Pessach 5774

14.04. (bei Sonnenuntergang) – 21.04.2014

Pessach: Das Fest der Freiheit

“Unsere Geschichte beginnt mit Demütigung; sie endet mit Ruhm.

Einst waren wir Sklaven des Pharao in Ägypten. Aber der Ewige, unser Gott, hat uns von dort mit starker Hand und mit machtvollem Arm herausgeführt. Hätte Gott – Gottes Heiligkeit sei gepriesen! – unsere Vorfahren nicht aus Ägypten herausgeführt, würden wir immer noch dem Pharao in Ägypten versklavt sein, – wir, unsere Kinder und unsere Enkelkinder. Selbst wenn wir alle weise, einsichtig, erfahren und Thora-kundig wären, wäre es unsere Pflicht, vom Auszug aus Ägypten zu erzählen. Und alle, die vom Auszug aus Ägypten erzählen, werden Gewinn davon haben.“ [1]

“Kein Mensch, der in Freiheit lebt, kann ermessen, was es bedeutet, versklavt zu sein. Wir müssen die Erinnerung daran wachhalten, damit wir unsere Freiheit nie als selbstverständlich hinnehmen oder es zulassen, dass andere versklavt werden.” [2]

ERINNERUNG:

“Einen Tag vor Pessach im Jahr 1943 betraten nationalsozialistische Militäreinheiten das Warschauer Ghetto, um die dort Wohnenden nach Treblinka zu deportieren. Jüdische Widerstandskämpfer zwangen sie zum Rückzug, doch sie wussten, dass die Truppen in Kürze zurückkehren würden. In jener Nacht, so berichtet das Tagebuch von Tuvia Borzykowski, einem Partisanenkämpfer während des Zweiten Weltkrieges, wurde das Lesen der Haggada durch Schüsse und Granatenexplosionen untermalt. Die Juden weinten, als der Rabbiner zu singen begann: ‘Gieß deinen Zorn über die Völker, die dich nicht kennen.’” [3]

[1] Aus: Pessach-Haggada*, hrsg. und kommentiert von Rabbiner Dr. Michael Shire, S. 15

[2] Aus dem Kommentar, ebd., S. 15

[3] Ebd., S. 46

[*Die Pessach-Haggada erzählt die Geschichte von der Befreiung des Volkes Israel aus der Sklaverei und dem Auszug aus Ägypten. Diese Geschichte wird jedes Jahr in den Familien am Sederabend erzählt.]

 

Allen jüdischen Lesern wünsche ich ein frohes Pessachfest!

חג פסח שמח

Für weitere Informationen siehe auch meinen Artikel zum Pessachfest 5773 (2013).

Der Neuköllner Botschafter bietet ebenfalls Informationen (song of love).

Darüber hinaus ist es natürlich jedem überlassen, selbst zu googeln! Eine große Frage bleibt dabei: Was nur wäre gewesen, wenn Mose eine Internetanbindung gehabt hätte? Das Video gibt Auskunft ;-) :

Aus der Geschichte lernen? – 7 Lektionen aus dem Holocaust

Nein, heute ist nicht den 27. Januar! Nein, es steht nicht der Internationale Holocaust-Gedenktag ins Haus! Nein, ich habe mich nicht vertan! Aber warum ausgerechnet jetzt den Holocaust “ins Spiel bringen”? … Tja – wir gedenken im Laufe des Jahres an so viele Dinge (z.B. gedenkt der Blog “Hinter den Türen” an den heutigen Sterbetag von Ester Golan), warum da nicht auch sich einfach mal zwischendurch mit der Frage beschäftigen, ob der Holocaust etwas ist, aus dem man Lehren ziehen sollte?

