Rosh HaShana: 10 essentielle Erkenntnisse, die das Herz des Judentums betreffen

von Rabbi Jonathan Sacks

Erschienen bei Aish, 21.09.2019

Ein Auszug aus Ceremony and Celebration: Introduction to the Holidays [Zeremonie und Feier: Einführung in die Feiertage] von Rabbi Jonathan Sacks

Was sagt uns Rosh HaShana? Wie kann es unser Leben verändern? Die Genialität des Judentums bestand darin, ewige Wahrheiten zu nehmen und sie in die Zeit, in gelebte Erfahrungen umzusetzen. Rosh HaShanah, der Jahrestag der Erschaffung der Menschheit, lädt uns ein, die menschliche Existenz auf klare Weise zu leben und zu spüren.

Das erste, was es uns sagt, ist, dass das Leben kurz ist. Trotz der gestiegenen Lebenserwartung werden wir in einem Leben nicht alles erreichen können, was wir erreichen möchten. Untaneh Tokef erzählt die Poesie der Sterblichkeit mit eindringlichem Pathos:

Der Mensch ist im Staub gegründet und endet im Staub. Er legt seine Seele nieder, um Brot nach Hause zu bringen. Er ist wie eine zerbrochene Scherbe, wie vertrocknetes Gras, wie eine verblasste Blume, wie ein flüchtiger Schatten, wie eine vorbeiziehende Wolke, wie ein Hauch von Wind, wie wirbelnder Staub, wie ein Traum, der sich heimlich davonmacht.

Dieses Leben ist alles, was wir haben. Wie sollen wir es gut nutzen? Wir wissen, dass wir die Aufgabe weder beenden werden noch frei sind, uns davon zu distanzieren. Das ist die erste Wahrheit.

Das zweite ist, dass das Leben selbst, jeder Tag, jeder Atemzug, den wir machen, Gottes Geschenk ist:

Erinnere uns lebenslang daran, oh König, der sich am Leben erfreut, und schreibe uns ein in das Buch des Lebens – um deinetwillen, oh Gott des Lebens. (Zikhronot)

Das Leben ist nicht etwas, das wir für selbstverständlich halten. Wenn wir das tun, werden wir es nicht feiern können. Gott gibt uns ein Geschenk über alle anderen [Geschenke], sagte Maimonides: das Leben selbst, neben dem alles andere zweitrangig ist. Andere Religionen haben Gott im Himmel oder im Jenseits, in der fernen Vergangenheit oder in der fernen Zukunft gesucht. Hier gibt es Leiden, dort Belohnung; hier Chaos, dort Ordnung; hier Schmerz, dort Balsam; hier Armut, dort Reichtum. Das Judentum hat im Hier und Jetzt des irdischen Lebens unaufhörlich Gott gesucht. Ja, wir glauben an ein Leben nach dem Tod, aber im Leben vor dem Tod finden wir wirklich menschliche Größe.

Drittens, wir sind frei. Das Judentum ist die Religion des freien Menschen, der frei auf den Gott der Freiheit reagiert. Die Sünde hat uns nicht fest im Griff. Wir werden nicht von wirtschaftlichen Kräften oder seelischen Trieben oder genetisch kodierten Impulsen bestimmt, denen wir nicht widerstehen können. Allein die Tatsache, dass wir Teshuva machen können, dass wir morgen anders handeln können als gestern, zeigt uns, dass wir frei sind. Philosophen haben diese Idee als schwierig empfunden. Ebenso Wissenschaftler. Aber das Judentum besteht darauf, und unsere Vorfahren haben es bewiesen, indem sie sich gegen jede historische Gesetzmäßigkeiten gewehrt und sich geweigert haben, eine Niederlage zu akzeptieren.

Viertens ist das Leben sinnvoll. Wir sind nicht bloße Zufälle von Materie, die von einem Universum erzeugt werden, das ohne Grund entstanden ist und eines Tages ohne Grund aufhören wird zu existieren. Wir sind hier, weil ein liebender Gott das Universum und das Leben und uns ins Dasein gebracht hat – ein Gott, der unsere Ängste kennt, unsere Gebete hört, mehr an uns glaubt als wir an uns selbst glauben, der uns vergibt, wenn wir versagen, uns erhebt, wenn wir fallen und uns die Kraft gibt, Verzweiflung zu überwinden.

Der Historiker Paul Johnson schrieb einmal: „Kein Volk hat jemals entschiedener als die Juden darauf bestanden, dass die Geschichte einen Zweck und die Menschheit ein Schicksal hat.“ Er schlussfolgerte: „Die Juden stehen daher mitten im ständigen Versuch, dem menschlichen Leben die Würde eines Zwecks zu geben.“ (Paul Johnson, Eine Geschichte der Juden, Prolog). Auch das ist eine der Wahrheiten von Rosh HaShana.

Fünftens, das Leben ist nicht einfach. Das Judentum sieht die Welt nicht durch rosarote Brillen. Die Leiden unserer Vorfahren „spukt“ in unseren Gebeten. Die Welt, in der wir leben, ist nicht die Welt, wie sie sein sollte. Deshalb hat das Judentum trotz aller Versuchungen nie sagen können, dass das messianische Zeitalter gekommen ist, auch wenn wir es täglich erwarten. Aber wir sind nicht ohne Hoffnung, weil wir nicht allein sind. Als die Juden ins Exil gingen, ging die Schechina, die Göttliche Gegenwart, mit ihnen. Gott ist immer da, „nah bei allen, die Ihn in Wahrheit anrufen“ (Ps 145,18). Er mag sein Gesicht verbergen, aber er ist da. Er mag schweigen, aber er hört uns zu, erhört uns und heilt uns auf eine Weise, die wir zum gegebenen Zeitpunkt vielleicht nicht verstehen, die aber im Nachhinein klar wird.

Sechstens, das Leben mag hart sein, aber es kann immer noch süß sein, so wie die Challa und der Apfel an Rosh HaShana sind, wenn wir sie in Honig tauchen. Juden haben nie Reichtum gebraucht, um reich zu sein, oder Macht, um stark zu sein. Jude zu sein bedeutet, für einfache Dinge zu leben: die Liebe zwischen Mann und Frau, die heilige Bindung zwischen Eltern und Kindern, das Geschenk der Gemeinschaft, in der wir anderen helfen und andere uns helfen und wo wir lernen, dass die Freude verdoppelt und der Kummer halbiert wird, indem sie geteilt werden. Ein Jude zu sein bedeutet zu geben, ob in Form von Tzedaka oder Gemilut ĥasadim (Taten liebevoller Güte). Es geht darum, zu lernen und nie aufzuhören zu suchen, zu beten und nie aufzuhören zu danken, Teshuva zu tun und nie aufzuhören zu wachsen. Darin liegt das Geheimnis der Freude.

