Judenreines Europa

Jahrtausendelang war Europa das Zentrum des Lebens in der Diaspora, aber da die Juden weiter vom Kontinent fliehen, wird bis zum Ende dieses Jahrhunderts nur noch ein jüdischer Friedhof übrig bleiben.

von Joel Kotkin, 26. Juni 2019, Tablet

Manche Leute gehen durch das ganze Leben ohne ein Gespenst zu sehen; was mich betrifft: Ich sehe es die ganze Zeit.

– Detektiv Bernie Gunther in Phillip Kerr’s Greeks Bearing Gifts*

Im vergangenen Monat hat der deutsche Beauftragte für „Jüdisches Leben in Deutschland und den Kampf gegen den Antisemitismus“ sein eindrucksvoll betiteltes Amt genutzt, um deutschen Juden zu empfehlen, keine Kippahs in der Öffentlichkeit zu tragen. Die Reaktion des Beauftragten auf eine Welle antisemitischer Gewalt in seinem Land war eine verlegene Erkenntnis, dass Deutschland wieder einmal ein gefährliches Land für Juden ist. Und wie in Deutschland, sieht es auch in Europa aus. Jahrtausendelang, nach der Zerstörung des Zweiten Tempels und dem Beginn der Diaspora, war Europa die Heimat der Mehrheit der Juden der Welt. Dieses Kapitel der Geschichte ist vorbei. Der Kontinent entwickelt sich immer mehr zu einem Land jüdischer Geisterstädte und Friedhöfe, in dem die wenigen verbliebenen Juden entweder eine umkämpfte Existenz akzeptieren müssen oder sich darauf vorbereiten wegzugehen.

In seinen frühesten Reden machte Adolf Hitler deutlich, dass seine Hauptaufgabe darin bestünde, Deutschland und dann ganz Europa judenrein zu machen – frei von Juden. Er scheiterte nur am Sieg der Alliierten, aber heute erfüllt Europa langsam, unaufhaltsam und überwiegend legal und weitgehend unbewusst das Bestreben der Nazis. Nicht nur in Deutschland, sondern auch in England, Frankreich, Ungarn und anderswo auf dem ganzen Kontinent mehren sich nicht nur die vielen Formen des europäischen Antisemitismus – weit rechts, links, antiimperialistisch und islamistisch -, sondern rücken näher an die Kontrolle der offiziellen Machthebel.

Progressive und Medien ziehen es vor, den Antisemitismus in erster Linie den Missständen in Europa zuzuschreiben, aber die extreme Rechte ist nicht die einzige oder gar größte Bedrohung für die europäischen Juden. Eine detaillierte Umfrage der Universität Oslo ergab, dass in Skandinavien, Deutschland, Großbritannien und Frankreich die meisten antisemitischen Gewaltakte von Muslimen ausgehen, die jüngsten Einwanderer inbegriffen. Ebenso ergab eine Umfrage unter europäischen Juden, dass die Mehrzahl der Vorfälle von Antisemitismus entweder von Muslimen oder den Linken ausging. Knapp 13% führten sie auf Rechtsradikale zurück. Gewalt gegen Juden ist am schlimmsten an Orten wie den von Migranten dominierten Vororten von Paris oder Malmö in Schweden.

Auch ist die Aushöhlung der Juden in Europa nicht auf eine Region oder einen Landestyp beschränkt. Die Exodusrate ist in Russland anders als in Frankreich, und die Ursprünge der Unsicherheit in Belgien sind nicht identisch mit denen in England. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass das Phänomen der jüdischen Flucht Grenzen überschreitet und sowohl für Ost- und Mitteleuropa als auch für die Länder des Westens gilt.

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Geisterstädte

1920 war Europa Heimat von über der Hälfte des weltweiten Judentums und vielen seiner kreativsten und dynamischsten Gemeinschaften; heute umfasst es kaum 10% der Juden auf der Welt. Die Vernichtung durch den Holocaust allein reicht nicht aus, um diesen Verlust zu erklären. 1939 lebten in Europa 9,5 Millionen Juden; nach Kriegsende 1945 blieben nur noch 3,8 Millionen übrig. Heute, mehr als ein halbes Jahrhundert nach dem Holocaust, gibt es in Europa kaum noch 1,5 Millionen Juden.

Städte, die einst zu den Perlen jüdischen Lebens gehörten – Wien, Berlin, Warschau, Lublin, Riga, Kiew, Prag – hatten jüdische Bevölkerungsgruppen, die perfekt in einen texanischen Vorort passen würden. Selbst die letzten großen Bastionen jüdischen Lebens in Europa, Paris und London, sind sowohl durch rechten Antisemitismus, Assimilation als auch durch die verderbliche neue Kombination, die linken und islamistischen Hass verbindet, bedroht. Heute gibt es in Europa nur drei der zwanzig stärksten jüdischen Städte der Welt: Moskau, London und Paris. Die restlichen liegen alle in der Neuen Welt oder in Israel.

Frankreich mit der größten jüdischen Bevölkerung Europas wurde weitgehend durch die Massenmigration aus Nordafrika gestützt. Aber es gibt dort immer noch weniger Juden als 1939 und es scheint, dass die Zahl weiter schrumpfen wird. Osteuropa, das Zentrum der jüdischen Welt im Jahr 1939 mit seinen 8 Millionen Juden, hat heute weniger als 400.000. In Deutschland, 1939 Heimat von 500.000 Juden, gibt es heute nur noch ein Drittel davon. Die meisten sind Flüchtlinge aus Osteuropa. Weniger als 15.000 der heute in Deutschland lebenden Juden können ihre Wurzeln bis in die Zeit vor dem Nationalsozialismus zurückverfolgen.

In weiten Teilen Europas wird die Kultur des jüdischen Lebens auf historische Relikte reduziert. Die große Hauptstadt Wien, gewählte Heimat von Sigmund Freud, Gustav Mahler, Theodore Herzl und Billy Wilder und Geburtsort von Arnold Schönberg beherbergte 1923 über 200.000 Juden. Von den 1,7 Millionen Einwohnern Wiens gibt es heute knapp 10.000, darunter viele Flüchtlinge aus dem alten Sowjetblock.

Die frühen Habsburger, Herrscher des letzten großen Reiches Mitteleuropas, tolerierten ihre jüdischen Untertanen kaum und behandelten sie als „lebende Fossilien“, wobei sie sie manchmal vertrieben und ihnen zuweilen ein eingeschränktes Ghettoleben ermöglichten. Doch nach ihrer Emanzipation im Jahr 1867, so der renommierte Historiker Carl Schorske, spielten die Juden eine überdimensionierte Rolle im Reich. Die eleganten Ringstraßenwohnungen der Stadt wurden oft von der jüdischen Oberschicht entworfen und bewohnt. Einige davon sind heute Luxushotels, die auf den Wiener Tourismus zugeschnitten sind. Der ehemalige Beamte der Hebrew Immigrant Aid Society [des hebräischen Immigrantenhilfevereins] Walter Juraschek, ein 60-jähriges Kind osteuropäischer Flüchtlinge, schätzt, dass von der heutigen Bevölkerung der Wiener Juden nur 500 aus Österreich stammen. Die meisten anderen kommen aus dem Ausland: Orthodoxe und Unternehmer aus Israel, oder die Nachkommen von Flüchtlingen aus dem Osten.

Österreich hat sich nicht vollständig seiner NS-Vergangenheit gestellt. Das Land, so Juraschek, schwelgt immer noch in der phantasievollen Vorstellung, es sei „das erste Opfer“ des Nationalsozialismus, obwohl es den Anschluss 1938, die Vereinigung mit Hitlerdeutschland, weitgehend begrüßte. Wien brütete den Antisemitismus aus, der Hitler – selbst Österreicher und dort unter dem berühmnten antijüdischen Bürgermeister Karl Lueger wohnend – so beeinflusste. Adolf Eichmann, ebenfalls in Österreich geboren, führte den österreichischen Holocaust vom ehemaligen Rothschild-Palast in der eleganten Prinz-Eugen-Straße an.