Lehren aus der Vergangenheit ziehen oder konkret: aus dem Holocaust? Immer wieder begegne ich Menschen, die meinen (und diese Meinung auch deutlich zum Ausdruck bringen), dass es doch endlich an der Zeit sei, die Vergangenheit auf sich beruhen zu lassen. Ist doch schon so lange her. Muss doch endlich mal Ruhe sein! Davon bin ich immer wieder verschreckt. Es fällt auf, dass solche Forderungen nach dem “Auf-sich-beruhen-lassen“ oft von solchen kommt, die nach dem 2. Weltkrieg geboren sind und “jahrgangsmäßig“ nichts mit “unserer Vergangenheit“ zu tun haben. Fühlen sie sich trotzdem schuldig und wenn ja, warum? …

Zurück zum Gedenken an den Holocaust und den daraus zu ziehenden Lehren. Anlässlich des 66. Jahrestags der Befreiung des “Planeten Ausschwitz“ hat Irvin Cotler einen zunächst in der Jerusalem Post erschienenen Artikel verfasst, der die Überschrift “7 Lessons from the Holocaust“ trug. Cotler sagt, dass er – immer, wenn er über den Holocaust schreibe – er das tue mit “einem gewissen Grad an Demut und nicht ohne ein tiefes Gefühl von Schmerz.“ Es gebe Dinge im Leben, die zu schrecklich seien, um sie zu erzählen, aber nicht zu schrecklich, um nicht passiert zu sein. Die schrecklichen Ereignisse überstiegen alle Worte, die man dafür haben könne.

Lehren aus dem Holocaust? Cotler betont in seinem Artikel den eindeutigen Tatbestand der Singularität des Holocaust, aber er zieht daraus allgemeine Lehren, die man auf sich wirken lassen sollte. Dass diese ihre Gültigkeit über den 66. Jahrestag hinaus behalten, muss wohl nicht extra betont werden!

Cotler führt in seinem Artikel sieben auf:

“Lektion 1: Die Wichtigkeit des Holocaust-Gedenktags – die Verantwortung der Erinnerung

Die erste Lektion ist die Bedeutung von Zachor, der Pflicht des Erinnerns selbst. Denn wie wir uns der sechs Millionen jüdischer Opfer der Shoah erinnern – diffamiert, dämonisiert und entmenschlicht, als Prolog oder Rechtfertigung für Völkermord – müssen wir verstehen, dass der Massenmord an sechs Millionen Juden und Millionen von Nicht-Juden nicht eine Frage der abstrakten Statistik ist.

Für jede Person gibt es einen Namen – für jede Person gibt es eine Identität. Jede Person ist ein Universum. Wie unsere Weisen es uns erzählen: Wer auch immer ein einziges Leben rettet – es ist so, als ob er oder sie die ganze Welt gerettet hätte. Ebenso ist jemand, der eine einzige Person getötet hat, wie einer, der die ganze Welt getötet hätte. Und so ist der kategorische Imperativ, dass wir jeweils, wo immer wir sind, die Garantien von jedermanns Schicksal sind.

Lektion 2: Die Gefahr von staatlich sanktionierter Aufstachelung zu Hass und Völkermord – Die Verantwortung [das] zu verhindern.

Die dauerhafte Lektion des Holocaust ist die, dass der Völkermord an den europäischen Juden nicht nur wegen der Industrie des Todes und der Technologie des Terrors Erfolg hatte, sondern wegen der staatlich sanktionierten Ideologie des Hasses. Diese Lehre der Verachtung, diese Dämonisierung des anderen, dort begann alles. Wie die kanadischen Gerichte die Verfassungsmäßigkeit von Anti-Hass-Gesetzgebungen bestätigten, der Holocaust begann nicht in den Gaskammern  – er begann mit den Worten. Das sind, wie die Gerichte es ausdrückten, die kühlen Fakten der Geschichte. Das sind die katastrophalen Auswirkungen des Rassismus.

Lektion 3: Die Gefahr des Schweigens, die Konsequenzen der Gleichgültigkeit – Die Verantwortung zu beschützen

Der Genozid an den europäischen Juden hatte nicht nur Erfolg wegen der staatlich sanktionierten Kultur des Hasses und der Industrie des Todes, sondern wegen der Verbrechen der Gleichgültigkeit, wegen der Verschwörungen des Schweigens.

Gleichgültigkeit und Untätigkeit bedeutet immer, sich auf die Seite der Täter zu stellen, nie auf die Seite der Opfer. Gleichgültigkeit angesichts des Bösen ist das Einverständnis mit dem Bösen selbst.

