Nach(t)-GedankenLese

zur Antisemitismus-Dokumentation der ARD und zur anschließenden Diskussion bei Maischberger.

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Die verschlimmbesserte Dokumentation in der „Lange[n] Nacht der Antisemitismus-Verharmlosung“ und der „Peinliche[n] Offenbarungen beim WDR

– ist ein Schuss ins Knie, „eingebettet in ein Tribunal über die beiden Autoren“, das „Bände spricht über die Qualität des Qualitätsjournalismus im Jahr 2017.“

– kommt einem Schauprozess gleich, bei dem die Filmemacher „vom eigenen Auftraggeber an den öffentlichen Medienpranger gestellt werden.

– lässt sich interpretieren als „Abgesang auf journalistischen Anstand“ oder auch als „Selbstentleibung des WDR.“

– präsentiert antisemitisches Geraune als Faktencheck. Frederik Schindler hat den Faktencheck des WDR genauer unter die Lupe genommen und dröselt ihn auf.

– verdeutlicht Das Handwerk des Antisemitismus“, wie Ulrich W. Sahm in seinem Artikel (vortrefflich) analysiert.

– bzw. der Umgang des WDR mit ihr kann auch gesehen werden als „Betreuter Antisemitismus“.

„Auserwählt und ausgegrenzt, der Hass auf Juden in Europa“ – Doku 24 Stunden online

BILD zeigt heute die Dokumentation, die ARTE nicht zeigen will.

Noch bis 24 Uhr online unter folgendem Link:

http://www.bild.de/politik/inland/bild/zeigt-die-doku-die-arte-nicht-zeigen-will-52155394.bild.html

BITTE WEITERSAGEN!!!

Vielen Dank an Henny Jahn, durch die ich darauf aufmerksam geworden bin!

UPDATE: Siehe Kommentar!

50 Jahre danach: Anti-Israel oder antisemitisch?

Originalartikel: Fifty years on: Anti-Israel oder antisemitic?

von Ira Forman, 8. Juni 2017

Der 50. Jahrestag des Sechs-Tage-Krieges bedeutet, ganze Berge an Kommentaren über den schnellen Sieg Israels und das anhaltende Scheitern des israelisch-palästinensischen Friedensprozesses zu generieren. Eine Überprüfung der Ereignisse rund um den Krieg von 1967 klärt auch die Natur des Antisemitismus des 21. Jahrhunderts.

Siebzig Jahre nach dem Holocaust ist der Antisemitismus wieder auf dem Vormarsch, aber es gibt wenig Konsens über die Ursachen dieser beunruhigenden Entwicklung. Eine bedeutende Analyse erklärt einen Großteil dieser Zunahme mit einem „neuen Antisemitismus“ – eine Art von Judenhass, der sich tarnt als Opposition gegen den Zionismus und die Politik des Staates Israel. Als Antwort darauf behaupten andere, dass diese Argumentation ein Mittel sei, die freie Meinungsäußerung zu unterbinden und Kritik an der israelischen Regierungspolitik zu zensieren – insbesondere an der fünfzig Jahre andauernden militärischen Okkupation des Westjordanlandes.

Eine Betrachtung des Sechs-Tage-Krieges ist ein besonders gutes Objektiv für die Analyse der Frage „Ist die Kritik an Israel immer antisemitisch?“, weil Sprache, Bilder und Fragen im Vorfeld des Konflikts oftmals stärker/weniger nuanciert waren. Vor dem Juni 1967 gab es umfangreiche Kritik am jüdischen Staat, aber Israel hatte nicht das Westjordanland und den Gazastreifen militärisch besetzt und zahlreiche Kritikpunkte konzentrierten sich nicht auf israelische Politik, sondern auf die Legitimität des jüdischen Staates an sich und verwendeten offenkundige antisemitische Motive, um die Sache zu begründen.

Jahrhundertelang waren Diskriminierungen der jüdischen Minderheiten in der moslemischen Welt deutlich geringer als im christlichen Europa.

Das hatte im 20. Jahrhundert begonnen, sich zu verändern. Die Juden-hassende-Politik Nazi-Deutschlands hatte im Nahen Osten beträchtliche Unterstützung und nach 1945 fanden Nazi-Kriegsverbrecher Unterschlupf bei vielen arabischen Nachbarn Israels, häufig Rollen in Militär- und Sicherheitsapparaten annehmend.

In den Jahren vor dem Sechs-Tage-Krieg charakterisierte eine von den Nazis aufgegriffene Vernichtungsrhetorik die Aussagen einiger arabischer Führer.

Der damalige syrische Verteidigungsminister (und Vater des jetzigen Präsidenten) Hafiz Assad erklärte: „Wir haben uns vorgenommen, dieses Land mit eurem Blut zu durchtränken, euch Aggressoren zu vertreiben und euch in das Meer zu werfen.“ Der damalige Vorsitzende der Palästinensischen Befreiungsorganisation, Ahmed Shukairy, erklärte Ende Mai 1967: „Es wird im Heiligen Krieg zur Befreiung Palästina keine jüdischen Überlebenden geben.“

Ähnliche Rhetorik ist nicht ungewöhnlich in den heutigen Nahost-Medien.