Im Laufe der Geschichte gab es hedonistische Kulturen, die das Vergnügen verehrten, und asketische Kulturen, die es leugneten, aber das Judentum hat einen ganz anderen Ansatz: das Vergnügen zu heiligen, indem es Teil der Anbetung Gottes wird. Das Leben ist süß, wenn es vom Göttlichen berührt wird.

Siebtens, unser Leben ist das größte Kunstwerk, das wir je erstellen werden. Rabbi Joseph Soloveitchik sprach in einem seiner frühesten Werke über Ish HaHalakha, die halachische Persönlichkeit und ihre Sehnsucht zu erschaffen, etwas Neues zu machen, Originelles. Gott sehnt sich auch danach, dass wir erschaffen und dadurch zu Seinem Partner im Werk der Erneuerung werden. „Das grundlegendste Prinzip von allem ist, dass der Mensch sich selbst erschaffen muss.“ Das ist Teshuva, ein Akt, sich neu zu machen. Auf Rosh HaShana treten wir von unserem Leben zurück wie ein Künstler, der von seiner Leinwand zurücktritt und sieht, was verändert werden muss, damit das Bild vollständig ist.

Achtens, wir sind, was wir sind, wegen derjenigen, die vor uns da waren. Unser Leben besteht nicht aus voneinander abgekoppelten Teilchen. Jeder von uns ist ein Buchstabe in Gottes Buch des Lebens. Aber einzelne Buchstaben haben, obwohl sie die Bedeutungsträger sind, keine Bedeutung, wenn sie für sich allein stehen. Um eine Bedeutung zu haben, müssen sie mit anderen Buchstaben verbunden werden, um Wörter, Sätze, Abschnitte, eine Geschichte zu bilden, und Jude zu sein, bedeutet, Teil der seltsamsten, ältesten, unerwartetesten und kontraproduktivsten Geschichte sein, die es je gegeben hat: die Geschichte eines winzigen Volkes, nie groß und oft heimatlos, das dennoch die größten Reiche überlebte, die die Welt je gekannt hat – die Ägypter, Assyrer, Babylonier, Griechen und Römer, die mittelalterlichen Reiche des Christentums und des Islam bis hin zum Dritten Reich und der Sowjetunion. Jedes hielt sich für unsterblich. Jedes ist verschwunden. Das jüdische Volk lebt noch. Also erinnern wir uns an Rosh HaShana und bitten Gott in den Gebeten, die wir sprechen oder den Melodien, in denen wir sie besingen, dass wir sie uns einprägen, die vor uns gekommen sind: Abraham und Isaak, Sarah, Hannah und Rachel, die Israeliten zu Zeiten des Mose und die Juden jeder Generation, von denen jeder ein lebendiges Vermächtnis hinterließ.

Und in einem der bewegendsten Verse des Mittelteils vom Musaf erinnern wir uns an die großen Worte, die Gott durch den Propheten Jeremia gesprochen hat: „Ich gedenke noch an die Zuneigung deiner Jugendzeit, an deine bräutliche Liebe, als du mir nachgezogen bist in der Wüste, in einem Land ohne Aussaat.“ (Jer. 2:2) Unsere Vorfahren mögen gesündigt haben, aber sie haben nie aufgehört, Gott zu folgen, obwohl der Weg hart und das Ziel fern war. Wir fangen nicht bei Null an. Wir haben Reichtum geerbt, nicht materiell, sondern spirituell. Wir sind Erben der Großartigkeit unserer Vorfahren.

Neuntens, wir sind auch Erben einer anderen Art von Größe, der der Thora selbst und ihrer hohen Ansprüche, ihrer anstrengenden Ideale, ihrer Vielzahl an Mitzwot, ihrer intellektuellen und existenziellen Herausforderungen. Das Judentum verlangt Großes von uns und indem wir danach handeln, macht es uns groß. Wir sind so groß wie die Ideale, für die wir leben, und die der Thora sind in der Tat sehr hoch. Wir sind, sagte Mose, Gottes Kinder (5. Mose 14:1). Wir sind aufgerufen, sagte Jesaja, Seine Zeugen zu sein, Seine Botschafter auf Erden (Jes 43:10). Immer wieder taten Juden Dinge, die für unmöglich gehalten wurden. Sie kämpften im Namen des Rechts gegen Gewalt. Sie kämpften gegen die Sklaverei. Sie zeigten, dass es möglich ist, eine Nation ohne Land zu sein, Einfluss ohne Macht zu haben, als Paria der Welt gebrandmarkt zu werden und dennoch nicht an Selbstachtung zu verlieren. Sie glaubten mit unerschütterlicher Überzeugung, dass sie eines Tages in ihr Land zurückkehren würden, und obwohl die Hoffnung absurd schien, geschah es. Ihr Königreich mag sehr begrenzt gewesen sein, aber die Juden zählten sich selbst zu Königen des unendlichen Raums. Das Judentum legt die Messlatte hoch, und obwohl wir immer wieder zu kurz kommen, erlauben uns Rosh HaShanah und Yom Kippur, von neuem zu beginnen, zu vergeben, gereinigt, unerschrocken, bereit für die nächste Herausforderung zu sein, [für] das nächste Jahr.

Und schließlich kommt der Klang des Schofars, der unseren Schutzwall durchdringt, ein wortloser Schrei in einer Religion der Worte, ein Klang, der durch den Atem erzeugt wird, als wollte er uns sagen, dass das alles Leben ist – ein bloßer Atem – und doch ist der Atem nichts anderes als der Geist Gottes in uns: „Dann formte Gott der Herr den Menschen aus dem Staub der Erde und hauchte ihm den Atem des Lebens in die Nase, und der Mensch wurde ein lebendiges Wesen“ (Gen 2:7). Wir sind Staub von der Erde, aber in uns ist der Atem Gottes. Und ob der Schofar unser Schrei zu Gott oder Gottes Schrei zu uns ist, irgendwie in dieser Tekia, Shevarim, Terua – dem Ruf, dem Schluchzen, dem Wehklagen – liegt das ganze Pathos der göttlich-menschlichen Begegnung, wenn Gott uns bittet, Sein Geschenk, das Leben selbst anzunehmen und daraus etwas Heiliges zu machen, indem wir handeln, um Gott und Sein Bild auf Erden, die Menschheit, zu ehren.

Denn wir besiegen den Tod, nicht indem wir für immer leben, sondern indem wir nach ewigen Werten leben, indem wir Taten tun und Segen schaffen, die nach uns weiterleben werden; und indem wir uns inmitten der Zeit an Gott binden, der über die Zeit hinaus lebt, „der König – der lebendige, ewige Gott“.

Das hebräische Verb lehitpalel, „beten“, bedeutet genauer gesagt „sich selbst beurteilen“. An Rosh HaShana stehen wir im Gericht. Wir wissen, was es heißt, bekannt zu sein. Und obwohl wir das Schlimmste über uns selbst wissen, sieht Gott das Beste; und wenn wir uns Ihm öffnen, gibt Er uns die Kraft, zu werden, was wir wirklich sind. Diejenigen, die vollständig in den Geist von Rosh HaShana eintreten, treten in das neue Jahr ein, indem sie geladen, energiegeladen, fokussiert, erneuert werden, in dem Wissen, dass Jude sein bedeutet, das Leben in der Gegenwart Gottes zu leben, das Leben um Gottes willen zu heiligen und das Leben anderer zu verbessern – denn wo wir Segen in andere Leben bringen, da lebt Gott.

Originalartikel: Rabbi Sacks, What Rosh Hashana Says to Us. 10 essential insights that go to the heart of Judaism.

Übersetzung und Links: faehrtensuche

Chanukka Sameach!

Chanukka. Gestern Abend wurde die 1. Kerze an der Chanukkiya angezündet. Jeden Tag kommt eine Kerze hinzu. 8 Nächte lang. Zeit des Nachdenkens, der Besinnung. Verleiten Kerzen nicht genau dazu? … Am Rande sei bemerkt, dass der Beginn von Chanukka in diesem Jahr mit dem 1. Advent zusammenfällt! …

Rabbi Sacks hat in dem Artikel „8 Short Thoughts for 8 Chanukka Nights“ Gedanken zusammengefasst, die zum Nachdenken anregen. Erkenntnisse, immer gültig und „schön“ portionsgerecht dargeboten. Also:

8 knappe Gedanken für 8 Chanukka-Nächte

[1]

DURCH GLAUBEN INSPIRIERT KÖNNEN WIR DIE WELT VERÄNDERN

Vor zweiundzwanzig Jahrhunderten, als Israel sich unter der Herrschaft des Reiches Alexanders des Großen befand, entschloss sich ein bestimmter Führer, Antiochus IV., die Hellenisierung zu beschleunigen, den Juden zu verbieten, ihre Religion zu praktizieren und im Tempel in Jerusalem eine Statue des Zeus Olympus aufzustellen.

Das war zu viel, um es zu ertragen, und eine Gruppe von Juden, die Makkabäer, kämpfte für ihre Religionsfreiheit und gewann einen beeindruckenden Sieg gegen die mächtigste Armee der Antike. Nach drei Jahren eroberte sie Jerusalem zurück, weihte den Tempel neu ein und zündete die Menora wieder an mit dem einzigen Krug reinen Öls, das sie unter den Trümmern fanden.

Es war eine der beeindruckendsten militärischen Errungenschaften der Antike. Es war, wie wir in unseren Gebeten sagen, ein Sieg der Wenigen über die Vielen, der Schwachen über die Starken. Es ist in wunderbarer Linie vom Propheten Sacharja zusammengefasst: Nicht durch Macht oder Stärke, sondern durch meinen Geist, sagt der HERR. Die Makkabäer hatten weder Macht noch Stärke, weder Waffen noch Zahlen. Aber sie hatten einen doppelten Anteil des jüdischen Geistes, der sich nach Freiheit sehnt und bereit ist, dafür zu kämpfen.

Glauben Sie niemals, dass eine Handvoll engagierter Menschen die Welt nicht verändern kann. Inspiriert durch Glauben, schaffen sie es. Die Makkabäer taten es damals. Das können wir auch heute.

[2]

DAS LICHT DES GEISTES STIRBT NIEMALS

Es gibt eine interessante Frage, die die Kommentatoren zu Chanukka stellen. Acht Tage lang zünden wir Lichter an und jede Nacht sprechen wir den Segen über die Wunder: she-asah nissim la-avotenu. Aber was war das Wunder der ersten Nacht? Das Licht, das einen Tag hätte andauern sollen, dauerte acht [Tage]. Das bedeutet aber, dass an den Tagen 2 bis 8 etwas Wunderbares passierte, aber nichts Wunderbares am ersten Tag.

Vielleicht war das Wunder das, dass die Makkabäer einen Ölkrug mit einem intakten Siegel fanden. Es gab keinen Grund anzunehmen, dass irgendetwas die systematische Schändung des Tempels durch die Griechen und ihrer Anhänger überstanden hätte. Doch die Makkabäer suchten und fanden das eine Gefäß. Warum haben sie gesucht? Weil sie der Überzeugung waren, dass von der schlimmsten Tragödie irgendetwas erhalten geblieben wäre. Das Wunder der ersten Nacht war das des Glaubens selbst, der Glaube, dass etwas bleibt, mit dem man wieder beginnen könnte.

So war es schon immer in der jüdischen Geschichte. Es gab Zeiten, in denen irgendein anderes Volk verzweifelt aufgegeben hätte: nach der Zerstörung des Tempels oder den Massakern der Kreuzzüge oder der spanischen Vertreibung oder der Pogrome oder der Shoa. Aber irgendwie setzten sich die Juden nicht hin und weinten. Sie trugen zusammen, was übrig blieb, bauten unser Volk wieder auf und zündeten ein Licht wie kein anderes in der Geschichte an, ein Licht, das uns und der Welt von der Kraft des menschlichen Geistes erzählt, jede Tragödie zu überwinden und eine Niederlage nicht zu akzeptieren.

Seit den Tagen von Moses und dem brennenden [Dorn-]Busch, der nicht konsumiert wurde bis zu den Tagen der Makkabäer und dem einzigen Ölkrug, war das Judentum der Ner tamid der Menschheit, das immerwährende Licht, das keine Macht auf Erden auslöschen kann.

