Ein Volk mit Zukunft

„Über Napoleon wird erzählt, dass er auf seinem Feldzug nach Russland an Tischa beAw an einer Synagoge vorbeikam, aus der lautes Weinen zu vernehmen war. Nach Klärung der Umstände musste er erstaunt feststellen, dass die dortigen Juden die Zerstörung des Tempels beklagten, der einst im weit entfernten Jerusalem stand und dessen Zerstörung 1700 Jahre zurücklag.

Bei dieser Gelegenheit soll der französische Kaiser voller Bewunderung ausgerufen haben: Ein Volk, das so stark mit seiner Vergangenheit verbunden ist, hat auch eine Zukunft!“

Rabbiner Jaron Engelmayer in: Tischa beAw: Trauer und Sehnsucht. Die Erinnerung an den zerstörten Tempel ist Grundlage für die jüdische Gegenwart und Zukunft

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Tisha b’Av 2017. Beginn: Abend des 31. Juli (mit Sonnenuntergang), Ende: Abend des 1. August 2017.

Überlebensstrategie

„An Schabbes erinnern wir uns, wer wir sind. Wir hören auf zu arbeiten und ruhen. Wir haben Zeit nachzudenken. Zeit, Kerzen anzuzünden und die Segen zu sprechen. Aber reicht das? Oder ist es zu viel? Wir befinden uns in unserem eigenen Land. In der Freiheit. Es ist nicht immer friedlich, doch hier sind wir, zurückgekehrt nach tausend Jahren im Exil. Doch manche von uns leben immer noch im Exil, abgeschnitten von ihrer spirituellen Identität, und vergessen die Gebräuche und Gebete, die unser Volk am Leben erhalten haben. Es ist einfach zu vergessen. Es ist einfacher, nicht zu beten, nicht über jede Handlung nachzudenken, und über deren Konsequenzen. Es ist einfach, nicht koschere Sachen zu essen und sich von allem zu entfernen, das uns zu dem macht, was wir sind. Schließlich sind sechs Millionen von uns in den Gaskammern gestorben, also, was soll das alles noch? Wo war HaSchem in Ausschwitz? In Buchenwald? In Treblinka? […]

Ich habe keine Antworten. Niemand kann erklären, was HaSchem tat oder nicht tat, mögen manche sagen. Doch wir haben eine Wahl. Unsere Identität zu bewahren, indem wir die Tradition aufrechterhalten. Unser Erbe zu bewahren, obwohl so viele von uns dafür gestorben sind. Oder Hitlers Arbeit fortzusetzen, indem wir vergessen, wer wir sind, und unserem Erbe den Rücken zukehren. Es ist so viel einfacher, ein modernes Leben zu führen, zu essen, was man will, zu heiraten, wen man will, und an Schabbes Fernsehen zu schauen. Aber jedes Mal, wenn jemand dem Judentum den Rücken zukehrt, ist es ein weiterer Sieg für diejenigen, die uns tot gewünscht haben und das noch immer tun.“

Aus: Eve Harris, Die Hochzeit der Chani Kaufman, Diogenes Verlag, Zürich 2015

SHABBAT SHALOM!

Shavuot 5776 (2016)

Das kommt so häufig nicht vor: Der heutige Shabbat endet mit Sonnenuntergang und sein Ende markiert zugleich den Anfang eines besonderen Festes – Shavuot. Also zunächst einmal:

CHAG SAMEACH! EIN FROHES FEST!

Screenshot Shavuot

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Die Jüdische Allgemeine hat dieses Jahr eine ganze Reihe interessanter Artikel zu Shavuot herausgebracht. Einer davon ist der von Rabbiner Adrian Michael Schell. Überschrift: „Auserwählt, aber nicht besser“. Der Titel machte mich neugierig.