Ägyptische Regierungserklärungen waren ausgestattet mit Behauptungen wie: Juden benutzten das Blut von Kindern für ihre religiösen Rituale (die klassische Ritualmord-Legende), Verleugnung des Holocaust und Verweise auf die niederträchtige Fälschung Die Protokolle der Weisen von Zion. Im Jahre 1966 hat Nassers persönlicher Vertreter zu einer offiziellen Publikation erklärt, dass „eine der bedeutendsten zionistischen Arbeiten zur allgemeinen politischen Planung die Protokolle der Weisen von Zion [seien], die eindeutig den Weg zur Erreichung ihres Ziels der jüdischen Weltherrschaft belegen. …“

Heute können die Staatsoberhäupter von Ländern wie Ägypten und Jordanien solchen Unsinn nicht von sich geben, doch sind die Protokolle – und ähnliches Material – im ganzen Nahen Osten weit verbreitet, während Medien, religiöse und politische Personen weiterhin auf die Protokolle und die Ritualmordlegende als feststehende Tatsachen verweisen.

Politische Karikaturen der Zeit ahmen die der Nazi-Publikation Der Stürmer nach – mit Juden/Israelis, dargestellt als böse, entstellte menschenähnliche Gestalten. Leider werden ähnliche Karikaturen immer noch im Nahen Osten und manchmal sogar in europäischen Medien veröffentlicht.

Das Ende der meisten jüdischen Gemeinden im Nahen Osten zeigt auch, wie anti-israelische Rhetorik tiefere antisemitische Gefühle verbirgt. Im Zuge der Unabhängigkeit Israels und anschließend mit dem Sechs-Tage-Krieg wurde die jüdische Bevölkerung in der ganzen Region ungerechtfertigt als zionistische Agenten geschmäht, verhaftet, der Staatsbürgerschaft beraubt, pauperisiert und dazu veranlasst, Länder zu verlassen, in denen sie mehr als zwei Jahrtausende gelebt hatten.

Natürlich steht jedes Problem, so komplex wie der moderne Antisemitismus, einfachen Erklärungen entgegen. In der arabischen Welt heute gibt es eine größere Bandbreite an Meinungen über Israel, einschließlich der Stimmen, die das Existenzrecht Israels akzeptieren. Es ist klar, dass Kritik an Israel nicht inhärent antisemitisch ist und dass falsche Antisemitismusvorwürfe den wirklichen Kampf gegen Hass behindern können. Darüber hinaus hat ein großer Teil des Antisemitismus in der ganzen Welt wenig oder nichts mit Israel zu tun.

Doch können wir dem Wiederaufleben des Antisemitismus in keinem Land entgegnen, ohne uns über seine Ursachen im Klaren zu sein. Wenn auf eine europäische Synagoge ein Brandanschlag verübt wird und Behörden darauf bestehen, es sei ein Ausdruck einer gegen Israel gerichteten Wut und nicht antisemitisch, ist es an der Zeit, zu erkennen, dass Aktivismus gegen Israel manchmal eine einfache Maske für Antisemitismus ist. Die dem Juni 1967 vorausgegangenen Ereignisse zu überdenken hilft uns an diese unglückliche Wahrheit zu erinnern.

Ira Forman war von 2013 bis 2017 der Sondergesandte des US-Außenministeriums zur Beobachtung und Bekämpfung des Antisemitismus. In diesem Herbst wird er an der Georgetown University als renommierter Gastprofessor Antisemitismus lehren.

Übersetzung und Hervorhebung im Text: faehrtensuche

Warum ich Deutschland verließ

von Julia Schmidt, 25. Februar 2017

Englischer Originalartikel: Why I Left Germany

Nachdem ich [erst einmal] meine Augen geöffnet hatte, waren die alarmierenden Zeichen des steigenden Antisemitismus überall [zu erkennen].

„Du weißt, es ist nicht immer weise, den Leuten zu erzählen, dass du jüdisch bist“, sagte mir der Lehrer meines Sohnes an der jüdischen Schule. Wir gehörten zu einer Synagoge in Bonn, Deutschland. „Manchmal kann es gefährlich sein und es ist besser, seinen Mund zu halten.“

Ich schreckte zurück, als ich ihn das sagen hörte, etwas, das er mehrere Male wiederholt hat, aber langsam nahm ich seinen Rat an. Es gab eine Inkongruenz, als Jude in Deutschland zu leben. Auf der einen Seite gab es eine Spur von Angst, aber im Großen und Ganzen lebten wir in einer Blase und verleugneten den lauernden Antisemitismus. Wir vermissten die offenkundigeren Zeichen von Schwierigkeiten.

Eine bewaffnete Polizei auf einer 24 Stunden-Basis außerhalb der kleinen und einzigen Synagoge in Bonn und eigentlich jeder anderen Synagoge in Deutschland zu haben, wurde als so normal angesehen, dass niemand es seltsam fand. So war es schon seit 1945. Die Deutschen, die ich kannte, meinten, dass es keinen Antisemitismus gäbe, nicht in Deutschland. Also habe ich nie aufgehört, mich zu fragen, warum Juden geschützt werden müssten.

Ich habe vielen Akademikern Englischunterricht für ihre Jobs an einer wissenschaftlichen Einrichtung, die auch Projekte in Israel finanzierte, erteilt. Hier wurde meine Sensibilität für den Antisemitismus geweckt. Mitunter ließ einer meiner Studenten einen Kommentar fallen, der mir ein scheußliches Gefühl gab. Oft ging es um die Habsucht der Juden nach Geld und ihre Forderungen nach mehr davon. Die Alarmglocken begannen in meinem Kopf loszugehen. Juden und Geld sind ein sehr altes Klischee und es wurde so gesagt, dass ich mich beschmutzt fühlte.