Lektion 4: Die Bekämpfung der massenhaften Grausamkeit und die Kultur der Straffreiheit – Die Verantwortung, Kriegsverbrecher vor Gericht zu bringen

Wenn das 20. Jahrhundert – symbolisiert durch den Holocaust – die Ära der Grausamkeit war, war es ebenso die Ära der Straffreiheit. Nur wenige der Täter wurden vor Gericht gestellt; und so, wie es kein Schongebiet für Hass, kein Zufluchtsort für Fanatismus geben darf, so darf es kein Fundament oder Schongebiet für diese Feinde der Menschheit geben. Doch diejenigen, wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeklagt – wie Präsident Al-Bashir in Sudan – werden weiter in internationalen Gremien willkommen geheißen.

Lektion 5: Der Verrat der Intellektuellen – Die Verantwortung, den Mächtigen die Wahrheit zu sagen

Der Holocaust wurde möglich, nicht nur wegen der “Bürokratisierung des Genozids”, wie Robert Lifton es ausdrückte, sondern wegen des Verrats der Intellektuellen – die Komplizenschaft der Eliten – Physiker, Kirchenführer, Richter, Anwälte, Ingenieure, Architekten, Pädagogen und dergleichen. In der Tat, man muss nur Gerhard Mullers Buch über “Hitler’s Justice [Hitlers Gerechtigkeit]“ lesen, um sich der Komplizenschaft und Kriminalität von Richtern und Anwälten bewusst zu sein; oder das Buch von Robert-Jan van Pelt über die Architektur Ausschwitz‘ zu lesen, um entsetzt zu sein über die minutiöse Beteiligung von Ingenieuren und Architekten an der Gestaltung der Todeslager usw.. Holocaust-Verbrechen waren demnach auch die Verbrechen der Nürnberger Eliten. Wie Elie Wiesel es ausdrückte, “Kaltblütiger Mord und Kultur schlossen einander nicht aus. Wenn der Holocaust irgendetwas bewies, ist es dies: Eine Person kann sowohl Gedichte lieben als auch Kinder töten.“

Lektion 6: Das Gedenken an den Holocaust – Die Verantwortung zu erziehen

Indem sie dem Internationalen Holocaust-Gedenktag folgen, sollten die Staaten sich auf die Umsetzung der Erklärung des Stockholmer Internationalen Forums zu dem Holocaust verpflichten, [folgendes] eingeschlossen: “Wir teilen das Engagement, das Studium des Holocausts in all seinen Dimensionen zu fördern … ein Engagement, um der Opfer des Holocaust zu gedenken und jene, die gegen ihn standen, zu ehren … ein Engagement, das Licht auf die noch dunklen Schatten des Holocaust wirft … ein Engagement, das die Saat pflanzt für eine bessere Zukunft mitten unter dem Schmutz einer bitteren Vergangenheit … ein Engagement – um sich der Opfer, die umgekommen sind, zu erinnern, die Überlebenden, die noch bei uns sind, zu respektieren und das gemeinsame menschliche Streben nach gegenseitigem Verständnis und Gerechtigkeit zu bekräftigen.“

Lektion 7: Die Angreifbarkeit der Machtlosen – Der Schutz der Verwundbaren als ein Test für eine gerechte Gesellschaft

Der Genozid an den europäischen Juden fand nicht nur wegen der Angreifbarkeit (Verletzlichkeit) der Machtlosen statt, sondern auch wegen der Ohnmacht der Ungeschützten. Es überrascht nicht, dass die Triage der NS-Rassenhygiene – die Sterilisations-Gesetze, die Nürnberger Rassengesetze, das Euthanasie-Programm – auf jene zielten, “deren Leben nicht lebenswert war“; und es ist aufschlussreich, wie Professor Henry Friedlander in seiner Arbeit an “The Origins of Genocide“ aufzeigt, dass die erste Gruppe, auf die das Töten abzielte, jüdische Behinderte waren – das Ganze verankert in der Wissenschaft des Todes, der Medizinisierung der ethnischen Säuberung, der Desinfektion sogar im Vokabular der Zerstörung.

Und so ist es unsere Verantwortung als Weltbürger, den Stimmlosen eine Stimme zu geben, wenn wir versuchen, die Machtlosen zu stärken – mögen sie die Behinderten, die Armen, die Flüchtlinge, die Älteren, die Frauen als Opfer von Gewalt, das ungeschützte Kind sein – die Schwächsten der Schwachen.

