„Ich werde nicht sterben, sondern leben.“

„Passend“ zum 79. Jahrestag der Reichskristallnacht am gestrigen 9. November stieß ich auf einen Text von Rabbi Sacks, der mich elektrisierte, sprach er doch Fragen an, die mich auch schon häufig beschäftigt hatten. Wie konnte ein Volk so lange überleben? Wie konnte ein Volk nach den Erfahrungen der Shoa „auferstehen“ und sich zu so blühendem Leben entwickeln? Warum war/ist es so erfolgreich? Persönliche Begegnungen in Israel haben für mich immer eine besondere Strahlkraft und Stärke, die mich beeindruck(t)en und faszinier(t)en! Besonders beeindruckend und unvergesslich: Die Begegnung mit Holocaust-Überlebenden! In Israel hatte ich mehrere Male die Gelegenheit, einige von ihnen kennenzulernen. Jedes Mal bin ich durch diese Begegnungen bereichert worden und oft habe mich gefragt: Wie kann es sein, dass sie mir (zudem noch als Deutsche) so freundlich, offen und unvoreingenommen begegnen, dass sie so lebensbejahend und herzlich sind, dass sie so positive Energie ausstrahlen und all das nach unvorstellbar schrecklichen Erfahrungen während der Shoa? (Für den interessierten Leser: Von einer dieser Begegnungen habe ich hier berichtet.)

Rabbi Sacks hat den nachfolgend von mir übersetzten Text nicht verfasst, um an den 79. Jahrestag der Reichskristallnacht zu erinnern, aber er passt meiner Ansicht nach gut (auch) dazu. Grundlage der Ausführungen von Rabbi Sacks ist die Parasha dieser Woche in Genesis 23, 1-16. Zur Erklärung: Am Shabbat, dem jüdischen Feiertag, wird in der Synagoge die Torah als fortlaufender Text gelesen. Entsprechend der Anzahl der Wochen nach jüdischem Kalender wird die Torah in Abschnitte eingeteilt, so dass am Ende des Jahres die ganze Torah gelesen worden ist.

Rabbi Sacks, The World’s Oldest Man (Chaje Sarah 5778), 6. November 2017

Der älteste Mann der Welt

Am 11. August 2017 verstarb der älteste Mann der Welt, nur einen Monat vor seinem 114. Geburtstag. Das machte ihn zu einem der zehn am längsten lebenden Männer seit Beginn der modernen Registrierungen. Wenn Sie nichts anderes als das von ihm wüssten, würden Sie zu Recht denken, dass er ein friedvolles Leben geführt hat, das von Angst, Trauer und Gefahr verschont blieb.

Das Gegenteil ist der Fall. Der betreffende Mann war Yisrael Kristal, ein Überlebender des Holocaust. 1903 in Polen geboren, überlebte er vier Jahre im Ghetto Lodz und wurde dann nach Auschwitz transportiert. Im Ghetto starben seine beiden Kinder. In Auschwitz wurde seine Frau umgebracht. Als Auschwitz befreit wurde, war er ein wandelndes Skelett mit einem Gewicht von nur 37 Kilo. Er war das einzige Mitglied seiner Familie, das überlebte.

Er war als religiöser Jude aufgewachsen und blieb es sein ganzes Leben lang. Als der Krieg vorbei und seine ganze Welt zerstört war, heiratete er erneut, diesmal eine andere Holocaustüberlebende. Sie hatten Kinder. Sie machten Aliyah in Haifa. Dort begann er wieder im Süßwarengeschäft, wie schon vor dem Krieg in Polen. Er stellte Süßigkeiten und Schokolade her. Er wurde ein Innovator. Wenn Sie jemals eine mit Schokolade bedeckte israelische Orangenschale oder Likörpralinen geformt wie kleine Flaschen und mit Silberfolie bedeckt gegessen haben, genießen Sie eines der Produkte, die von ihm stammen. Diejenigen, die ihn kannten, sagten, er sei ein Mann ohne Bitterkeit in seiner Seele gewesen. Er wollte, dass die Leute Süße schmeckten.

