Eine erfrischende Dosis nationaler Größe

Die Tennis-Interessierten werden ihn vielleicht kennen bzw. von ihm gehört haben – Dudi Sela. Dudi Sela ist ein israelischer Tennisspieler und einer der Teilnehmer des professionellen Herrenturniers, das vom 25. September bis zum 1. Oktober 2017 in Shenzhen, China ausgetragen wurde. Dieses Turnier war eines der insgesamt 63 angesetzten Wettkämpfe der ATP World Tour 2017, die auf insgesamt sechs Kontinenten ausgetragen wurden/werden. Der auf „spox.com“ über dieses Turnier berichtende Sportreporter Jens Huber gibt dort seine Einschätzung wieder, dass Dudi Sela der Religon „den Vortritt vor seinen sportlichen Ambitionen“ gebe, er spricht sogar von einem „Mann strenger religiöser Prinzipien.“ Ich halte es eher für „eine erfrischende Dosis nationaler Größe“, wie es auch Michael Freund in dem unteren Artikel zum Ausdruck bringt, den ich übersetzt habe und der selbsterklärend ist, wie ich finde.

Originalartikel: Michael Freund, Israel’s Sandy Koufax, 5. Oktober 2017

Übersetzung: faehrtensuche

Am vergangenen Freitagnachmittag [29.09.2017], als sich Millionen Juden weltweit für den Beginn von Yom Kippur vorbereiteten, befand sich der israelische Tennisstar Dudi Sela auf einem Spielfeld in Shenzhen, China, und lag in der Mitte eines kritischen Spiels gegen seinen Kontrahenten in Führung.

Nach einer neunmonatigen Durststrecke hatte es Sela endlich bis ins Viertelfinale eines Turniers der Association of Tennis Professionals [Vereinigung der professionellen männlichen Tennisspieler] (ATP) geschafft und damit nicht nur ein größeres Prestige erhalten, sondern – sollte er weiterkommen – auch die Hoffnung auf größere Prämien.

Aber als die Zeiger der Uhr voranschritten und die Sonne unterzugehen begann, machte Sela etwas, dass nur als wahrhaft bemerkenswert bezeichnet werden kann.

In einem beispiellosen Schritt legte er seinen Tennisschläger nieder und erklärte, er hätte den Wettkampf verloren und entfernte sich tatsächlich von dem Wettbewerb.

Es war weder Erschöpfung noch Trägheit, die hinter seiner Entscheidung lag, sondern etwas viel Edleres. Als Vertreter Israels, dem jüdischen Staat, entschloss sich Sela, nicht am heiligsten Tag des jüdischen Kalenders zu spielen.

Durch diesen einfachen, zugleich sicherlich diffizilen Akt, hat Sela seinen Namen in den Pantheon der wahren jüdischen Sporthelden geätzt und wurde in der Tat die israelische Version von Sandy Koufax, dem großen, feurig werfenden Baseball-Pitcher, der sich weigerte, im Spiel 1 der World Series von 1965 zu spielen, weil es mit Yom Kippur zusammenfiel.

Wie Koufax soll Sela nicht sonderlich [religiös] praktizierend sein, aber er besitzt etwas, das ihn besonders macht und das ist ein gesunder Sinn für jüdischen Stolz.

„Dudi ist kein religiöser Mann und er fastet normalerweise nicht zu Yom Kippur“, sagte sein Bruder Ofer und fügte hinzu: „Zum ersten Mal in seiner Karriere war er gezwungen, diese qualvolle Entscheidung zu treffen, die sein ATP-Ranking beeinflusst und ihn Zehntausende an Dollars kostet.“

Als er bemerkte, dass niemand seinen Bruder genötigt hatte, nicht zu spielen, sagte Ofer: „Er tat es nur, weil er Yom Kippur und das Land, das er vertritt, respektiert.“ Was für eine erfrischende Dosis nationaler Würde! Sicher ist Sela nicht der erste prominente israelische Sportler, der sich weigert, am Versöhnungstag [Day of Atonement] zu erscheinen.

Bei den Olympischen Sommerspielen 1988 in Seoul, Südkorea, gab die israelische Fechtmannschaft ihre Chance auf, eine Medaille zu holen und blieb zu Hause, weil es bedeutet hätte, an Yom Kippur anzutreten.