Dann kam der Sommer 2014 und der Gaza-Krieg. Ich wurde aus meiner Selbstgefälligkeit gerissen. Die wichtigsten deutschen Zeitungen begannen einen journalistischen Krieg gegen Israel. Jeden Tag las ich beklommen über all die scheußlichen Verbrechen, die Israelis begangen hätten, und die schreckliche Anzahl palästinensischer Todesopfer.

Ein paar Wochen nach Beginn des Krieges marschierten 2000 Araber und Türken zusammen mit einigen Anhängern des linken Flügels durch die Hauptstraße in Frankfurt und schrien „Hamas, Hamas, Juden ins Gas.“ In Deutschland ist das nicht nur erschreckend, es ist geradezu ernüchternd. Die Polizei gebot dem Marsch oder der Anstiftung zur Gewalt nicht Einhalt. Stattdessen gab es Berichte über die Polizei, die eine Wohnung stürmte, in der ein Sympathisant Israels die israelische Flagge als [Zeichen der] Unterstützung aufgehängt hatte. Die Polizei entfernte die Flagge und sagte, nicht weitere Gewalt fördern zu wollen.

Es war schrecklich verquer und das Tabu, antisemitische Dinge in Deutschland auszusprechen, war gebrochen.

Ich war in Aufruhr. Ich war als eine Jüdin aufgewachsen, die Israel als Heimat der Juden liebt und unterstützt. Durch meine Jahre der Untätigkeit und der Selbstgefälligkeit hatte ich den Dialog über Israel und den Nahen Osten nicht wirklich verfolgt; mir schien, als hätte ich die historischen Fakten von Israel und den Juden vergessen, und ich realisierte schockartig, dass ich keine Ahnung hatte, was die Wahrheit war. Ich hatte keine Ahnung, ob Israel diese abscheulichen Kriegsverbrechen wirklich begangen hatte und ich wusste nicht, wie ich ihr Existenzrecht verteidigen sollte.

Wie konnte ich Israel unterstützen, wenn sie wirklich diese schrecklichen Dinge taten? Und doch – wie könnte ich Israel nicht unterstützen? Was mich noch mehr ernüchterte, war die Reaktion meiner Studenten (die alle ihren Ph.D. hatten) auf den Krieg in Gaza. Viele Male gaben meine Studenten ihre unachtsamen Kommentare über Israels schreckliche Aggression ab.

Die Scham, die ich zu spüren begann, brachte mich dazu, zu recherchieren und jeden Tag zu lesen, um zu verstehen, was los war und warum Israel in den Medien in solch einer verzerrten und monsterhaften Weise präsentiert wurde.

Ich war in einer Klasse mit meinen Kursteilnehmern und die Nachrichten in Israel waren an diesem Tag besonders schlimm gewesen. In der Verzweiflung sah ich sie an und sagte: „Glaubt ihr, dass Israel ein Recht hat zu existieren?“ Sie sahen mich an und wussten immer noch nicht, dass ich jüdisch war und seufzten einmütig. Sie starrten mich nur an und sagten kein Wort. Aber ihr donnerndes Schweigen sprach Bände. Ein Student brach schließlich das Schweigen und sagte, dass das, was die Juden den Arabern in Israel angetan hätten, das[selbe] sei, was die Amerikaner den Ureinwohnern Amerikas angetan hätten. Innerlich schnappte ich nach Luft, als mir klar wurde, dass wir ein neues Maß an Hass erreicht hatten. Es war, als wäre ein Schleier gefallen, und ich begann zu erkennen, was wirklich passierte.

Anzeichen von Antisemitismus, die ich bisher nicht hatte genau bestimmen können, tauchten überall auf. Eine mir bekannte Israelin, die für den Jüdischen Nationalfonds arbeitete, musste ihren Nachnamen auf dem Briefkasten in einen deutschen Namen umändern, da sie wegen ihrer Arbeit in Gefahr war. Ich entdeckte, dass es in Köln, einer riesigen Stadt in der Nähe von Bonn mit einer größeren jüdischen Gemeinde, einen Stand von 30-Fuß-Länge gab, genannt „Die Klagemauer“, die aus Plakaten und Fotos von verstümmelten und sterbenden palästinensischen Kindern gebildet war, Opfer israelischer Aggression – zusammen mit Karikaturen von Juden, die arabisches Blut trinken und einen Palästinenser zum Abendessen zerschneiden. Ich konnte nicht glauben, dass dies in Deutschland erlaubt war.

Später habe ich herausgefunden, dass zwei Jahre zuvor ein Rabbiner in Berlin, der mit seiner sechsjährigen Tochter spazierenging, von einer Gruppe arabischer Jugendlicher angegriffen worden war, weil er jüdisch war. Er wurde brutal geschlagen, nur weil er jüdisch war. Ich hatte keine Ahnung, dass das passiert war; es machte keine Schlagzeilen in den Nachrichten.

