das Recht einzuräumen, einen anderen Weg, ihren eigenen religiösen Weg zu finden und zu gehen. Keine Religion ist die einzige auf der Welt. Auch die Juden haben das Recht, ihre Religion auf ihre eigene Art und Weise zu gestalten. Anders sein ist nicht immer leicht. Aber wem begegne ich, wenn nicht dem Anderen? Ein altes Sprichwort lautet: „Was der Bauer nicht kennt, das frisst er nicht.“ Das könnte man auch so deuten, wen ich nicht kenne, mit dem rede ich nicht, dem höre ich nicht zu, den verachte ich, einfach, weil er anders ist und anders glaubt als ich. Die Grundlage für ein kongeniales Miteinanderleben liegt darin, überhaupt erst einmal einander zu begegnen, um sich kennenzulernen. Egal, welcher Kultur oder welcher Religon man angehört, sich dem „Anderen“ in seinem Anderssein vorzustellen.

Religionen und Kulturen sind unterschiedlich. Das muss man lernen zu akzeptieren. Es geht darum, die Unterschiede zu hören, wahrzunehmen und sie auszuhalten. Den „Anderen“ trotz seines anderen Glaubens zu achten und ihm nicht mit einem Vorurteil, das auf Unwissen beruht, zu begegnen.

Es ist dringend notwendig, sich persönlich kennenzulernen, sich gegenseitig vorzustellen. Grundsätzlich muss Wert darauf gelegt werden, dass jeder seine eigene Religion selber vorstellt, um die Unterschiede wahrzunehmen, zu akzeptieren und stehen zu lassen. Es ist nicht immer leicht, dem „Anderen“ zuzuhören, ihn in seinem Anderssein zu akzeptieren und als Mensch zu achten. Die Unterschiede sind groß, sollen aber nicht im Wege stehen, wenn man sich in purer reiner Menschlichkeit begegnet. Jedem gebührt das Seine. Jedem gebührt sein eigener Glaube, auch wenn er anders ist.

Unterschiede sind keine Konkurrenz. Es ist ein Gegenüberstehen und dem ‚“Anderen“ zuhören, nicht zu widersprechen, nicht zu richten oder zu verurteilen. So wie der Andere ist und so wie er glaubt, ihn zu akzeptieren. Das was der Andere glaubt, ist für ihn so gültig, wie dein eigener Glaube gültig für dich ist. Das Judentum umfasst die Thora (Lehre), Israel: das Volk Israel und das Land Israel. Die Geschehnisse der Thora handeln von dem Land Israel. Jude sein bedeutet Zugehörigkeit zu dem jüdischen Volk. Man ist Jude, wenn man von einer jüdischen Mutter geboren ist oder wenn man bewusst zum Judentum übergetreten ist. Das ist ein langer Prozess, den nur wenige gehen.

Auf der anderen Seite, Missionieren ist ein Bestandteil des Christentums. In Israel wird aus jüdischer Sicht das Verteilen des Neuen Testaments als Missionieren angesehen, etwas, das hierzulande gesetzlich verboten ist. Es ist wichtig, dies einzusehen und sich an die Gesetze des Landes zu halten.

Auch Juden, die nicht religiös sind, oder nicht fromm, wie man sie früher bezeichnete, sind Juden und gehören dem jüdischen Volk an und wollen nicht missioniert werden. Ob man in den Himmel kommt oder nicht, so wie ein katholischer Gläubiger oder ein Moslem sich den Himmel vorstellt, sollte immerhin jedem selbst überlassen sein. Jeder hat die freie Wahl. Getauft oder beschnitten, man muss dem „Anderen“ das Recht gewähren, seinen Weg unbelastet gehen zu können. Glauben ist Glauben und Politik ist Politik. Wie immer eng die zwei miteinander verbunden sein mögen, sollten sie doch auseinander gehalten werden. Auch wenn es politisch krasse Unterschiede geben mag, sollte man lernen, den eigenständigen Menschen als eigenständigen Menschen kennenzulernen. Dazu ist es wichtig, erst einmal gegenseitiges Vertrauen aufzubauen. Zu dem gehört, den „Anderen“ kennenzulernen, etwas über seinen Glauben von ihm selbst zu hören, über sein dazu gehöriges Verhalten zu hören und ihn als Mensch zu achten.

Um es auf den Punkt zu bringen

Vor 50 Jahren lernte ich, Touristen-Führerin zu sein. In einem Land, in dem es heilige Stätten von drei verschiedenen Religionen gibt, möchte doch jeder auf seine Kosten kommen. Also studierte ich im Rahmen von vergleichenden Religionswissenschaften (Komparative Religion) etwas über den Islam und mit Prof. Flusser übers Christentum. Inbegriffen waren Besuche heiliger Stätten aller drei Religionen. Das öffnete mir die Augen für die vielen Variationen, die es in jeder der Religionen gibt.