Im Jahr 2016, im Alter von 113 Jahren, feierte er endlich seine Bar Mizwa. Hundert Jahre früher hatte sich das als unmöglich erwiesen. Zu diesem Zeitpunkt war seine Mutter tot und sein Vater kämpfte im Ersten Weltkrieg. Mit einem fast poetischen Gefühl von Angemessenheit starb Yisrael am Erev Shabbat Ekev, der Parasha, der den zweiten Absatz des Sh’ma [Yisrael] mit seinen Befehlen enthält, Tefillin zu tragen und deinen Kindern die Torah zu lehren, „damit du und deine Kinder lange in dem Land lebest, das der Herr deinen Ahnen geschworen hat.“

Yisrael Kristal tat beides gewissenhaft. Auf seiner Bar Mizwa scherzte er, dass er der älteste Tefillin-Träger der Welt sei. Er versammelte seine Kinder, Enkel und Urenkel unter seinem Tallit und sagte: „Hier ist ein Mensch, und schau, wie viele Menschen er zum Leben erweckt hat. Da wir alle hier unter meinem Tallit stehen, denke ich: Sechs Millionen Menschen. Stell dir die Welt vor, die sie hätten bauen können.“ Das war ein außergewöhnlicher Mann.

Sein Leben wirft Licht auf einen der verlockendsten Verse in der Torah. Den Tod von Abraham beschreibend, sagt unsere Parasha, „Er tat seinen letzten Atemzug und starb in gutem Alter, alt und lebenssatt.“ (Gen. 25, 8). Sein Tod ist der ruhigste in der Torah. Doch schau dir sein Leben an, belastet wie es war, mit einer Prüfung nach der anderen.

Um dem Ruf G’ttes zu folgen, musste er sich von seinem Land, seinem Geburtsort und dem Haus seines Vaters verabschieden und zu einem unbekannten Ziel reisen. Zweimal zwang ihn die Hungersnot ins Exil, wo sein Leben in Gefahr war. Er, dem zahllose Kinder zugesagt waren – so viele wie der Staub der Erde und die Sterne des Himmels – blieb bis ins hohe Alter kinderlos. Dann sagte ihm Gott, er solle seinen Sohn, den er mit Sarahs Dienerin Hagar hatte, wegschicken. Und als ob dieser Prozess nicht herzzerreißend genug gewesen wäre, sagte G’tt ihm dann, seinen einzigen mit Sarah gezeugten Sohn zu opfern, Isaak, der, von dem Gott gesagt hatte, dass er sein geistiges Erbe und Träger des Bundes in der Zukunft wäre.

Sieben Mal [wurde ihm] ein Land zugesprochen. Als Sarah starb, besaß er keinen einzigen Quadratzentimeter an Land, um sie zu begraben, und musste die Hethiter bitten, ihm ein Feld und eine Begräbnishöhle durch Kauf zu überlassen. Das war ein Leben von enttäuschten Hoffnungen und verzögerten (Lebens-)Erfüllungen. Was war das für ein Mann, von dem die Torah sagen kann, dass er „im guten Alter, alt und lebenssatt“ starb?

Ich habe die Antwort auf diese Frage durch eine Reihe von lebensverändernden Begegnungen mit Holocaustüberlebenden erfahren. Sie gehörten zu den stärksten, lebensbejahendsten Menschen, denen ich je begegnet bin. Ich habe mich jahrelang gefragt, wie sie überhaupt überleben konnten, nachdem sie gesehen hatten, was sie sahen und erfahren hatten, was sie erfuhren. Sie hatten die tiefste Dunkelheit durchlebt, die je auf eine Zivilisation herabgekommen ist.

Irgendwann wurde mir klar, was sie getan hatten. Fast ohne Ausnahme haben sie sich nach Kriegsende zielstrebig auf die Zukunft konzentriert. Fremde in einem fremden Land, sie bauten Häuser und machten Karriere, heirateten und bekamen Kinder und brachten neues Leben in die Welt.