Wir erinnern uns – und wir vertrauen darauf – dass es nie wieder Schweigen oder Gleichgültigkeit angesichts des Bösen gibt. [...] “

Übersetzung aus dem Englischen: faehrtensuche

Mir fehlt was …

… und deswegen starte ich wieder – nach einer etwas längeren Pause. Ich möchte mich nicht aus einer Position der Rechtfertigung, warum es zu dem Artikel “!“ gekommen ist, äußern. Trotzdem sind ein paar Worte sinnvoll und notwendig.

Um es gleich vorneweg zu sagen: Niemand hat mich zu einem Neustart überredet, schon gar nicht dazu gezwungen, ich erfülle keine Erwartungshaltungen, die an mich herangetreten worden wären, ich will auch nicht meinen US-amerikanischen “Observer“ zufriedenstellen (ich nehme mal an, dass er auch ohne mich Arbeit zur Genüge findet), ich will nicht meinen eigenen Trotzhandlungen “frönen“ (nach dem Motto: “Jetzt erst recht!“), ich will niemandem etwas beweisen, ich schreibe nicht, weil ich Gedanken hätte, die nicht schon andere so oder ähnlich geäußert hätten, ich erwarte keinen Beifall von diesem oder jenem, und … und … und …

Nein, der einzige Grund, die einzige Motivation, warum ich hier weiterhin zu finden sein werde, steckt in der Aussage, die ich auch zur Überschrift gemacht habe:

Mir fehlt was!

Deswegen möchte ich dem durch “!“ geschaffenen “Leerplatz“ wieder einen Raum geben. “ganz leicht” fällt es mir nicht. Gescheitert (ich wehre mich eigentlich gegen das Wort “scheitern“) bin ich letztendlich an meinen an mich selbst gerichteten Anforderungen und an meiner “Blauäugigkeit“ bezüglich gewisser “Reaktionen“.

Als die Negativ- und Falsch-Darstellungen über Israel massiv zunahmen und man vor lauter Masse gar nicht mehr wusste, wo man ansetzen sollte, fühlte ich mich förmlich überrollt und vor allem überfordert, denn alle Infos in der Kürze der mir zur Verfügung stehenden Zeit auf den Blog zu bringen, war schlicht unmöglich. Das war nie mein Anliegen, ich war immer auf Auswahl dessen bedacht, was für mich wichtig war, aber eben diese Dinge wurden auch umfangreicher. Fehlende Reaktionen oder unangemessene, unsachliche Reaktionen trugen auch nicht dazu bei, mit Freuden zu bloggen. Sich von alldem unabhängig zu machen und trotzdem seinen Weg weiterzugehen, ist eine Kunst, die ich wohl noch nicht “verinnerlicht“ habe und die ich an manchen Stellen noch lernen sollte.

So werde ich versuchen, es ein bisschen so wie Snoopy zu halten. Und: “Ganz leicht, ganz leicht muss es nicht sein.“ Aber immerhin bleibt da eine Stimme, die nicht schweigt, wo sie vorher geredet hat (so leise und/oder unaufdringlich sie manchmal geklungen haben mag!).

snoopy-proisraelPaul Watzlawick drückte es in “Wie wirklich ist die Wirklichkeit“ [Piper Verlag, München 2005] so aus:

“Die Bereitschaft, sich unterzuordnen, die individuelle Urteilsfreiheit und die damit verbundene Verantwortlichkeit für das Linsengericht der konfliktbefreienden Kollektivität zu verschachern, ist jene menschliche Schwäche, die Demagogen und Diktatoren zur Macht bringt.”

Ein Punkt, den ich bei meiner Entscheidung, faehrtensuche einzustellen, nicht oder zu wenig bedacht habe: “Wenn du ‘ja’ sagst, dann sei dir sicher, dass du nicht ‘nein’ zu dir selbst sagst.” (Paulo Coelho)

Das Thema “Israel“ beschäftigt mich in meinem Wesenskern und deswegen werde ich Artikel, die mich zu diesem Thema beschäftigen, weiterhin einstellen.