Als ich aufwuchs, haben die Österreicher überhaupt nicht darüber gesprochen“, erinnert sich Juraschek in einem kleinen jüdischen Kaffeehaus unweit des Judenplatzes, dem historischen Zentrum der kleinen jüdischen Gemeinde der Stadt. „Es wurde erst Ende der 80er Jahre öffentlich, als Kurt Waldheim [ehemaliger Generalsekretär der Vereinten Nationen und kurz Österreichs Präsident] als ehemaliger Nazi entlarvt wurde.“ Auch die rechtsextremen Tendenzen in Österreich sind nicht verschwunden. Bis zum letzten Monat war die von ehemaligen SS-Offizieren gegründete Freiheitliche Partei Teil der konservativen Regierung des Landes.

Als meine Frau und ich vor kurzem in Wien waren, sahen wir große Gruppen jüdischer Touristen, die die restaurierte alte orthodoxe Synagoge der Stadt besuchten, die meisten von ihnen Besucher aus Nordamerika und Israel. Solche Touren durch die alten Zentren Ost- und Mitteleuropas, wo Besucher Gedenkstätten der ehemaligen wichtigen Zentren des jüdischen Gemeinschaftslebens bestaunen, sind heute üblich. Wie Wien sind auch viele einst große jüdische Städte mit Gemeinden von über 100.000 Mitgliedern – Städte wie Lodz, Kiew, Warschau – nur noch winzige Restbestände geblieben. Die Chancen, dass solch pulsierende jüdische Gemeinschaften in diesen Städten wieder zum Leben erwachen, sind heute ebenso groß wie die Chancen, dass die Blauen und Grauen tatsächlich auf die Schlachtfelder des amerikanischen Bürgerkriegs zurückkehren.

Wie Wien war Budapest einst ein dynamisches Zentrum des jüdischen Lebens im frühen 20. Jahrhundert. Eine Boomtown – die am schnellsten wachsende [Stadt] am Fin de Siècle [Ende des Jahrhunderts] Europas – zog Juden aus ganz Ost- und Mitteleuropa an und wurde zu einer der jüdischsten Städte außerhalb des Zarenreiches. 1913 überstieg die jüdische Gemeinde in Budapest 200.000 Menschen, was mehr als 20% der geschätzten 1 Million Einwohner der Stadt ausmachte. Die Stadt, die von Wiens Bürgermeister Lueger mit „Judapest“ bezeichnet wurde, wies einst über 47 Synagogen auf.

Die meisten Budapester Juden lebten in sehr dicht besiedelten Stadtvierteln, aber die Oberschicht lebte wie ihre Wiener Kollegen in großen Wohnungen an Straßen wie der Andrassy Avenue. Sie gediehen teilweise, so der Historiker John Lukacs, aufgrund der relativen Unaufmerksamkeit der herrschenden Magyaren-Aristokratie gegenüber der Geschäftswelt.

Die prächtige Synagoge in der Dohany-Straße, drittgrößte der Welt nach der Großen Betz-Synagoge in Jerusalem und der New Yorker Synagoge Emanuel, zeugt von der Vitalität und dem großen Reichtum der Budapester Juden. Die ständige Präsenz im historischen jüdischen Viertel der Stadt spiegelt die komplexe Geschichte der Gemeinde wider. Die Juden Ungarns überlebten bis 1944 weitgehend unbeschadet, da der faschistische Diktator des Landes und Hitler-Verbündete Admiral Miklos Horthy nicht bereit war, eine Bevölkerung zu vernichten, die zwar diskriminiert, aber dennoch einen erheblichen Beitrag zur produktiven Wirtschaft des Landes leistete. Erst im März 1944, als die Nazis in Ungarn wütendere antisemitische Elemente installierten – insbesondere das faschistische Pfeilkreuz -, begannen die Vernichtungen.

Schon damals konnte die Synagoge in der Dohany-Straße überleben, zum großen Teil deswegen, weil sie als Eichmanns Hauptquartier diente. Der nationalsozialistische Architekt der Massenschlachtungen wusste zynischerweise, dass die Alliierten nicht geneigt wären, ein Gebäude mitten im jüdischen Ghetto zu bombardieren. Das späte Datum der Vernichtungskampagne – und die Intervention von mutigen Nichtjuden wie dem schwedischen Grafen Raoul Wallenberg – ermöglichte es vielen ungarischen Juden, den Krieg zu überleben – etwa 100.000 allein in Budapest.

Von den Juden, die nach dem Krieg in Budapest blieben, gingen viele nach dem gescheiterten Aufstand gegen die Sowjets im Jahr 1956 weg. Heute schätzen demografische Experten, dass in Ungarn rund 47.000 Juden übrig geblieben sind, obwohl die Zählungen variieren und einige die [Zahl von] 100.000 überschreiten. Sie ist weit entfernt von der Vergangenheit, aber mehr als eine Spur. Es gibt noch 17 Synagogen in der Stadt.

Diese relativ robuste jüdische Gemeinde befindet sich ironischerweise in einem Land, das von dem als faschistisch und antisemitisch kritisierten Autokraten Viktor Orban regiert wird. Orban hat schlecht verschleierte antisemitische Memes benutzt, um seinen Erzfeind George Soros anzugreifen. Aber auch einige Orban-Kritiker, wie der Blogger Ádám Szedlák, sehen seine Angriffe auf Soros – einen hingebungsvollen Atheisten, der Israel und auch dem jüdischen Gemeindeleben gegenüber oft kalt, wenn nicht feindselig eingestellt war – als Anwendungen nicht der antijüdischen oder proto-faschistischen Ideologie, sondern des „politischen Opportunismus“.

Ironischerweise ist Orban weitaus israelfreundlicher als die europäischen Staats- und Regierungschefs, die weithin als Standardträger der liberalen internationalen Ordnung gefeiert werden, wie der Franzose Emmanuel Macron oder die Deutsche Angela Merkel. Er steht Premierminister Netanjahu nahe und pflegt besonders enge Beziehungen zu den chassidischen Juden der florierenden Chabad-Gemeinde in Budapest. Orbans Regime hat auch die Leugnung des Holocausts illegal gemacht, einen offiziellen Holocaust-Gedenktag eingerichtet und sich geweigert, mit der antisemitischen, rechtsextremen Jobbik-Partei zusammenzuarbeiten.

Einige lokale Juden unterstützen Orban, weil sein starker nationalistischer Ansatz einen Bann von Migranten aus dem Nahen Osten nach Ungarn beinhaltete. Die langjährige jüdische Aktivistin Anni Fisher, Kind von Holocaust-Überlebenden, mag Orbans nativistische Rhetorik nicht, argumentiert jedoch, seine Einwanderungspolitik habe verhindert, dass der in anderen europäischen Hauptstädten allzu häufige virulente Islamismus in Budapest Fuß fasst. „Die Juden hier leben gut, nicht schlecht“, sagt sie. Aber selbst dann sieht Fisher keine große Zukunft für die [jüdische] Gemeinde. „Die jungen Leute bleiben nicht. Alles, was wir bekommen, sind Israelis und ältere Menschen, die hierher kommen, um sich zurückzuziehen.“

Doch im Gegensatz zu anderen europäischen Städten bleibt das jüdische Viertel von Budapest vorerst lebhaft. Traditionelles jüdisches Essen und Klezmermusik findet man in beliebten Treffpunkten wie dem Café Spinoza. Einige nominelle Christen wie Kristof Molnar, ein 32-jähriger Manager für Unternehmensentwicklung, entdecken das verborgene jüdische Erbe ihrer Großeltern wieder und haben an Reisen nach Israel teilgenommen.