Seit vielen Jahren gehöre ich verschiedenen interreligiösen Gruppen an. Unter anderen Israel Interfaith Association, Interfaith Encounter, Compassionate Listening, Ecumenical Fraternity, Rainbow, Trust- Emun (Mitbegründer der letzteren). In Israel gab es aller Orten und in unterschiedlichen Rahmen Begegnungen von Menschen verschiedener Religionen, bis die Intifada, die vor zehn Jahren ausbrach, diese Begegnungen sehr einschränkte. Doch einige waren standhaft. So zum Beispiel Compassionate Listening geleitet von Leah Green, die ihren Workshop mit Palästinensern und Israelis vor der Intifada gemeinsam und nach der Intifada getrennt fortgeführt hat. Beide Seiten trafen sich aber dann, trotz allem, auf halbem Weg in Tantur. Die Geschichte des Anderen anzuhören, ohne sich einzumischen und ohne zu urteilen, ist wahrlich nicht immer leicht, aber notwendig. Sein Narrativ und mein Narrativ sind nun einmal unterschiedlich. Man muss sie auch so stehen lassen und lernen, sich gegenseitig, trotz aller Unterschiede, zu achten. Leah Green hat auch in Deutschland Compassionate Listening Workshops zwischen Deutschen und Juden gehalten, was sicher für beide Seiten nicht leicht war.

Ein anderes Beispiel, die Frauengruppe von „Interfaith Encounter„, die 2000 gegründet wurde und der ich auch angehörte. Als 2002 mein Enkel in den Kämpfen von Jenin gefallen war, besuchten mich sowohl christliche als auch moslemische Frauen, um mir ihr Beileid auszudrücken. Das rechnete ich ihnen hoch an, und es half mir, auch weiterhin in der Gruppe mitzuarbeiten.

Um der Entfremdung 2003 einen Halt zu verschaffen, gelang es Fr. Emil Shoufani, Schulleiter des St. Josef Seminar in Nazareth, seiner Partnerin Ruth Bar-Shalev und Nazir Magali, einem muslimischen Journalisten, angelehlnt an die Philosophie von Emanuel Levinas, die Initiative zu ergreifen und in einem Seminar in Yad Vashem etwas über die Shoa zu lernen. Anschließend fuhr eine Delegation (zu der ich gehörte) von 250 Juden, Christen, Muslimen, Drusen und Beduinen nach Ausschwitz. Indem man dem „Anderen“ begegnet, übernimmt man laut Levinas auch die Verantwortung ihm gegenüber. Das gemeinsame Gedenken „Vom Erinnern zum Frieden“ war etwas Außergewöhnliches für viele der Teilnehmer. Seine Wirkung war nachhaltig und wichtig, denn es trug zu einem besseren gegenseitigen Verständnis bei.

In einer demokratischen Gesellschaft kommt es darauf an, sich auch seinem politischen Gegner gegenüber menschlich zu verhalten.

Egal, wie die politische Situation auch sein mag, es ist wichtig, seine eigene Menschlichkeit und die seines Gegners zu bewahren und sich als Mensch zu begegnen. Gewiss ist das in einer Konfliktsituation nicht leicht in die Tat umzusetzen. Aber darum geht es und daran muss man ständig arbeiten. Es lohnt sich, Zeit und Geld zu investieren, um Gelegenheiten für Begegnungen zu schaffen. Es ist auch notwendig, dass man auf die Gesetze und besonders auch auf den Kalender der anderen Religionen Rücksicht nimmt, keine Termine an Feiertagen der anderen Religion ansetzt, was leider oft passiert.

Nicht nur die Spitzen der Religionen, Bischöfe und Rabbiner, auch für den einfachen Menschen ist es dringend notwendig und zu seinen Gunsten, sich zu begegnen, Vorurteile abzubauen und ein gegenseitiges Vertrauen aufzubauen. So haben wir vor drei Jahren [2006] „Trust – Emun“ (Vertrauen) gegründet. Grundlegend für die gemeinsame Arbeit ist die Begegnung in Paaren oder kleineren Gruppen. Dies ist wichtig, damit auch der Einzelne zu Worte kommt, dies auf gleicher Ebene geschieht und man sich gegenseitig in die Augen sieht.

Im Laufe der Jahre haben viele Menschen an den verschiedenen interreligiösen Gruppen teilgenommen und davon profitiert. Sie konnten sich so ein besseres und gerechteres Bild von ihrem Gegenüber verschaffen. Leider kommt es immer wieder vor, dass manche wegbleiben, aus Angst von ihren Nachbarn als Kollaborateur angesehen zu werden.

Die verschiedenen Denkansätze kommen sehr gut zum Ausdruck in dem Buch „60 Jahre, 60 Stimmen (60 Years 60 Voices) Israelische und palästinensische Frauen“ – hrsg. von Patricia Smith Melton, Peace X Peace, in Englisch, Hebräisch und Arabisch (eine der Frauen in dem Buch bin ich).

Für Gruppen, die nach Israel kommen, um den Konflikt zu sehen, ist es nicht leicht, die Schwierigkeiten, die hier bewältigt werden müssen, zu verstehen. Ich halte Vorträge in Israel, Deutschland und Österreich vor Juden und Christen, in Schulen, in Yad Vashem, vor unseren Soldaten und vor Gruppen aus aller Welt und verschiedener Religionen. Unter anderem vor Gruppen junger Volontäre, die mit Aktion Sühnezeichen Friedensdienste oder anderen Brückenbauern aus Deutschland kommen. Ihnen erzähle ich mit Hilfe einer PowerPointProjektion die Geschichte einer jüdischen Familie, meiner Familie, meine Geschichte als Flüchtling auf Umwegen von Berlin nach Jerusalem. Sie sind oft sehr erstaunt, Neues zu erfahren, denn viele glaubten, alles über die Juden, die Israelis und Palästinenser zu wissen.

Wenn Christen aus Deutschland und Juden, Deutsche und Israelis, gelernt haben, miteinander umzugehen, so kann das ein Modell sein für andere verfeindete Gruppen oder Angehörige unterschiedlicher Religionen und Kulturen, um gleiches anzustreben.

So kann ich nur immer wieder die Notwendigkeit von Begegnungen unterstreichen.

Die Zeit ist gekommen, dass Menschen unterschiedlicher Religionen, wo immer sie in der Welt leben, sich begegnen und gegenseitig achten lernen.

© Ester Golan

[Gastbeiträge geben ausschließlich die Meinung des Autors wieder.]

Ester hat mich darauf aufmerksam gemacht, dass zu diesem Artikel ihr Gedicht „Begegnung mit dem Anderen“ gehört.

Begegnungen

mit dem Anderen

Bevor ich den Artikel über Ester Golan veröffentlichte, hatte ich ihn ihr zu lesen gegeben, um eine Reaktion darauf von ihr zu bekommen. Als Ergänzung zu meinem Artikel und als Antwort auf die Anmerkungen zum „Sollen“ statt zum „Müssen“ gab Ester mir bei einem zweiten Besuch das von ihr verfasste Gedicht „Begegnungen mit dem Anderen“ zu lesen. Hierin macht sie auf besondere Weise ihr Anliegen deutlich, in Erwartung an den anderen nicht von „müssen“ zu sprechen, sondern von „sollten“. Um Esters Anliegen hervorzuheben, möchte ich dieses Gedicht in meinen Blog aufnehmen. Mein besonderer Dank geht dabei an die Autorin, die mir ihr Gedicht „Begegnungen mit dem Anderen“ zur Verfügung gestellt hat! Es ist auch im Themenheft 2011 („Aufeinander hören – miteinander leben“) der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Deutscher Koordinerungsrat e.V. erschienen.

Übrigens: Bei meinem zweiten Besuch bei Ester kam die ganze „streitbare“ Ester zum Vorschein! Sie gibt nicht auf, am allerwenigsten sich selbst! Eine wahrhaft „starke Frau“!

Hier nun ihr Gedicht:

Begegnungen mit dem Anderen

Wem begegne ich, wenn nicht dem Anderen?
Der Andere ist anders als ich.
Er denkt anders.    Er spricht anders.
Er glaubt anders.    Er handelt anders.
Ich handle anders als er.    Ich spreche anders als er.
Ich meine es anders als er es vermeint zu verstehen.
Ich denke anders und kann mich
schwer in seine Denkart hinein denken.
Ich glaube.    Ich bin anders als er.    Ich bin ich.
Ich möchte als anders wahrgenommen werden.
Ich möchte nicht verglichen werden.
Ich versuche darzustellen wer ich bin.
Ich und er sind unterschiedlich.