Für Rabbiner Adrian Michael Schell bildet dieses Fest den Abschluss einer „spirituellen Reise, die an Pessach begonnen hat und mit Schawuot endet – eine Reise von der Befreiung aus Ägypten bis zur Übergabe der Tora am Sinai.“ Er schreibt (und aktueller kann ein „altes Thema“ nicht sein, muss Israel doch jeden Tag um seine Existenz und sein Überleben kämpfen):

„Während Ägypten symbolisch für Unfreiheit und einen Ort größter Bedrängnis steht, bedeutet die Zeit in der Wüste mit ihrer Offenheit und Unbegrenztheit gleichzeitig auch die Erfahrung, dass Freiheit ihre Grenzen hat. Die Israeliten mussten mühsam lernen, dass Freiheit ein kostbares und fragiles Gut ist, das kontinuierlich untermauert und verteidigt werden muss, möchte man es lange auskosten.“

Für Rabbiner Schell geht es nicht nur um die „physische Verteidigung gegen Angriffe von außen, sondern auch von innen, also in spiritueller Weise.“ Das System, das „die Anstrengungen, die Freiheit auch für die nächste Generation zu bewahren garantierte“, sei die Tora. Freiheit und Tora seien kein Widerspruch, sondern „sich bedingende Konstanten in einer chaotisch erscheinenden Welt.“ Shavuot würde jedes Jahr „genau diese Erkenntnis“ bestätigen. Der Dank an Shavuot gelte nicht nur G’tt für die „Gabe der Tora“, sondern auch „allen Generationen“, die an den Prinzipien der Tora festgehalten hätten, damit dieses Zeitalter erreicht werden konnte.

Der Grundgedanke der Tora sei die Verteidigung und die Erhaltung der Freiheit jedes Einzelnen. Dieser Grundgedanke gelte nicht nur den Jüdinnen und Juden, sondern sei ein universeller Natur. Der Begriff der Erwählung sei zu Shavuot zentral, aber nicht im Sinn eines Vorrechts, sondern müsse als Auftrag und Verpflichtung gesehen werden. Es seien die „Taten, die zählen.“ 

„Jüdisch zu sein, macht einen nicht zu einer heiligen Person. Der jüdischen Lehre folgend, beginnend mit der Tora bis zur heutigen Zeit, sind es Taten, die zählen. Nur durch das Handeln im Sinne der Mizwot* erwirken wir Heiligkeit.“

Rabbiner Schell erläutert und begründet seine Gedanken am Beispiel des Propheten Amos und des Buches Ruth. Amos stehe mit seinen Reden als Beispiel dafür, dass Gott alle Nationen gleichermaßen wichtig seien, die besondere Beziehung zu Israel beruhe auf den moralischen Obligationen, die dieses Volk auf sich genommen habe. Ruth, eine Fremde, habe sich aus freien Stücken dem Volk angeschlossen, wohl wissend, „dass dies eine erhebliche Selbstverpflichtung mit sich bringt und nicht etwa besondere Privilegien.“

Er beendet seine Ausführungen mit den Worten:

„Jede und jeder, der glaubt, aufgrund seiner Religion und/oder Geburt etwas Besseres zu sein als andere, übersieht die klare Lehre der Tora […] Erwählt zu sein, gewährt niemandem besondere Privilegien und stellt erst recht keine Form »genetischer Überlegenheit« dar.

Jüdisch zu sein bedeutet, dass wir uns entschieden haben, unsere Beziehung zu Gott weiterzuentwickeln, in dieser Welt entsprechend den Ideen der Tora zu wirken und den Gedanken einer Welt, in der die Ebenbildlichkeit Gottes aller Menschen erkannt und honoriert wird, nicht aufzugeben.“

Ein letztes noch zu dem oben eingestellten Screenshot (der Vollständigkeit halber 😉 ). Dieser verweist unübersehbar auf die zweite Komponente von Shavuot. Es ist das „Fest der Ernte“, der Darbringung der ersten Früchte und der Beginn der Weizenernte.


* Mitzwot (Gebote). Ausführungen dazu gibt es hier.

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Wie bereits weiter oben erwähnt, hat die Jüdische Allgemeine hat dieses Jahr eine Reihe interessanter Artikel zu Shavuot herausgebracht. Hier eine Auflistung:

Ein letzter Hinweis, den ich mir in Anbetracht der Europameisterschaft nicht verkneife: