Ein Volk mit Zukunft

„Über Napoleon wird erzählt, dass er auf seinem Feldzug nach Russland an Tischa beAw an einer Synagoge vorbeikam, aus der lautes Weinen zu vernehmen war. Nach Klärung der Umstände musste er erstaunt feststellen, dass die dortigen Juden die Zerstörung des Tempels beklagten, der einst im weit entfernten Jerusalem stand und dessen Zerstörung 1700 Jahre zurücklag.

Bei dieser Gelegenheit soll der französische Kaiser voller Bewunderung ausgerufen haben: Ein Volk, das so stark mit seiner Vergangenheit verbunden ist, hat auch eine Zukunft!“

Rabbiner Jaron Engelmayer in: Tischa beAw: Trauer und Sehnsucht. Die Erinnerung an den zerstörten Tempel ist Grundlage für die jüdische Gegenwart und Zukunft

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Tisha b’Av 2017. Beginn: Abend des 31. Juli (mit Sonnenuntergang), Ende: Abend des 1. August 2017.

Lag Ba’Omer 5777 (2017)

Heute Abend beginnt in Israel mit Sonnenuntergang und Ausklang des Shabbats das Fest Lag Ba’Omer.

In Israel befindet man sich in der Zeit des Omer, die sieben Wochen zwischen den beiden  großen Festen Pessach und Shavuot umfasst. Diese Tage werden gezählt. Lag Ba’Omer fällt auf den 33. Tag des Omerzählens. Der Trauercharakter dieser 49 Tage wird durch  den Lag Ba’Omer unterbrochen.

Das Fest geht auf Rabbi Akiba zurück, ein bedeutender Gelehrter der Mischna nach der Zerstörung des 2. Tempels durch die Römer im Jahr 70 n.Chr.. Es wird erzählt, dass von Rabbi Akibas Schülern 24.000 Schüler – da sie einander zu wenig geachtet hätten – zwischen Pessach und diesem Tag gestorben seien. Historisch gesehen ist davon auszugehen, dass seine Schüler während des Bar-Kochba-Aufstandes gegen die Römer (132 – 135) getötet wurden. Es heißt, dass das Sterben an Lag Ba’Omer aufhörte. Erwähnenswert ist, dass auch die Ausschreitungen während der Kreuzzüge (106 – 109) und der Aufstand im Warschauer Ghetto in diese Zeit des Omer fielen. Wie bereits erwähnt: Die Zeit des Omer ist Trauerzeit. Deswegen wird in diesem Zeitraum zwischen Pessach und Shavuot z.B. auch keine Hochzeit gefeiert. Am 33. Tag allerdings, dem Lag Ba’Omer, ist das erlaubt und erwünscht. Dieser Tag wird wohl auch reichlich für Hochzeitsfeierlichkeiten genutzt.

Das Fest hält auch die Erinnerung an einen weiteren großen Rabbi wach, der ein Schüler Rabbi Akibas war. Der Legende nach war er einer der fünf Schüler, der nicht wie die anderen 24.000 umgekommen war. Sein Name ist Rabbi Shimon bar Yochai aus Meron, in der Nähe von Sfad gelegen. Er gilt als der Verfasser des Buches Sohar, „das rätselhafteste und gleichzeitig das wichtigste Buch der Weisheit der Kabbala“, so zu lesen bei Hagalil. Rabbi Shimon bar Yochai soll am Lag Ba’Omer gestorben sein. Viele nutzen diesen Tag, um sein Grab auf dem Berg Meron zu besuchen.

Das Fest ist verbunden mit Lagerfeuern, Musik und Tanz.

Allen jüdischen Lesern ein frohes Fest!

Chag Sameach!

Die 5 wichtigsten Dinge, die man über Pessach wissen sollte

Originalartikel: The 5 Most Important Things to Know About Passover

von: Rabbi Benjamin Blech

Unsere größten Beiträge für die Welt in fünf Worten zusammengefasst: Erinnerung, Optimismus, Glaube, Familie und Verantwortung

Gelehrte haben sich längst gefragt, warum Juden, die sich auf weniger als ein Viertel eines Prozents der Welt beziffern – wie Milton Himmelfarb es einprägsam formuliert hat: „Die Gesamtbevölkerung des jüdischen Volkes ist weniger als ein statistischer Fehler in der jährlichen Geburtenrate eines chinesischen Volkes“ – einen so tiefen Einfluss auf fast jeden Bereich des menschlichen Bestrebens hatten.

Was macht die bemerkenswerte Tatsache aus, dass im 20. Jahrhundert die Juden – mehr als jede andere Minderheit – mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wurden, wobei fast ein Fünftel aller Nobelpreisträger jüdisch ist?

Vielleicht geht alles zurück auf den Anfang der Geburt unseres Volkes und des Pessach-Festes, das wir in Kürze feiern werden.

Pessach vermittelt fünf Hauptkonzepte, die zu unserem Motto wurden, wie man ein erfolgreiches und produktives Leben führt. Sie sind die fünf wichtigsten Dinge, die  man über Pessach wissen und in jeden Tag des restlichen Jahres integrieren sollte. Weil wir sie seit Tausenden von Jahren seit dem Exodus in unsere nationale Psyche absorbiert haben, haben wir es geschafft, unsere prophetisch beauftragte Rolle in großem Maße zu erfüllen, um ein Licht für die Nationen zu werden.

Sie sind unsere größten Beiträge für die Welt und können in fünf Worten zusammen-gefasst werden: Erinnerung, Optimismus, Glaube, Familie und Verantwortung.

Die Bedeutung der Erinnerung

Der irisch-katholische Schriftsteller Thomas Cahill war so überwältigt davon, wie das jüdische Volk buchstäblich die Welt umgestaltet hat, dass er [ein Buch] verfasste, das sich zum internationaler Bestseller entwickelte, The Gifts of the Jews [Die Geschenke der Juden]. Eines der größeren Geschenke, die er dem jüdischen Genius zuschreibt, ist die Erfindung der Idee von Geschichte.

„Denkt daran, dass ihr Fremde im Land Ägypten wart.“ „Denkt daran, dass der Herr euch aus der Knechtschaft der Sklaverei geführt hat.“ Sich zu erinnern ist ein biblisches Mandat, das nie jemandem wichtig gewesen zu sein schien, bis das jüdische Volk auf die Bühne kam. Es war die Geschichte von Pessach, die eine Verpflichtung zur Erinnerung initiierte.

Henry Ford war berühmt für seine Überzeugung „Geschichte ist dummes Zeug“. Die Ford-Motorenfirma ist auch berühmt für die Herstellung der [Automobilmarke] Edsel. Und beides waren wahrscheinlich gleich dumme Fehler. Geschichte ist der einzige Weg, aus der Vergangenheit lernen zu können. Geschichte erlaubt uns zu wachsen, indem wir auf den Schultern von Giganten stehen. Wenn du einen Fehler einmal machst, bist du menschlich. Wenn du nie aus dem lernst, was vormals passiert ist, bist du gedankenlos. Deshalb ist es so wichtig, die berühmten Worte von George Santayana zu beachten: „Diejenigen, die nicht aus der Vergangenheit lernen, sind dazu verurteilt, sie zu wiederholen.“

Wir wissen, wie schrecklich es sein kann, ohne eine persönliche Erinnerung an vorangegangene Ereignisse zu leben. Für eine Einzelperson haben wir einen Namen dafür, der uns mit Schrecken erfüllt: Alzheimer. Es ist eine Krankheit, die wir vermutlich mehr fürchten als den Tod, denn sie hinterlässt uns lebendige Leichen. Merkwürdig genug, wir haben kein ähnliches Wort für den Zustand, der die Ignoranz unserer kollektiven Vergangenheit beschreibt. Zu wissen, was vorher geschah, ist in einem historischen Sinn fast so wichtig wie in einem persönlichen. Nur durch das Bewusstsein unserer Vergangenheit als Volk kann unser Leben mit Sinn und Inhalt erfüllt werden.

Die Erinnerung verbindet unsere Vergangenheit mit unserer Zukunft. Sie wendet Geschichte in Schicksal. Sie schätzen zu lernen, war unser erster Schritt, um zu wahrer Größe zu gelangen.

Die Bedeutung von Optimismus

Um die Geschichte von Pessach in ihrer Tiefe zu verstehen, müssen wir erkennen, dass die schwierigste Aufgabe, die Mose zu erfüllen hatte, nicht darin bestand, die Juden aus Ägypten zu führen, sondern Ägypten aus den Juden herauszubekommen. Sie waren so an ihren Status als Sklaven gewöhnt, dass sie alle Hoffnung verloren hatten, jemals ihr Los verbessern zu können.

Ohne Hoffnung wären sie verloren gegangen.