[3]

CHANUKKA IN UNSERER ZEIT

1991 entzündete ich Chanukka-Kerzen mit Michail Gorbatschow, der bis dahin Präsident der Sowjetunion gewesen war. Seit siebzig Jahren war die Ausübung des Judentums im kommunistischen Russland praktisch verboten. Es war einer der beiden großen Angriffe auf unser Volk und unseren Glauben im zwanzigsten Jahrhundert. Die Deutschen versuchten, Juden zu töten; die Russen versuchten, das Judentum zu töten. Unter Stalin wurde der Angriff brutal. Dann, 1967, nach dem Sieg Israels im Sechs-Tage-Krieg, versuchten viele sowjetische Juden, Russland zu verlassen und nach Israel zu gehen. Nicht nur wurde die Genehmigung verweigert, sondern die betroffenen Juden verloren oft ihren Arbeitsplatz und wurden inhaftiert. Auf der ganzen Welt kämpften Juden für die Gefangenen – sie wurden Verweigerer genannt -, um freigelassen zu werden und gehen zu dürfen. Schließlich erkannte Michail Gorbatschow, dass das gesamte Sowjetsystem nicht funktionsfähig war. Der Kommunismus hatte nicht Freiheit und Gleichheit gebracht, sondern Unterdrückung, einen Polizeistaat und eine neue Hierarchie der Macht. Am Ende kollabierte es und die Juden erhielten wieder die Freiheit, das Judentum zu praktizieren und nach Israel zu gehen.

An diesem Tag im Jahr 1991, nachdem wir gemeinsam Kerzen angezündet hatten, fragte mich Herr Gorbatschow über seinen Dolmetscher, was wir gerade getan hätten. Ich sagte ihm, dass vor 22 Jahrhunderten in Israel, nachdem die öffentliche Ausübung des Judentums verboten worden war, die Juden für ihre Freiheit gekämpft und sie gewonnen hatten und diese Lichter wären das Symbol für diesen Sieg. Und ich fuhr fort: Vor siebzig Jahren haben die Juden in Russland den gleichen Verlust an Freiheit erlitten, und Sie haben ihnen jetzt geholfen, die Freiheit wieder zu erlangen. Sie sind also Teil der Chanukka-Geschichte geworden. Als der Dolmetscher diese Worte ins Russische übersetzte, errötete Michail Gorbatschow. Die Chanukka-Geschichte lebt noch immer, inspiriert noch immer und berichtet nicht nur uns, sondern auch der Welt, dass die Freiheit, obwohl es Tyrannei gibt, mit G’ttes Hilfe immer die letzte Schlacht gewinnen wird.

[4]

DER ERSTE KAMPF DER KULTUREN

Einer der Schlüsselbegriffe unserer Zeit ist der Kampf der Kulturen. Und Chanukka ist einer der ersten großen Zusammenstöße der Kulturen zwischen den Griechen und den Juden der Antike, zwischen Athen und Jerusalem.

Die alten Griechen haben eine der bemerkenswertesten Zivilisationen aller Zeiten hervorgebracht: Philosophen wie Platon und Aristoteles, Historiker wie Herodot und Thukydides, Dramatiker wie Sophokles und Aischylos. Sie produzierten Kunst und Architektur von einer Schönheit, die nie übertroffen wurde. Doch im zweiten Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung wurden sie von der Gruppe jüdischer Kämpfer, den Makkabäern, besiegt, und von da an geriet Griechenland als Weltmacht in einen rasanten Niedergang, während das winzige jüdische Volk jedes Exil und jede Verfolgung überlebte und heute noch am Leben und gesund ist.

Was war der Unterschied? Die Griechen, die nicht an einen einzigen, liebenden G’tt glaubten, gaben der Welt das Konzept der Tragik. Wir strengen uns an, wir kämpfen, manchmal erreichen wir Größe, aber das Leben hat keinen ultimativen Zweck. Weder versteht uns das Universum noch interessiert es sich dafür, dass wir da sind.

Das alte Israel gab der Welt die Idee der Hoffnung. Wir sind hier, weil G’tt uns in Liebe geschaffen hat und wir entdecken durch Liebe den Sinn und Zweck des Lebens.

Tragische Kulturen zerfallen schließlich und sterben. Da ihnen jeglicher Sinn der ultimativen Bedeutung fehlt, verlieren sie die moralischen Überzeugungen und Gewohnheiten, von denen Kontinuität abhängt. Sie opfern das Glück für das Vergnügen. Sie verkaufen die Zukunft für die Gegenwart. Sie verlieren die Leidenschaft und die Energie, die ihnen überhaupt Größe gebracht hat. Das ist es, was mit dem antiken Griechenland passiert ist.

Das Judentum und seine Kultur der Hoffnung haben überlebt, und die Chanukka-Lichter sind das Symbol dieses Überlebens, der Weigerung des Judentums, seine Werte für den Glamour und das Prestige einer säkularen Kultur aufzugeben, damals wie heute.

Eine Kerze der Hoffnung mag als kleine Sache erscheinen, aber davon kann das Überleben einer Zivilisation abhängen.

[5]

DAS LICHT DES KRIEGES UND DAS LICHT DES FRIEDENS

Es gibt ein Chanukka-Gesetz, das ich bewegend und tiefgründig finde. Maimonides schreibt, dass ‚die Anweisung, die Chanukka-Lichter betreffend, sehr wertvoll ist. Einer, dem das Geld fehlt, um Lampen zu kaufen, sollte etwas verkaufen oder, wenn nötig, leihen, um die Mitzwa erfüllen zu können.‘

So stellt sich die Frage: Was wäre, wenn du am Freitagnachmittag entdeckst, dass du nur eine Kerze hast? Zündest du sie als Shabbat-Kerze oder Chanukka-Kerze an? Sie kann nicht beides sein. Die Logik schlägt vor, dass du sie als Chanukka-Kerze anzünden solltest. Schließlich gibt es kein Gesetz, dass man verkaufen oder leihen muss, um Lichter für den Schabbat anzuzünden. Doch das Gesetz besagt, dass man – wenn man vor einer solchen Wahl steht – sie als Shabbat-Licht anzündet. Warum?

Hören Sie Maimonides: „Das Schabbatlicht hat Vorrang, denn es symbolisiert Shalom Bayit, den häuslichen Frieden. Und der Frieden ist groß, denn die gesamte Thora wurde geschenkt, um Frieden in der Welt zu schaffen.“

Bedenken Sie: Chanukka erinnert an einen der größten militärischen Siege in der jüdischen Geschichte. Doch das jüdische Gesetz bestimmt, dass – wenn wir nur eine Kerze anzünden können – das Schabbatlicht Vorrang hat, weil im Judentum der größte militärische Sieg den zweiten Platz einnimmt, hinter dem Frieden im Haus.

Warum überlebte nur das Judentum unter den Zivilisationen der Antike? Weil es das Zuhause mehr schätzte als das Schlachtfeld, die Ehe mehr als militärische Größe und Kinder mehr als Generäle. Der Frieden im Haus war unseren Vorfahren wichtiger als der größte militärische Sieg.