Ebenso entschloss sich Avram Grant, Manager der britischen Soccer-Mannschaft West Ham United, im Jahr 2010, zusammen mit einem der Abwehrspieler seiner Mannschaft, Tal Ben-Haim, bei einem Ligaspiel zu fehlen, weil es auf den heiligen Tag fiel.

Und im Jahr 2013 wurde das israelische Davis-Cup-Team mit einer Strafe von 10.000 Euro belegt, weil es sich weigerte zu spielen.

Aber was Selas Handlung so bemerkenswert macht, ist, dass er mitten im Spiel ausstieg, als sein Adrenalin rauschte und, wie jeder gute Sportler, wahrscheinlich zuversichtlich war, dass der Sieg in der Luft lag. Und dafür verdient er unsere Bewunderung und Unterstützung.

In Wahrheit aber hätte es niemals dazu kommen dürfen.

Die Tatsache, dass die ATP nicht die Weitsicht hatte, den heiligsten Tag des jüdischen Kalenders bei der ursprünglichen Planung des Turniers zu berücksichtigen, ist bedauerlich, doch vielleicht verständlich. Aber ihr Mangel an Sensibilität bei der Weigerung, den Zeitpunkt von Selas Spiel zu verschieben, als sie von dem Konflikt erfuhren, ist einfach respektlos und beschämend.

In dieser Hinsicht ist die ATP nicht allein. Wie die Jerusalem Post am 30. Juli berichtete, „laufen einige der besten Judokas Israels Gefahr, im nächsten Jahr die Weltmeisterschaften in Aserbaidschan zu verpassen, nachdem sie kürzlich auf die Woche von Yom Kippur gelegt wurden“, der am 19. September 2018 sein wird.

Moshe Ponte, der Vorsitzende der israelischen Judo-Vereinigung, wird sich bald mit Marius Vizer, dem Präsidenten des Internationalen Judo-Verbandes, treffen, um darum zu bitten, dass das Datum des Wettkampfes verschoben wird und es ist zu hoffen, dass seiner Anfrage mit der Aufnahmefähigkeit und dem Verständnis begegnet wird, die sie verdient.

„Das ist eine ernste Bedrohung für das israelische Judo,“ sagte Ponte. „Das kann den Athleten, die sich für die Olympischen Spiele qualifizieren wollen, wirklich weh tun und auch ihre Auslosung in Tokio beeinflussen,“ betonte er und fügte hinzu: „Dieses Problem erfordert diplomatisches Eingreifen. Letzten Endes vertreten wir das Land.“

Ponte liegt genau richtig. Das ist nicht eine Frage der religiösen Nötigung, sondern eine des nationalen Stolzes und es ist nun für internationale Sportverbände und Räte an der Zeit, mehr Rücksicht und Respekt für Israel und sein Erbe zu zeigen.

Schließlich haben die Vereinten Nationen im Dezember 2015 formell Yom Kippur als offiziellen Feiertag anerkannt, vor allem dank der Bemühungen des israelischen UN-Botschafters Danny Danon und seiner amerikanischen Kollegen. Es dürfen keine offiziellen UN-Treffen am heiligen Tag stattfinden.

Wenn es gut genug für die UNO ist, dann gibt es keinen Grund, warum das gleiche Prinzip nicht auf internationale Sportwettbewerbe angewendet werden kann.

Es mag trivial erscheinen, aber in der heutigen Welt führen viele Menschen den Begriff „Held“ an, wenn sie sich auf diejenigen beziehen, deren Taten sich in einem Bereich von den anderen abheben.

Obwohl das Schießen eines [Basketball]-Tores sich kaum vergleichen lässt mit der Rettung eines Menschen aus einem brennenden Gebäude, finden sportliche Aktivitäten auf der ganzen Welt Nachhall und haben eine profunde soziale und kulturelle Wirkung.

Und das allein ist Grund genug für Israel, Druck auszuüben, damit bei internationalen Wettbewerben für israelische Athleten keine Spiele an Yom Kippur anberaumt werden.

Denn wie Dudi Sela in der vergangenen Woche auf einem chinesischen Tennisplatz gezeigt hat, ist eine wahre Koryphäe derjenige, der nicht nur weiß, wie er seinen Schläger nutzt, sondern wann er ihn ablegt und erkennt, dass es Werte von größerer Bedeutung gibt, die es wert sind, dass man sie einhält.

(Der Artikel ist auch in der Jerusalem Post  erschienen.)

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