Das wahre Wunder von Pessach und seine Bedeutsamkeit für allezeit ist die Botschaft, dass mit G’ttes Hilfe keine Schwierigkeiten unüberwindbar sind. Ein Tyrann wie Pharao konnte gestürzt werden. Eine Nation so mächtig wie Ägypten konnte besiegt werden. Sklaven konnten freie Menschen werden. Die Unterdrückten konnten die Fesseln ihrer Gefangenschaft lösen. Alles ist möglich, wenn wir nur wagen, den unmöglichen Traum zu träumen.

In der Geschichte des Großen Siegels der Vereinigten Staaten von Amerika ist ein besonders relevanter Teil die von Benjamin Franklin im August 1776 vorgeschlagene Metaphorik. Er wählte die dramatische im Buch Exodus beschriebene Szene, in der Menschen einem Tyrannen gegenübertraten, um ihre Freiheit zu gewinnen.

„Pharao sitzt in einem offenen Streitwagen mit einer Krone auf dem Kopf und einem Schwert in der Hand und durchquert auf der Jagd nach den Israeliten die geteilten Wasser des Roten Meeres: Strahlen aus einer Feuersäule, Ausdruck der göttlichen Gegenwart und Anordnung, auf Mose ausstrahlend, der am Ufer steht und seine Hand auf das Meer ausstreckt, was dazu führt, dass Pharao besiegt wird.“

Das Motto, das er vorschlug, Worte, die auf der Pessach-Geschichte basierten, inspirierten George Washington und die Gründungsväter der amerikanischen Kolonien, gegen ihre britischen Unterdrücker zu rebellieren: „Rebellion gegenüber Tyrannen ist Gehorsam gegenüber Gott“.

Es war der biblische Bericht des Exodus, der es der Aufbruchstimmung ermöglichte, sich bei den Anhängern des Martin Luther King durchzusetzen in ihrem Streben nach Gleichberechtigung, weil sie durch die Vision des Mose, der sein Volk ins Gelobte Land führte, aufgewühlt wurden. Es war die Hoffnung, ausgelöst durch die Erinnerung daran, wie G’tt unsere Vorfahren erlöst und den in Ausschwitz inhaftierten Juden ermöglicht hat, heimlich das Fest der Freiheit zu feiern und an die Möglichkeit der eigenen Befreiung zu glauben.

Diese optimistische Stimmung, die auf unserer eigenen wunderbaren Geschichte basiert, ist das zweite große Geschenk, das wir der Menschheit gegeben haben und das unsere Identität definiert.

Die Bedeutung des Glaubens

Ein Pessimist, so heißt es, ist jemand, der keine unsichtbaren Mittel zur Unterstützung hat.

Der jüdische Optimismus ist verwurzelt in einer gegensätzlichen Vorstellung, einem festen Glauben, dass wir mit Unterstützung von oben durch einen fürsorglichen G’tt gesegnet sind. Und dieser Glaube an einen persönlichen G’tt gibt uns Glauben an uns selbst, an unsere Zukunft und an unsere Fähigkeit, die Welt verändern zu helfen.

Der Gott des Sinai sagte nicht: „Ich bin der Herr, dein G’tt, der die Himmel und die Erde erschaffen hat.“ Stattdessen verkündete er: „Ich bin der Herr, dein G’tt, der dich aus dem Land Ägypten, aus dem Haus der Knechtschaft geführt hat.“ Der G’tt der Schöpfung hätte theoretisch die Welt verlassen können, nachdem er seine Aufgabe vollendet hatte. Der G’tt des Exodus machte deutlich, dass Er stets in unserer Geschichte involviert ist und eine Verpflichtung zu unserem Überleben hat.

Thomas Cahill ehrt die Juden nicht nur für den Monotheismus, sondern für diese zusätzliche bahnbrechende Idee eines göttlichen Wesens, mit dem wir eine persönliche Beziehung teilen. Dies ist, wie er hervorhebt, der Schlüssel des Konzepts der westlichen Zivilisation für persönliche Verantwortung, persönliches Gewissen und Verschulden uns selbst und der Welt gegenüber.

Die Pessach-Geschichte vermittelt, dass Geschichte kein Zufallsprodukt ist. Sie folgt einem göttlichen Masterplan. Sie hat eine prädestinierte Ordnung. „Ordnung“ bedeutet auf Hebräisch „Seder“ – und darum wird das große Pessach-Ritual mit diesem Namen gekennzeichnet. Zufall ist kein jüdisches Konzept. Zufall ist nur G’ttes Weg, der wählt, anonym zu bleiben.