Aber Israel stand immer in den Schlagzeilen, und sie waren schlecht. Je mehr ich recherchierte, desto mehr entdeckte ich, wie schwierig das alltägliche Leben für Juden in verschiedenen Gebieten Deutschlands geworden war. Das Tragen einer Kippa in der Öffentlichkeit war etwas, das vermieden werden musste, da es zu Gewalt führte. Ich ging zu einem kleinen Theater in Bonn, um Arthur Millers Scherben zu sehen, ein Stück über die Reaktion der amerikanischen Juden auf das Schicksal der Juden in Deutschland im Jahr 1938. Sehr wenige Deutsche kamen, aber einige von der jüdischen Gemeinde kamen, einschließlich der Rabbiner, der mit einer Golfkappe hereinkam, um seine Kippa zu verbergen. Er sagte mir, es wäre zu gefährlich, ohne die Kappe durch die Straßen zu gehen. Ich fühlte mich, als ob ich im Koma gelegen hätte und in einer anderen Welt aufgewacht wäre. Wie kam es, dass ich all das nicht wahrgenommen hatte?

Ich las über Juden in Frankreich und Belgien, die ihre Kinder aus öffentlichen Schulen herausnahmen und sie in jüdische Schulen schickten wegen der Schikanen, denen sie ausgesetzt waren, weil sie jüdisch waren. Es gab ähnliche Berichte darüber mit Juden in Deutschland. Ich begann, jüdischen Journalisten, die in Deutschland leben, zuzuhören, wie Benjamin Weinthal, europäischer Korrespondent der Jerusalem Post, der einen Vortrag am Institute for Studies of Global Antisemitism Policy hielt und darüber diskutierte, ob Europa für Juden sicher sei.

Für mich lag es eindeutig auf der Hand: Der Hass gegen Israel nahm exponentiell und nicht im Verhältnis zu anderen Ereignissen in der Welt zu. Jetzt, wo ich hinsah, fing ich an, Berichte über Gruppen von Arabern zu lesen, die sich versammelten und „Tod den Juden“ und „Heil Hitler“ brüllten, Echos eines Deutschlands, das vor nicht allzu langer Zeit solche Ausrufe herausposaunt hat. Was ein Deutscher nicht laut zu sagen wagte, wurde nun von Gruppen von Muslimen gesagt, wo dieses Tabu nicht existierte.

Die Frage nagte an mir: Warum sind in den frühen 30er Jahren nicht mehr Juden weggegangen? Warum haben sie so lange gewartet? Deutete ich jetzt die Anzeichen falsch? War ich zu überempfindlich?

Einige Juden haben damals die Zeichen erkannt und es irgendwie geschafft wegzugehen. Und ich war überzeugt, dass ich jetzt die Zeichen erkannte. Weggehen bedeutete, alles aufzugeben, was wir besaßen und unsere zwei Kinder zu nehmen und zu immigrieren. Das Risiko war hoch, aber das Risiko zu bleiben schien noch höher [zu sein].

Wir sind im Juli 2016 in die Vereinigten Staaten eingewandert, besorgt, dass die nachfolgenden Ereignisse in Deutschland und Europa in die Richtung einer Katastrophe wiesen. Während wir unser neues Leben aufbauen, zum ersten Mal nach einer langen Zeit öffentlich als Juden, hoffe ich, dass ich Unrecht habe.

Übersetzung: faehrtensuche

Wie ein pro-palästinensischer Reporter seine Ansichten über Israel und den Konflikt veränderte

von Hunter Stuart
15. Februar 2017

Originaltext: HOW A PRO-PALESTINIAN AMERICAN REPORTER CHANEGED HIS VIEWS ON ISRAEL AND THE CONFLICT

Ein Jahr Arbeit als Journalist in Israel und in den palästinensischen Gebieten brachte Hunter Stuart dazu, seine Position zu dem Konflikt zu überdenken.

Im Sommer des Jahres 2015, nur drei Tage nach meiner Übersiedlung nach Israel für eine eineinhalbjährige freiberufliche Berichterstattung aus der Region, schrieb ich meine Gefühle über den israelisch-palästinensischen Konflikt nieder. Einer meiner Freunde in New York hatte erwähnt, dass es interessant wäre zu sehen, ob sich die Art und Weise meiner Empfindungen ändern würde, wenn ich in Israel wohnte. Mein Freund vermutete wahrscheinlich, dass die Dinge anders aussähen – sozusagen aus dem Sitz in der vordersten Reihe.

Er hatte ja so recht!

Bevor ich nach Jerusalem zog, war ich sehr pro-palästinensisch eingestellt. Das war fast jeder, den ich kannte. Ich wuchs protestantisch auf in einer malerischen, politisch korrekten Stadt Neuenglands, fast jeder um mich herum war liberal. Und liberal-sein in Amerika geht einher mit einem Pantheon der Überzeugungen: Man unterstützt Pluralismus, Toleranz und Vielfalt. Man unterstützt Homosexuellen-Rechte, Zugang zu Abtreibungen und Waffenkontrolle.

Der Glaube, dass Israel die Palästinenser zu Unrecht schikaniert, ist ein untrennbarer Teil dieses Pantheon. Die meisten Progressiven in den USA sehen Israel als einen Aggressor, der die armen edlen Araber unterdrückt, denen so brutal ihre Freiheit verweigert wird.