Obwohl er kein religiöses Wiedererwachen am Horizont sieht, glaubt Molnar, dass es eine bescheidene Wiederherstellung der jüdischen Rolle im ungarischen Leben gibt. „Das ist ein Neuanfang“, sagt er. „Es ist nicht wie die alte Generation, die nur an den Holocaust und die Erinnerung denkt. Unter denen von uns in den 20er oder 30er Jahren besteht der Wunsch, sich wieder auf unsere eigene Vergangenheit und auf den Teil unseres ungarischen Erbes zu besinnen, der nach wie vor in der jüdischen Herkunft verwurzelt ist.“

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Die neue Bedrohung im Westen

In der Vergangenheit haben die Juden Ungarns und anderer osteuropäischen Länder möglicherweise nach Westen geschaut, um sich inspirieren zu lassen. Doch heute sind die jüdischen Bevölkerungsgruppen in Westeuropa selbst bedroht und ihre Population dürfte in den kommenden Jahrzehnten zurückgehen.

Der Niedergang des westeuropäischen Judentums wird durch ein Zusammentreffen verschiedener Faktoren verursacht. Die geringste tödliche Bedrohung liegt in der Assimilation, von der etwa die Hälfte aller europäischen und amerikanischen Juden betroffen ist. Die Assimilation hat sich auch besonders auf die russischen Juden ausgewirkt, die in jüngster Zeit nach Westeuropa ausgewandert sind, da bis zu 70% ihre Zugehörigkeit im Erwachsenenalter verlieren. Aber der zunehmende Antisemitismus ist weitaus beunruhigender. Jüngsten Umfragen zufolge haben rund 90% der europäischen Juden antisemitische Vorfälle erlebt. In Frankreich nahmen die antisemitischen Straftaten im Jahr 2018 gegenüber dem Vorjahr um 74% zu.

Der wiederauflebende Antisemitismus in Europa hat zwei Gesichter, ein vertrautes und das andere neueren Datums. Eine anhaltend schwache Wirtschaft und das Schrumpfen der Mittelschicht haben, wie im letzten Jahrhundert, zu einem explosionsartigen Anwachsen des Rechtspopulismus auf dem gesamten Kontinent geführt. In einigen Ländern, insbesondere in Russland, Polen, Belgien und in Teilen Deutschlands, wurde der Antisemitismus des traditionellen rechtsextremen Typus häufig von nationalistischen Parteien wie der AFD in Deutschland, der Freiheitspartei in Österreich und Jobbik in Ungarn verbreitet.

Zu diesen Kräften gehören einige, die den Holocaust minimieren. Alexander Gauland, einer der Führer der AFD Deutschlands, nannte den Nazi-Holocaust „Ein Stück Vogelschiss in 1000 Jahren ruhmreicher deutscher Geschichte.“ Auch wenn Gaulands Rhetorik – von einer in der Öffentlichkeit stehenden deutschen Persönlichkeit ausgesprochen – als schockierend erscheinen mag, stimmt sie doch mit einem bedeutenden Teil der deutschen Öffentlichkeit überein. Etwas mehr als die Hälfte der Deutschen glaubt heute, einer ADL-Umfrage von 2015 zufolge, dass Juden den Holocaust übertreiben, während ein Drittel den Juden selbst die Schuld am zunehmenden Antisemitismus geben.

Aber die extreme Rechte, wie die berühmten Nazijäger Serge und Beate Klarsfield meiner Frau Mandy und mir vor fast zwei Jahrzehnten erklärten, sind nicht annähernd eine so starke Bedrohung für die Juden wie das Bündnis von Islamisten und linken Aktivisten. Zunehmend spiegelt der Angriff auf Juden einen größeren Kulturkampf wider, der gegen die westliche Zivilisation geführt wird; wenn Hitler die Juden als gefährliche Außenseiter der europäischen Kultur sah, beschuldigt die Linke sie heute, zu stark mit den kontinentalen Werten verbunden zu sein.

Wie in den 1930er Jahren reicht der Antisemitismus über den [am] Rand [Stehenden] hinaus und bis in den gebildeten Mainstream. Einer Studie zufolge stammten 60 Prozent der deutschen antisemitischen Botschaften von gebildeten Menschen. Heute glaubt kaum die Hälfte der Europäer, dass Israel ein Existenzrecht hat. Die allgemein aus dem Mittelstand stammenden Grünen Parteien, die sich nach den letzten Europawahlen in Deutschland und auf dem gesamten Kontinent als große Gewinner erwiesen haben, neigen dazu, die BDS-Kampagne zu unterstützen, die darauf abzielen, den jüdischen Staat zu dämonisieren und zu eliminieren. Die deutschen Grünen bezeichnen Israel regelmäßig als „Apartheid“-Regime.

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Die posteuropäische Zukunft des Judentums

Europa wird in naher Zukunft nicht ganz judenrein werden. Aber die Zeichen des Niedergangs sind überall und der Endpunkt, zu dem sie führen, scheint unausweichlich. In Russland ist die einst riesige jüdische Bevölkerung von 1,4 Millionen im Jahr 1989 auf rund 400.000 zurückgegangen. Der israelische Demograf Sergio della Pergola, ein Experte für jüdische Bevölkerungsgruppen auf der ganzen Welt, wies kürzlich darauf hin, dass Russland im vergangenen Jahr 8.000 Todesfälle älterer Juden, aber nur 600 Geburten bei jüdischen Müttern aufweist.

In Großbritannien ist die jüdische Bevölkerung in den letzten fünfzig Jahren zurückgegangen. Die Perspektive, dass der Vorsitzende der Labour Party, Jeremy Corbyn, dessen lange Geschichte in gegen Israel agierenden und judenfeindlichen Vereinigungen bekannt ist, der nächste Premierminister wird, stellt das dar, was der ehemalige britische Oberrabbiner Jonathan Sacks als „eine existenzielle Krise“ bezeichnete. Wenn der Corbynismus seinen Einfluss auf die britische Politik beibehält, könnte dies einen Massenexodus britischer Juden auslösen. Eine Studie prognostiziert, dass bis zum Ende des Jahrhunderts in England eine weitgehend orthodoxe Gemeinschaft übrig bleiben wird, die die Mehrheit der Juden des Landes bildet.

Frankreich, heute Heimat der drittgrößten jüdischen Gemeinde der Welt, scheint dem gleichen Muster des demografischen Rückgangs zu folgen. Obwohl die französische jüdische Gemeinde durch Massenmigration aus ihren ehemaligen nordafrikanischen Kolonien vorübergehend wiederbelebt wurde, wurde sie seitdem von einer zunehmenden islamistischen Bedrohung und einer stetigen Zunahme antisemitischer Angriffe getroffen. Seit dem Jahr 2000 haben fast 50.000 Juden Frankreich verlassen, vor allem nach Israel, den Vereinigten Staaten und Kanada. Angesichts der Tatsache, dass der Nahe Osten und Nordafrika kaum neue Einwanderungsquellen haben werden, ist es schwer vorstellbar, wie die jüdische Bevölkerung Frankreichs in Zukunft wachsen wird. Eine Ausnahme bilden die Orthodoxen, die mit überdurchschnittlichen Geburtenraten wachsen können.