Ich freue mich über jeden, der teilnimmt an der “faehrtensuche“ – ob er dies lieber still oder auch mit dem einen oder anderen Kommentar oder sonstwie macht.

f   inden

a   ufmerken

e   ntdecken

h   interfragen

r   echerchieren

  ief(er) blicken

e   hrlich sein

n   achdenken

s   ehen

u   eberdenken

c   harakterisieren

h   andeln

e   inwenden

Wherever I standf         a         e         h         r         t         e         n         s         u         c         h         e

!

Wherever I standGetaggt unter “Sonder’posten’”. Heute ist dieser “Posten” auch ein “Abschieds’posten’”!

Ja, richtig gelesen! …

Danke sage ich allen, die sich hier eingefunden haben und noch einfinden, Dank an alle Leser, die lang oder auch nur kurz vorbeischauten. Den Bloggern wünsche ich weiterhin viel Erfolg und vor allem Freude am Bloggen, den Nicht- oder Noch-nicht-Bloggern ebenfalls alles Gute!

Allen aber wünsche ich den Segen von HaShem!

Was ich sonst noch zu sagen hätte? Siehe Foto! :-)

Der Niedergang der arabischen Geschichte

von Dr. Mordechai Kedar

16. FEBRUAR 2014

Die arabische Welt versinkt vor unseren Augen in einem Sumpf aus Blut, Tränen und Feuer. Ihre nahöstliche Kultur zieht dreihundert Millionen Araber und dazu noch viele weitere Moslems, die keine Araber sind, buchstäblich hinab in die Tiefen der Hölle. Gesetzt den Fall, Israel gäbe heute bekannt, dass man die Grenzen öffnet für eine unbegrenzte Einwanderung von Arabern und Moslems nach Israel, wie viele Araber würden wohl in den jüdischen “Zionistenstaat“ eilen, um ein neues Leben zu beginnen?

Dr. Mordechai Kedar
Middle East Insights
Januar 2014

Arabische Intellektuelle schauten seinerzeit sehr genau hin, als der nationalstaatliche Wind seit Mitte des neunzehnten Jahrhunderts durch Europa wehte. Sie haben die Entwicklungen studiert, haben sie für gut befunden und haben versucht, sie auch in den Ländern des Nahen Ostens umzusetzen. So kam es letztlich zu den panarabischen Bewegungen, die die Errichtung der Nationalstaaten Marokko im Westen, dem Irak im Osten, Syrien im Norden und Jemen im Süden auslösten. Parallel dazu etablierten die britischen, französischen und italienischen Kolonialmächte lokale Staaten, die versuchten, ihre Existenz auf der Schaffung eines lokalen Bewusstseins zu gründen, wobei dies in Syrien, dem Irak, Jordanien usw. auf Kosten eines inbegriffenen arabischen Bewusstseins geschah und letztlich zur Bildung der Arabischen Liga führte.

Das positive Image, das die Sowjetunion in der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts genoss, hat das Aufblühen von Bewegungen ausgelöst, aus denen sich der arabische Sozialismus von Gamal Abd al-Nassar und die Baath-Partei ableitete, die in Syrien und im Irak herrschte. Andere wurden durch den westlichen Liberalismus inspiriert, und man versuchte, ihn zu imitieren, und dann gab es noch jene, die im Gegensatz dazu ein monarchistisches Modell angenommen hatten, das auf einer lokalen Tradition basierte und sich mit einer pseudo-westlichen Verfassung umgab.

Der rote Faden, der sich durch alle diese Ideologien zog, war die Tatsache, dass hinter all diesen Bewegungen der Versuch stand, eine neue Substanz und ein modernes Selbstverständnis für die arabische Gesellschaft zu finden, mit dem Ziel, die traditionelle Substanz abzulösen, die eine Kombination aus dem Stammeswesen und dem Islam war, was die beiden grundsätzlichen  Elemente des kollektiven Bewusstseins im Nahen Osten sind. Die Basis für alle neuen Ideologien war die Tatsache, dass man sich jetzt auf eine einzelne arabische Nation mit einzigartigen Eigenschaften bezog, in der die Anpassung von westlichen Ideologien an die besonderen Bedingungen des arabischen Ostens erforderlich wurde.