„Ich glaube, dass Israel die Kontrolle über den gesamten Gaza-Streifen und den größten Teil des Westjordanlandes abgeben sollte“, schrieb ich am 11. Juli 2015 von einem Park in der Nähe meiner neuen Wohnung im Jerusalemer Stadtteil Baka. „Die Besatzung ist ein Akt des Kolonialismus, der für Millionen von Palästinensern nur Leid, Frustration und Verzweiflung schafft.“

Wie vielleicht vorherzusehen – diese Ansicht kam nicht gut an bei den Menschen, die ich während meiner ersten paar Wochen in Jerusalem traf,  einer auch nach israelischen Standards konservativen Stadt. Meine Frau und ich waren mehr oder weniger zufällig auf die jüdische Seite der Stadt gezogen – der erste Airbnb-Gastgeber, der unsere Anfrage, ein Zimmer zu mieten, akzeptierte, befand sich zufällig im Nachlaot-Viertel, wo selbst die Hipsters religiös sind. Folglich war fast jeder, mit dem wir zu tun hatten, jüdischer Israeli und sehr solidarisch mit Israel. Ich teilte ihnen nicht meine pro-palästinensischen Ansichten mit – ich scheute mich zu sehr. Aber sie müssen meine Antipathie wahrgenommen haben. (Später erfuhr ich, dass dies ein sechster Sinn ist, über den Israelis verfügen.)

Während meiner ersten Wochen in Jerusalem geriet ich ständig in Streit über den Konflikt mit meinen Mitbewohnern und im sozialen Umfeld. Anders als das kühl-korrrekte Neuengland gewährt Israel nicht das Privileg, unangenehme politische Gespräche zu vermeiden. Außerhalb der Tel Aviv-Blase ist der Konflikt allgegenwärtig; er betrifft fast jeden Aspekt des Lebens. Vermeiden ist einfach keine Option.

Während einer solchen Diskussion wollte einer meiner Mitbewohner – ein lockerer amerikanisch-jüdischer Typ etwa Mitte 30 – vermutlich zum Ausdruck bringen, dass alle Palästinenser Terroristen wären. Ich wurde ärgerlich und sagte ihm, dass es falsch wäre, alle Palästinenser Terroristen zu nennen, dass nur eine kleine Minderheit Terroranschläge unterstützte. Mein Mitbewohner holte prompt seinen Laptop heraus, rief eine Umfrage des Pew-Forschungszentrums aus dem Jahr 2013 auf und zeigte mir den Bildschirm. Ich sah, dass die Forscher von Pew eine Umfrage unter Tausenden von Menschen in der muslimischen Welt gemacht und sie gefragt hatten, ob sie Selbstmordattentate gegen die Zivilbevölkerung unterstützen würden, um „den Islam gegen seine Feinde zu verteidigen.“ Die Umfrage ergab, dass 62 Prozent der Palästinenser meinten, solche terroristischen Handlungen gegen die Zivilbevölkerung seien unter diesen Umständen gerechtfertigt. Und nicht nur das, die palästinensischen Gebiete waren die einzigen in der muslimischen Welt, wo eine Mehrheit der Bürger den Terrorismus unterstützte; überall sonst war es eine Minderheit – vom Libanon und Ägypten bis nach Pakistan und Malaysia.

Ich ließ meinen Mitbewohner in den frühen Morgenstunden nicht die Diskussion gewinnen. Aber die Statistik beeindruckte mich tief.

Nicht ganz einen Monat später, im Oktober 2015, begann eine Welle palästinensischer Terroranschläge gegen jüdische Israelis. Fast jeden Tag stach ein wütender, junger muslimischer Palästinenser [jemanden] nieder oder versuchte, jemanden mit seinem Auto zu überfahren. Viele der Gewaltakte passierten in Jerusalem, einige davon nur wenige Schritte von dem Ort entfernt, wo meine Frau und ich in eine eigene Wohnung gezogen waren und wo wir lebten und arbeiteten und einkaufen gingen.

Ich gebe zu, dass ich zuerst nicht viel Sympathie für Israelis empfunden habe. Eigentlich hatte ich ein Gefühl der Feindseligkeit. Ich hatte den Eindruck, dass sie [die Israelis] die Ursache für die Gewalt waren. Ich wollte sie schütteln und sagen: „Hört mit der Besatzung des Westjordanlandes auf, hört auf, Gaza zu blockieren, und die Palästinenser werden aufhören, euch zu töten!“ Es schien mir so offensichtlich. Wie konnten sie nicht erkennen, dass all diese Gewalt eine natürliche, wenn auch unangenehme Reaktion auf die Aktionen ihrer Regierung war?

Erst als die Gewalt persönlich wurde, begann ich, die israelische Seite mit größerer Klarheit zu sehen. Als die „Messer-Intifada“ (als die sie später bekannt wurde) voll in Gang war, reiste ich in das verarmte Ost-Jerusalem-Viertel von Silwan für eine Story, die ich schrieb.

Als ich ankam, zeigte ein etwa 13-jähriger palästinensischer Bursche auf mich und schrie „Yehud!“, was „Jude“ auf Arabisch bedeutet. Sofort rannte eine große Gruppe seiner Freunde, die in der Nähe herumhingen, mit einem furchterregenden Funkeln in ihren Augen auf mich zu. „Yehud! Yehud!“, schrien sie. Ich fühlte, wie mein Herz zu schlagen begann. Ich schrie sie auf Arabisch an: „Ana mish yehud! Ana mish yehud“! („Ich bin nicht jüdisch, ich bin nicht jüdisch!“) Immer und immer wieder. Ich sagte ihnen, auch auf Arabisch, dass ich ein amerikanischer Journalist wäre, der „Palästina liebte“. Danach beruhigten sie sich, aber der Blick in ihren Augen, als sie mich zuerst sahen, ist etwas, das ich nie vergessen werde. Später, bei einer Hausparty in Amman, traf ich einen Palästinenser, der in Silwan aufgewachsen war. „Wärst du Jude gewesen, hätten sie dich wahrscheinlich getötet“, sagte er.