Oftmals sprachen sie nicht über ihre Erfahrungen während der Shoah, nicht einmal mit ihren Ehepartnern, ihren Kindern und ihren engsten Freunden. Dieses Schweigen dauerte in vielen Fällen bis zu fünfzig Jahre. Erst dann, als die von ihnen aufgebaute Zukunft sicher war, erlaubten sie sich, zurückzublicken und zu bezeugen, was sie erlitten und gesehen hatten. Einige von ihnen schrieben Bücher. Viele von ihnen gingen in Schulen und erzählten ihre Geschichte, so dass der Holocaust nicht geleugnet werden konnte. Zuerst bauten sie eine Zukunft. Erst dann erlaubten sie sich, sich an die Vergangenheit zu erinnern.

Das ist es, was Abraham in der Parasha dieser Woche getan hat. Er hatte drei Verheißungen von G’tt erhalten: Kinder, ein Land, und die Versicherung, dass er der Vater sein würde, nicht einer Nation, sondern vieler Nationen (Gen. 17, 4-5). Im Alter von 137 Jahren hatte er einen unverheirateten Sohn, kein Land und hatte keine Nationen ins Leben gerufen. Er äußerte kein einziges Wort der Beschwerde. Offensichtlich erkannte er, dass G’tt wollte, er sollte handeln, nicht darauf warten, dass G’tt die Arbeit für ihn tat.

Also, als Sarah starb, kaufte er das erste Grundstück in dem [Land], das das Heilige Land werden würde, das Feld und die Höhle von Machpelah. Dann wies er seinen Diener an, eine Frau für Isaak, seinen Sohn, zu finden, damit er die ersten jüdischen Enkelkinder sehen könnte. Schließlich heiratete er im hohen Alter wieder und hatte sechs Söhne, die später Stammväter vieler Nationen werden sollten. Er hockte nicht da, außer für kurze Zeit, um seine Vergangenheit zu betrauern. Stattdessen unternahm er die ersten Schritte, um die Zukunft aufzubauen.

Das ist das, was Yisrael Kristal auf seine Art getan hat – und das ist die Art, wie er als Überlebender von Auschwitz lebte und der älteste Mann der Welt wurde. Auch er starb „im guten Alter, alt und lebenssatt“.

Das ist das, was das jüdische Volk gemeinsam getan hat, als David Ben-Gurion den jüdischen Staat in der alten Heimat unseres Volkes, im Land Israel ausrief – nur drei Jahre, nachdem er Auge in Auge dem Todesengel in Auschwitz gegenüber gestanden hatte. Hätte das weltweite jüdische Volk passiv da gesessen und von damals bis heute um die ermordeten Generationen des europäischen Judentums geweint, wäre das eine verständliche Reaktion gewesen. Aber das tat es nicht. Es war so, als ob das jüdische Volk gemeinsam in den Worten König Davids gesagt hätte: „Ich werde nicht sterben, sondern leben“ (Ps 118,17), um dadurch dem G’tt des Lebens Zeugnis zu geben. Aus diesem Grund ist die älteste Nation der Welt noch jung, ein weltweit führendes Unternehmen in lebensrettender Medizin, Katastrophenhilfe und lebensverbessernder Technologie.

Das ist eine transformative Idee. Um Tragödie und Trauma zu überleben, zuerst die Zukunft bauen [und] sich erst dann an die Vergangenheit erinnern.


Übersetzung, Hervorhebung im Text und Links: faehrtensuche

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5 Gedanken zu „„Ich werde nicht sterben, sondern leben.“

  1. Fantastisch und wunderschön! Wobei beide Wörter nur Wörter sind. Ich kann nicht ausdrücken, was ich empfand als ich den Text las. Was auch immer:
    Dank, sehr vielen Dank für die Übersetzung!
    lg
    caruso

  2. Pingback: Yisrael Kristal (1903-2017) – Karsten Dahlmanns

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