Zusammengenommen bedeuten die Kräfte der Geschichte, der Politik, des Antisemitismus und der Migrationsmuster den wahrscheinlichen Untergang des Judentums in Europa, insbesondere seiner eher säkularen Elemente. Die einst weit verbreitete Volksgruppe konzentriert sich schnell auf Nordamerika und Israel, wo ungefähr 90% aller Juden leben. Doch selbst in Amerika und Kanada können sowohl die Assimilation als auch der wieder auflebende Antisemitismus, nicht nur bei den extremen Rechten, sondern auch bei den Universitäten und fortschrittlichen politischen Bewegungen, einschließlich der demokratischen Kongressmitglieder, dazu führen, dass immer mehr Menschen das Gefühl haben, sich zwischen ihren jüdischen Wurzeln und ihren politischen Verpflichtungen entscheiden zu müssen.

Auf lange Sicht könnte – wenn die aktuellen Trends anhalten – die jüdische Zukunft überwiegend israelisch werden, wie es der französische Soziologe George Friedman vor einem halben Jahrhundert vorausgesagt hat. Beginnend mit der Wende zum 20. Jahrhundert und bis in die letzten Jahrzehnte hinein wuchs die jüdische Bevölkerung in Nordamerika, indem sie Einwanderer aus Mittel- und Osteuropa und später aus Ländern wie der ehemaligen Sowjetunion, dem Iran und Nordafrika aufnahm. Heute leben über 70% der Diaspora-Juden in den USA und Kanada, aber die Gesamtzahl kann sinken, weil diese jüdischen Gemeinden nicht mehr auf die Infusion von „neuem Blut“ rechnen können, um sie vital zu erhalten.

Da bereits fast eine Mehrheit aller jüdischen Kinder dort lebt, wird Israel in naher Zukunft zum ersten Mal seit der frühen Antike die Heimat einer Mehrheit aller Juden werden. Es markiert das Ende einer Epoche des jüdischen Lebens und den Beginn, wie sehr auch immer, einer neuen.

Originalartikel: Joel Kotkin, Judenrein Europe, Tablet Magazine

Übersetzung: faehrtensuche


* Hinweis auf einen Artikel in der FAZ vom 28.06.2018: Bücher von Philipp Kerr, Bernie Gunther lebt bald nicht mehr

Shavuot: Der Feiertag für das Volk des Buches

von Rabbi Jonathan Feldman, Ph.D.

Originalartikel: Shavuot: The Holiday for the People of the Book

Shavuot könnte als das Fest des Buches angesehen werden. Anders als Rosh Hashana mit dem Schofar, Chanukka mit der Menora und Sukkot mit den vier Arten* und der Sukkah hat Shavuot kein konkretes Symbol. Da es der Feiertag ist, der die Übergabe der Thora auf dem Berg Sinai feiert, ist es Brauch, sich mit dem Studium der Thora zu beschäftigen. In jüngster Zeit ist es Brauch, die ganze Nacht wach zu bleiben und die Thora zu studieren.

Wir hören manchmal, dass Juden als „Das Volk des Buches“ bezeichnet werden. Paradoxerweise stammt dieser Begriff eigentlich aus dem Koran, nicht aus jüdischen Quellen. Für viele betont es den jüdischen Fokus auf Bildung und Bildungserfolge. Bis vor kurzem machten Juden 25% der Schulen in der Ivy League aus. Das Volk des Buches hat über 20% der Nobelpreise erhalten, obwohl Juden nur 0,02% der Bevölkerung ausmachen. Es ist schwierig, die Zahlen für die jüdische Alphabetisierung in der Vergangenheit zu bestimmen, aber es scheint, dass sie historisch gesehen weit über denen der allgemeinen Bevölkerung lagen. Achtzehn Jahrhunderte vor der westlichen Welt führte Rabbi Yehoshua ben Gamliel die universelle Erziehung für Kinder in jüdischen Gemeinden ein (siehe Babylonischer Talmud, Baba Batra 21a).

Es wurde vermutet, dass der jüdische Bildungserfolg und damit auch die allgemeine Gesellschaft weitgehend auf die Gewichtung zurückzuführen ist, die der Bildung in der jüdischen Gesellschaft und Kultur beigemessen wird. Das Mantra meiner Großmutter war für mich, so viel Bildung wie möglich zu erlangen, weil „sie sie dir nicht wegnehmen können“. Das wurde aus eigener Erfahrung gesagt. Vor dem Zweiten Weltkrieg wurden ihr und meinem Großvater ihr Haus und ihr Geschäft in Österreich weggenommen, als sie in den Fünfzigern waren und in Amerika von vorne anfangen mussten. Ich habe mir die Botschaft einverleibt und schloss mit zwei Master-Abschlüssen ab.

Wenn wir es jedoch zurückverfolgen, sehen wir, dass die jüdische Gewichtung der Bildung nicht von einem kulturellen Wert herrührt; sie kommt von der Bedeutung, die dem Thorastudium beigemessen wird. Dies ist in der rabbinischen Aussage enthalten, die wir täglich in den Morgengebeten rezitieren: „Die Talmud-Thora ist für alle gleich [seine Eltern zu ehren, freundlich zu handeln und anderer primärer Mizwot**]“ (Babylonischer Talmud, Shabbat 127a).

Eines der Merkmale eines religiösen jüdischen Hauses ist die auffällige Auslage von Büchern. Die Tatsache, dass die Bücher der Thora an einem zentralen Ort im Haus stehen, zeigt, wie wichtig das Thora-Studim für unser Leben ist.

Rabbi Judah Halevy, der spanische Philosoph, Arzt und Dichter, drückte seine Liebe zu Büchern so aus: „Mein Stift ist meine Harfe und meine Leier, meine Bibliothek ist mein Garten und meine Obstplantage.“ (Brodi S.166.) Implizit ist die Botschaft, dass der Garten zur Ernte bestimmt ist. Der Talmud sagt uns, dass das besagt, das Thora-Studium in das Muster unseres Lebens aufzunehmen.

[Rabbi] Shammai sagt uns, dass wir die Thora zu einem festen Bestandteil unseres Lebens machen sollten (Avot 1:15). Eine der fünf wichtigsten Fragen, die uns gestellt werden, wenn wir die zukünftige Welt erreichen, lautet: „Hast du regelmäßige Zeiten für das Thorastudium eingeplant?“ (Shabbat 31a) Das Thorastudium ist nicht ein bloßes Hobby; es ist die Haupttätigkeit im Leben eines Juden.

Shavuot feiert die Übergabe der Thora am Berg Sinai vor über 3000 Jahren und unsere Übermittlung der Lehren über 3000 Jahre jüdischer Geschichte. Jüdische Feiertage sind nicht nur Erinnerungen an die Vergangenheit. Wie die Passah-Haggada uns aufträgt, den Exodus tatsächlich neu zu erleben, so [ist es] auch an Shavuot, wir bringen uns selbst dazu, den Empfang der Thora neu zu erleben und weihen uns erneut unserer Verpflichtung gegenüber der Thora und studieren sie. Diese Gelegenheit kann sich über den Rest des Jahres erstrecken, wie das in der Lehre von Rabbi Yehoshua ben Levi zum Ausdruck kommt: Jeden Tag ertönt eine Stimme vom Berg Horeb (Mt. Sinai, Avot 6: 2).

Egal, ob Sie die ganze Nacht aufbleiben, um die Thora zu studieren, oder Zeit finden, Ihre eigenen Studien zu betreiben, lassen Sie uns erneut verpflichten, die Thora zu studieren und sie zu einem festen Bestandteil unseres täglichen Lebens zu machen.

Übersetzung und Links: faehrtensuche


*Zu den vier Arten ist hier zu lesen: „Zu den besonderen Mizwot** an Sukkot gehören die „vier Arten“. Wir binden drei Hadassim (Myrthenzweige) und zwei Arawot (Weidenzweige) an den Lulaw (Palmzweig) am Vortag des Sukkotfestes.

** Mitzwot (Gebote). Ausführungen dazu gibt es hier.

Chanukka Sameach!

Chanukka. Gestern Abend wurde die 1. Kerze an der Chanukkiya angezündet. Jeden Tag kommt eine Kerze hinzu. 8 Nächte lang. Zeit des Nachdenkens, der Besinnung. Verleiten Kerzen nicht genau dazu? … Am Rande sei bemerkt, dass der Beginn von Chanukka in diesem Jahr mit dem 1. Advent zusammenfällt! …

Rabbi Sacks hat in dem Artikel „8 Short Thoughts for 8 Chanukka Nights“ Gedanken zusammengefasst, die zum Nachdenken anregen. Erkenntnisse, immer gültig und „schön“ portionsgerecht dargeboten. Also:

8 knappe Gedanken für 8 Chanukka-Nächte

[1]

DURCH GLAUBEN INSPIRIERT KÖNNEN WIR DIE WELT VERÄNDERN

Vor zweiundzwanzig Jahrhunderten, als Israel sich unter der Herrschaft des Reiches Alexanders des Großen befand, entschloss sich ein bestimmter Führer, Antiochus IV., die Hellenisierung zu beschleunigen, den Juden zu verbieten, ihre Religion zu praktizieren und im Tempel in Jerusalem eine Statue des Zeus Olympus aufzustellen.

Das war zu viel, um es zu ertragen, und eine Gruppe von Juden, die Makkabäer, kämpfte für ihre Religionsfreiheit und gewann einen beeindruckenden Sieg gegen die mächtigste Armee der Antike. Nach drei Jahren eroberte sie Jerusalem zurück, weihte den Tempel neu ein und zündete die Menora wieder an mit dem einzigen Krug reinen Öls, das sie unter den Trümmern fanden.

Es war eine der beeindruckendsten militärischen Errungenschaften der Antike. Es war, wie wir in unseren Gebeten sagen, ein Sieg der Wenigen über die Vielen, der Schwachen über die Starken. Es ist in wunderbarer Linie vom Propheten Sacharja zusammengefasst: Nicht durch Macht oder Stärke, sondern durch meinen Geist, sagt der HERR. Die Makkabäer hatten weder Macht noch Stärke, weder Waffen noch Zahlen. Aber sie hatten einen doppelten Anteil des jüdischen Geistes, der sich nach Freiheit sehnt und bereit ist, dafür zu kämpfen.

Glauben Sie niemals, dass eine Handvoll engagierter Menschen die Welt nicht verändern kann. Inspiriert durch Glauben, schaffen sie es. Die Makkabäer taten es damals. Das können wir auch heute.

[2]

DAS LICHT DES GEISTES STIRBT NIEMALS

Es gibt eine interessante Frage, die die Kommentatoren zu Chanukka stellen. Acht Tage lang zünden wir Lichter an und jede Nacht sprechen wir den Segen über die Wunder: she-asah nissim la-avotenu. Aber was war das Wunder der ersten Nacht? Das Licht, das einen Tag hätte andauern sollen, dauerte acht [Tage]. Das bedeutet aber, dass an den Tagen 2 bis 8 etwas Wunderbares passierte, aber nichts Wunderbares am ersten Tag.

Vielleicht war das Wunder das, dass die Makkabäer einen Ölkrug mit einem intakten Siegel fanden. Es gab keinen Grund anzunehmen, dass irgendetwas die systematische Schändung des Tempels durch die Griechen und ihrer Anhänger überstanden hätte. Doch die Makkabäer suchten und fanden das eine Gefäß. Warum haben sie gesucht? Weil sie der Überzeugung waren, dass von der schlimmsten Tragödie irgendetwas erhalten geblieben wäre. Das Wunder der ersten Nacht war das des Glaubens selbst, der Glaube, dass etwas bleibt, mit dem man wieder beginnen könnte.

So war es schon immer in der jüdischen Geschichte. Es gab Zeiten, in denen irgendein anderes Volk verzweifelt aufgegeben hätte: nach der Zerstörung des Tempels oder den Massakern der Kreuzzüge oder der spanischen Vertreibung oder der Pogrome oder der Shoa. Aber irgendwie setzten sich die Juden nicht hin und weinten. Sie trugen zusammen, was übrig blieb, bauten unser Volk wieder auf und zündeten ein Licht wie kein anderes in der Geschichte an, ein Licht, das uns und der Welt von der Kraft des menschlichen Geistes erzählt, jede Tragödie zu überwinden und eine Niederlage nicht zu akzeptieren.

Seit den Tagen von Moses und dem brennenden [Dorn-]Busch, der nicht konsumiert wurde bis zu den Tagen der Makkabäer und dem einzigen Ölkrug, war das Judentum der Ner tamid der Menschheit, das immerwährende Licht, das keine Macht auf Erden auslöschen kann.

[3]

CHANUKKA IN UNSERER ZEIT

1991 entzündete ich Chanukka-Kerzen mit Michail Gorbatschow, der bis dahin Präsident der Sowjetunion gewesen war. Seit siebzig Jahren war die Ausübung des Judentums im kommunistischen Russland praktisch verboten. Es war einer der beiden großen Angriffe auf unser Volk und unseren Glauben im zwanzigsten Jahrhundert. Die Deutschen versuchten, Juden zu töten; die Russen versuchten, das Judentum zu töten. Unter Stalin wurde der Angriff brutal. Dann, 1967, nach dem Sieg Israels im Sechs-Tage-Krieg, versuchten viele sowjetische Juden, Russland zu verlassen und nach Israel zu gehen. Nicht nur wurde die Genehmigung verweigert, sondern die betroffenen Juden verloren oft ihren Arbeitsplatz und wurden inhaftiert. Auf der ganzen Welt kämpften Juden für die Gefangenen – sie wurden Verweigerer genannt -, um freigelassen zu werden und gehen zu dürfen. Schließlich erkannte Michail Gorbatschow, dass das gesamte Sowjetsystem nicht funktionsfähig war. Der Kommunismus hatte nicht Freiheit und Gleichheit gebracht, sondern Unterdrückung, einen Polizeistaat und eine neue Hierarchie der Macht. Am Ende kollabierte es und die Juden erhielten wieder die Freiheit, das Judentum zu praktizieren und nach Israel zu gehen.

An diesem Tag im Jahr 1991, nachdem wir gemeinsam Kerzen angezündet hatten, fragte mich Herr Gorbatschow über seinen Dolmetscher, was wir gerade getan hätten. Ich sagte ihm, dass vor 22 Jahrhunderten in Israel, nachdem die öffentliche Ausübung des Judentums verboten worden war, die Juden für ihre Freiheit gekämpft und sie gewonnen hatten und diese Lichter wären das Symbol für diesen Sieg. Und ich fuhr fort: Vor siebzig Jahren haben die Juden in Russland den gleichen Verlust an Freiheit erlitten, und Sie haben ihnen jetzt geholfen, die Freiheit wieder zu erlangen. Sie sind also Teil der Chanukka-Geschichte geworden. Als der Dolmetscher diese Worte ins Russische übersetzte, errötete Michail Gorbatschow. Die Chanukka-Geschichte lebt noch immer, inspiriert noch immer und berichtet nicht nur uns, sondern auch der Welt, dass die Freiheit, obwohl es Tyrannei gibt, mit G’ttes Hilfe immer die letzte Schlacht gewinnen wird.

[4]

DER ERSTE KAMPF DER KULTUREN

Einer der Schlüsselbegriffe unserer Zeit ist der Kampf der Kulturen. Und Chanukka ist einer der ersten großen Zusammenstöße der Kulturen zwischen den Griechen und den Juden der Antike, zwischen Athen und Jerusalem.

Die alten Griechen haben eine der bemerkenswertesten Zivilisationen aller Zeiten hervorgebracht: Philosophen wie Platon und Aristoteles, Historiker wie Herodot und Thukydides, Dramatiker wie Sophokles und Aischylos. Sie produzierten Kunst und Architektur von einer Schönheit, die nie übertroffen wurde. Doch im zweiten Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung wurden sie von der Gruppe jüdischer Kämpfer, den Makkabäern, besiegt, und von da an geriet Griechenland als Weltmacht in einen rasanten Niedergang, während das winzige jüdische Volk jedes Exil und jede Verfolgung überlebte und heute noch am Leben und gesund ist.

Was war der Unterschied? Die Griechen, die nicht an einen einzigen, liebenden G’tt glaubten, gaben der Welt das Konzept der Tragik. Wir strengen uns an, wir kämpfen, manchmal erreichen wir Größe, aber das Leben hat keinen ultimativen Zweck. Weder versteht uns das Universum noch interessiert es sich dafür, dass wir da sind.

Das alte Israel gab der Welt die Idee der Hoffnung. Wir sind hier, weil G’tt uns in Liebe geschaffen hat und wir entdecken durch Liebe den Sinn und Zweck des Lebens.

Tragische Kulturen zerfallen schließlich und sterben. Da ihnen jeglicher Sinn der ultimativen Bedeutung fehlt, verlieren sie die moralischen Überzeugungen und Gewohnheiten, von denen Kontinuität abhängt. Sie opfern das Glück für das Vergnügen. Sie verkaufen die Zukunft für die Gegenwart. Sie verlieren die Leidenschaft und die Energie, die ihnen überhaupt Größe gebracht hat. Das ist es, was mit dem antiken Griechenland passiert ist.

Das Judentum und seine Kultur der Hoffnung haben überlebt, und die Chanukka-Lichter sind das Symbol dieses Überlebens, der Weigerung des Judentums, seine Werte für den Glamour und das Prestige einer säkularen Kultur aufzugeben, damals wie heute.

Eine Kerze der Hoffnung mag als kleine Sache erscheinen, aber davon kann das Überleben einer Zivilisation abhängen.

[5]

DAS LICHT DES KRIEGES UND DAS LICHT DES FRIEDENS

Es gibt ein Chanukka-Gesetz, das ich bewegend und tiefgründig finde. Maimonides schreibt, dass ‚die Anweisung, die Chanukka-Lichter betreffend, sehr wertvoll ist. Einer, dem das Geld fehlt, um Lampen zu kaufen, sollte etwas verkaufen oder, wenn nötig, leihen, um die Mitzwa erfüllen zu können.‘

So stellt sich die Frage: Was wäre, wenn du am Freitagnachmittag entdeckst, dass du nur eine Kerze hast? Zündest du sie als Shabbat-Kerze oder Chanukka-Kerze an? Sie kann nicht beides sein. Die Logik schlägt vor, dass du sie als Chanukka-Kerze anzünden solltest. Schließlich gibt es kein Gesetz, dass man verkaufen oder leihen muss, um Lichter für den Schabbat anzuzünden. Doch das Gesetz besagt, dass man – wenn man vor einer solchen Wahl steht – sie als Shabbat-Licht anzündet. Warum?

Hören Sie Maimonides: „Das Schabbatlicht hat Vorrang, denn es symbolisiert Shalom Bayit, den häuslichen Frieden. Und der Frieden ist groß, denn die gesamte Thora wurde geschenkt, um Frieden in der Welt zu schaffen.“

Bedenken Sie: Chanukka erinnert an einen der größten militärischen Siege in der jüdischen Geschichte. Doch das jüdische Gesetz bestimmt, dass – wenn wir nur eine Kerze anzünden können – das Schabbatlicht Vorrang hat, weil im Judentum der größte militärische Sieg den zweiten Platz einnimmt, hinter dem Frieden im Haus.

Warum überlebte nur das Judentum unter den Zivilisationen der Antike? Weil es das Zuhause mehr schätzte als das Schlachtfeld, die Ehe mehr als militärische Größe und Kinder mehr als Generäle. Der Frieden im Haus war unseren Vorfahren wichtiger als der größte militärische Sieg.

Wenn wir also Chanukka feiern, sollten wir auch an den wirklichen Sieg denken, nicht an den militärischen, sondern den spirituellen [Sieg]. Juden waren das Volk, das die Ehe, das Zuhause und den Frieden zwischen [Ehe-]Mann und [Ehe-]Frau mehr schätzten als den höchsten Ruhm auf dem Schlachtfeld. Im Judentum hat das Licht des Friedens Vorrang vor dem Licht des Krieges.

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DAS DRITTE WUNDER

Wir alle kennen die Wunder von Chanukka, den militärischen Sieg der Makkabäer über die Griechen und das Wunder des Öls, das für einen Tag hätte reichen sollen, aber acht Tage lang brannte. Aber es gab ein drittes Wunder, von dem nicht viele Menschen wissen. Es fand mehrere Jahrhunderte später statt.

Nach der Zerstörung des zweiten Tempels waren viele Rabbiner überzeugt, dass Chanukka abgeschafft werden sollte. Schließlich feierte man die Wiedereinweihung des Tempels. Und der Tempel war nicht mehr da. Er war von den Römern unter Titus zerstört worden. Ohne einen Tempel – was gab es da noch zu feiern?

Der Talmud berichtet uns, dass in mindestens einer Stadt, Lod, Chanukka abgeschafft wurde. Doch letztlich setzte sich die andere Sichtweise durch, weshalb wir bis heute Chanukka feiern.

Warum? Denn obwohl der Tempel zerstört wurde, wurde die jüdische Hoffnung nicht zerstört. Wir haben zwar das Gebäude verloren, aber wir hatten immer noch die Geschichte, die Erinnerung und das Licht. Und was einmal in den Tagen der Makkabäer passiert war, könnte wieder passieren. Und es waren diese Worte, od lo avdah tikvatenu, „unsere Hoffnung wird nicht zerstört“, die Teil der Hatikvah wurden und die die Juden inspirierte, nach Israel zurückzukehren und ihren alten Staat wieder aufzubauen. Wenn Sie also die Chanukka-Kerzen anzünden, erinnern Sie sich daran. Das jüdische Volk bewahrte die Hoffnung und die Hoffnung bewahrte das jüdische Volk. Wir sind die Stimme der Hoffnung im Gespräch der Menschheit.

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INNEN/AUßEN

Es gibt mehr als ein Gebot im Judentum, Lichter anzuzünden. Es gibt drei. Es gibt die Schabbat-Kerzen. Es gibt die Havdalah Kerze. Und es gibt die Chanukka-Kerzen.

Der Unterschied zwischen ihnen besteht darin, dass Schabbat-Kerzen den Shalom Bayit, Frieden zu Hause, verkörpern. Sie werden drinnen angezündet. Sie sind – wenn man so will – das innere Licht des Judentums, das Licht der Heiligkeit der Ehe und der Heiligkeit des Heims.

Die Chanukka-Kerzen wurden gewöhnlich draußen angezündet – vor der Haustür. Es war nur die Angst vor der Verfolgung, die die Chanukka-Kerzen wieder ins Haus brachte, und in jüngster Zeit führte der Lubavitcher Rebbe den Brauch ein, riesige Menorahs auf öffentlichen Plätzen anzuzünden, um den ursprünglichen Sinn wiederherzustellen.

Chanukka-Kerzen sind das Licht, das das Judentum der Welt bringt, wenn wir keine Angst haben, unsere Identität in der Öffentlichkeit bekannt zu machen, nach unseren Grundsätzen zu leben und – wenn nötig – für unsere Freiheit zu kämpfen.