An diesem Tag habe ich es geschafft, unversehrt von Silwan zurückzukommen; andere hatten nicht so viel Glück. In Jerusalem und in ganz Israel gingen die Angriffe gegen jüdische Israelis weiter. Meine Einstellung begann sich zu verändern, wahrscheinlich, weil mich die Gewalt zum ersten Mal direkt beeinflusste.

Ich habe mir Sorgen gemacht, dass meine Frau womöglich niedergestochen werden könnte, während sie auf dem Heimweg von der Arbeit war. Jedes Mal, wenn mein Telefon aufleuchtete mit Nachrichten eines anderen Angriffs und ich nicht zusammen mit ihr in demselben Raum war, schickte ich ihr sofort eine Textnachricht, um zu sehen, ob sie okay war.

Dann erzählte uns ein Freund von mir – ein älterer jüdischer Israeli, der meine Frau und mich zum Abendessen in seiner Wohnung im Talpiot-Viertel der Hauptstadt zum Essen eingeladen hatte, dass sein Freund im Monat zuvor von zwei Palästinensern in einem Stadtbus, nicht weit von seiner Wohnung entfernt, ermordet worden war. Ich kannte die Geschichte gut, nicht nur aus den Nachrichten, sondern weil ich die Familie eines der beiden palästinensischen Jungs, die den Angriff durchgeführt hatten, interviewt hatte. Im Interview erzählte mir seine Familie, wodurch er ein viel versprechender junger Unternehmer war, der durch die täglichen Demütigungen, die die Besatzung mit sich brachte, durchgedreht wäre. Am Ende verfasste ich einen sehr sympathisierenden Bericht über den Mörder für eine jordanische Nachrichten-Webseite namens Al Bawaba News.

Ich schrieb über den Angriff mit dem distanzierten analytischen Blick eines Journalisten, ich war in der Lage (ich lernte schnell), die von den meisten Nachrichtenagenturen gewünschte Perspektive einzunehmen, [nämlich] dass sich Israel die palästinensische Gewalt selbst zuzuschreiben habe. Aber als ich erfuhr, dass der Freund meines Freundes eines der Opfer war, veränderte das meine Art zu denken. Ich fühlte mich schrecklich, weil ich einen der Mörder öffentlich verherrlicht hatte. Der Mann, der ermordet worden war, Richard Lakin, kam ursprünglich aus Neuengland, wie ich, und hatte an einer Schule in Jerusalem Englisch für israelische und palästinensische Kinder gelehrt. Er glaubte daran, Frieden mit den Palästinensern zu schließen und „verpasste nie eine Friedensdemonstration“, so sein Sohn.

Im Gegensatz dazu hatten seine Mörder, die aus einem bürgerlichen Viertel Ost- Jerusalems stammten und im Vergleich zu den meisten Palästinensern eigentlich ganz wohlhabend waren, 20.000 Shekel bezahlt, um den Bus an diesem Morgen mit ihren meuchlerischen Schusswaffen zu stürmen. Mehr als ein Jahr später kann man ihre Gesichter noch überall auf den sie als Märtyrer verherrlichenden Plakaten in Ostjerusalem sehen. (Einer der Angreifer, Baha Aliyan, 22 Jahre alt, wurde bei dem Vorfall getötet, der zweite, Bilal Ranem, 23, wurde lebend festgenommen.)

Meine persönliche Betroffenheit bei dem Konflikt hat mich dazu veranlasst, zu fragen, wie verzeihend ich vorher gegenüber palästinensischer Gewalt gewesen war. Liberale Menschenrechtsgruppen und die meisten Medien gaben jedoch weiterhin Israel die Schuld für die Angriffe. Ban Ki-moon zum Beispiel, der damals den Vereinten Nationen vorstand, sagte im Januar 2016 – als die Straßen meiner Nachbarschaft mit dem Blut unschuldiger israelischer Zivilisten befleckt waren -, dass es „menschliche Natur sei, auf die Besatzung zu reagieren“. In Wirklichkeit gibt es keine Rechtfertigung dafür, jemanden zu töten, ganz egal, was die politische Situation sein mag oder nicht sein mag, und die Aussage von Ban wurmte mich.

Gleichermaßen begann mich die Art und Weise, wie internationale NGOs, europäische Führer und andere während dieser Welle terroristischer Angriffe Israel für ihre „Shoot to Kill“-Politik kritisierten, immer mehr zu verärgern.

In fast jedem Land, wenn die Polizei mit einem Terroristen konfrontiert wird, der gerade Menschen tötet, erschießt sie ihn und Menschenrechtsgruppen sagen [dazu] keinen Mucks. Dies passiert in Ägypten, Saudi-Arabien und Bangladesch; es passiert in Deutschland und England und Frankreich und Spanien, und mit absoluter Sicherheit geschieht das in den USA (man erinnere sich an San Bernardino, das Nachtklubmassaker in Orlando, die Bombenanschläge beim Boston-Marathon usw.). Hat Amnesty International Barack Obama oder Abdel Fattah al-Sisi oder Angela Merkel oder François Hollande verurteilt, wenn ihre Polizeikräfte einen Terroristen töteten? Nö. Aber sie [die Organisation] legt Wert darauf, Israel zu verurteilen. 