Er und ich, ich und er,
wir können uns nicht miteinander vergleichen
Er muss seinen Weg gehen
so wie ich den meinen gehen muss.
Wir begegnen uns.
Aber wir begegnen uns in unserem Anderssein.
Er begegnet vielen,    ich begegne vielen.
Ich kann mich nicht vielen angleichen.
Auch er kann sich nicht vielen angleichen,
sonst bleibt er nicht er.
So wie ich doch ich bleiben möchte,
möchte er gerne er bleiben.
Ich kann nicht er werden
so wie er nicht ich werden kann.
Ich brauche ihn um mich zu sehen.
Wenn ich meine Hand vor meine Augen halte,
sehe ich meine Hand.
Aber ich sehe nicht mich.    Er sieht mich, der Andere.
Ich brauche den Anderen,
um gesehen zu werden, um mich zu sehen.
Ich hoffe der Andere braucht mich,
damit er gesehen wird und so sich sieht.
Wir brauchen einander,
um uns gegenseitig wahrzunehmen.
Ein jeder muss sein eigenes Selbst bewahren.
Wer bin ich wenn ich nicht ich bin.

Ester Golan

Das Glas – ist es halbvoll oder halbleer?

Eine beeindruckende Begegnung mit Ester Golan

Von Ester Golan gehört hatte ich das erste Mal durch einen Radio-Bericht, der die Kindertransporte zum Thema hatte. Ester war eines der Kinder, die mit einem Kindertransport nach England geschickt wurden und die auf diese Weise den Holocaust überlebten. Die Abschiedsworte ihrer Mutter „Auf Wiedersehen in unserem Land“ – auf Hebräisch „Lehitraot B’arzenu“ – begleiteten sie – ja – das ganze Leben über, gaben ihr Hoffnung nicht nur auf ein Wiedersehen, sondern auch auf ein Wiedersehen „in unserem Land“. Nicht nur diese Worte, auch die Briefe ihrer Mutter hütet sie wie einen Schatz. Diese hatte ihr noch bis 1942 geschrieben und sich bemüht, dadurch ihre Tochter zu begleiten und ihr das Gefühl des Zusammenhalts zu geben, das unabhängig von der räumlichen Entfernung stark vorhanden war. Nach 1942 verliert sich die Spur der Mutter in Ausschwitz.

Ihre Lebensgeschichte erzählt Ester in Einbindung der Briefe ihrer Mutter in dem Buch „Auf Wiedersehen in unserem Land.“ Wenn man so will, war das Lesen ihres Buches die zweite Begegnung mit ihr.

Die dritte Begegnung oder auch die erste Begegnung  „von Angesicht zu Angesicht“ :-), hatte ich bei meinem derzeitigen Aufenthalt in Jerusalem. Durch eine gute Freundin war es mir möglich, Ester Golan persönlich kennenzulernen – eine große Freude für mich! Es war der erste Besuch, den sie nach einem Krankenhausaufenthalt empfangen hat. Sie berichtete, dass sie im Moment darum kämpfe, trotz allem ihre Unabhängigkeit zu erhalten.

Was hat mich beeindruckt? Es waren viele kleine Dinge: die Art, wie sie mich begrüßte, mich aufforderte, ihr gegenüber Platz zu nehmen, damit sie mich gut verstehen konnte, ihre lebendige Stimme, wach und an allem interessiert. Aber das Wichtigste war wohl, dass sie mich immer wieder dazu brachte, mich mit der Art auseinanderzusetzen, wie sie ihr Leben gemeistert hat – trotz aller Widrigkeiten. Selbstmitleid – verboten, Dinge aktiv angehen, Probleme meistern – ja!!!

Alles, was Ester über sich erzählt, läuft im Grunde auf eine für sie entscheidende Frage hinaus. „Das Glas – ist es halbvoll oder halbleer?“ Für Ester ist die Sichtweise entscheidend: Entweder ist das Glas halbvoll oder halbleer. Aus dem halbleeren Teil könne man nicht trinken, meint sie, aber aus dem halbvollen sehr wohl! Man müsse sehen, was man aus dem, was ist, machen könne! Und das mit ganzem Herzen und mit vollem Einsatz.

Sie erzählt, was sie alles aus ihrem Leben machen wollte. Auf gar keinen Fall wollte sie als Ehefrau „graues Mäuschen“ sein und einfach das tun, was ihr Mann von ihr erwartete. Sie wollte zur Schule gehen, einen Beruf ergreifen, Geld verdienen, ihr Leben selbstbestimmt und ihren Begabungen entsprechend leben. Das ist nicht so einfach, vor allem nicht für Frauen ihrer Generation. 1923 sei sie geboren worden, sagte sie.