Was die Havdalah-Kerze betrifft, die immer aus mehreren miteinander verwobenen Dochten besteht, so stellt sie die Verschmelzung der beiden [Lichter] dar, das innere Licht des Schabbats, das mit dem äußeren Licht verbunden ist, das wir während der sechs Tage der Woche bilden, wenn wir in die Welt hinausgehen und unseren Glauben in der Öffentlichkeit leben.

Wenn wir als Juden im Privaten leben und unsere Häuser mit dem Licht der Shekhina [der Gegenwart G’ttes] füllen, wenn wir als Juden in der Öffentlichkeit leben und anderen das Licht der Hoffnung bringen und wenn wir beides zusammen leben, dann bringen wir Licht in die Welt.

Es gab immer zwei Möglichkeiten, in einer Welt zu leben, die oft dunkel und voller Tränen ist. Wir können die Dunkelheit verfluchen oder wir können ein Licht anzünden, und – wie die Chassidim sagen – vertreibt ein bisschen Licht viel Dunkelheit. Mögen wir alle dazu beitragen, die Welt zu erhellen.

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EIN ANDERES LICHT ANZÜNDEN

Im Talmud gibt es eine faszinierende Auseinandersetzung. Kann man eine Chanukka-Kerze nehmen, um eine andere anzuzünden? Normalerweise nehmen wir natürlich eine besondere Kerze, den Shamash [Diener], und zünden damit alle Kerzen an. Aber angenommen, wir haben keine. Können wir die erste Kerze anzünden und dann mit ihr die anderen anzünden?

Zwei große Weisen des dritten Jahrhunderts, Rav und Shmuel, waren unterschiedlicher Meinung. Rav sagte „Nein“. Shmuel sagte „Ja“. Normalerweise haben wir eine Regel, dass – wenn Rav und Shmuel sich nicht einigen – das Gesetz Rav folgt. Es gibt nur drei Ausnahmen und dies ist eine.

Warum sagte Rav, man dürfe keine Chanukka-Kerze nehmen, um die anderen anzuzünden?

Weil, so sagt der Talmud, ka mach-chish mitzvah. Man schmälert die erste Kerze. Unweigerlich verschüttet man etwas von dem Wachs oder Öl. Und Rav sagt: Tue nichts, was das Licht der ersten [Kerze] verringern könnte.

Aber Shmuel widerspricht und das Gesetz folgt Shmuel. Warum?

Die beste Art, darauf zu antworten, ist an zwei Juden zu denken: beide religiös, beide engagiert, beide führen ein jüdisches Leben. Einer sagt: Ich darf mich nicht mit Juden einlassen, die weniger religiös sind als ich, denn wenn ich das tue, werden meine eigenen Standards fallen. Ich werde weniger einhalten. Mein Licht wird abnehmen. Das ist die Ansicht von Rav.

Der andere sagt, nein, wenn ich das Feuer meines Glaubens benutze, um im Leben eines anderen eine Kerze anzuzünden, wird mein Judentum nicht gemindert. Es wächst, weil es jetzt mehr jüdisches Licht in der Welt gibt. Wenn es um geistige Güter statt materielle Güter geht, gilt: Je mehr ich teile, desto mehr habe ich. Wenn ich mein Wissen, meinen Glauben oder meine Liebe mit anderen teile, werde ich nicht weniger haben. Ich habe vielleicht sogar mehr. Das ist die Ansicht von Shmuel, und so wurde das Gesetz schließlich beschlossen.

Also teile dein Judentum mit anderen. Nimm das Feuer deines Glaubens und hilf, andere anzustecken.

Übersetzung: faehrtensuche

Foto: Copyright: Sabine Bruckner

Rabbi Sacks: Moralische Herausforderungen des 21. Jahrhunderts

An Rosh Hashanah [1], Yom Kippur [2] und den Tagen dazwischen stellen wir eine der kraftvollsten, doch unmodernsten Überzeugungen des Judentums dar: Unser Leben hat individuell und kollektiv eine moralische Dimension.

Wir können die meiste Zeit des Jahres so leben, als ob es auf Erfolg oder Ruhm, Macht oder Reichtum ankäme. Aber an diesen heiligen Tagen kommen wir in der Synagoge zusammen, um vor G’tt zu stehen und zwei ganz und gar unumstößliche Wahrheiten anzuerkennen: Wir sind das Gut, das wir in der Welt tun, und wir sind verantwortlich für das Böse, das wir getan haben, oder für das Gute, das wir zu tun versäumt haben.

Dieses Jahr hatte ich, mit freundlicher Genehmigung der BBC, eine einmalige Chance, diese Überzeugungen mit einigen der besten Köpfe der Welt zu diskutieren. Im Rahmen einer Reihe von Programmen zu moralischen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts traf ich führende Philosophen, Denker, Innovatoren und Philanthropen sowie Oberstufenschüler aus dem ganzen Land. Was sie zu sagen hatten, war kraftvoll, wichtig und notwendig.

Die These, die ich testen wollte, lautete: Seit 50 Jahren betreibt der Westen ein verhängnisvolles Experiment, dass wir ohne einen gemeinsamen Moralkodex auskommen können. Worte, die uns einst gelenkt haben – wie „richtig“, „falsch“, „müsste“, „sollte“, „Pflicht“, „Verantwortung“, „Loyalität“, „Tugend“, „Ehre“ – haben jetzt eine antiquierte Ausstrahlung, als ob sie aus einer längst vergangenen Zeit stammten.

Stattdessen haben wir die Moral auf den Markt und den Staat ausgelagert. Der Markt gibt uns die Wahlmöglichkeiten; der Staat befasst sich mit den Konsequenzen; aber keiner von beiden entscheidet darüber. Solange wir anderen nicht direkt schaden, können wir tun, was wir wollen.

Dies wurde damals als eine große Befreiung erlebt. Wir waren freier denn je, das zu sein, was immer wir sein wollten. Aber wir können jetzt die Kosten in zerrütteten Familien, den Verlust der Gemeinschaft, einen Anstieg der Depressionen, Selbstmorde und Einsamkeit von Jugendlichen, einen Verlust des Vertrauens in große Konzerne und Regierungen, den neuen Tribalismus der Identitätspolitik und die Bissigkeit, die für die Kommunikation im Internet gilt, zählen. Eine gemeinsame Moral verbindet uns. Wenn man sie von ihr löst, sind die Menschen verwundbar und allein.

Jeder, der mit der hebräischen Bibel vertraut ist, hätte dies vorhersagen können. Es ist die Geschichte, die von den Propheten immer wieder erzählt wird. Wir hören es in Elia, Elisa, Amos, Hosea, Jesaja und Jeremia. Ohne ein tief verinnerlichtes Gefühl der kollektiven Verantwortung für das Gemeinwohl beginnt die Gesellschaft zu zerbrechen und zu zersplittern. Wir bewegen uns von einer Welt des „Wir“ zu einer des „Ich“: das private Streben nach persönlichen Bedürfnissen.

Darauf zurückzuführen sind – zeitgemäß ausgedrückt – unverantwortliche Banken, gierige Konzerne, ausbeuterische Politik, sexuelle Belästigung und vernachlässigte Kinder. Es gibt nichts in unserer natürlichen Beschaffenheit, was dafür sorgt, dass die Reichen sich um die Armen kümmern oder die Mächtigen um die Machtlosen.

Deshalb brauchen wir Moral: uns gegenseitig dabei behilflich sein, gemeinsam für das Wohl aller zu sorgen, nicht nur für jeden von uns allein.