Außerdem fing ich an festzustellen, dass die Medien besonders darauf fixiert waren, die moralischen Mängel Israels hervorzuheben, auch wenn andere Länder auf unendlich abscheulichere Weise agierten. Wenn Israel die räumliche Verlegung einer Ansammlung palästinensischer landwirtschaftlicher Zelte androht, so wie sie es z.B. im Sommer 2015 im Westjordanland mit dem Ort Sussiya getan hat, macht die Geschichte wochenlang internationale Schlagzeilen. Die liberale Empörung war endlos. Doch als Ägyptens Präsident Bulldozer und Dynamit benutzte, um eine ganze Nachbarschaft auf der Sinai-Halbinsel im Namen der nationalen Sicherheit zu zerstören, nahmen die Menschen das kaum zur Kenntnis.

Woher kommen diese doppelten Standards?

Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass es so ist, weil der israelisch-palästinensische Konflikt an das Bedürfnis progressiver Menschen in Europa, den USA und anderswo appelliert. Sie sehen Israel als weißes, Erste-Welt-Volk, das auf ein armes, Dritte-Welt [-Volk] einschlägt. Ihnen fällt die Empörung leichter, wenn sie beobachten, wie zwei radikal verschiedene Zivilisationen kollidieren als wenn sie beobachten, wie alawitische Moslems z.B. sunnitische Moslems in Syrien töten, weil der Unterschied zwischen Alawiten und Sunniten für einen westlichen Beobachter zu subtil ist, um in ein überzeugendes Narrativ zu passen, das einfach auf Facebook resümiert werden kann.

Bedauerlicherweise für Israel sind Videos in den Sozialen Netzwerken (die zeigen, dass US-finanzierte jüdische Soldaten bei der Bekämpfung von randalierenden arabischen Muslimen Tränengas einsetzen) eine Unterhaltung auf Hollywood-Niveau und passen perfekt zu dem liberalen Narrativ, dass Muslime unterdrückt werden und dass das jüdische Israel ein Tyrann ist.

Ich bewundere den liberalen Wunsch, den Underdog zu unterstützen. Sie[die Liberalen] wollen auf der richtigen Seite der Geschichte sein und haben die besten Intentionen. Das Problem ist, dass ihre Überzeugungen oft nicht mit der Realität übereinstimmen.

In Wirklichkeit sind die Dinge viel, viel komplexer als ein Fünf-Minuten-Spot in den Abendnachrichten oder ein zwei Abschnitte langer Facebook-Status jemals in der Lage sein wird zu porträtieren. Wie ein Freund mir kürzlich sagte: „Der Grund, warum der israelisch-palästinensische Konflikt unlösbar ist, liegt darin, dass beide Seiten wirklich ein gutes Argument haben.“

Leider sehen es nicht genug Leute so. Vor kurzem stieß ich mit einem alten Freund aus dem College zusammen, der mir sagte, dass ein Mann, den wir beide als Studienanfänger kennengelernt hatten, nach seinem Abschluss für einige Zeit in palästinensischen Protesten aktiv gewesen war. Die Tatsache, dass ein kluger, gut ausgebildeter Bursche aus Vermont, der eine der besten freien Schulen in den USA besucht hat, Tausende von Kilometern gereist ist, um Ziegelsteine auf israelische Soldaten zu werfen, ist sehr, sehr aufschlussreich.

Es gibt ein altes Sprichwort, das lautet: „Wenn du jemanden umstimmen willst, mache ihn zuerst zu deinem Freund.“ Die Freunde, die ich in Israel gefunden habe, haben meine Denkweise über das Land und über die jüdische Notwendigkeit einer Heimat für immer verändert. Aber ich habe auch viel Zeit mit Reisen in die palästinensischen Gebiete verbracht, um Palästinenser kennenzulernen. Ich habe fast sechs Wochen in Nablus und Ramallah, in Hebron und sogar im Gaza-Streifen verbracht. Ich habe einige wunderbare Leute an diesen Orten kennengelernt; ich habe eine Großzügigkeit und Gastfreundschaft erlebt wie nirgendwo sonst, wo ich hingefahren bin. Mit einigen von ihnen werde ich für den Rest meines Lebens befreundet sein. Doch fast ohne  jede Ausnahme waren ihre Ansichten über den Konflikt, über Israel und über das jüdische Volk im Allgemeinen äußerst enttäuschend.

Erstens lehnen selbst die freundlichsten und gebildetsten Palästinenser der „Upper-Class“ Israel zu 100 Prozent ab – nicht nur die Besetzung von Ost-Jerusalem und des Westjordanlands. Sie werden sich mit einer Zwei-Staaten-Lösung schlicht nicht zufrieden geben; ihr Bestreben ist eine Rückkehr zu ihren angestammten Häusern in Ramle, Jaffa, Haifa und anderswo, in das Israel von 1948, d.h. innerhalb der Grünen Linie. Und sie wollen, dass die Israelis, die jetzt dort leben, fortgehen. Sie sprechen fast nie von Koexistenz; sie sprechen von Vertreibung, von der Zurücknahme „ihres“ Landes.

Wie moralisch kompliziert die Gründung Israels auch immer gewesen sein mag, wie viele unschuldige Palästinenser auch immer getötet und aus ihren Häusern vertrieben worden sind, 1948 und wiederum 1967 – für mich ist Israel nun eine Tatsache, die von fast jeder Regierung der Welt (viele im Nahen Osten inbegriffen) akzeptiert wird. Doch das anhaltende Bestreben der Palästinenser nach der Auslöschung Israels von der Landkarte ist unproduktiv und rückständig und der Westen muss sehr vorsichtig sein, das nicht zu fördern.