Im Laufe der Jahre war das eigentliche Ergebnis nur ein Kartenhaus, hohle Phrasen und gescheiterte Ideen, die es nie wirklich geschafft haben, ein gemeinsames Bewusstsein mit einer festen und allgemein anerkannten Substanz zu erschaffen, die, so hatte man gehofft, sich in den Herzen der Massen manifestieren sollte, um die übermächtig starke, grundlegende Loyalität gegenüber den religiösen Traditionen und gegenüber dem Stammeswesen abzulösen. Wir sehen den Beweis davon – in vielfältigen Ausprägungen – an den Entwicklungen der letzten drei Jahre, die den Zusammenbruch dieser vielen leeren Ideen ausgelöst haben, jene Ideen, die den öffentlichen Bereich in den letzten Jahrzehnten durchdrungen hatten.

Der arabische Nationalismus, der von der Arabischen Liga und seinen Institutionen, unter anderem auch auf dem arabischen Gipfel, formuliert wurde, hat sich jedoch erwiesen, nichts anderes als ein Feigenblatt zu sein, um die Blöße der internen Querelen, der Intrigen, der Rachegelüste, des Hasses, des Neides und des Konkurrenzdenkens zu bedecken, wovon jede kollektive Handlung der arabischen Länder belastet wurde.

Auch die vielbeschworene arabische Solidarität hat sich erwiesen, nicht mehr als ein Klischee und ein sinnentleerter Slogan zu sein, weil die arabischen Länder bei einem Angriff durch ausländische Mächte nicht nur einander nicht unterstützt haben, sondern zudem auch gegeneinander gekämpft haben, was im absoluten Widerspruch zur Gründungsurkunde der Arabischen Liga steht. Während der letzten drei Jahre waren wir Zeuge der offenen militärischen Verstrickung Katars, Saudi-Arabiens und anderer Staaten in Libyen, Syrien, Bahrain und dem Jemen. In einigen Fällen war das ausländische Eingreifen sogar gewollt, um die jeweiligen Machthaber zu stärken, und in anderen Fällen war wiederum die Unterstützung der Gegner jener Machthaber beabsichtigt. Außerdem gibt es das unveränderliche Verschwörertum von Al-Jazeera, dem Fernsehkanal der Moslembruderschaft, der von Katar aus sendet und seit seiner Gründung im Jahre 1996 einen Medien-Dschihad gegen die arabischen Machthaber geführt hat.

Diese Machthaber, oder genauer gesagt, diese Diktatoren, von Gamal Abd al-Nassar bis Saddam Hussein, von Gaddafi bis Assad (der Vater wie der Sohn), haben in der vorherigen Generation Hunderttausende ihrer eigenen Bürger ohne Mitgefühl abgeschlachtet, nicht etwa diejenigen anderer Länder, und das alles natürlich im Namen des Nationalismus und des Patriotismus. Sie sind gemeinhin akzeptierte Gäste auf Kongressen, Konferenzen, Empfängen und in den Fluren der Macht gewesen, und jeder Politiker will unbedingt mit ihnen zusammen abgelichtet werden. Es gab sogar einige Politiker unter den arabischen Bürgern Israels, die vor ein paar Jahren nach Libyen gingen, um sich zusammen mit dem Massenmörder fotografieren zu lassen, der dort über 42 Jahre geherrscht hat. Ihr Verhalten bringt alle Bestrebungen des Nationalismus und des Patriotismus in Verruf, der durch ihre Propagandamaschinerie ausposaunt wird, und die einfachen Bürger von der Straße können diese Botschaften einfach nicht mehr hören, die sie zu verbreiten versuchen.

Der arabische Bürger hat, im Vergleich zu Bürgern anderer Länder in der Welt, ein erstaunlich niedriges Vertrauen zu seinem Staat. Der einfache arabische Mann von der Straße ist unzweifelhaft davon überzeugt, dass die Regierung seines Landes korrupt und verdorben ist und einzig zu Gunsten derjenigen agiert, die auf der Lohnliste des Staates stehen. Sie missbrauchen das Regierungsamt und die damit verbundene Autorität für den persönlichen Gewinn durch Bestechlichkeit und Korruption. Es gibt ein allgemeines Gefühl der Verzweiflung unter den Menschen auf der Straße wegen der Unfähigkeit der Araber, einen geregelten, modernen Staat mit Transparenz der Regierung und wirtschaftlicher Fairness zu führen. Die Gewalt, die die Regime in arabischen Staaten seit Jahrzehnten angewandt haben, entfremdet sie von der Mehrheit der Bevölkerung und schafft eine tief eingewurzelte Feindschaft zwischen dem Regime und den Bürgern. Dennoch, parallel dazu gibt es auch ein Verständnis dahingehend, dass eine Regierung ohne Anwendung von Gewalt innerhalb der arabischen Welt nicht in der Lage wäre,  ein geregeltes und effizientes System auf Dauer aufrechtzuerhalten.