Im Alter von 15 Jahren wurde Ester von ihren Eltern mit einem Kindertransport nach England gebracht. Das Leben in England war hart, die Menschen behandelten sie alles andere als freundlich und zugewandt, sie kam aus Deutschland und die Deutschen waren Englands Feinde. Das, was die Zeit, in der sie getrennt von ihren Eltern war, gefühlsmäßig mit ihr gemacht hat, erkennt sie erst sehr viel später. Zunächst war da der Briefwechsel mit ihrer Mutter, die Bindung an sie war eng. Es gelingt ihr und ihrer Mutter, ein enges Zusammengehörigkeitsgefühl trotz der Entfernung aufrecht zu erhalten. Ester betont, dass dieses Gefühl gegenseitig vorhanden war und bedauert, dass ihre Briefe, die sie der Mutter zurückschrieb, nicht erhalten sind. Der Briefwechsel reißt 1942 ab, als ihre Mutter nach Ausschwitz deportiert und dort umgebracht wird. Ihren ersten Mann heiratet Ester, weil das für sie die einzige Möglichkeit ist, endlich nach Palästina, dem heutigen Israel, auszureisen. Wen wundert‘s, dass die Ehe scheitert?

„Gehe nie davon aus, dass dich jemand versteht“, meint sie. Man müsse seinen Weg finden ohne die Erwartung, dass jemand einem Verständnis entgegenbringe. Sie jedenfalls meint, dass sie dieses von anderen nicht bekommen habe, auch ihr zweiter Mann ist hilflos und versteckt die Briefe ihrer Mutter, weil er sieht, dass sie weint. Und weinen soll sie nicht.

Ester erzählt, dass ihre Heilung begonnen habe, als sie mit ihrem Sohn eine Reise nach Ausschwitz gemacht und im Anschluss daran ihren Geburtsort Glogau (Schlesien) besucht habe. Dort habe sie ihrem Sohn die Orte ihrer Kindheit zeigen können und die Rasenfläche, wo vormals das Haus ihrer Eltern gestanden hatte. Ester wurde bewusst, dass ihr Reden und das Einbeziehen ihres Sohnes in ihre (Lebens-)Geschichte eine wichtige Voraussetzung für den Heilungsprozess war.

Ester will Dinge konkret machen. So ist ihre Frage an mich auch die, was in meinem Wohnort konkret mit der Geschichte [gemeint ist die Shoa] gemacht wird. Als ich ihr erzähle, dass jedes Jahr auf der Gedenkveranstaltung zur Reichspogromnacht eine Gymnasialklasse über das Schicksal einer jüdischen Person/Familie referiert, „beißt“ sie sofort „an“ und betont die Wichtigkeit, bei den „jungen Leuten“ anzusetzen. Sie ist der Auffassung, dass die Shoa bereits in der Grundschule zum Thema gemacht werden sollte, es käme immer darauf an, wie man das Thema den Kindern nahebrächte. Kleinen könnte man z.B. erzählen von der Einsamkeit der jüdischen Kinder, mit denen plötzlich niemand mehr spielen wollte, eben, weil sie Juden waren. Sie zeigt mir auch gleich ein Buch, das in Zusammenarbeit mit einer Grundschullehrerin aus Linz (Österreich) entstanden ist und eine Möglichkeit der Aufarbeitung der Geschichte für Grundschüler biete. Sie hat auf ihren Reisen in Deutschland häufig über ihre Erlebnisse während des Holocausts berichtet, auch in Grundschulen.

An einem Punkt reagiert Ester sehr energisch. Egal, in welche Lebensumstände man auch geriete, man dürfe sich auf gar keinen Fall zum Opfer machen lassen. Probleme sollte man so angehen, dass man – bildlich gesprochen – auf das „halbvolle Glas“ schaue und herausfinde, was man aus dem, was da ist, machen könne. Anders ausgedrückt: Es läuft alles darauf hinaus, dass man sein Leben aktiv angehe und sich nicht in eine passive Position begebe oder darin verharre. Ihr eigenes Leben zeigt, dass sie immer darauf bedacht war und ist, das Beste aus der jeweiligen Lebenssituation zu machen.

Ester führt den Gesprächspartner auf ungewöhnliche Gedankengänge, sicher kann man nur bei einem sein: Wenn man in seinen Äußerungen das Wort „muss“ gebraucht, wird dieses von ihr stets durch „soll“ bzw. „sollte“ ersetzt. Es wird einem im Verlauf des Gesprächs bewusst, dass so ein kleines Wort bereits eine Verschiebung des Sinns hin zum Positiven bewirken kann.

Am Ende der Begegnung bleibt für mich die Feststellung, wie „erfrischend“ es ist, Dinge positiv anzugehen! Wie war noch mal Esters Frage: Das Glas – ist es halbvoll oder halbleer? –   Trinken kann man nur aus dem gefüllten Teil!