Wenn wir also Chanukka feiern, sollten wir auch an den wirklichen Sieg denken, nicht an den militärischen, sondern den spirituellen [Sieg]. Juden waren das Volk, das die Ehe, das Zuhause und den Frieden zwischen [Ehe-]Mann und [Ehe-]Frau mehr schätzten als den höchsten Ruhm auf dem Schlachtfeld. Im Judentum hat das Licht des Friedens Vorrang vor dem Licht des Krieges.

[6]

DAS DRITTE WUNDER

Wir alle kennen die Wunder von Chanukka, den militärischen Sieg der Makkabäer über die Griechen und das Wunder des Öls, das für einen Tag hätte reichen sollen, aber acht Tage lang brannte. Aber es gab ein drittes Wunder, von dem nicht viele Menschen wissen. Es fand mehrere Jahrhunderte später statt.

Nach der Zerstörung des zweiten Tempels waren viele Rabbiner überzeugt, dass Chanukka abgeschafft werden sollte. Schließlich feierte man die Wiedereinweihung des Tempels. Und der Tempel war nicht mehr da. Er war von den Römern unter Titus zerstört worden. Ohne einen Tempel – was gab es da noch zu feiern?

Der Talmud berichtet uns, dass in mindestens einer Stadt, Lod, Chanukka abgeschafft wurde. Doch letztlich setzte sich die andere Sichtweise durch, weshalb wir bis heute Chanukka feiern.

Warum? Denn obwohl der Tempel zerstört wurde, wurde die jüdische Hoffnung nicht zerstört. Wir haben zwar das Gebäude verloren, aber wir hatten immer noch die Geschichte, die Erinnerung und das Licht. Und was einmal in den Tagen der Makkabäer passiert war, könnte wieder passieren. Und es waren diese Worte, od lo avdah tikvatenu, „unsere Hoffnung wird nicht zerstört“, die Teil der Hatikvah wurden und die die Juden inspirierte, nach Israel zurückzukehren und ihren alten Staat wieder aufzubauen. Wenn Sie also die Chanukka-Kerzen anzünden, erinnern Sie sich daran. Das jüdische Volk bewahrte die Hoffnung und die Hoffnung bewahrte das jüdische Volk. Wir sind die Stimme der Hoffnung im Gespräch der Menschheit.

[7]

INNEN/AUßEN

Es gibt mehr als ein Gebot im Judentum, Lichter anzuzünden. Es gibt drei. Es gibt die Schabbat-Kerzen. Es gibt die Havdalah Kerze. Und es gibt die Chanukka-Kerzen.

Der Unterschied zwischen ihnen besteht darin, dass Schabbat-Kerzen den Shalom Bayit, Frieden zu Hause, verkörpern. Sie werden drinnen angezündet. Sie sind – wenn man so will – das innere Licht des Judentums, das Licht der Heiligkeit der Ehe und der Heiligkeit des Heims.

Die Chanukka-Kerzen wurden gewöhnlich draußen angezündet – vor der Haustür. Es war nur die Angst vor der Verfolgung, die die Chanukka-Kerzen wieder ins Haus brachte, und in jüngster Zeit führte der Lubavitcher Rebbe den Brauch ein, riesige Menorahs auf öffentlichen Plätzen anzuzünden, um den ursprünglichen Sinn wiederherzustellen.

Chanukka-Kerzen sind das Licht, das das Judentum der Welt bringt, wenn wir keine Angst haben, unsere Identität in der Öffentlichkeit bekannt zu machen, nach unseren Grundsätzen zu leben und – wenn nötig – für unsere Freiheit zu kämpfen.

Was die Havdalah-Kerze betrifft, die immer aus mehreren miteinander verwobenen Dochten besteht, so stellt sie die Verschmelzung der beiden [Lichter] dar, das innere Licht des Schabbats, das mit dem äußeren Licht verbunden ist, das wir während der sechs Tage der Woche bilden, wenn wir in die Welt hinausgehen und unseren Glauben in der Öffentlichkeit leben.

Wenn wir als Juden im Privaten leben und unsere Häuser mit dem Licht der Shekhina [der Gegenwart G’ttes] füllen, wenn wir als Juden in der Öffentlichkeit leben und anderen das Licht der Hoffnung bringen und wenn wir beides zusammen leben, dann bringen wir Licht in die Welt.

Es gab immer zwei Möglichkeiten, in einer Welt zu leben, die oft dunkel und voller Tränen ist. Wir können die Dunkelheit verfluchen oder wir können ein Licht anzünden, und – wie die Chassidim sagen – vertreibt ein bisschen Licht viel Dunkelheit. Mögen wir alle dazu beitragen, die Welt zu erhellen.

[8]

EIN ANDERES LICHT ANZÜNDEN

Im Talmud gibt es eine faszinierende Auseinandersetzung. Kann man eine Chanukka-Kerze nehmen, um eine andere anzuzünden? Normalerweise nehmen wir natürlich eine besondere Kerze, den Shamash [Diener], und zünden damit alle Kerzen an. Aber angenommen, wir haben keine. Können wir die erste Kerze anzünden und dann mit ihr die anderen anzünden?

Zwei große Weisen des dritten Jahrhunderts, Rav und Shmuel, waren unterschiedlicher Meinung. Rav sagte „Nein“. Shmuel sagte „Ja“. Normalerweise haben wir eine Regel, dass – wenn Rav und Shmuel sich nicht einigen – das Gesetz Rav folgt. Es gibt nur drei Ausnahmen und dies ist eine.

Warum sagte Rav, man dürfe keine Chanukka-Kerze nehmen, um die anderen anzuzünden?

Weil, so sagt der Talmud, ka mach-chish mitzvah. Man schmälert die erste Kerze. Unweigerlich verschüttet man etwas von dem Wachs oder Öl. Und Rav sagt: Tue nichts, was das Licht der ersten [Kerze] verringern könnte.

Aber Shmuel widerspricht und das Gesetz folgt Shmuel. Warum?

Die beste Art, darauf zu antworten, ist an zwei Juden zu denken: beide religiös, beide engagiert, beide führen ein jüdisches Leben. Einer sagt: Ich darf mich nicht mit Juden einlassen, die weniger religiös sind als ich, denn wenn ich das tue, werden meine eigenen Standards fallen. Ich werde weniger einhalten. Mein Licht wird abnehmen. Das ist die Ansicht von Rav.