Die Anwendung von Gewalt durch die Regierung existiert sowohl auf nationaler, staatlicher Ebene, wie auch im kommunalen Bereich. Staatliche Organisationen, wie das Militär, Polizei und Ministerien leiden unter ähnlichen Missständen. Das Niveau der familiären Gewalt ist im Nahen Osten höher als in anderen Regionen der Welt, und die arabische Frau wird mehr unterdrückt, als irgendwo sonst in der Welt.

Die arabische Loyalität gegenüber den Palästinensern hat sich ebenso erwiesen, nichts anderes als ein sinnentleerter Slogan zu sein. Was haben die arabischen Länder getan, um das Leiden der Flüchtlinge von 1948 zu vermindern, die auf “Flüchtlingslager“ beschränkt sind? Die Palästinenser in Judäa, Samaria und Gaza halten ihre Brüder weiter in den Flüchtlingslagern!! Was haben die arabischen Behörden mit den Milliarden an Fördermitteln getan, die sie im Laufe der vergangenen Jahre aus allen Teilen der Welt für die Flüchtlinge erhalten haben? Wohin sind all die Spendengelder verschwunden, die die Welt über die Jahre hinweg für die Flüchtlinge aufgebracht hat? Haben nicht arabische Länder wie Ägypten und  Jordanien einen Friedensvertrag mit Israel abgeschlossen, auch ohne dass das palästinensische Problem gelöst wurde? Es scheint, dass die besonderen Interessen dieser Länder über die fadenscheinigen Slogans der angeblichen Solidarität mit den Palästinensern obsiegt haben. Die Ereignisse, die man in den letzten Tagen im Flüchtlingslager Jarmouk in Syrien beobachten konnte, beweisen doch nur, wie lieb und teuer die Palästinenser in den Herzen der anderen Araber wirklich sind.

Sogar die Bedrohung von Seiten des Iran, die kürzlich im Nachgang der Genfer Vereinbarung noch mehr an Bedeutung gewann, hat es nicht geschafft, die Araber zu vereinigen. Aus dieser Verzweiflung heraus knüpfen sie deshalb auch hinter den Kulissen Beziehungen mit Israel, in der Hoffnung, dass Israel sie vielleicht vor den Iranern retten wird. Hassan Nasrallah nennt diese Araber jedoch “falsche Männer“ [fake men], und das arabische Lexikon kennt eigentlich kein schärferes Wort der Verunglimpfung.

Mehr als ein hundert Millionen Araber leben weit unter der Armutsgrenze, und ihr Leben ist durch Krankheit, Unwissenheit und Verwahrlosung gekennzeichnet. Andererseits führt eine sehr kleine Oberschicht von Arabern ein luxuriöses Leben als Milliardäre in den Ölländern sowie an anderen Orten. Die wirtschaftliche Solidarität innerhalb der “arabischen Nation“ ist annähernd bei Null, und eine echte Fürsorge für die Armen, die Waisen und die Witwen ist fast nicht existent. Das Fehlen der wirtschaftlichen Solidarität ist das Ergebnis der Schwächung der sozialen Solidarität. Die Rücksicht auf menschliche Werte in der arabischen Welt ist äußerst niedrig angesiedelt. Deshalb liegt die Sorge nach Lebensqualität auf einem ziemlich niedrigen Niveau.