Zum anderen glaubt ein großer Prozentsatz der Palästinenser, selbst in der gebildeten Oberschicht, dass der größte islamische Terrorismus in Wirklichkeit von westlichen Regierungen in die Wege geleitet wird, um Muslime schlecht zu machen. Ich weiß, das klingt absurd. Es ist eine Verschwörungstheorie, die komisch ist, bis du sie, wie ich, immer wieder auf’s Neue hörst. Ich kann kaum zählen, wie viele Palästinenser mir berichtet haben, dass die Messerangriffe in Israel in den Jahren 2015 und 2016 fingiert waren und dass die CIA ISIS geschaffen habe.

Nach den ISIS-Massenerschießungen in Paris im November 2015, bei dem 150 Menschen getötet wurden, bemerkte zum Beispiel eine Kollegin – eine ausgebildete 27-jährige libanesisch-palästinensische Journalistin – beiläufig, dass diese Massaker „wahrscheinlich“ vom Mossad begangen wurden. Obwohl sie wie ich Journalistin war und der Suche nach der Wahrheit, ganz gleich wie unangenehm, hätte verpflichtet sein müssen – diese Frau war nicht gewillt, zuzugeben, dass Muslime solch einen schrecklichen Anschlag verüben würden, jedoch allzu gewillt – im Widerspruch zu allen Fakten – die Schuld daran israelischen Spionen in die Schuhe zu schieben.

Wenn ich reise, versuche ich normalerweise, Menschen zuzuhören, ohne meine eigene Meinung aufzudrängen. Für mich ist es das, um was es beim Reisen geht – deinen Mund zu halten und andere Perspektiven kennenzulernen. Aber nach 3-4 Wochen des Reisens in Palästina wurde ich dieser Verschwörungstheorien müde.

„Araber müssen die Verantwortung für gewisse Dinge übernehmen“, schrie ich schließlich einen Freund an, mit dem ich in Nablus Freundschaft geschlossen hatte, als er das 3. oder 4. Mal die Schuld von Muslimen am islamischen Terrorismus abzuwälzen versuchte. „Nicht alles ist Amerikas Schuld.“ Mein Freund schien von meiner Heftigkeit überrascht zu sein und ließ das Thema fallen – offensichtlich hatte ich bei diesem Unsinn meinen Sättigungspunkt erreicht.

Ich kenne viele jüdische Israelis, die bereit sind, das Land mit muslimischen Palästinensern zu teilen, aber aus irgendeinem Grund war es nahezu unmöglich, einen Palästinenser zu finden, der auf die gleiche Weise empfindet. Unzählige Palästinenser sagten mir, sie hätten kein Problem mit Juden, nur mit Zionisten. Sie schienen zu vergessen, dass Juden seit Jahrtausenden in Israel leben, zusammen mit Muslimen, Christen, Drusen, Atheisten, Agnostikern und anderen, meistens in Harmonie. Stattdessen glaubt die überwiegende Mehrheit, dass Juden erst im 20. Jahrhundert in Israel ankamen und deswegen nicht hierher gehören.

Natürlich mache ich Palästinensern keine Vorwürfe, dass sie Autonomie wollen oder dass sie in ihre Heimat zurückkehren wollen. Es ist ein ganz natürlicher Wunsch; ich weiß, dass ich genauso empfinden würde, wenn etwas Ähnliches meiner eigenen Familie passiert wäre. Aber solange Westmächte und NGOs und progressive Menschen in den USA und Europa es versäumen, palästinensische Angriffe gegen Israel zu verurteilen, desto unergründlicher wird der Konflikt wachsen und desto mehr Blut wird auf beiden Seiten vergossen werden.

Ich bin jetzt zurück in den USA und lebe im Norden Chicagos in einer liberalen Enklave, wo die meisten Menschen – einschließlich der Juden – dazu neigen, das Bestreben der Palästinenser nach Staatlichkeit, das in internationalen Foren wie der UNO jedes Jahr an Stärke gewinnt, zu unterstützen.

Persönlich bin ich nicht mehr davon überzeugt, dass das eine so gute Idee ist. Wenn den Palästinensern im Westjordanland ein eigener Staat zugestanden wird, wer kann sagen, dass sie nicht die Hamas wählen würden, eine islamistische Gruppe, die sich der Zerstörung Israels verschrieben hat? Das ist genau das, was in Gaza bei den demokratischen Wahlen im Jahr 2006 passiert ist. Glücklicherweise ist Gaza einigermaßen isoliert, und seine geographische Isolation sowie die von Israel und Ägypten auferlegte Blockade begrenzen den Schaden, den die Gruppe anrichten kann. Aber dass sie die Kontrolle über das Westjordanland und die Hälfte von Jerusalem hat, kann Israel natürlich nicht wollen. Es wäre Selbstmord. Und von keinem Land kann erwartet werden, dass es seiner eigenen Zerstörung zustimmt.

So, jetzt weiß ich nicht, was ich denken soll. Ich bin quasi im Zentrum einer der strittigsten Themen der Welt. So sozial inakzeptabel es vermutlich auch war, ich kann zumindest sagen, dass ich bereit war, meine Meinung zu ändern.

Wenn nur mehr Menschen das Gleiche täten!

Übersetzung: faehrtensuche