Der andere sagt, nein, wenn ich das Feuer meines Glaubens benutze, um im Leben eines anderen eine Kerze anzuzünden, wird mein Judentum nicht gemindert. Es wächst, weil es jetzt mehr jüdisches Licht in der Welt gibt. Wenn es um geistige Güter statt materielle Güter geht, gilt: Je mehr ich teile, desto mehr habe ich. Wenn ich mein Wissen, meinen Glauben oder meine Liebe mit anderen teile, werde ich nicht weniger haben. Ich habe vielleicht sogar mehr. Das ist die Ansicht von Shmuel, und so wurde das Gesetz schließlich beschlossen.

Also teile dein Judentum mit anderen. Nimm das Feuer deines Glaubens und hilf, andere anzustecken.

Übersetzung: faehrtensuche

Foto: Copyright: Sabine Bruckner

Rabbi Sacks: Moralische Herausforderungen des 21. Jahrhunderts

An Rosh Hashanah [1], Yom Kippur [2] und den Tagen dazwischen stellen wir eine der kraftvollsten, doch unmodernsten Überzeugungen des Judentums dar: Unser Leben hat individuell und kollektiv eine moralische Dimension.

Wir können die meiste Zeit des Jahres so leben, als ob es auf Erfolg oder Ruhm, Macht oder Reichtum ankäme. Aber an diesen heiligen Tagen kommen wir in der Synagoge zusammen, um vor G’tt zu stehen und zwei ganz und gar unumstößliche Wahrheiten anzuerkennen: Wir sind das Gut, das wir in der Welt tun, und wir sind verantwortlich für das Böse, das wir getan haben, oder für das Gute, das wir zu tun versäumt haben.

Dieses Jahr hatte ich, mit freundlicher Genehmigung der BBC, eine einmalige Chance, diese Überzeugungen mit einigen der besten Köpfe der Welt zu diskutieren. Im Rahmen einer Reihe von Programmen zu moralischen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts traf ich führende Philosophen, Denker, Innovatoren und Philanthropen sowie Oberstufenschüler aus dem ganzen Land. Was sie zu sagen hatten, war kraftvoll, wichtig und notwendig.

Die These, die ich testen wollte, lautete: Seit 50 Jahren betreibt der Westen ein verhängnisvolles Experiment, dass wir ohne einen gemeinsamen Moralkodex auskommen können. Worte, die uns einst gelenkt haben – wie „richtig“, „falsch“, „müsste“, „sollte“, „Pflicht“, „Verantwortung“, „Loyalität“, „Tugend“, „Ehre“ – haben jetzt eine antiquierte Ausstrahlung, als ob sie aus einer längst vergangenen Zeit stammten.

Stattdessen haben wir die Moral auf den Markt und den Staat ausgelagert. Der Markt gibt uns die Wahlmöglichkeiten; der Staat befasst sich mit den Konsequenzen; aber keiner von beiden entscheidet darüber. Solange wir anderen nicht direkt schaden, können wir tun, was wir wollen.

Dies wurde damals als eine große Befreiung erlebt. Wir waren freier denn je, das zu sein, was immer wir sein wollten. Aber wir können jetzt die Kosten in zerrütteten Familien, den Verlust der Gemeinschaft, einen Anstieg der Depressionen, Selbstmorde und Einsamkeit von Jugendlichen, einen Verlust des Vertrauens in große Konzerne und Regierungen, den neuen Tribalismus der Identitätspolitik und die Bissigkeit, die für die Kommunikation im Internet gilt, zählen. Eine gemeinsame Moral verbindet uns. Wenn man sie von ihr löst, sind die Menschen verwundbar und allein.

Jeder, der mit der hebräischen Bibel vertraut ist, hätte dies vorhersagen können. Es ist die Geschichte, die von den Propheten immer wieder erzählt wird. Wir hören es in Elia, Elisa, Amos, Hosea, Jesaja und Jeremia. Ohne ein tief verinnerlichtes Gefühl der kollektiven Verantwortung für das Gemeinwohl beginnt die Gesellschaft zu zerbrechen und zu zersplittern. Wir bewegen uns von einer Welt des „Wir“ zu einer des „Ich“: das private Streben nach persönlichen Bedürfnissen.

Darauf zurückzuführen sind – zeitgemäß ausgedrückt – unverantwortliche Banken, gierige Konzerne, ausbeuterische Politik, sexuelle Belästigung und vernachlässigte Kinder. Es gibt nichts in unserer natürlichen Beschaffenheit, was dafür sorgt, dass die Reichen sich um die Armen kümmern oder die Mächtigen um die Machtlosen.

Deshalb brauchen wir Moral: uns gegenseitig dabei behilflich sein, gemeinsam für das Wohl aller zu sorgen, nicht nur für jeden von uns allein.

Die Propheten sagten, dass das Endergebnis einer solchen Gesellschaft Niederlage und Verzweiflung sein würde. Nun, wir haben keine Propheten mehr. Aber hören Sie sich diese Liste von Titeln der kürzlich erschienenen Bücher in Großbritannien und den Vereinigten Staaten an: „How Democracy Ends?“ [Wie Demokratie endet]; „The Death of Democracy“ [Der Tod der Demokratie]; „Can Democracy Survive Global Capitalism?“ [Kann die Demokratie den globalen Kapitalismus überleben?]; „Why Liberalism Failed“ [Warum der Liberalismus gescheitert ist]; „The Retreat of Western Liberalism“ [Der Rückzug des westlichen Liberalismus]; „The Strange Death of Europe“ [Der seltsame Tod Europas] und „The Suicide of the West“ [Der Selbstmord des Westens]. Dies sind endlose Variationen und säkulare Aktualisierungen der Warnungen der hebräischen Propheten.

Praktisch alle von mir interviewten Menschen hatten eine starke moralische Botschaft. Der kanadische Psychologe Jordan Peterson sprach über die Bedeutung, die persönliche Verantwortung zu akzeptieren und über die Gefahr, sich selbst als Opfer zu sehen. Jonathan Haidt, der amerikanische Sozialpsychologe, sprach darüber, wie die Politik der Opferrolle die Redefreiheit auf den Universitätsgeländen bedroht. Der Harvard-Soziologe Robert Putnam diskutierte darüber, wie der Zusammenbruch von Familien und Gemeinschaften mindestens den dritten Teil Amerikas der sozialen Mobilität beraubt.

Die britische Ökonomin Noreena Hertz plädierte für einen moralischeren Umgang mit dem Kapitalismus. Jean Twenge, die weltweit führende Expertin für die Auswirkungen der sozialen Medien, war erschreckend, als sie den Anstieg der Depression bei den Teenagern von heute aufzeigte. Der Kolumnist der New York Times, David Brooks, sprach eloquent darüber, wie wir uns zu sehr auf die „Resümee-Tugenden“ konzentriert haben, auf die Fähigkeiten, die wir für unseren beruflichen Erfolg benötigen, und zu wenig auf die „Laudatio-Tugenden“, die Gewohnheiten des Charakters, die Sinn und Anmut in unser Leben bringen.