Man hat die Position der Führung aufgegeben, und Allah ist mit einer Kalaschnikow in seiner Hand eingegangen

Während der letzten drei Jahre, infolge des Verfalls der modernen Ideologien und der Schwächung der arabischen Regime, haben die Geier der Al- Qaeda damit begonnen, diesen schwachen und kranken Körper der arabischen Nation anzupicken. Man hat die Position der Führung aufgegeben, und Allah ist mit einer Kalaschnikow in seiner Hand eingegangen. Überall dort, wo ein Staat nicht mehr richtig funktioniert, kommen die Terroristen aus aller Welt, um dort einen “islamischen Staat“, zu gründen. Das ist so im Irak, in Syrien, in Libyen, im Jemen und im Sinai, ebenso auch in Somalia, Mali, Nigeria, Afghanistan und Pakistan. Das Hauptziel dieser Agenten des Todes ist die arabische Nation, und die Zahl der Moslems, die sie getötet haben, ist viel größer, als die Zahl der “Ungläubigen“, die im Feuer getötet worden sind, dass sie überall dort entfachen, wo sie dazu in der Lage sind. Die Al-Kaida hat Allah in einen Schlachtfeldkrieger verwandelt, und er kämpft gegen die eigenen gläubigen Moslems.

Die arabische Welt versinkt vor unseren Augen in einem Sumpf aus Blut, Tränen und Feuer. Ihre nahöstliche Kultur zieht dreihundert Millionen Araber und dazu noch viele weitere Moslems, die keine Araber sind, buchstäblich hinab in die Tiefen der Hölle. Gesetzt den Fall, Israel gäbe heute bekannt, dass man die Grenzen öffnet für eine unbegrenzte Einwanderung von Arabern und Moslems nach Israel, wie viele Araber würden wohl in den jüdischen “Zionistenstaat“ eilen, um ein neues Leben zu beginnen?

Vor ein paar Jahren hieß es in einer ägyptischen Zeitung, dass die arabische Nation ein toter, eingefrorener Körper im Leichenhaus ist, für den keiner den Mut aufbringt, eine Sterbeurkunde auszufüllen. Ich überlasse dem verehrten Leser die Entscheidung darüber, wie korrekt und angemessen die damalige Einschätzung des Verfassers war.

Quelle: The Demise of the Arab Narrative by Dr. Mordechai Kedar

Übersetzung: R.L. (Vielen herzlichen Dank! :-) )

Zitat des Tages: Heilkräfte der Geschichte?

“Es gibt eine wundersame Heilkraft der Natur, doch es gibt keine Heilkräfte der Geschichte. Es heißt zwar: ‘Darüber muß Gras wachsen’, allein unter dem Gras liegen nach wie vor die Toten.”

Fundstelle: Hans Mayer, Der Widerruf. Über Deutsche und Juden. Suhrkamp Taschenbuch, 1. Auflage 1996, S. 19

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PASSEND DAZU:
Stefan Frank, Auf dem Rücken toter Juden. Schulz stürmt durch die Geschichte. Zu finden auf der Achse.

Lesetipp: Ulrich W. Sahm, “Holocaustgedenktag wieder abschaffen”

[...] so wie die UNO und Europäer mit Juden, Antisemitismus und dem Gedenken an die Schoah umgehen, dient ihnen der Tag als Bühne für noch mehr Hetze und sogar dazu, tote wie lebendige Juden durch Nichterwähnung zu tilgen.

Die böswilligste Tilgung dieser Art lieferte Europas höchste Repräsentantin, Aussenkommissarin Catherine Ashton. Diese Dame mit 320.000 Euro Jahresgehalt, über 4.000 Mitarbeitern und 139 eigenen Botschaften in den entferntesten Winkeln der Welt, brachte es tatsächlich fertig, am 27. Januar 2014 ihre Holocaust-Gedenktags-Erklärung vom Vorjahr aus der Schublade hervorzuholen, geringfügig umzuformulieren und dann als „neue“ Erklärung in alle Welt zu verteilen. In knapp 10 Zeilen zur „dunkelsten Periode Europas“ werden Juden nicht erwähnt, obgleich per Definition allein sie gemeint sind, neben 50 Millionen anderen Opfern des Weltkriegs, Soldaten, Zivilisten und Verfolgte der Nazis wie Zigeuner (Sinti und Roma) oder Homosexuelle.

Auf telefonische Anfrage, wieso Juden nicht genannt wurden, sagte Michael Mann, persönlicher Sprecher der Aussenkommissarin: „Das weiss doch jeder.“ [...]

Den ganzen Artikel hier lesen!

Originalartikel: Ulrich W. Sahm, Holocaustgedenktag wieder abschaffen

[Hervorhebungen im Text: faehrtensuche]