Der Glaube gibt uns die Gewissheit, dass – was auch immer unsere täglichen Probleme sind – die Geschichte sich in Richtung der endgültigen messianischen Erlösung bewegt. Das ist es, was uns immer motiviert hat, an Fortschritt zu glauben und teilzunehmen an tikkun olam, den Bemühungen, die Welt zu verbessern.

Die Bedeutung der Familie

Pessach lehrte uns noch eine andere große Wahrheit: Der Weg, die Welt zu perfektionieren, besteht darin, bei unseren eigenen Familien zu beginnen.

Gott baute seine Nation nicht, indem er eine kollektive Versammlung von Hundert-tausenden auf einem öffentlichen Platz befahl, sondern indem er Juden bat, ihre Häuser in Orte des familiären G’ttesdienstes zu verwandeln bei einem Seder, der in erster Linie Linie der Beantwortung der Fragen der Kinder gewidmet ist.

Es scheint allzu offensichtlich. Kinder sind unsere Zukunft. Sie sind diejenigen, die unsere Aufmerksamkeit am meisten erfordern. Das Haus ist [der Ort], wo wir zuerst unsere Identitäten bilden und unsere Werte entdecken.

Mehr noch als in der Synagoge geschieht es in unseren Häusern, dass wir die Samen der Zukunft säen und unsere Kontinuität sichern. Kein Wunder also, dass die Kommentatoren darauf hinweisen, dass der erste Buchstabe der Tora ein Bet ist, der Buchstabe, dessen Bedeutung Haus ist. Die ganze Tora folgt erst, nachdem wir die Vorrangsstellung der Familie verstanden haben.

Die Welt kann jüdische Eltern für ihren besonderen Beschützerinstinkt und ihre kindzentrierte Lebensweise verspotten, aber sie sind diejenigen, die hauptsächlich für die außerordentlichen Erfolge ihres Nachwuchses verantwortlich sind.

Am Seder-Tisch werden die Kinder ermutigt, die Stars zu sein und ihre Fragen werden mit Respekt behandelt. Und das ist der erste Schritt zur Entwicklung der jüdischen Begabung.

Die Bedeutung der Verantwortung anderen gegenüber

Eine ernste Frage bittet, aufgefordert zu werden, wie wir unsere göttliche Berufung aus der Sklaverei Ägyptens feiern. Wir danken G’tt dafür, dass er uns herausgebracht hat, aber warum lässt es G’tt zu, zunächst Opfer solch einer schrecklichen Misshandlung zu werden?

Eine bemerkenswerte Antwort wird in zahlreichen Thora-Texten deutlich. Wir waren Sklaven in Ägypten – und so müssen wir in jeder Generation Empathie für die Unterdrückten haben. Wir waren Sklaven in Ägypten – und so müssen wir uns Gedanken machen über die Rechte der Fremden, der Obdachlosen und der Verarmten. Wir haben Unterdrückung erlebt – und so muss uns mehr als jedem anderen der Schmerz der Unterdrückten bewusst sein.

Die Tragödie unserer Begegnung mit Ungerechtigkeit war in einem nicht unerheblichen Maß dazu bestimmt, uns darauf vorzubereiten, in allen künftigen Generationen als Sprecher derjenigen zu dienen, mit deren Schmerz wir uns persönlich identifizieren können.

Der Sinn unseres Leidens war, uns zu einem Volk zu machen, das sich verpflichtet hat, das Unrecht der Welt zu korrigieren, Partner mit G’tt zu werden und die Welt würdig zu machen für die endgültige Erlösung.

Wir beginnen den Seder, indem wir Hungrige und Obdachlose einladen, sich uns anzuschließen. Wir beenden den Seder, indem wir die Tür für Elijah öffnen. Es ist unsere Akzeptanz der Verantwortung für andere, die der Schlüssel dafür ist, die Ankunft des Messias zu beschleunigen.

Von frühester Kindheit an identifiziert sich jeder Jude mit diesen fünf kraftvollen Ideen, die im Mittelpunkt von Pessach und seiner Botschaft stehen. Und gerade weil Erinnerung, Optimismus, Glaube, Familie und Verantwortung zu solch lebenswichtigen Merkmalen unseres Volkes geworden sind, konnten wir weit über das hinausgehen, was jemand für möglich gehalten hätte.

Übersetzung (und Link im Text): faehrtensuche