Der Harvard-Philosoph Michael Sandel erinnerte uns daran, dass Politik eine unausweichliche moralische Dimension hat. Der Neurowissenschaftler Steven Pinker forderte uns auf, den Tatsachen und nicht den Gefühlen zu folgen. Mustafa Suleyman von DeepMind erklärte, wie wir Ethik in die Entwicklung der künstlichen Intelligenz einbauen müssen, und Nick Bostrom, der Mann, der die Welt vor den Gefahren der Superintelligenz aufmerksam machte, warnte davor, Technologien zu entwickeln, die wir nicht kontrollieren können.

Auf der anderen Seite waren Melinda Gates und Heather Templeton Dill, Leiter von zwei der weltweit führenden philanthropischen Stiftungen, inspirierend, indem sie von der Kraft sprachen, die wir alle haben, um das Leben anderer Menschen zum Positiven zu verändern. Nicht weniger eloquent sprachen die Jugendlichen über ihre moralischen Helden und Vorbilder, ihre Ängste und Hoffnungen für die Zukunft.

Das Fazit all dessen ist, dass die Gesellschaft mehr braucht als den freien Markt und den liberal demokratischen Staat. Wir müssen die moralische Verantwortung für unser eigenes Leben und für das Gemeinwohl übernehmen. Diese Wahrheit wird seit einem halben Jahrhundert in den Hintergrund gestellt, aber die Belastungen beginnen sich zu zeigen. Wir haben bereits die ersten Erschütterungen der Alternativen gesehen: Populismus, Identitätspolitik, die Kultur der Opferrolle und der Aufstieg der extremen Linken und der extremen Rechten – was ich die Politik des Zorns nenne.

Vor langer Zeit haben Juden Pionierarbeit für die Alternative geleistet: die Politik der Hoffnung. Hoffnung entsteht, wenn wir uns individuell und kollektiv der Gerechtigkeit, dem Mitgefühl, der Heiligkeit des Lebens und der Würde des Einzelnen widmen. Das ist es, wozu wir zu Rosh Hashanah und Jom Kippur aufgerufen sind. G’tt bittet uns nicht, perfekt zu sein. Er bittet uns, unser Bestes zu geben, um Ihn, unseren Nächsten und den Fremden zu lieben. Und wenn wir versagen, wie wir es alle auf die eine oder andere Weise tun, bittet Er uns, unser Versagen anzuerkennen und es erneut zu versuchen.

Seit Anbeginn unserer Geschichte wurde das Judentum von einer moralischen Leidenschaft gelenkt, Gottes Befehl an Abraham [entsprechend], „seine Kinder zu lehren, den Weg des Herrn zu bewahren, indem sie Recht und Gerechtigkeit tun.“ Diese Leidenschaft ist auf lange Sicht das einzige, was in der Lage ist, eine freie Gesellschaft zu erhalten. Ohne sie geht jede Supermacht in der Geschichte nach einer Zeit des Wohlstandes schließlich unter und fällt. Die jüdische Botschaft war selten relevanter als jetzt. Oder wie wir es an diesen heiligen Tagen sagen: Buße, Gebet und Nächstenliebe geben uns die Chance, neu anzufangen und das böse Dekret abzuwenden.

Originalartikel: Rabbi Lord Jonathan Sacks, Why the world needs Rosh Hashana, [Warum die Welt Rosh Hashana braucht], 7. September 2018

Übersetzung: faehrtensuche

[1] Rosh Hashana 5779 (9.09. – 11.09.2018)

[2] Yom Kippur 5779 (18./19.09.2018)

70 Jahre Israel, die Heimat der Hoffnung

Heute Abend beginnen in Israel die Feierlichkeiten zum Unabhängigkeitstag! Ein ganz besonderer Grund, sich zu freuen!

70 Jahre Israel! Am Israel Chai!  Das Volk Israel lebt! Allen Anfeindungen, allem Terror und allen Kriegen zum Trotz!

Herzlichen Glückwunsch! Mazl Tov!

Rabbi Sacks äußert sich in einem Video zum 70-jährigem Jubiläum und nennt Israel die Heimat der Hoffnung. Er sagt:

„Die Geschichte Israels ist ohne Parallelen in der Geschichte, die Geschichte der Liebe eines Volkes für ein Land, die Liebe der Juden für Israel. Dort wurde in alten Zeiten unser Volk geboren und dort wurde in der heutigen Zeit unser Volk neu geboren.

Und der Tag wird kommen, an dem die Geschichte Israels der heutigen Zeit nicht nur zu den Juden sprechen wird, sondern zu allen, die an die Kraft des menschlichen Geistes glauben, wenn er sich zu G’tt ausstreckt als unvergängliches Symbol für den Sieg des Lebens über den Tod, [den Sieg] der Hoffnung über die Verzweiflung. Denn:

Israel hat große Dinge erreicht. Es hat ein unfruchtbares Land genommen und es wieder zum Blühen gebracht. Es hat eine alte Sprache, das Hebräisch der Bibel, genommen und sie wieder neu belebt. Es hat den ältesten Glauben des Westens genommen und ihn wieder jung gemacht. Israel hat eine zerrissene, zerrüttete Nation genommen und sie wieder lebendig gemacht. Israel ist das Land, dessen Nationalhymne, Hatikva, Hoffnung bedeutet.

Israel ist die Heimat der Hoffnung. Yom HaAtzmaut Sameach!“

Warum ich ein Jude bin

von  Rabbi Jonathan Sacks

Die bedeutendste Frage, die wir uns stellen können, lautet: Wer bin ich?

Um diese Frage beantworten zu können, reicht es nicht, sich einfach zu fragen: „Wo wohne ich?“ Oder: „Was mache ich?“ Der schicksalhafteste Augenblick meines Lebens war, als ich mir selbst genau diese Frage stellte und wusste, dass die Antwort nur lauten kann: Ich bin ein Jude – aus diesen Gründen:

Ich bin ein Jude, nicht, weil ich glaube, dass das Judentum alle Aspekte der Geschichte der Menschheit umfasst. Ich bewundere auch andere Traditionen und ihren Beitrag in der Welt.

Ich bin auch nicht Jude, weil es Antisemitismus und Antizionismus gibt. Das, was mir widerfährt, macht mich nicht zu dem, der ich bin: Wir sind ein Volk des Glaubens und nicht des Schicksals.