Die Propheten sagten, dass das Endergebnis einer solchen Gesellschaft Niederlage und Verzweiflung sein würde. Nun, wir haben keine Propheten mehr. Aber hören Sie sich diese Liste von Titeln der kürzlich erschienenen Bücher in Großbritannien und den Vereinigten Staaten an: „How Democracy Ends?“ [Wie Demokratie endet]; „The Death of Democracy“ [Der Tod der Demokratie]; „Can Democracy Survive Global Capitalism?“ [Kann die Demokratie den globalen Kapitalismus überleben?]; „Why Liberalism Failed“ [Warum der Liberalismus gescheitert ist]; „The Retreat of Western Liberalism“ [Der Rückzug des westlichen Liberalismus]; „The Strange Death of Europe“ [Der seltsame Tod Europas] und „The Suicide of the West“ [Der Selbstmord des Westens]. Dies sind endlose Variationen und säkulare Aktualisierungen der Warnungen der hebräischen Propheten.

Praktisch alle von mir interviewten Menschen hatten eine starke moralische Botschaft. Der kanadische Psychologe Jordan Peterson sprach über die Bedeutung, die persönliche Verantwortung zu akzeptieren und über die Gefahr, sich selbst als Opfer zu sehen. Jonathan Haidt, der amerikanische Sozialpsychologe, sprach darüber, wie die Politik der Opferrolle die Redefreiheit auf den Universitätsgeländen bedroht. Der Harvard-Soziologe Robert Putnam diskutierte darüber, wie der Zusammenbruch von Familien und Gemeinschaften mindestens den dritten Teil Amerikas der sozialen Mobilität beraubt.

Die britische Ökonomin Noreena Hertz plädierte für einen moralischeren Umgang mit dem Kapitalismus. Jean Twenge, die weltweit führende Expertin für die Auswirkungen der sozialen Medien, war erschreckend, als sie den Anstieg der Depression bei den Teenagern von heute aufzeigte. Der Kolumnist der New York Times, David Brooks, sprach eloquent darüber, wie wir uns zu sehr auf die „Resümee-Tugenden“ konzentriert haben, auf die Fähigkeiten, die wir für unseren beruflichen Erfolg benötigen, und zu wenig auf die „Laudatio-Tugenden“, die Gewohnheiten des Charakters, die Sinn und Anmut in unser Leben bringen.

Der Harvard-Philosoph Michael Sandel erinnerte uns daran, dass Politik eine unausweichliche moralische Dimension hat. Der Neurowissenschaftler Steven Pinker forderte uns auf, den Tatsachen und nicht den Gefühlen zu folgen. Mustafa Suleyman von DeepMind erklärte, wie wir Ethik in die Entwicklung der künstlichen Intelligenz einbauen müssen, und Nick Bostrom, der Mann, der die Welt vor den Gefahren der Superintelligenz aufmerksam machte, warnte davor, Technologien zu entwickeln, die wir nicht kontrollieren können.

Auf der anderen Seite waren Melinda Gates und Heather Templeton Dill, Leiter von zwei der weltweit führenden philanthropischen Stiftungen, inspirierend, indem sie von der Kraft sprachen, die wir alle haben, um das Leben anderer Menschen zum Positiven zu verändern. Nicht weniger eloquent sprachen die Jugendlichen über ihre moralischen Helden und Vorbilder, ihre Ängste und Hoffnungen für die Zukunft.

Das Fazit all dessen ist, dass die Gesellschaft mehr braucht als den freien Markt und den liberal demokratischen Staat. Wir müssen die moralische Verantwortung für unser eigenes Leben und für das Gemeinwohl übernehmen. Diese Wahrheit wird seit einem halben Jahrhundert in den Hintergrund gestellt, aber die Belastungen beginnen sich zu zeigen. Wir haben bereits die ersten Erschütterungen der Alternativen gesehen: Populismus, Identitätspolitik, die Kultur der Opferrolle und der Aufstieg der extremen Linken und der extremen Rechten – was ich die Politik des Zorns nenne.

Vor langer Zeit haben Juden Pionierarbeit für die Alternative geleistet: die Politik der Hoffnung. Hoffnung entsteht, wenn wir uns individuell und kollektiv der Gerechtigkeit, dem Mitgefühl, der Heiligkeit des Lebens und der Würde des Einzelnen widmen. Das ist es, wozu wir zu Rosh Hashanah und Jom Kippur aufgerufen sind. G’tt bittet uns nicht, perfekt zu sein. Er bittet uns, unser Bestes zu geben, um Ihn, unseren Nächsten und den Fremden zu lieben. Und wenn wir versagen, wie wir es alle auf die eine oder andere Weise tun, bittet Er uns, unser Versagen anzuerkennen und es erneut zu versuchen.

Seit Anbeginn unserer Geschichte wurde das Judentum von einer moralischen Leidenschaft gelenkt, Gottes Befehl an Abraham [entsprechend], „seine Kinder zu lehren, den Weg des Herrn zu bewahren, indem sie Recht und Gerechtigkeit tun.“ Diese Leidenschaft ist auf lange Sicht das einzige, was in der Lage ist, eine freie Gesellschaft zu erhalten. Ohne sie geht jede Supermacht in der Geschichte nach einer Zeit des Wohlstandes schließlich unter und fällt. Die jüdische Botschaft war selten relevanter als jetzt. Oder wie wir es an diesen heiligen Tagen sagen: Buße, Gebet und Nächstenliebe geben uns die Chance, neu anzufangen und das böse Dekret abzuwenden.

Originalartikel: Rabbi Lord Jonathan Sacks, Why the world needs Rosh Hashana, [Warum die Welt Rosh Hashana braucht], 7. September 2018

Übersetzung: faehrtensuche

[1] Rosh Hashana 5779 (9.09. – 11.09.2018)

[2] Yom Kippur 5779 (18./19.09.2018)

Shavuot

  • beginnt an diesem Abend (19. Mai) mit Sonnenuntergang und endet am Abend des 21. Mai.

  • folgt im Anschluss an den heutigen Shabbat. Deswegen sei auch dieser „am Rande“ besonders hervorgehoben. Die Frage, die sich heute stellt, ist die, warum das Volk Israel die Tora ausgerechnet in der Wüste erhielt. Rabbiner Salomon Almekias-Siegl gibt Antwort.

  • ist kein jüdisches Pfingsten, wie Günther B. Ginzel in seinem Beitrag in der Jüdischen Allgemeinen darstellt (auch dann nicht, wenn Shavuot und Pfingsten wie in diesem Jahr auf ein Datum fallen!)! Ups!

  • ist eines der drei im Judentum gefeierten Wallfahrtsfeste oder Pilgerfeste. Wer kennt die die beiden anderen? (Nachschauen?)

  • ist ein religiöses Fest. Viele Menschen bleiben die ganze Nacht wach und lesen die Thora. Bei den Lesungen darf das Buch Ruth nicht vergessen werden. Hier findet sich das ganze Buch Ruth in „bildlicher Sprache“!

  • ist die Gelegenheit, möglichst viele milchige Speisen zu sich zu nehmen. Eine Möglichkeit wäre z.B. ein leckerer Käsekuchen (mit Schokolade! 🙂 ) nach einem Rezept von Tom Franz! (Abschweifung: Anlässlich des 70. Geburtstags von Israel war Tom zu Gast bei zibb.)

  • darf man auch singen und tanzen! Beispiel gefällig? Findet sich weiter unten! Immer wieder „schön“! 🙂

  • Für die, die dem Jazz besonders verbunden sind, können sich in „Musikalische Traktoristen“ einige Anregungen holen, was an Shavuot „alles auf dem Plattenteller liegt“.

  • Zum Abschluss noch Nachrichten in Kürze: Kurz gemeldet!

CHAG SAMEACH! EIN FROHES FEST!