Ich bin es auch nicht, weil ich denke, dass Juden besser, intelligenter, kreativer, großzügiger oder erfolgreicher sind als andere Menschen. Es sind nicht die Juden, die anders sind, sondern das Judentum ist es. Es geht nicht so sehr darum, was wir sind, sondern vielmehr darum, wozu wir berufen sind.

Ich bin ein Jude, weil ich als Kind meines Volkes den Ruf vernommen habe, mein eigenes Kapitel zu seiner noch unvollendeten Geschichte beizutragen. Ich selbst bin ein Teil seiner Reise und ein Bindeglied zwischen den Generationen. Die Träume und Hoffnungen meiner Vorfahren leben in mir weiter und ich bewahre ihr Vertrauen und ihre Zuversicht in der Gegenwart und für die Zukunft.

Ich bin ein Jude, weil es unsere Vorfahren waren, die erkannt haben, dass die Welt durch eine moralische Bestimmung angetrieben wird und dass die Wirklichkeit weder ein unentwegter Krieg der Elemente ist, die es zu vergöttlichen gilt, noch dass Geschichte ein Kampf ist, in dem Gewalt rechtens ist und der Macht einfach nur gefolgt werden muss. Die jüdische Tradition hat die Sitten und Werte der westlichen Zivilisation geprägt, indem sie als erste gelehrt hat, dass ein Menschenleben heilig ist, dass ein Einzelner niemals zugunsten der Masse geopfert werden sollte und dass vor G’tt alle Menschen gleich sind – arm und reich, groß und klein.

Ich bin ein Jude, weil ich ein Erbe eben jener bin, die am Fuße des Berges Sinai standen und sich verpflichtet haben, ihr Leben für alle Zeit nach diesen moralischen Wahrheiten zu führen. Ich bin ein Nachkomme unzähliger vorheriger Generationen, die trotz schwerster Prüfungen und Widerstände ihrem Bund mit G’tt treu geblieben sind, auch wenn eine Abkehr mitunter so viel leichter gewesen wäre.

Ich bin ein Jude, weil es den Schabbat gibt, die bedeutendste religiöse Institution, eine Zeit, in der es weder eine Beeinflussung der Natur noch unserer Mitmenschen geben soll und in der wir in jeder Woche auf’s Neue in Frieden und Gleichberechtigung zusammenkommen und eine Form der Vorfreude auf das messianische Zeitalter entstehen lassen.

Ich bin ein Jude, weil unser Volk selbst in Zeiten größter Not niemals aufgehört hat, die Armen mit Hingabe zu unterstützen, Juden aus anderen Ländern zu retten und für das Recht der Unterdrückten zu kämpfen – und dies taten wir nicht aus Selbstgefälligkeit, sondern weil es eine Mitzwa ist und das Mindeste, was man als Jude tun kann.

Ich bin ein Jude, weil ich die Tora liebe und an ihr festhalte, in dem Wissen, dass G’tt nicht nur in den Naturkräften zu finden ist, sondern auch in Form von Moral und Normen, in Worten, Texten, Lehren und Geboten, und ich bin es, weil Juden, selbst wenn sie alles andere entbehren mussten, niemals aufgehört haben, dem einzelnen Menschen Würde und Tiefe zu verleihen und Bildung als eine heilige Pflicht anzusehen.

Ich bin ein Jude aufgrund des glühenden Glaubens unseres Volkes an die Freiheit. Unsere einzigartige menschliche Würde besteht darin, dass ein jeder von uns ein Mittler der Moral ist.

Und ich bin es, weil die Ideale des Judentums nie einfach nur ein erhabenes Streben waren, sondern vielmehr in Taten und Methode verwandelt wurden, die wir Mitzwot bzw. Halacha nennen und auf diese Weise der Himmel zur Erde gebracht wurde.

Ich bin ganz einfach stolz, ein Jude zu sein.

Ich bin stolz, Teil eines Volkes zu sein, das trotz aller Narben und Verletzungen niemals seinen Glauben sowie seinen Humor und seine Fähigkeit verloren hat, über bestehende Schwierigkeiten zu lachen und dabei weiterhin an die Erlösung glaubt – ein Volk, das menschliche Geschichte als eine Reise erlebt und niemals aufgehört hat, sich zu bewegen und zu suchen.

Ich bin stolz, Teil einer Epoche zu sein, während derer mein Volk auf besondere Weise auf das schlimmste Verbrechen, das jemals gegen Menschen verübt wurde, reagiert hat, indem es ein Land wiederbelebt, seine Souveränität zurückgewonnen, Juden in Gefahr aus aller Welt gerettet und Jerusalem wiederaufgebaut hat. Es hat bewiesen, dass es dabei sowohl beherzt nach Frieden streben kann als sich auch im Kriegsfall zu verteidigen weiß.

Ich bin stolz, dass meine Vorfahren sich nicht mit verfrühtem Trost zufriedengeben wollten und auf die Frage, ob der Messias schon gekommen sei, stets erwiderten: „Noch nicht!“

Ich bin stolz, zum Volk Israel zu gehören, dessen Name so viel bedeutet wie „der mit G’tt und Mensch ringt und obsiegt.“ Denn obwohl wir die Menschheit lieben, haben wir nie aufgehört, zugleich mit ihr zu ringen und die Abgötter aller Zeiten in Frage zu stellen. Auch wenn wir G’tt stets in ewiger Liebe verehrt haben, so haben wir doch nie aufgehört, mit ihm zu ringen – noch er mit uns. Ich bewundere andere Kulturen und Traditionen und glaube, dass eine jede einen besonderen Anteil an dieser Welt hat. Aval zeh shelanu – aber dies ist unserer.  Dies ist mein Volk, mein Erbe, mein Glaube. In unserer Einzigartigkeit liegt unsere Universalität. Indem wir sind, was wir allein sind, leisten wir unseren Beitrag für die Menschheit.

Dies ist unsere Geschichte, unser Geschenk an die nächste Generation. Ich habe es von meinen Eltern erhalten und sie erhielten es von den ihren, seit langer Zeit und über weite Entfernungen hinweg. Es gibt nichts Vergleichbares. Dies hat die moralische Vorstellungskraft der Menschheit verändert und fordert sie noch immer heraus. Ich möchte den Juden auf der ganzen Welt sagen: Nehmt es an, haltet es in Ehren, lernt es zu verstehen und zu lieben. Tragt es und es wird euch tragen. Auf dass ihr es an zukünftige Generationen weitergeben möget, denn ihr seid Teil eines ewigen Volkes – ein Zeichen in seiner Schriftrolle.  Lasst seine Ewigkeit in euch weiterleben!

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Das Video zum Nachhören auf YouTube hier!